29.09.2003

HOCHSCHULENAsta auf dem Freudenstrahl

Sexseminare und Kuba-Reisen: Studentenausschüsse verjubeln das Geld der Kommilitonen. Die Rechnungshöfe sind auf unglaubliche Schlampereien gestoßen.
Das Wochenendseminar am Rande des Harzes hatte die "AG Frau und Gesundheit" der Technischen Universität Braunschweig (TU) bestens vorbereitet. Erst, so sah es das Programm vor, diskutierten die Teilnehmerinnen über Selbstbefriedigung, später schlüpften sie in die Rolle von Liebespaaren. Dann folgte der Höhepunkt: Mit einem Spekulum in der Hand sollten die Frauen neue "Betrachtungen des weiblichen Körpers" gewinnen und dabei den "Freudenstrahl, auch weibliche Ejakulation genannt", entdecken.
Die intime Selbsterfahrung ließen sich die Studentinnen von ihren Kommilitonen sponsern: Einen Großteil der Kosten, 500 Euro, trug der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der TU. Der hatte zuvor schon andere Gruppen großzügig unterstützt: das Kommunistische Kollektiv Braunschweig zum Beispiel, diverse Hausbesetzer und Castor-Gegner.
Der Fall Braunschweig ist ein besonders krasses Beispiel dafür, wie Studentenvertretungen an deutschen Hochschulen zuweilen mit den Beiträgen der Kommilitonen umgehen. Nach Gutdünken verfügen sie über das Geld und verjubeln es für teilweise ziemlich obskure Veranstaltungen. Auf diese Weise beglücken sie Freunde, Gleichgesinnte - und nicht zuletzt sich selbst.
Studentenvertretungen wirken wie ein Relikt der 68er-Bewegung: Eingeführt wurden sie, um der Studentenschaft eine Stimme gegenüber den Professoren zu verleihen. Doch dafür interessiert sich kaum einer mehr, die Wahlbeteiligung auf dem Campus liegt zumeist zwischen 5 und 15 Prozent. Gewachsen ist nur die finanzielle Bedeutung: Etwa zehn Euro muss jeder Student pro Semester für den Asta zahlen. Was mit dem Geld geschieht, lässt selbst lang gediente Prüfer staunen.
So hat der Asta der TU Berlin den Flug zweier Studentinnen zum "5. Treffen latein/südamerikanisch/karibischer feministischer Lesben" in Rio de Janeiro mit fast 1400 Euro bezuschusst. Ähnlich freigebig waren die Kollegen an der Humboldt-Universität: Dort gab der Asta drei ehemaligen Bürgerkriegskämpferinnen aus Guatemala Geld für eine Rundreise durch Deutschland. Und Studierende der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft haben es sich im Berliner Fünf-Sterne-Hotel Adlon gut gehen lassen - für rund 2200 Euro.
Neben solch dreisten Fällen von Verschwendung rügen die Rechnungsprüfer auch das Unvermögen der Studentenfunktionäre, mit Geld umzugehen: Belege fehlen, Ausgaben werden falsch verbucht. "Die jungen Leute haben in der Regel nur einen geringen Zugang zu Finanzdingen", klagt Clemens Sebastian vom Saarländischen Rechnungshof.
Schon vor drei Jahren stellten seine Kollegen in Nordrhein-Westfalen unglaubliche Schlampereien fest: Bei der Überprüfung von 15 Asten besaßen 12 keinen regulären Haushaltsplan, teilweise existierte nicht einmal eine Buchhaltung.
In Essen hat der Asta Ende vergangenen Jahres beinahe sich selbst in die Pleite getrieben. Jahrelang hatten die Studenten mit einem Kulturcafé Verluste angehäuft, am Ende fehlten 450 000 Euro. Nun hat man ein Rettungskonzept erarbeitet und hofft, den Konkurs noch abzuwenden.
Die Studentenfunktionäre werden dennoch selten für ihr Fehlverhalten zur Verantwortung gezogen. Der häufige Wechsel der Zusammensetzung im Asta erschwere die Arbeit, klagt Rechnungsprüfer Sebastian: "Kaum sind sie drin, sind sie wieder raus." Zudem ließe sich wegen der schludrigen Buchhaltung oft nicht mehr klären, wer genau verantwortlich war.
Nur wenige Fälle von Untreue sind in den vergangenen Jahren vor Gericht gelandet. So wurde in Gießen ein Asta-Referent verwarnt, weil er einen Zuschuss zu einer Kuba-Reise genehmigt hatte. Nach Einstellung des Verfahrens musste der Student 40 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.
An der TU Braunschweig flog der lockere Umgang mit Geld erst auf, als es im Studierendenparlament zu einem Machtwechsel kam und der RCDS den Asta übernahm. Dort sollen über Jahre Darlehen an Studenten gezahlt und nur in wenigen Fällen zurückgefordert worden sein. Versickert sind, so der Vorwurf, rund 600 000 Euro. Bedient haben sich angeblich auch Studenten-Funktionäre: "Allein neun Referenten haben Darlehen nicht zurückgezahlt", behauptet Asta-Vorstand Bernd Opitz. Ehemalige Mitglieder bestreiten dies. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen.
Seit Jahren weisen die Rechnungshöfe auf die Missstände an den Hochschulen hin. Doch Bund und Länder juckt das wenig, das Geld stammt schließlich nicht aus ihren Kassen, sondern aus den Taschen der Studenten. Vor zwei Jahren hat der Niedersächsische Rechnungshof es sogar aufgegeben, die Ausgaben der Asten regelmäßig zu kontrollieren. "Jahrzehntelang haben wir Mängel festgestellt, ohne dass sich etwas geändert hätte", sagt Abteilungsleiter Wolfgang Göke entnervt: "Irgendwann sieht man ein, dass Kritik sinnlos ist." MICHAEL FRÖHLINGSDORF
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 40/2003
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