25.08.2003

NAHOSTNeues Kapitel

Israel rüstet im In- und Ausland zum Rachefeldzug gegen Hamas und Dschihad - die palästinensische Regierung unter Premier Mahmud Abbas ist desavouiert.
Mit Einbruch der Dunkelheit sollte die Operation starten: Palästinensische Polizei, Militär und Geheimdienst waren vorbereitet, die politische Führung hatte ihre Zustimmung gegeben, um den lang erwarteten Schlag gegen die Extremisten zu führen. Laut Plan sollten die Sicherheitskräfte am vergangenen Donnerstagabend die Führung der Islamisten verhaften und zugleich gegen ihre Moscheen, Schulen und Hilfswerke vorgehen.
Doch die "größte jemals gegen Hamas und den Islamischen Dschihad geplante Aktion", so ein Sprecher des palästinensischen Sicherheitsministers Mohammed Dahlan, fand nicht statt - israelisches Militär kam den Palästinensern zuvor.
Rund 40 Stunden nach dem verheerenden Bombenanschlag auf einen überwiegend mit orthodoxen Juden besetzten Bus in Jerusalem, bei dem 20 Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, starben, befahl Ministerpräsident Ariel Scharon die Operation "Reiner Ton" und schickte Kampfhubschrauber nach Gaza.
Das erste "legitime Ziel", so ein israelischer Offizier, war Ismail Abu Schanab, 53. Raketen töteten den populären Hamas-Führer in Gaza-Stadt unweit der Islamischen Universität, wo der Ingenieur unterrichtete.
Nach sieben Wochen relativer Ruhe, die Optimisten unter Israelis und Palästinensern schon als Anzeichen einer Wende feierten, eskalierte der Dauerkonflikt in Nah-
ost damit wieder zu einer mörderischen Konfrontation: Die Waffenruhe ("Hudna"), der internationale Friedensplan, die Aussicht auf eine Verhandlungslösung - alle Hoffnungen zerbarsten in Blut und Bombensplittern.
Denn ähnlich wie die Amerikaner bei ihrer Jagd auf Saddam Hussein und die Spitzen seines Regimes hat Jerusalem nun die meisten Führer von Hamas und des Islamischen Dschihad auf eine Abschussliste mit insgesamt 32 Namen gesetzt. Israelische Zeitungen präsentierten sie bereits als Skatblatt - ganz so, wie es Washington während des Irak-Kriegs getan hatte. Der getötete Abu Schanab figurierte im Kartenspiel als Herz-Dame; als Asse gelten der Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin, seine Vertreter Abd al-Asis al-Rantissi und Mohammed Deif sowie der Bombenbauer Adnan al-Ghul.
Doch Israels Vergeltung trifft eine Organisation, die im Innern zunehmend von Auseinandersetzungen über die Strategie gegenüber dem jüdischen Erzfeind strapaziert ist. Dabei hatten gerade die islamistischen Extremisten in der Vergangenheit ihre große Einheit gerühmt.
Nun zeigen sich Risse zwischen der Führung in den besetzten Gebieten und ihren Drahtziehern und Finanziers im Ausland. Denn anders als die bisweilen eher pragmatische Akademikerriege, die im Gaza-Streifen und im Westjordanland wenigstens aus taktischen Gründen das vorübergehende Stillhalteabkommen mit den Israelis befürwortet hatte, bestehen die Islamistenbosse im Ausland überwiegend auf unversöhnlicher Härte.
Deren Vertreter, etwa der Hamas-Politbürochef Chalid Maschal in Damaskus, wo sowohl Hamas und Dschihad noch immer mit ihren Hauptquartieren residieren, sind durchweg radikaler als die Kommandeure an der Front; Ähnliches gilt für die Funktionäre im Libanon oder im Sudan. Auch die Geldgeber der Gotteskrieger in Saudi-Arabien und Iran sehen in der bewaffneten Konfrontation die einzig Erfolg versprechende Strategie.
Für Israel sind solche Unterschiede freilich unerheblich. Jerusalems Militärs wollen die gesamte Hamas-Hierarchie abräumen, ob militant oder pragmatisch. "Wir werden sie überall bekämpfen", kündigte Verteidigungsminister Schaul Mofaz an, "ein neues Kapitel hat begonnen."
Die harte Haltung kann Israels Regierung sich leisten, denn bei dem Rachefeldzug hat Hardliner Scharon die USA auf seiner Seite. Vor der Offensive hatte der Regierungschef mit Präsident George W. Bush telefoniert und sich dessen Zustimmung eingeholt, die "Kindermörder zu jagen". Der Präsident, selbst durch die Anschläge im Irak unter Druck, riet zu gnadenlosem Zurückschlagen, obwohl er damit den eigenen Friedensfahrplan torpedieren könnte. Dann ließ er alle Hamas-Konten in den USA einfrieren. "Die Extremisten", so Bush, "müssen zerstört werden."
Für das absehbare Scheitern der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten "Roadmap" wird vor allem Palästinenser-Premier Mahmud Abbas verantwortlich gemacht. Wegen des schwindenden Rückhalts in der Bevölkerung hatte der Premier während der siebenwöchigen "Hudna" auf eine Art Gentlemen''s Agreement mit den Terrorgruppen gesetzt - und sie weitgehend in Ruhe gelassen. Seit Ende Juni zählte Israel 246 Attacken - Feuerüberfälle, Bombenattentate und Raketenbeschuss -, trotz des angeblichen Waffenstillstands.
Nach dem militärischen Gegenschlag der Israelis setzten die radikalen Hamas-Führer erst recht auf Konfrontation. Ihr Ziel, die Befreiung Palästinas, hatten die Hamas-Krieger ohnehin nie aufgegeben. In ihrer Charta steht nach wie vor, was das bedeutet: Kampf, "bis Allahs Fahne über jedem Zentimeter Palästinas weht".
ANNETTE GROßBONGARDT, STEFAN SIMONS
* Im Vordergrund: das Autowrack des ermordeten Hamas-Führers Abu Schanab.
Von Annette Großbongardt und Stefan Simons

DER SPIEGEL 35/2003
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