08.09.2003

Dem Schwachsinn eine Schneise

Wie Verschwörungstheoretiker große Ereignisse der Weltgeschichte umdeuten
Wie jung die Raumfahrt hält, bewies Edwin "Buzz" Aldrin, als er in Beverly Hills auf ein Kamerateam traf. Reporter Bart Sibrel hielt dem Ex-Astronauten, der am 21. Juli 1969 als zweiter Mensch den Mond betreten hatte, eine Bibel entgegen und forderte ihn auf, bei Gott zu schwören, dass er tatsächlich dort gewesen sei. Dann schimpfte er Aldrin einen "Lügner", weil er Geld kassiere für Vorträge über das Unternehmen Mondlandung, das in Wahrheit niemals stattgefunden habe.
Der 73-jährige Aldrin antwortete mit einem ansatzlos geschlagenen linken Haken - der Kopftreffer beförderte den 35 Jahre jüngeren Sibrel in eine bodennahe Umlaufbahn.
Die Zündung der zweiten, nonverbalen Kommunikationsstufe durch Ex-Astronaut Aldrin war der vorläufige Höhepunkt einer seit Jahrzehnten währenden Debatte, die belegt, welch heilloses Durcheinander Verschwörungstheoretiker in vielen Köpfen stiften können.
Neueren Umfragen zufolge halten bis zu 30 Prozent der Amerikaner die Mondlandung für eine Fälschung. Tausende Treffer werfen die Suchmaschinen des Internet für das Stichwort "moon hoax" - Mond-Schwindel - aus.
Aufgebracht hat die nicht totzukriegende Mär Bill Kaysing mit seinem 1974 erschienenen Buch "We never went to the moon". Kaysing gerierte sich als Naturwissenschaftler und Raumfahrtexperte, obwohl er Literatur studiert hatte.
Seine These: Den Mann im Mond gab's nur im Film. Die Rakete, deren Start weltweit live übertragen wurde, sei ohne Besatzung in den Himmel gestiegen und später im Südatlantik versenkt worden. Anschließend habe die Nasa die Mondlandung in einem Filmstudio auf einer Militärbasis in der Wüste Nevadas nachgestellt und die Astronauten zu guter Letzt mitsamt Kapsel aus einem Transportflugzeug zur "Landung" abgeworfen.
Seine "Beweise" wurden von der Nasa und namhaften Wissenschaftlern schnell zerpflückt. So mäkelte Kaysing, dass auf keinem der Mondlandungsfotos Sterne zu sehen seien. Verschwörungstheoretiker glauben, die Regisseure hätten sie am Studiohimmel vergessen.
Die simple Wahrheit ist, dass der Kontrastumfang der Filme nicht ausreicht, um Sterne am Mondhimmel auf Zelluloid zu bannen. Dafür hätte man eine so lange Belichtungszeit wählen müssen, dass die Astronauten völlig überbelichtet gewesen wären.
Aber, halten Zweifler dagegen, auf Fernseh- und Fotoaufnahmen wehe auch die US-Flagge. Das sei unmöglich - denn auf dem Mond gebe es keine Atmosphäre, somit auch keinen Wind, also dürfe die Fahne nicht flattern.
Stimmt. Aber ein Beleg für ihre These ist das trotzdem nicht. Denn damit die Fahne nicht schlaff herunterhing, war sie am oberen Rand durch eine Aluminiumstrebe verstärkt. Und nachdem die Astronauten die Fahnenstange in den Mondboden gerammt hatten, pendelte die Flagge noch eine Weile hin und her - eben weil es auf dem Mond keine Atmosphäre gibt, die die Bewegung mit ihrem Widerstand hätte bremsen können.
Doch was sind Fakten in einer Welt, die für viele längst Fiktion geworden ist? Im Februar 2001 brachte der US-Sender Fox die Mond-Gerüchteküche wieder richtig auf Betriebstemperatur. Der Sender, der schon mit "Dokumentationen" wie "Alien Autopsy" dem Schwachsinn eine Schneise schlug, präsentierte Kaysings "Beweise" einer an Filmen wie "The Truman-Show" und "Matrix" in Sachen Wirklichkeitssimulation geschulten Generation - und landete einen Hit.
Kaysings Mond-Unsinn ist freilich harmlos verglichen mit Verschwörungstheorien, die als politische Waffe benutzt werden - wie die schon früh als Fälschung entlarvten "Protokolle der Weisen von Zion". Die antisemitische Kampfschrift aus dem 19. Jahrhundert unterstellt, die Juden hätten den Liberalismus erfunden, um Chaos zu schüren und schlussendlich die Weltherrschaft zu übernehmen.
Ausgangspunkt war ein vom französischen Journalisten Maurice Joly verfasstes Pamphlet gegen die despotische Herrschaft von Napoleon III., das im Auftrag der zaristischen Geheimpolizei umgeschrieben wurde. In der Pariser Bibliothèque nationale findet sich noch heute ein altes Exemplar von Jolys Manifest, in dem genau jene Stellen angestrichen sind, die umgemodelt in den "Protokollen" wieder auftauchen.
Doch alle Aufklärung war vergebens, wie die Argumentation eines der bekanntesten Anhänger der "Protokolle" belegt. In "Mein Kampf" schrieb Adolf Hitler: "Sie sollen auf einer Fälschung beruhen, stöhnt immer wieder die ,Frankfurter Zeitung' in die Welt hinaus: der beste Beweis dafür, dass sie echt sind." Eine Haltung, die bei Muslimen in der ganzen Welt noch heute Standard ist. In keiner anderen Sprache sind die "Protokolle der Weisen von Zion" so oft aufgelegt worden wie in Arabisch.
Im Falle der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy, 1963 in Dallas, ist die Lage noch absurder, weil es Dutzende einander widersprechender Verschwörungstheorien gibt. Den Mord in Auftrag gab danach
* die CIA, weil Kennedy angeblich den Plan hatte sie abzuschaffen;
* die Mafia, um Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen zu stoppen;
* der sowjetische Geheimdienst KGB, denn schließlich hatte der irre Attentäter Lee Harvey Oswald zeitweise in der Sowjetunion gelebt.
Aber auch Kubaner und Exil-Weißrussen gelten als Hintermänner, ein paar Öl-Milliardäre und natürlich der Ku-Klux-Klan. Die Zahl der angeblich in das Attentat verwickelten Verschwörer stieg dermaßen an, dass die Hintermänner, wie der Schriftsteller Stephen Ambrose spottete, für ihre konspirativen Treffen den New Yorker Madison Square Garden hätten mieten müssen.
1993 kam das Buch "Case Closed" des Zeitgeschichtlers Gerald Posner auf den Markt, das die gängigsten Theorien bis ins Detail entzauberte. Posner kam zu dem Schluss, Ursache aller Spekulationen sei die Unfähigkeit der Amerikaner, sich einzugestehen, dass jeder Irre mit einem handelsüblichen Gewehr den Präsidenten der Weltmacht USA treffen kann.
Aus einem ähnlichen Grund werden auch die Spekulationen über den Tod von Princess Diana, 1997 in Paris, kaum verstummen: Jeder vierte Brite glaubt an Mord, jeder zweite an eine gezielte Verschleierung der Todesumstände.
Da hilft es kaum, dass der königliche Leichenbeschauer John Burton in der vergangenen Woche sein Schweigen brach. Diana, so Burton, sei nicht, wie viele argwöhnten, schwanger gewesen, und auch sonst habe die Obduktion keinerlei "Irregularitäten" ergeben.
Das Gerücht, die Gattin des Thronfolgers Charles habe vom ägyptischen Playboy Dodi Al-Fayed ein Kind erwartet und sei, um Schaden von den Royals abzuwenden, mitsamt Liebhaber vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 beseitigt worden, ist einfach tröstlicher als die Tatsache, dass die Lichtgestalt Diana zum betrunkenen Fahrer eines windigen Jet-Setters ins Auto gestiegen war.
Nur höchst selten gelingt es, Freunde des Komplotts so grundlegend zu desillusionieren, wie dies zwei Stasi-Offiziere nach der Wende schafften: Jahrelang hatten sich Meldungen gehalten, das Aids-Virus sei in einem US-Militärlabor hergestellt worden und nach einer Panne unkontrolliert in die Öffentlichkeit gelangt. Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym sorgte durch ein Interview, das er für die "Tageszeitung" mit dem Ost-Berliner Biologieprofessor Jakob Segal führte, für Verbreitung und Akzeptanz des Gerüchts in ganz Europa.
1992 ließen zwei ehemalige Geheime des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit die Heißluft aus dem Ballon: Sie schilderten, wie sie, auf Initiative der Kollegen vom KGB, die Aids-Lüge erfanden, deren Verbreitung organisierten und Arglose täuschten.
Der ehemalige Kreml-Chef Michail Gorbatschow hatte sich schon vorher, in aller Stille, bei der US-Regierung für die Rufschädigung entschuldigt.

DER SPIEGEL 37/2003
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