25.08.2003

LITERATURIn der Hitze des Plattenbaus

Michael Kumpfmüllers neuer Roman erzählt die finstere, wahre Geschichte einer Mutter: Sie lässt ihre beiden kleinen Söhne allein in der Wohnung zurück.
Es waren "ungewöhnlich heiße Tage". Die Sonne brannte, "das Nachmittagslicht war gleißend", die Luft in den Wohnungen "heiß und stickig". Die Menschen "schwitzten und tranken, ein Kasten Wasser für jeden Mann, das war bei dieser Hitze das Mindeste".
Auch Conny, eine junge Frau Anfang zwanzig, wachte in jenen Tagen "frühmorgens im Bett ihres Liebhabers" auf, "nackt und sehr durstig", oder sie saß in seiner Küche, "trank ein Glas Wasser gegen den Durst, dann Milch und noch einmal viel Wasser". Nur ein paar Wohnblocks davon entfernt schien die Sonne unerbittlich in ein Kinderzimmer, in dem zwei Brüder, drei und vier Jahre alt, eingeschlossen waren. Connys Kinder.
Es ist ein seltsamer Zufall, dass just am Ende dieses Jahrhundertsommers, in dem in Deutschland die Wiesen und Bäume vertrockneten, nun dieses Buch erscheint: "Durst" ist der zweite Roman des Autors Michael Kumpfmüller, 42, der vor drei Jahren mit der Schelmengeschichte "Hampels Fluchten" für viel Aufsehen sorgte*. Es basiert auf einer wahren und sehr traurigen Begebenheit aus dem Juni 1999, als die 23-jährige Daniela J., Dany genannt, ihre beiden kleinen Söhne in ihrer Wohnung in Frankfurt (Oder) zurückließ und bei ihrem Freund einzog.
Etwas Orangensaft und Milchschnitten hatte sie den Jungen noch hingestellt. Daniela J. verließ die Wohnung am 11. Juni und kehrte erst am 26. Juni zurück. Die Kinder hatten in dieser Zeit, vom Durst gequält, erst verzweifelt mit Kochlöffeln gegen die Fensterscheiben geklopft, sich dann vor Schmerzen gegenseitig zerbissen und zerkratzt. Dann waren sie verdurstet.
Es war ein spektakulärer Fall damals, die großen Ta-
geszeitungen fragten, wie eine Mutter so etwas tun könne. Überforderung war die häufigste These, schließlich hatte die gescheiterte Floristin vier Kinder von vier Männern; die älteste Tochter wurde von Danielas Mutter großgezogen, ihr jüngstes Kind hatte sie zur Adoption freigegeben.
Der psychologische Gutachter schloss auf eine "Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, infantilen und egozentrischen Zügen". Daniela J. erklärte, sie habe geglaubt, ihre im Nachbarhaus lebende Mutter kümmere sich um die Kinder. Das Gericht verurteilte sie wegen Mordes zu lebenslanger Haft.
Auch Michael Kumpfmüller versucht, in "Durst" zu ergründen, warum eine Mutter ihre Kinder sterben lässt. Es ist ein höchst prekäres Projekt, das der promovierte Literaturwissenschaftler da unternimmt - weil das Verbrechen so abstoßend ist und auch weil im vergangenen Jahr schon eine Kindsmord-Geschichte erschienen ist, der hoch gelobte Roman "Meeresrand" der Französin Véronique Olmi.
"Jemanden vergessen, nicht an ihn denken, obwohl man könnte: Das war böse", überlegt Kumpfmüllers Protagonistin Conny gleich zu Beginn des Buches - einen Tag, bevor sie die Kinder verlässt. Seine Conny weiß also, was richtig ist und was falsch. Sie nennt ihre Kinder "die verwilderte Brut", stellt sich vor, sie in einen Fluss zu werfen, versteckt sich beim Einkaufsausflug und probiert so schon einmal aus, wie es ist, die Kleinkinder zu verlassen.
Schon oft hatte Conny die Jungs in der Sandkiste hinter dem Plattenbau stundenlang allein spielen lassen, hatte bei wechselnden Liebhabern übernachtet: "Dann kam sie am Morgen wie verwandelt zurück und nahm einen neuen Anlauf, küsste und herzte sie, bat sie um Verzeihung und verzieh ihnen, als wäre irgendein Leben doch möglich."
Doch als sie sich wieder einmal über die Söhne ärgert, packt sie einen Koffer, wirft ihrer Mutter eine Nachricht in den Briefkasten und zieht zu ihrem neuen Liebhaber. Ab und zu muss sie in diesen Tagen an ihre Söhne denken, mal ärgerlich, mal liebevoll, mal ohne jedes Gefühl, mal so voller Hass, dass sie überlegt, die Jungs zu erstechen, weil diese ihr Leben zerstört hätten.
Meistens aber denkt Conny nichts. Sie lässt sich treiben, räumt die Wohnung ihres Liebhabers auf, kauft ein Kleid, einen Plüschpanter, betrinkt sich mit einer Freundin. Ansonsten hat sie dauernd Sex. Allerdings nicht mit großem Spaß, dazu ist sie zu passiv, sondern weil andere es verlangen: Sie legt sich auf die aufblasbare Sexpuppe ihres Liebhabers, schaut sich dessen Kinderpornos an, lässt sich beim Gruppensex fotografieren und trifft sich mit dem Kerl im Hotel zum Sadomaso-Sex - Kumpfmüller lässt kaum eine Praxis aus. Weil er sexuell unzufrieden ist, zerstreitet Conny sich schließlich mit ihrem Freund und kehrt in die Wohnung mit den toten Kindern zurück.
Vielleicht lässt sich einfach nicht erklären, warum eine Mutter ihre kleinen Söhne verdursten lässt. Die französische Soziologin Elisabeth Badinter schreibt über Mutterliebe: "Man kommt nicht an der vielleicht grausamen Schlussfolgerung vorbei, dass die Mutterliebe nur ein Gefühl und als solches wesentlich von den Umständen abhängig ist."
Kumpfmüller jedenfalls hat mit seinem Roman keine griffige Analyse geliefert, sondern die streckenweise packende Darstellung einer naiven Frau, die die Welt wie durch ein falsch geschliffenes Brillenglas sieht - verschwommen.
Reichlich schwummerig ist oft auch die Sprache des Romans. Mal schiebt Kumpfmüller seiner Hauptfigur allzu viel Poesie unter: "Ich liege wie ein Tier in dieser Steppe"; mal verdoppelt er einfach die Sätze, was ihnen ein unangemessenes Pathos gibt: Die Kinder "liebten das Wasser, was liebten sie das Wasser". Vom entsetzlichen Leiden der verdurstenden Kinder kann der Autor nicht berichten - das bedingt schon die Konstruktion seines nur aus der Perspektive der Mutter erzählten Buchs.
"Durst" endet grausam und trügerisch versöhnlich zugleich. Bevor Conny die Wohnung betritt, "dachte sie wieder an die Kinder, aber mit einer stillen Freude, warm und pulsierend, wie nach einer langen Krankheit". Nur: Für eine Heilung dieser Krankheit ist es für immer zu spät.
MARIANNE WELLERSHOFF
* Michael Kumpfmüller: "Durst". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 208 Seiten; 16,90 Euro.
Von Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 35/2003
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