01.09.2003

ITALIENEingriff von oben

Der italienische Fußball startet mit Chaos in die neue Saison - vor allem dank politischer Interventionen. Spiele fallen aus, weil viele Vereine auf staatliche Eingriffe mit Streik antworten. Fast alle Clubs sind hoch verschuldet. Die Justiz ermittelt wegen gefälschter Bilanzen und Bürgschaften. Mitte August hatte Regierungschef Silvio Berlusconi seinen Urlaub unterbrochen, um das Durcheinander rund um die erste und zweite Liga höchstpersönlich zu ordnen. Weil das gründlich danebenging, wird er nun von Fans und Clubs attackiert und verspottet. Seit Diktator Mussolini, zürnte ein Vereinspräsident, habe sich kein Politiker so dreist in die Selbstverwaltung der Sportverbände eingemischt. Berlusconi möge doch auch entscheiden, regte ein anderer Kickerchef ironisch an, "wer gegen wen gewinnt und verliert". Entzündet hatte sich der Streit am sizilianischen Calcio Catania. Der Verein war sportlich aus der Serie B, der zweiten Profiliga, abgestiegen und wehrte sich dagegen vor dem Verwaltungsgericht mit Hinweis auf den Regelverstoß eines Konkurrenten. Die Richter gaben den Sizilianern Recht, der Fußballverband hielt jedoch am Abstieg von Catania fest. Da warf sich Berlusconis postfaschistischer Koalitionspartner Alleanza Nazionale (AN) ins Gefecht, um in der AN-Hochburg Catania politisch Punkte zu machen. Kurz darauf eilte sogar der Regierungschef selbst zu Hilfe. Per Dekret wurden die Urteile der letzten Monate suspendiert und den Fußballverbänden aufgetragen, neben Catania auch die übrigen Absteiger in der Serie B zu belassen und diese Liga einfach von 20 auf 24 Vereine aufzustocken. Das aber wollen die ursprünglichen 20 B-Vereine nicht hinnehmen. "Mehr konnte ich nicht tun", versuchte Berlusconi sich daraufhin aus der heiklen Debatte zu schleichen, denn beim Fußball hört bei den Italienern der Spaß auf. Tatsächlich aber laufen alle Fäden bei ihm zusammen: Er ist Eigentümer des AC Milan, sein Statthalter dort ist zugleich Präsident des Verbands der beiden Profi-Ligen. Und auch der amerikanisch-australische Medientycoon Rupert Murdoch, der kürzlich das italienische Pay-TV übernahm und nun mit den Fußballvereinen um das Geld für die Übertragungen streitet, pflegt ein enges Verhältnis zu Berlusconi.

DER SPIEGEL 36/2003
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