15.09.2003

FUSSBALLDie Lehre des Heilmachers

Rudi Völler hat in seiner turbulentesten Woche als Teamchef das Interesse an der Nationalelf wieder geweckt. Erneut half ihm sein Talent, auch selbst verschuldete Schäden schnell reparieren zu können. Doch sind die Defizite des deutschen Fußballs damit nicht behoben.
Hinter der Haupttribüne des Dortmunder Westfalenstadions, wenige Schritte neben dem abfahrbereiten Mannschaftsbus, marschierte Gerhard Mayer-Vorfelder auf und ab und tastete sich fahrig über die Stirn. Dann betrachtete er seine Finger, als wollte er überprüfen, ob er Wunden davongetragen hatte.
Nach dem Fight, dem tapfer erstrittenen 2:1-Sieg der Nationalmannschaft gegen Schottland, waren dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes am vergangenen Mittwoch "Steine vom Herzen gefallen, das können Sie glauben". Vorsichtshalber hatte "MV" alle Eventualitäten durchgespielt. "Rudi Völler hat einen Vertrag bis 2006", sinnierte er, "und wenn er ihn auflösen wollte, gehe ich davon aus, dass er zu mir kommen würde und nicht erst zu den Kameras geht."
Derlei protokollarische Erwägungen sind nach dem Durchbruch in der Europameisterschafts-Qualifikation wohl hinfällig. Der deutsche Fußball hat den telegenen Wutanfall seines Teamchefs, in dessen Verlauf Völler die aus Funk und Fernsehen bekannten Kritiker ungebremst anrempelte ("Käse", "Scheißdreck", "das Allerletzte"), ohne Blessuren überstanden. Ein Rücktritt von Liebling Rudi steht nicht mehr zu befürchten.
Und das Auswahlteam, noch vor zwei Wochen von Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß zur Abschaffung freigegeben ("Dann gibt es eben keine Nationalmannschaft mehr, das finde ich auch nicht so schlimm"), genießt wieder eine Fürsorge wie zuletzt nach dem peinlichen EM-Aus im Juni 2000: Damals war es, als stünde die Hege der DFB-Elf kurz davor, als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen zu werden.
Seit Dortmund liegen sich alle wieder in den Armen: Der Hono-
rarnörgler Günter Netzer überhöht die Leistung der Völler-Riege ("Anschauungsunterricht"), der Teamchef lobt übertrieben einen "herrlichen Kombinationsfußball". Die Dramaturgen Hoeneß ("Völler war Weltklasse") und WM-Organisator Franz Beckenbauer stützen den Auswahlcoach auch aus Kalkül, damit sie sich nicht noch vor dem globalen Championat 2006 erneut an einer DFB-Trainersuche beteiligen müssen.
Denn mit Völler, sagt Mayer-Vorfelder, sei es ja so: "Dass er so beliebt ist, erleichtert das Geschäft."
Mit seiner Philippika wider die kommentierenden Altinternationalen - "diese Ex-Gurus" Netzer, Beckenbauer oder Paul Breitner - hatte der immer schon zu cholerischen Ausbrüchen neigende Teamchef vor allem ein Tabu gebrochen: Er ordnete das Leistungsvermögen der deutschen Kick-Elite schlicht dort ein, wo es sich seit Jahren wirklich aufhält. In der internationalen Zweitklassigkeit.
Was er den Ex-Stars, die er unter Mitarbeitern schon mal als "Nestbeschmutzer" bezeichnete, mit seinen scheinbar wirren Anwürfen ("In welcher Welt lebt ihr denn alle?") mitteilen wollte, war nur dies: Die Ansicht, Deutschland dürfe immer noch das Attribut "Fußballgroßmacht" vor sich hertragen wie ein Gütezeichen, sei von vorgestern. Heute zähle ein 0:0 gegen Island zu den passablen Auswärtsresultaten.
Nur ziemte es sich bislang nicht, am Spielvermögen der Nation zu zweifeln. "Die Meinungsmacher", wie der Dortmunder Trainer Matthias Sammer die prominenten Kritiker nennt, vertreten schließlich auch geschäftliche Interessen. An dem verbreiteten Irrglauben, in hiesigen Stadien werde erste Qualität geboten, verdienen TV-Sender, WM-Veranstalter und der Bundesligabetrieb gleichermaßen.
Zudem vernebelt der Zufallseinzug ins WM-Finale des vergangenen Jahres wohl immer noch die Blicke der Betrachter. Aufmerksame Beobachter wie Borussia Dortmunds Manager Michael Meier fragen sich inzwischen, ob die Rückbesinnung auf den glücklich verlaufenen Fußballsommer 2002 "nicht manches verklärt hat".
Bei der Einstufung jenes Turniers, seines ersten als Trainer, lässt sich Völler jedoch nicht beirren: Er will sich "nicht für die Vize-Weltmeisterschaft entschuldigen müssen", der zweite Platz sei "verdient" errungen worden. Nur muss dann sein Appell, die Erwartungen an seine Elf zu zügeln, ins Leere laufen.
Als ihn in Reykjavík der Jähzorn ereilte wie einst in Bremen, wo er dem Mannheimer Fußball-Lehrer Klaus Schlappner 1985 vor laufender Kamera den Pepitahut vom Kopf fegte, wirkte er ausgebrannt und verlassen. In den Wochen zuvor war eine heftige Debatte geführt worden über die Bereitschaft der Bundesligaclubs, die von ihnen bezahlten Auswahlspieler für Einsätze in der Ländermannschaft abzustellen. Kapitän Oliver Kahn mahnte eine veränderte "Philosophie" zur Unterstützung des Projekts 2006 an und warnte vor einem Rückfall in die Krisenzeiten der EM 2000. Sein Münchner Teamgefährte Jens Jeremies, schon lautester Mahner zu Zeiten des unglückseligen Völler-Vorgängers Erich Ribbeck, benannte sogar konzeptionelle Defizite des Trainerstabs: Er würde es begrüßen, wenn "zumindest mal ein System" gefunden werde.
Tatsächlich wurde in 14 Spielen nach der WM achtmal mit einer Dreier-Kette und sechsmal mit vier Abwehrkräften verteidigt. Und über die Stürmertalente Kevin Kurányi und Benjamin Lauth überraschte Völler mit der Auskunft: Beide würden alternierend in die A-Mannschaft berufen. Das klang so, als folgte die Personalpolitik dem Alphabet: einmal der Spieler mit dem Anfangsbuchstaben "K", dann der mit "L".
So schien Völlers Kredit gut drei Jahre nach seiner Installation in diesem Spätsommer aufgebraucht. "Die Schonzeit für den Teamchef", kommentierte vergangene Woche die "Süddeutsche Zeitung", habe Völler "selbst beendet".
Zwar nimmt er weiterhin die Huldigungen der Fangemeinde winkend entgegen - leistungsunabhängigen Beifall, wie ihn auch das singende Jugendidol Daniel Küblböck erntet. Seine Position als Kultfigur hat der Teamchef mit dem Rüpel-Auftritt von Island zementiert. Aber hat er auch fußballtechnischen Fortschritt gebracht?
Der Dortmunder Sebastian Kehl räumte in Reykjavík ein: Ihm und den Kollegen sei "irgendwie nichts Richtiges eingefallen". Weil auch nichts einstudiert wurde?
Völler-Assistent Michael Skibbe, von dem es zu Beginn der Liaison hieß, er sei in Sachen Taktik der Souffleur des Teamchefs, taucht in der Öffentlichkeit kaum noch auf und wird auch intern als Urheber von Entscheidungen immer seltener genannt. Völler selbst, als Trainer kein Stratege, vertraut seiner Intuition. Wichtiger als Trainingsform und Taktikschule, tat er zuletzt launig kund, sei das Wissen um den "moralischen Zustand: Wie ist der Spieler drauf?"
Manche Weisheiten erinnern in ihrer Schlichtheit an seinen Lehrmeister zu Bremer Zeiten, Trainer Otto Rehhagel. Auch der war kein Freund großer Entwürfe und wird nicht als Erneuerer der Trainingsgestaltung in die Fußballgeschichte eingehen.
Zum Bemühen um raffinierte Einfälle pflegt der frühere Wahl-Römer Völler auf eine italienische Redensart zu verweisen: "inventare l''acqua calda". Man könne "das warme Wasser nicht neu erfinden".
So wird er immer der Pragmatiker bleiben, der an die Unvorhersehbarkeit des Fußballs glaubt: "Wenn man alles verhindern könnte", sagt Völler fatalistisch und lehnt sich in der Frankfurter Verbandszentrale entspannt zurück, "würden die Spiele immer 0:0 ausgehen."
Völler schaut und reagiert. Die Aufstellung des Verteidigers Andreas Hinkel, sagte er neulich, werde sich "wahrscheinlich so ergeben". Manchmal, sagt Völler achselzuckend zu Personal- und Taktikfragen, "wäre eine andere Entscheidung besser gewesen, das weiß man vorher nicht".
An ihm ist kein Tüftler verloren gegangen. Das Wort "Visionen" spricht er beinahe verächtlich aus. Zu dem italienischen Trainer Arrigo Sacchi, der in den späten Achtzigern das Fußballspiel mit seinem offensiven Pressing-System revolutionierte, fällt ihm ein: Nach seiner Blütezeit beim AC Mailand habe der kaum noch nennenswerte Siege errungen.
Völler denkt ergebnisorientiert. Und wenn etwas geändert werden muss, dann reformiert er nicht, sondern bessert aus. Der gelernte Bürokaufmann Rudolf Völler ist vor allem gelernter Stürmer. Einer, der die Nase in den Wind hält und schnell handelt. Zu seinen Spezialitäten zählt die Gabe, auch selbst verschuldete Schäden umgehend zu reparieren.
Auf diese Weise meisterte der Heilmacher auch die turbulenteste Woche seiner Trainerzeit. Im Rundfunk wurde gespottet ("Völler ist, nein: hat wieder vor die Presse getreten"), Hörer spielten "Reiz den Rudi". Als der Teamchef merkte, dass er mit seiner verrutschten Kritikerschelte die Akteure einem die Spielfreude erstickenden Druck ausgesetzt hatte, zog er den Kragen seiner Trainingsjacke hoch und reagierte: Fortan ließ er alle wissen, dass "nur ein Fußballspiel" bevorstehe, die Teilnahme müsse "ein Genuss sein".
Sodann korrigierte er taktische Fehler aus dem Island-Spiel, änderte das Abwehrsystem zu Gunsten offensiven Flügelspiels - die Instandsetzung war gelungen.
Ähnliche Treffer hat er schon öfter gelandet, bisweilen mit Ausbesserungen noch während des Spiels. So lenkte Völler bei der WM in Asien die Partien gegen Kamerun und Paraguay mit seinen Umbauten situativ in die richtige Bahn, so war es auch beim späten Triumph auf den Färöern in der EM-Qualifikation. "Je schwieriger die Lage", erkannte die "Frankfurter Allgemeine", "desto besser die Nationalmannschaft und ihr Teamchef."
Rudi Völler gab in Dortmund bekannt, er wolle am liebsten selbst aufs Feld laufen. Dass er immer noch fühlt wie ein Spieler, erklärt, warum er sich weigert, wie ein Trainer zu denken. Sicher, sagt er, "diese Taktikschiene" sei wichtig. Doch statt seine Schüler mit Besprechungen zu nerven, vertraut er auf die Selbstregulierungskräfte des Teams: "Das meiste machst du aus Zeitgründen nicht auf dem Trainingsplatz, sondern beim Abendessen oder beim Bier an der Hotelbar. Solche Vier-Augen-Gespräche zwischen den Spielern muss man fördern."
So begab es sich etwa, dass der Anführer Michael Ballack neulich von Torhüter Kahn, nicht vom Trainergespann darüber belehrt wurde, welche Position auf dem Feld für ihn und das Team dienlich sei. Den Kader auch mal ohne Länderspiel zur taktischen Schulung zusammenzuziehen, wie er das von den "Kurzlehrgängen" aus Teamchef Beckenbauers Ära kennt, darüber hat Völler durchaus nachgedacht. Dann hat er den Gedanken verworfen. Denn die Profis von heute, sagt er, seien sowieso "das ganze Jahr im Hotel".
So gesehen ist der Trainer Völler weniger Ausbilder als Freund seiner Schüler. Das führt dann allerdings auch dazu, dass Ballack fehlende "Harmonie" zwischen den Mannschaftsteilen beklagt. In Zeiten, da auch Gegner wie Litauen und Island über die athletischen und strategischen Mittel verfügen, talentierteren Widersachern den Raum zur Entfaltung zu versperren, wären nämlich Ideen für überraschende Spielzüge durchaus hilfreich.
Die Italiener dagegen erzielten vergangenen Monat gegen die Deutschen ein Tor genau so, wie sie es tags zuvor geprobt hatten. Auch Völler hatte die Seinen vor den schnellen Kurzpässen der italienischen Offensive gewarnt. Nur hatte er auf dem Rasen keine Gegenmaßnahmen üben lassen.
Nach den Erfahrungen des Autodidakten Völler kann man sich nämlich auch zu intensiv präparieren. Eine Spielvorbereitung aus seiner Zeit als junger Stürmer von 1860 München hat ihn nachhaltig geprägt.
Es ging um ein Auswärtsspiel beim Hamburger SV: "Die ganze Woche haben wir simuliert, wie der Manni Kaltz auf den langen Horst Hrubesch flankt." Eigens wurde ein Hrubesch-Double für das Training engagiert. "Tagelang", erinnert sich Völler, "haben wir mit unserem Trainer Carl-Heinz Rühl geübt, bis jeder wusste, was im Spiel zu tun war."
Das Spiel verloren die Münchner mit 1:4. Hrubesch erzielte drei Tore. JÖRG KRAMER
* Beim 2:1 gegen Schottland am vergangenen Mittwoch in Dortmund.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 38/2003
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