15.09.2003

Tante Käthes Befreiungsschlag

Das Fernsehen besorgt längst, wogegen Völler wütet: Es schafft Krach und derbe Kritik ab.
Es war gewiss eine Sternstunde des Fernsehens, als der graulockige Teamchef vorvergangenen Samstag die, pardon, Käthensäge herausholte und ein kleines Massaker anrichtete.
Am Ende lag der Zauberwald Fußball gefällt, Günter Netzers Vision aus der Tiefe des Traumes von alter deutscher Größe schien nach Rudi Völlers Brandrede für immer ausgeträumt. Tobend machte der Chefcoach klar, was die graue Seele moderner deutscher Kickerei ist: rennen statt lenken, Mittelmaß statt Spitzenklasse in einer globalisierten Fußballwelt.
Die eigentliche Sensation aber: Völlers beleidigende Attacke auf seine Kritiker kostete ihn kein Ansehen. Auch eine NFO-Infratest-Umfrage im Auftrag des SPIEGEL ergab mehrheitliche Zustimmung für den Wüterich.
Nach dem blamablen 0:0 in Reykjavík vollzog sich, so scheint es, eine zornige Revolte gegen die verwaltete Welt der Medien. Der Zuschauer hat die allseitige Gelacktheit satt. Der Kabarettist Bruno Jonas versuchte zu übersetzen, was Völler aufregte: "Endlich hat einer sein Herz aufgemacht, endlich redet einer, wie er sich fühlt. Dieser arrogante Klugschiss, den Netzer immer von sich gibt, dieses Gelassenheitsgelaber, dieses Souveränitätsgetue, dieser emotional verkümmerte Analysten-Seim - ich kann's nimmer hören."
Völlers Show traf ins Gemüt des darbenden Zuschauers - paradoxerweise auch deshalb, weil er für jenen Krawall sorgte, der im Fernsehen längst verpönt ist. Friede, Freude, Eierkuchen haben sich in bedenklichem Ausmaß über das Programm gelegt. Ist es frauenfeindlich (und falsch) zu sagen, das liege an der Feminisierung des Moderatorentums in den Talks, wo die Damen von Elke Heidenreich bis Sabine Christiansen am Steuer sitzen?
Wahr ist, dass immer mehr Einfühlung, Höflichkeit, verbindliches Lächeln und die Abwesenheit naiver Polemik den Druck im emotionalen Kessel erhöhen. Die heutigen Polit-Talk-Gefechte um kompliziert zu verstehende Reformbestandteile wirken nur vordergründig polemisch. Der Zuschauer fühlt hinter den vielen Worten tiefe Ratlosigkeit und ist betäubt vom Schein freundlicher äußerer Formen. So was schafft neue Sehgewohnheiten.
Als einer der Ersten hat Harald Schmidt vor der aufkommenden Harmoniesucht im neuen Fernsehland des Lächelns kapituliert. Den Dirty Harry von früher ließ der geniale Entertainer einfach verschwinden. Kein Kotzen, kein Brüllen, stattdessen verspielte Harmlosigkeit, tägliches Betriebsfest.
Früher, als sowieso alles besser war, in den optimistischeren Zeiten gleich nach der Wiedervereinigung, machte das Fernsehen noch Quote mit Krawall, die heute dünnhäutig gewordene Republik hat Angst vor Explosionen.
Fast jeden Tag gab's einst Völlerei. "Der heiße Stuhl" und "Einspruch!" hießen die erfolgreichen Teletribunale auf RTL und Sat.1. Einer setzte sich in einen Sessel aus Draht, behauptete irgendwelchen Quersinn und ließ sich bepöbeln. Die Sexpäpstin selig, Beate Uhse, wurde von Moderator Ulrich Meyer angeherrscht: "Keinen Striptease, Frau Uhse, kommen Sie zur Sache!" Hart waren sie, die alten Dröhner.
Man trug Konflikt. Moderatoren wie Gisela Marx oder Wolfgang Menge bohrten nach, bis das Blut kam. Der Wahnsinn hatte seinen festen Platz: mit Tintespritzern (Fritz Teufel), mit höherem Gagaismus (Klaus Kinski), mit aggressivem Totalschweigen (Box-"Prinz von Homburg" Norbert Grupe).
Aber diese krachverliebten Zeiten sind längst vorbei. Sogar den Menschenzoo der Nachmittagsshows mit seinen hemmungslosen Selbstdarstellern haben Sender wie RTL und Sat.1 weitgehend geschlossen und durch Gerichtsshows ersetzt. Da kann man sich zwar immer noch daran erfreuen, was für Muckis der Prollmann bietet und wie seine Tussi den Inhalt ihrer Bluse präsentiert, aber die früher unerbittlich frei flottierenden Gefühlsaufwallungen sind durch die Regeln des Gerichtsprozesses einigermaßen kanalisiert.
Das Medium hat sich gewissermaßen gezähmt - und bestraft oder therapiert selbst, wo früher zur freien öffentlichen Besichtigung und Beurteilung durch andere geflennt, gekeift, geprotzt wurde.
Die große Unterhaltungsmaschine braucht keine Kritiker von außen, die stellt sie, wenn überhaupt, selbst. Kein Wunder, dass das Rezensentengewerbe unbeliebter wird. Nicht wenige Medien haben die Rezension durch eine Art Industrieberichterstattung ersetzt, die lieber von den Heldentaten bei der Produktion eines TV-Erzeugnisses kündet als davon, ob es künstlerisch etwas taugt.
Wer wie Völler wider die Netzers dieser Welt ausrastet, tut nur, was das Medium selbst eleganter erledigt.
Adornitisch gesagt: Das Fernsehen hat die Kritik seiner selbst inkorporiert. Auf Deutsch: Dieter Bohlen ist der letzte Verdammungskritiker.
Unumstritten spielt er den Allmächtigen auf RTL und entscheidet mit seinem Caligula-Daumen, wer sich auf den Weg zum Superstar machen darf und wer nicht. Gegen das selbstgewisse Funktionieren des TV-Richters Bohlen hilft kein Gebrüll - und erst recht kein kritischer Essay über die Grenzen des Fernsehens. Wer auf den Gesichtern des jungen Schlagergemüses die Gläubigkeit studiert, mit der es die Gerechtigkeit des zynischen Häckselmeisters verehrt, der weiß: So schnell ist Bohlen nicht verloren. NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 38/2003
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