01.09.2003

„Wir sitzen in der Falle“

Der Anschlag auf das World Trade Center in New York: Auszüge aus Notrufen und Berichten der Polizei
Polizeimeister William Ross
"Gegen 8.45 Uhr stand ich mit den Kollegen Patrick McNerney und Jose Sanchez an der 8. Avenue, Ecke 42. Straße. Als ich die 42. runterblickte, sah ich einen Ziviljet in extrem niedriger Höhe Richtung Süden fliegen. Für einige Momente verlor ich den Flieger aus den Augen, als er hinter einigen Gebäuden verschwand. Mir war klar, dass eine Maschine dieser Größe niemals so tief über einem dicht bevölkerten Gebiet fliegen dürfte. Mein erster Gedanke: Das Flugzeug ist in Schwierigkeiten, der Pilot versucht eine Notlandung im Hafen von Lower Manhattan ...
*
Polizeistation in New Jersey
Mann A: Wo bist du ... Ich weiß nicht, ob du die Nachrichten siehst. Das World Trade ist gerade explodiert.
Frau B: Oh, mein ...
Mann A: Das World Trade Center ist gerade explodiert.
Frau B: Oh, mein Gott.
Mann A: Mach Pete ausfindig. Ich weiß nicht, ob er in Lindenhurst ist oder nicht. Sag ihm, ich bin okay, und bleib von New York weg. Und sag jedem, den du kennst, er soll sich von New York fern halten, okay?
Frau B: Okay.
Mann A: Okay, danke, bye.
*
Polizist David Leclaire
"Ich stand mit dem Beamten J. Camera an der Ecke Fifth Avenue und 12. Straße. Wir beobachteten, wie ein Flugzeug im oberen Teil des nördlichen Turms einschlug. Der Stoß der Explosion war sogar noch dort zu spüren, wo wir standen. Wir fuhren zurück, alarmierten den Kollegen Edwards und holten Rettungsgerät, als wir hörten, dass ein zweites Flugzeug den südlichen Turm getroffen hatte. Ich sagte zu Edwards: 'Nimm deine schusssichere Weste und eine Taschenlampe, das ist ein terroristischer Angriff.'"
*
Ray Murray: Hafenpolizei, Murray.
Anruferin: Hallo, ich bin im World Trade Center. Können Sie mir sagen, was hier passiert ist?
Murray: Madam, ich bin wirklich ... da ist ... Wir haben nicht alle Informationen.
Anruferin: Was sollen wir tun? Sollen wir runterlaufen?
Murray: Wo sind Sie jetzt?
Anruferin: World Trade, Turm eins, 83. Stock.
Murray: Können Sie zur Treppe?
Anruferin: Ich weiß nicht ... Da ist eine Menge ... was runterkommt.
Murray: Gut. Wir haben Leute, die jetzt nach oben kommen, um Sie zu evakuieren. Sie sind im 83.? Welches Büro?
Anruferin: 8327.
Murray: Okay. Gehen Sie runter ...
Anruferin: Das Fenster ist zersprungen ... Es ist gerade in viele Stücke zersprungen.
Murray: In Stücke?
Anruferin: Uh, das Glas.
Murray: Okay. Gut ... Wie viele Menschen sind da ungefähr?
Anruferin: Einer, zwei, drei vier.
Murray: Okay, vier Leute. Wenn Sie zur Treppe können, gehen Sie runter. Oder wenn ... Wir schicken Leute jetzt rauf.
Anruferin: Okay, danke.
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Polizist A: Wo in der 56. Straße Ost sind Sie?
Anruferin: 126.
Polizist A: Warten Sie eine Minute. Verdammt, kein Scheißstift da, wenn du ihn brauchst. (Zum Kollegen:) Gib mir einen Bleistift, hast du einen Bleistift? Was hast du gehört?
Polizist B: Er sagt mir, dass das zweite Ding definitiv ein Flugzeug war. Eine Maschine mit zwei Triebwerken. Ist herumgeflogen ... um den Turm und dann ...
Polizist A: Und dann rein.
Anruferin: Wo sind Sie?
Polizist A: In der Polizeiabteilung. Das erste Ding, denken sie, sei ein Kerl gewesen, der eine Rakete vom Woolworth Building abgefeuert hat. Und das zweite ein Flugzeug, das drum herum geflogen und ins World Trade gekracht ist.
Anruferin: Oh, Mann. Und beide Türme sind getroffen?
Polizist A: Beide Türme.
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Polizist Lucas
"Wir erreichten World Trade Center eins auf der West Street. Wir verfügten über Atemschutzgeräte, und Inspektor Fields sagte uns, wir sollten in Turm eins gehen. Wir begannen, darauf zuzurennen, mussten aber halten und zurückspringen, weil ein herabfallender Körper auf uns zukam. Als wir das Gebäude durch ein zerborstenes Fenster betraten, schlug draußen ein Körper auf, Teile von ihm flogen herein und landeten zu unseren Füßen."
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Polizist: Hier 8-1-alpha.
Zentrale: Wir haben gehört, dass jemand aufs Dach des (neben den WTC-Türmen liegenden -Red.) Marriott gestürzt ist.
Polizist: Aufs Dach vom Marriott? Wir haben auch gehört, dass es drinnen im Fitnessclub vom Marriott möglicherweise Tote und zahlreiche Verletzte gibt.
Zentrale: Verstanden, Verletzte, möglicherweise Tote, Marriott-Fitnessclub.
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Anruferin: Hi.
Polizist: Hier ist die Wache.
Anruferin: Wir versuchen, etwas über Michael herauszufinden, er ist im zweiten Turm, 70. Stock. In welches Stockwerk ist das Flugzeug gerast?
Polizist: Es sieht nach dem 75. aus oder dem 79. Da liegen überall auf dem Platz Leichenteile. So viele Scheiß-Körper sind aus dem Gebäude geflogen. Und ich war hier, als das zweite ins Gebäude krachte.
Anruferin: O Gott.
Polizist: Da müssen Hunderte von Menschen umgekommen sein. Die Leichenteile liegen bis zu fünf Blocks weit.
Anruferin: Oh, mein Gott. Ich habe vorhin mit jemandem im 88. Stock gesprochen.
Polizist: Mit wem?
Anruferin: Es war eine Frau mit Akzent. Vivien oder so. Sie sagte: Rufen Sie Notruf 911 an. Wir sind im 88. Stock. Wir sitzen in der Falle.
Polizist: Okay.
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Leutnant William Burns
"Wir rieten den Leuten, ruhig zu bleiben und das Gebäude zu verlassen ... Als wir auch hinausgehen wollten, hörten wir etwas, was wie Explosionen klang. Ein Feuerwehrmann stand auf der Straße, blickte nach oben und winkte mit seinen Armen. Ich stoppte und sah etwas auf das Dach eines Autos prallen, was den Wagen völlig zerstörte. Erst dann wurde mir klar, was diese Explosionen waren - das Geräusch einschlagender Körper: Was wie herabstürzende Trümmerteile aussah, waren in Wirklichkeit Menschen, mit Armen und Beinen wild um sich schlagend, bis sie aufklatschten und dabei Polizeiautos, Feuerwehrwagen und Menschen zerquetschten."
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Polizist Brady: Hier Hafenpolizei, Brady.
Anruferin: Bitte, helfen Sie. Wir sind hier im Untergeschoss B4. Turners Büro. Da war eine riesige Explosion. Bei uns sind die Wasserleitungen geplatzt. Da scheint Dampf und Rauch im Bereich zu sein.
Brady: Okay. Wo genau?
Anruferin: Direkt beim Aufzug 50.
Brady: Okay. Wie ist das mit dem Rauch?
Anruferin: Na, wir haben Rauch. Ich weiß nicht, ob vom Feuer oder einfach vom Staub. Und überall ist Wasser.
*
Polizeimeister Mariano: Wache, Mariano.
Hoey: Hier ist Pat Hoey. Ich bin im Trade Center.
Mariano: Was ist los?
Hoey: Ich bin im 64. Stock.
Mariano: Okay.
Hoey: In Turm eins.
Mariano: Gut.
Hoey: Hier sind rund 20 Leute.
Mariano: Okay.
Hoey: Was schlagen Sie vor? Zusammenzubleiben?
Mariano: Okay. Bleibt zusammen. Gibt's da, wo Sie sind, irgendwo Feuer?
Hoey: Nein, hier ist nur ein bisschen Rauch. Mariano: Sieht so aus, als hätte es auch eine Explosion in Turm zwei gegeben.
Hoey: Okay.
Mariano: Seien Sie vorsichtig. Bleiben Sie bei den Treppen, und warten Sie auf die Polizei, die hochkommt.
Hoey: Die wollen hochkommen? Jedes Stockwerk checken? Wenn Sie meine Nummer brauchen: 5397.
Mariano: Ich hab sie. Bye.
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Polizist Anthony L. Croce
"Wir waren alle ziemlich beschäftigt mit den Rettungsarbeiten, als ich diesen unglaublichen Lärm hörte. Es war, wie mitten in einem Erdbeben zu stecken und zugleich unter tausend Frachtzügen - die Vibrationen durchliefen mich mit starkem Beben des Bodens ... Ich glaubte, ein weiteres Flugzeug würde in die Türme krachen. Ich spürte Wind und splitterndes Glas. Ein gewaltiger Luftzug mit Trümmern fegte durch das Zwischengeschoss und warf mich zu Boden. Dann wurde es ringsherum dunkel. Ich rollte mich zusammen, dachte an meine Frau und fragte mich, ob ich sie jemals wiedersehen würde."
*
Holland: Hier Hafenpolizei, Polizeimeister Holland.
Anruferin: Hier ist Jeannine McIntyre, ist mein Mann in dem Gebäude, das gerade eingestürzt ist?
Holland: Ja, wir haben von ihm gehört ... Keiner von unseren Leuten ist verletzt.
McIntyre: Er ist hochgelaufen.
Holland: Ja, ich weiß. Aber es ist ... wir, niemand von uns ... Niemand von unseren Leuten ist verwundet.
McIntyre: Sind Sie sicher? Weil, er ist die Treppen hochgelaufen.
Holland: Ich verstehe. Wir haben keinerlei Informationen ... Es ist schrecklich ... Noch mal: Wir haben alles von der Feuerwehr dort. Niemand ist verletzt. Ich würde Sie nicht anlügen, glauben Sie mir.
McIntyre: Aber er ist raufgelaufen.
Holland: Ich verstehe. Jeder ist raufgelaufen oder runter oder wie auch immer, das Gebäude wird evakuiert.
McIntyre: Aber es ist doch gerade zusammengebrochen ...
Holland: Ich verstehe, ich verstehe.
McIntyre: Okay.
*
Polizist Michael Simons
"Wir betraten Turm eins, und Kollegen vom World Trade Center und der Hafenverwaltung verteilten Atemschutzgeräte und Helme. Wir waren mit der Evakuierung beschäftigt, als ich plötzlich bemerkte, wie der Metallrahmen der Treppe sich am oberen Ende zu verdrehen begann. Ich schrie: 'Das Gebäude kracht ein!' Und dann folgten ein enormes Gerumpel und ein außerordentlich starker Windstoß, der mich die Treppe hinunterfegte und die Tür hinter mir, 3 Kollegen, 5 Feuerwehrmännern und 25 Zivilisten zustieß. Ich hörte, wie sich Schutt hinter ihr aufhäufte. Wir waren gefangen ... Die Feuerwehr wollte die Stufen rauf. Einige folgten. Ich sagte: 'Wir können nicht rauf, der zweite Turm wird zusammenstürzen.' Sie antworteten: 'Hafenverwaltung, halt dich raus, das ist ein Job für die Feuerwehr!' Ich schrie zurück: 'Wenn wir hier nicht rauskommen, werden wir alle sterben.' Dann schrie eine Stimme: 'Ich habe einen Weg raus, folgt meinem Licht.' Wir bildeten eine Menschenkette, stolperten eine Treppe hinunter und eine andere hinauf, bis wir endlich den Vorplatz erreichten. Dann hörten wir dasselbe Rumpeln wie beim ersten Mal und sahen Turm zwei zusammenstürzen."
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Polizist Colligan: Hallo? Hier Polizeiwache.
Anruferin: Ich bin die Tochter von Polizeioffizier Tommy. Kennen Sie meinen Papa?
Colligan: Ich kenne Tommy.
Anruferin: (schreit)
Colligan: Okay, Süße, Süße, bleib ruhig. Ich kenne Tommy sehr gut, dein Papa ist ein guter Mann. Er wird okay sein. Bleib ruhig.
Anruferin: Alle sagen ... (schreit)
Colligan: Süße, hör zu, okay? Atme erst mal durch. Wenn wir mit Tommy gesprochen haben, soll er dich anrufen, ja?
Anruferin: (schreit)
Colligan: Ich weiß, Tommy ist ein prima Kerl. Ihm geht's immer gut, was er auch macht. Er ist gut und stark.
Anruferin: Ja. Danke.
Colligan: Bye-bye.
*
Polizeimeister: Hier 8-0.
Zentrale: 8-0 kommen.
Polizist: Der andere Turm ist zusammengebrochen.
Zentrale: Verstanden, 8-0. Wir halten fest: Der andere Turm ist eingestürzt.
Polizist: Das Gebäude ist eingestürzt, beide Gebäude.
Zentrale: Das Gebäude ist weg, das Gebäude ist weg!
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Polizist M. Robles
"Wir warteten bis zum Abend und bereiteten die Sporthalle vor, als erwarteten wir eine Belagerung. Tatsächlich wollten wir alle zurück und suchen. Aber man sagte, es sei zu gefährlich. Wir mussten zurück ohne einige unserer Kumpel: Der Verbleib von John McLoughlin, J. D. Dominick, A. Rod und Will war ungeklärt. Das war hart. Es dauerte noch bis zum nächsten Morgen, bis ich beim Rasieren die ganzen Gefühle aus mir herauslassen konnte: Ich weinte, als ich mich daran erinnerte, dass Dominick gefragt hatte, ob er nicht wieder in seinen Be- ruf als Lehrer wechseln sollte. Ich hatte ihm geraten, noch eine Weile durchzuhalten und dann erst zu entscheiden. Er tat es."

DER SPIEGEL 36/2003
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