29.09.2003

LITERATURUnsanfte Landung

Die Schriftstellerin Julia Franck kam 1978 als DDR-Kind in die Bundesrepublik. In ihrem Roman „Lagerfeuer“ schildert sie die Strapazen der Ankunft im Westen. Von Thomas Brussig
Brussig, 37, ist in der DDR aufgewachsen und lebt in Berlin; sein Roman "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" entstand parallel zur gemeinsamen Arbeit mit Leander Haußmann an dem Film "Sonnenallee" (1999); zuletzt erschien von ihm der Theatermonolog "Leben bis Männer" (2001). -------------------------------------------------------------------
Die Heimat zu verlassen und woanders neu zu beginnen: Das ist eine elementare, einschneidende Erfahrung und ein großer Erzählstoff - umso mehr, wenn eine ähnliche Erfahrung von vielen Menschen gemacht worden ist.
Zwischen 1949 und 1989 gelangten an die vier Millionen Menschen aus dem Osten Deutschlands in den Westen, durch Flucht, Freikauf, legale Ausreise, durch "Umzug" (Uwe Johnson) oder durch einfaches Nicht-Zurückkehren. Umso erstaunlicher ist es, dass die Ausbeute dieses Sujets in der deutschen Literatur bisher recht karg ausfällt: Wenig wurde darüber geschrieben, und unter dem Wenigen ist kaum Bemerkenswertes.
Nun hat sich Julia Franck, 33, an diesen Stoff gewagt, eine junge, doch keineswegs unerfahrene Berliner Autorin. "Lagerfeuer" ist bereits ihr viertes Buch. Ihr Erstling "Der neue Koch" (1997) schildert die abstrus-komische Geschichte einer jungen Frau, die mit der Führung des ererbten Hotels überfordert ist; der Roman "Liebediener" (1999) erzählt intensiv und beklemmend von einer Liebe, der mit dem Offenbarwerden des geheimen Doppellebens des Geliebten der Boden entzogen wird; mit dem Erzählungsband "Bauchlandung" (2000) dann kam der Erfolg.
Warum ausgerechnet dieses Buch, das nicht ihr stärkstes ist, den Durchbruch für die Autorin brachte, darüber kann nur spekuliert werden. Der Erfolg ist dennoch verdient. Julia Franck erzählt so konzentriert wie unaufdringlich. Klar ist ihre Sprache, fein ihr Empfinden - aber ihre Menschen sind oft rätselhaft und tief wie ein Brunnen, dessen Grund man nur ahnt. Das ist kunstvoll und ungekünstelt zugleich. Zum Schöngeist hat sie ein entspanntes Verhältnis, sie ist ihm nicht hörig.
Bei Julia Franck werden auch mal Popel verkostet, und Liebespaare erörtern die Frage, ob man sich gegenseitig beim Scheißen zuschauen können sollte. Trotzdem vermeidet die Autorin jede Überpointierung. Und so vital und diesseitig das Geschehen bei ihr auch ist - sie webt einen ganz eigenen Stoff zusammen, und der fühlt sich magisch an.
Julia Franck hat bislang ausschließlich in der Ich-Form geschrieben. In ihrem neuen Roman "Lagerfeuer" geht sie den Stoff gleich von vier Seiten an, lässt vier Menschen abwechselnd zu Wort kommen**. Die Lesbarkeit leidet darunter nicht: Die Kapitelüberschriften sorgen für klare Zuordnung, das lästige Rätselraten "Wer spricht gerade?" bleibt dem Leser erspart.
Da ist Nelly Senff, eine noch nicht 30-jährige Mutter zweier Kinder, die mit vorgetäuschten Heiratsabsichten ihre Ausreise erreicht hat. Der Vater ihrer Kinder ist ein Russe, für den sich die Geheimdienste zu sehr interessieren, als dass Nelly Senff das Wenige glauben könnte, was sie über ihn weiß: Ist er wirklich tot? War er wirklich Übersetzer? Ist seine Mutter wirklich eine Deutsche?
Die zweite Erzählerin heißt Krystyna Jablonowska, ist eine Cellistin aus Stettin, etwas über 50, dicklich und prüde. Sie will ihren krebskranken Bruder in Deutschland behandeln lassen und hat ihrer Familie zu diesem Zweck teure Papiere gekauft, die eine deutsche Abstammung nachweisen.
Erzähler Nummer drei ist John Bird, ein farbiger Amerikaner, der für die alliierte Sichtungsstelle arbeitet, eine Behörde, die Empfehlungen für den Flüchtlingsstatus ausspricht, aber vor allem als Agentenfrühwarnsystem fungiert. Doch viel lieber wäre John Bird beim richtigen Geheimdienst, der CIA.
Schließlich Hans Pischke, ein Schauspieler, der ein Lenin-Denkmal mit roter Farbe überkippte und dessen Flucht in den Westen missglückte,
so dass er vier Jahre im Ge-
fängnis sitzen musste - bis er freigekauft wurde. Die Wege dieser vier kreuzen sich im Aufnahmelager Berlin-Marienfelde, irgendwann Ende der Siebziger, als im Radio ständig "Rivers of Babylon" von Boney M. lief.
Notaufnahmelager, das heißt: Insassen tauschen Wurstmarken ("Teewurst und Bierschinken") gegen Käsemarken (Schmelzkäse oder "stark riechenden Tilsiter der einfachsten Sorte") und müssen die Lagerleitung um Erlaubnis bitten, wenn sie eine Nacht außerhalb des Lagers verbringen wollen. Wer nicht ohnehin mit Fremden in einem Raum leben muss, hört durch die Wände alles von ihnen, was man nicht hören will: Babygeschrei, Streitereien, Schnarchen, Raucherhusten, Wichsgeräusche, Verzweiflungsausbrüche.
Doch es sind weniger die äußeren Umstände, durch die sich der Westen entzaubert. "Du hast vielleicht den Osten verlassen und ich das Gefängnis dort", sagt Hans Pischke zu Nelly Senff. "Aber wo bist du gelandet? Ist dir nicht aufgefallen, dass wir in einem Lager wohnen mit einer Mauer drum herum, in einer Stadt mit einer Mauer drum herum, mitten in einem Land mit einer Mauer drum herum. Du meinst, hier drinnen, im Innern der Mauer, ist der goldene Westen, die große Freiheit?"
Fast mit der Konsequenz eines Brechtschen Lehrstücks nimmt sich Julia Franck die Verheißung des Westens vor, den Kern seiner Ideologie: die Freiheit. In diesem Zusammenhang kommen die provozierendsten Passagen des Romans.
"Was für mich zählt, ist unsere Freiheit, und die Bedingungen werde ich bewahren und schaffen." Für die Freiheit hat John Bird als Hubschrauberpilot vietnamesische Landstriche verwüstet, für die Freiheit verschweigt er seiner Frau alles Berufliche, selbst die Adresse seiner Arbeitsstelle. Zu Nelly sagt er: "Was ich von Ihnen wie auch von anderen Menschen verlange, ist lediglich die Demut vor der Unabhängigkeit und Freiheit, die Sie erfahren dürfen, sobald Sie dem Ostblock entkommen sind."
Doch was die Neuankömmlinge aus dem Ostblock tatsächlich erfahren, sind nicht Unabhängigkeit und Freiheit, sondern nur eine andere Art von Abhängigkeit und Unfreiheit. "Wofür ist die ganze westliche Freiheit da, wenn nicht zur Entscheidung", sagt Nelly Senff, als sie, die Chemikerin, ein Arbeitsangebot als Aushilfe im Getränkemarkt ablehnt. Auch dem Schauspieler Hans Pischke wird geraten, sich nach was anderem umzuschauen - in Schleswig-Holstein werden Besamer gesucht. Oder U-Bahn-Fahrer, das wäre ''ne sichere Beamtenkarriere.
Die Freiheit kommt daher als die Freiheit, Bausparverträge abzuschließen. Sich dem zu widersetzen ist nicht opportun. "Da kommt ihr hierher, ja, ohne alles, ja, ohne Winterschuhe und ohne Waschmaschine, ja, nicht mal die Wäsche für ''ne Waschmaschine reicht, ja, ohne Dach überm Kopf und ohne jede Mark, ja, und haltet die Hände auf und nehmt und lehnt ab, stellt Ansprüche, ja."
Doch auch anderes ist bemerkenswert in diesem Buch. Zum Beispiel diese Nelly Senff, die darauf beharrt, nur aus privaten Gründen ausgereist zu sein - in ein Land, das allein aus Orten besteht, die nicht von der Erinnerung an den Vater ihrer Kinder besetzt sind. Oder die Geschichte ihrer Kinder, acht und zehn, die in der Schule gemieden, verspottet und verprügelt werden, bis sie mit "bei uns" das Land meinen, aus dem sie gekommen sind. Oder dass Julia Franck das Kunststück fertig bringt, trotz ihres Themas scheinbar mühelos über 300 Seiten die nichts sagenden und literarisch tödlichen drei Buchstaben DDR zu meiden. An schönen Sätzen ist hier übrigens kein Mangel.
Julia Franck wird sich mit diesem Buch viele Feinde machen. Zum Beispiel die Freunde der alten Bundesrepublik, denen ein merkwürdiges Missverhältnis in den deutsch-deutschen Reflexionen sauer aufstoßen dürfte: Während die DDR weithin mit mildem, fast liebevollem Spott literarisch entsorgt wird, muss die alte Bundesrepublik hier ungnädige Betrachtung über sich ergehen lassen.
Wenn die DDR so putzig war, wie wir des Öfteren lesen, und die Bundesrepublik so entseelt wie in "Lagerfeuer" - wieso kamen sie dann, die knapp vier Millionen? Wer so fragt, verkennt, dass der Gang der Geschichte einem Schriftsteller eine bestimmte Perspektive geradezu aufdrängt. Die DDR, das böse Tier, ist tot - und an der Leiche darf ausgelassen gefeiert werden. Die alte Bundesrepublik jedoch lebt, leicht abgewandelt, fort - und daher verdient sie es, ganz anders maßgenommen zu werden.
"Julia Franck wurde 1970 in Ost-Berlin geboren. 1978 reiste die Familie aus." So heißt es lapidar im Klappentext. Julia Francks Antrieb zu diesem Roman war also vermutlich eine autobiografische Erregung. Doch die eigene Geschichte hat sie nicht so traumatisiert, dass ihr eine souveräne Annäherung an das Thema unmöglich wurde. Im Gegenteil. Aus dem persönlichen Betroffensein erwachsen ihr Kompetenz und eine starke Haltung. Ein Glücksfall: "Lagerfeuer" ist ein ganz bemerkenswerter Roman.
* In Berlin-Marienfelde (1958). ** Julia Franck: "Lagerfeuer". DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 304 Seiten; 19,90 Euro.
Von Thomas Brussig

DER SPIEGEL 40/2003
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