08.09.2003

KARRIERENDer letzte Akt

In einer Autobiografie blickt Frank Busemann auf seinen Leidensweg als Zehnkämpfer zurück - eine schonungslose Selbstkritik.
Am Ende glaubte er den Medizinern nicht mehr, sondern nur noch den Signalen, die sein Körper aussandte. Frank Busemann, der Olympiazweite von Atlanta 1996, wusste längst, dass er "ein Wrack" war, "zerstört für den Zehnkampf". Am 5. Juni dieses Jahres raffte er sich zum letzten Arztbesuch als Profi-Sportler auf. Er tat es seiner Freundin zu Gefallen: "Sie wollte die Gewissheit, dass ich meinen Abschied nicht überstürzte."
Busemann, 28, hatte morgens ein Kreuzchen auf die schmerzende Stelle an der Wade gemalt, weil er seine Beschwerden in Arztpraxen gern vergaß. Die Diagnose, ahnte er, würde einmal mehr lauten, dass es nur eine Frage der Zeit sei bis zur vollständigen Genesung. "Zwei Spritzen, ein paar Tabletten, Salbe und Massage - alles paletti", solch verlockende Wege zur Fitness waren in den vergangenen sechs Jahren zu oft in der Sackgasse gemündet. Auch diesmal hatte er den Eindruck, dass "ganz wenige Mediziner meine Sprache redeten und mir das Gefühl gaben, mich zu verstehen".
Eine Kernspintomografie bestätigte "schwarz auf durchsichtig", wie es der Westfale zu nennen pflegt, die Befürchtung: Eine erneute Operation war, um Spätfolgen abzuwenden, dringend geboten.
Seit Atlanta 1996 hat Busemann nie mehr schmerzfrei trainieren können. "Es war genug", schreibt er in seiner Autobiografie "Aufgeben gilt nicht", in der er so eindringlich wie selten ein Athlet zuvor über die Leiden eines Leistungssportlers berichtet*. "Ich hatte alles aus meinem Körper herausgeholt, was er hergab und oft auch mehr als das, was er hergeben wollte."
Busemann hatte gegen seine selbstzerstörerische Besessenheit gesiegt. "All mein Streben nach einem Comeback war eine Illusion. Aber war nicht diese Erkenntnis der Erfolg, den ich mir selbst erarbeitet hatte? Einfach mit einem Befreiungsschlag auf alles Erlebte mit Stolz zurückzublicken und nicht mehr einer Utopie verfallen zu sein? Ich begriff, dass man ohne einen Olympiasieg glücklich werden konnte. Ich formulierte das erste Mal in meinem Leben die Worte, die ich mir nie vorstellen wollte und konnte: ''Ich beende meine Karriere!''"
Ein paar Wochen später stand Busemann im Foyer des Deutschen Sportverlags in Köln. Unter dem linken Arm klemmte ein Ordner mit Fotos, unter dem rechten ein Ordner mit persönlichen Aufzeichnungen. Ob sie damit etwas anzufangen wüssten, fragte er bescheiden.
Herausgekommen ist eine Sportlerbiografie, deren besonderes Merkmal ist, dass der Sportler sie selbst verfasst hat. In Zeiten, da sich Stefan Effenberg eines Ghostwriters bedient, der das sprachliche Niveau des Fußballers konsequent unterbietet, um wahrgenommen zu werden, ist dies ein riskantes Unterfangen. Es wird keine teure Werbekampagne geben und keinen Vorabdruck in "Bild". Es ist keine Abrechnung mit anderen, sondern mit sich selbst: gnadenlos ehrlich, oft selbstironisch, zuweilen naiv.
Busemann beschreibt, wie er 2001 in Ratingen trotz eines verletzten linken Arms die WM-Qualifikation schaffen wollte. "Das Speerwerfen war etwas kribbelig. Der erste Versuch landete bei 51,11 Metern und
machte mir durch den Schmerz im Ellbogen unmissverständlich klar, dass es wohl besser war aufzuhören." Er ignorierte die Bitte seines Vaters und Trainers, sich zu schonen. "Schmerz war auszuhalten und nur von kurzer Dauer. Er setzte normalerweise erst ein, wenn der Speer schon einige Meter unterwegs war. Durch den strammen Tapeverband konnte ich meine Hand zwar nicht mehr spüren, aber das musste wohl so sein." Beim dritten Wurf riss es ihn zu Boden. Er spürte "eine Explosion" im Arm und Schmerzen von bislang unbekannter Brutalität. "Ich glaubte zu ersticken, mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen. Ich flehte den Physiotherapeuten an, mich von der Ellbogengeißel zu befreien. Er schnitt den Verband auf und der Arm pochte wild und schwoll an."
Wenig später trat Busemann zum abschließenden 1500-Meter-Lauf an. Sein Vater quittierte den Trainerjob. Und der malade Athlet warf fortan mit dem rechten Arm.
Der Verlag hatte empfohlen, das Buch erst zu den Olympischen Spielen 2004 auf den Markt zu bringen. Doch Busemann wollte es sofort. Ein ehemaliger Sportreporter hat das Werk gemeinsam mit dem Autor redigiert, binnen einer Woche. "Braucht die Welt ein Buch von einem kleinen, unbedeutenden Kämpfer, der nie aufgeben wollte?", fragt der Autobiograf. "Nein! Aber ich brauche es."
Es ist der letzte Akt seiner Trauerarbeit. Jetzt, wo alles zu seinem Leben als Leichtathlet gesagt ist, kann er sich anderen Dingen widmen: dem Betriebswirtschaftsstudium, der Hochzeit mit seiner Freundin, die vergangene Woche mit dem ersten Exemplar den Heiratsantrag erhielt.
Angefangen hatte Busemann seine Notizen unter anderen Vorzeichen. 1994 wurde er in Lissabon Juniorenweltmeister über 110 Meter Hürden. Nach dem Rennen schrieb er auf, was er bei diesem Triumph empfand. "So etwas macht süchtig und dankbar." Zwei Jahre später erlebte er seinen "magischen Moment". Aus heiterem Himmel gewann er olympisches Silber, die Nation hatte einen neuen Helden, der für die Kameras fröhlich auf seine Medaille biss, der das unschuldige Gesicht des Leistungssports war. Was er nicht ahnte: Es sollte keine Steigerung mehr geben.
Der "Sportler des Jahres 1996" geriet zum Getriebenen des Glücksgefühls von Atlanta. Seine "Lust an der Schreiberei" wurde befeuert durch den Glauben, den magischen Moment auf die Spitze treiben zu können: "Ich wollte mich begleiten, wie ich, von Träumen und Ehrgeiz geleitet, den Weg zur Goldmedaille schaffen würde."
Der Plan schlug fehl. Dem Buch hat das nicht geschadet. ALFRED WEINZIERL
* Frank Busemann: "Aufgeben gilt nicht". Deutscher Sportverlag, Köln; 328 Seiten; 14,80 Euro.
Von Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 37/2003
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