11.08.2003

FILMOberammergau in Hollywood

Der Action-Star Mel Gibson hat die Leidensgeschichte Jesu verfilmt: „The Passion“ ist noch nicht fertig, doch schon jetzt umstritten. Ist der Film antisemitisch?
Jesus durfte nicht rauchen, jedenfalls nicht bei der Arbeit. Auch wie er ans Kreuz kletterte, sollte nach Möglichkeit niemand sehen - und wie er wieder herunterkraxelte, erst recht nicht. Die Ergriffenheit der Statisten hätte leiden können angesichts so profaner Verrichtungen, fürchtete der Regisseur Cecil B. De Mille; H. B. Warner, Jesus-Darsteller in DeMilles Bibelfilm "The King of Kings", musste sich deshalb möglichst messianisch benehmen.
Zumindest vor der Kamera gelang ihm das: "The King of Kings", 1927 entstanden, wurde ein großer Erfolg und jahrzehntelang in amerikanischen Schulen zur religiösen Erbauung der Jugend vorgeführt.
Nächstes Jahr soll ein neuer Film-Jesus in den US-Kinos sterben, doch schon jetzt ist diese Leinwandpredigt heftig umstritten. Im Mittelpunkt des Zanks um "The Passion", so der Titel, steht der Regisseur: Oscar-Preisträger Mel Gibson, 47, bekannt geworden als "Mad Max".
"The Passion" ist ein in mancher Hinsicht ungewöhnlicher Film. Inhaltlich, weil der Plot seit knapp 2000 Jahren bekannt ist. Finanziell, weil Gibson die 25-Millionen- Dollar-Produktion selbst bezahlte. Linguistisch, weil die Darsteller im Film nur Lateinisch und Aramäisch sprechen - oder das, was sie dafür halten - und das Werk trotzdem ohne Untertitel in die Kinos kommen soll. Ideologisch, weil manche in "The Passion" einen antisemitischen Hetzfilm erkennen, während andere "die beste Adaption der Bibel in der Geschichte Hollywoods" erblickt haben wollen. Marketingtechnisch, weil schon jetzt die Zeitungen über Gibsons Kreuzzug berichten, obwohl bisher nur ein Rohschnitt existiert, den nur wenige Auserwählte sehen durften.
Am Anfang war ein katholischer amerikanischer Bahnbediensteter, Hutton Gibson, der zeugte mit seiner Frau elf Kinder; das sechste nannten sie Mel Columville Gerard. Mel heiratete eine Krankenschwester; sie zeugten bislang sieben Kinder. Nebenbei fand Mel Zeit, seine Karriere als Schauspieler, Produzent und Regisseur voranzutreiben. Inzwischen liegt seine Gage bei 25 Millionen Dollar pro Film.
Andere Stars investieren ihr Geld in Immobilien, Yachten oder Scheidungen; Mel Gibson sponsort eine Kirche. Er ist das wichtigste, weil reichste Mitglied der Holy Family, einer katholischen Sekte, die die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt und Gottesdienste auf Lateinisch durchzieht. Zurzeit lässt Gibson für die Gemeinde eine neue Kirche bauen, zwischen Los Angeles und Malibu, dem bevorzugten Wohngebiet kalifornischer Millionäre aller Konfessionen.
Global verkündet werden kann das Evangelium nach Mel - "es gibt keine großartigere Heldengeschichte", so Gibson - jedoch nur im Kino. "The Passion" sei "die größte Abenteuer-Story aller Zeiten". Entsprechend aufwendig ließ Gibson letzten Winter die süditalienische Kleinstadt Matera ins römisch besetzte Jerusalem verwandeln. Er heuerte ganze Kohorten von Statisten an; weil einige den lateinischen Text nicht behalten konnten, durften sie ihren Dialekt sprechen. Für die Rolle der Maria Magdalena suchte Gibson den Kurvenstar Monica Bellucci aus; als Jesus besetzte er James Caviezel, ebenfalls gut katholisch: Beim Thriller "High Crimes" hatte Caviezel wegen seines Glaubens eine Liebesszene verweigert - er wollte seine Hosen anbehalten. Auch bei "The Passion" kam ein Double zum Einsatz: Am Kreuz hing zeitweise eine Jesus-Puppe, die auf Knopfdruck blutete und zuckte.
Gibsons Passionsspiel fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - bis das Drehbuch bei der Anti Defamation League (ADL) landete. Die ADL registriert unerbittlich antisemitische Regungen und schlägt dann Alarm. "Wir haben ernsthafte Bedenken wegen des Films", schrieb ADL-Direktor Abraham H. Foxman im März an den "lieben Mr. Gibson". Im Juli legte die ADL nach: "Wird die Endfassung von ,The Passion' weiterhin Juden als blutrünstige, sadistische, geldgierige Feinde von Jesus zeigen? Wird sie den Eindruck korrigieren, Juden seien verantwortlich für das Leiden und die Kreuzigung Jesu?"
Dass nicht etwa der Römer Pontius Pilatus, sondern allein "die Juden" (O-Ton Johannes-Evangelium) den Messias aus Nazaret auf dem Gewissen haben, gehört tatsächlich zu den ewigen Legenden des christlichen Antijudaismus. Der Vatikan verabschiedete sich erst 1965 von diesen Klischees; das Passionstheater in Oberammergau brauchte noch etwas länger. Inzwischen hat sich überall herumgesprochen, dass Jesus selbst Jude war.
Gibson reagierte auf die Vorwürfe. Ende Juli lud er zu einer Voraufführung nach Washington ein. Die Zuschauer, darunter Mitarbeiter des Weißen Hauses, sollen von dieser Fassung sehr ergriffen gewesen sein; auch zwei jüdische Kritiker gaben dem Film ihren Segen. ADL-Vertreter und Gibson-kritische Journalisten waren jedoch nicht zugelassen.
Ihnen bleibt, wie allen anderen, vorerst das Internet, wo der Werbetrailer für "The Passion" zu besichtigen ist. Antisemitismus? Ein Geldbeutel, der Judas-Lohn, fliegt durch die Luft; eine Schlange kriecht durchs Bild; ein Glatzkopf im Römerkostüm vernuschelt "ecce homo!" ("Seht, welch ein Mensch!") zu "etsche ommo!"
Ansonsten sieht man in dem düsteren 100-Sekunden-Clip vor allem Blut, Blut, Blut. Wer die Folterszenen in Gibsons Schottland-Epos "Braveheart" geschätzt hat, wird über "The Passion" vermutlich begeistert sein. Als habe der Blut-und-Hoden-Künstler Hermann Nitsch die Spezialeffekte besorgt, suppt Kunstplasma über Schauspieler und Kulissen. In Großaufnahme wird ein Nagel in eine Hand gerammt; am Ende wird das Bild schwarz.
Wer nicht hinsehen mag, für den hat Mel Gibson die Handlung zusammengefasst: "Gott wird Mensch, und Menschen töten Gott - wenn das keine Action ist, dann gar nichts." MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 33/2003
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