06.10.2003

POLENGefräßiger Feind

Die legendäre Gewerkschaft Solidarnosc versucht ein Comeback. Für den Herbst hat sie eine ganze Serie von Protestaktionen gegen die postkommunistische Regierung von Ministerpräsident Leszek Miller angekündigt. Sogar über einen Generalstreik will die Gewerkschaftsführung ihre Mitglieder abstimmen lassen. Vor zwei Jahren hatte Millers Partei, das Demokratische Linksbündnis (SLD), der damals zutiefst zerstrittenen Solidarität eine schwere Wahlniederlage beigebracht. Danach wurde es still um die Gewerkschaft. Vorboten eines Wiedererstarkens waren in diesem Sommer einige von der Solidarität organisierte Streiks in Betrieben, denen die Schließung droht. In Warschau lieferten sich Mitte September mehrere tausend Bergleute Straßenschlachten mit der Polizei. Sie verlangen, die Arbeitsplätze in der hoch subventionierten und nur zum Teil privatisierten Schwerindustrie zu retten. "Damals war unser Feind der Kommunismus, heute ist es der gefräßige Kapitalismus", sagt Zbigniew Kowalski, Gewerkschaftsführer einer bestreikten Waggonbau-Firma im westpolnischen Ostrów Wielkopolski. Zu ihren besten Zeiten 1980 und 1981 bekannten sich fast zehn Millionen Polen zur Solidarität, mit Lech Walesa stellte sie den ersten nichtkommunistischen Präsidenten nach der Wende. Heute hat sie kaum Rückhalt bei jungen Leuten und nur noch 830 000 Mitglieder - gerade mal fünf Prozent der polnischen Arbeiter. Statistisch verliert Solidarnosc täglich 88 Mitglieder. Sympathien für Walesas heutigen Nachfolger an der Gewerkschaftsspitze, Janusz Sniadek, bekundet lediglich ein Prozent der Polen.

DER SPIEGEL 41/2003
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