13.10.2003

VATIKANKein neuer Mose

Seine Anhänger bejubeln ihn wie eine Pop-Ikone: Diese Woche ist der schwer kranke Papst Johannes Paul II. 25 Jahre im Amt. Die Kardinäle aus aller Welt reisen nach Rom, um ihn zu feiern - aber auch, um die Nachfolge des Greises zu sondieren.
Schmerz zerreißt ihm den Kopf. Arme und Hände zucken und zittern. Atemnot nimmt ihm die Sprache. Er kann nicht gehen. "Bald", sagt er, werde er "vor Gott treten". Es steht nicht gut um Papst Johannes Paul II.
Seit dem 16. Oktober 1978 sitzt der Pole Karol Wojtyla auf dem Chefsessel der römisch-katholischen Kirche und macht Furore wie keiner vor ihm: Ein Papst, dem politisch "weder Moskau noch New York" gefällt, ein Glaubensdogmatiker, der unbeirrt gegen den Zeitgeist ficht, ein Missionar, der mehr als eine Million Kilometer Strecke machte und vor schätzungsweise 250 Millionen Menschen predigte, die ihm zujubelten wie kaum jemandem zuvor.
Kein Papst vor ihm hat die Kirche so geprägt und die Welt so beeindruckt. Und nun kann er kein Ende finden. Auch Jesus sei "nicht vom Kreuz gestiegen", weist er jeden Gedanken an Amtsverzicht von sich.
So erleben Millionen Menschen den Verfall seines 83-jährigen, von einem Atten- tat und von Krankheiten geschwächten Körpers mit: zu Hause vor dem Fernseher oder vor Ort in Rom, wo sich Johannes Paul II. zweimal die Woche vor Tausenden Gläubigen durch eine liturgische Mammutshow quält.
Auch vergangenen Mittwoch wurde die Kultfigur der katholischen Welt wieder im offenen "Papamobil" zur Generalaudienz auf den Petersplatz gefahren: ein paar Schleifen durch die Menge, dann die Stufen hinauf zum riesigen, mit rotem Samt bespannten Baldachin vor den gigantischen Türen von Sankt Peter, dort umgesetzt auf den Roll-Thron und an den Bühnenrand geschoben. Der Papst atmet schwer, spricht nasal, mit vielen Pausen, ist kaum zu verstehen. Aber was er über die Bedeutung des Vesper-Gebets im katholischen Leben erzählt, interessiert ohnehin nur wenige. Es geht um ihn, Karol Wojtyla Superstar. Hoch über die Köpfe werden die Digitalkameras gereckt, vorgeschobene Beobachtungsposten, die den Moment verewigen sollen. Dabei wirkt der Protagonist so vergänglich. Seine Stimme zittert wie seine Hand. Während die Menge "Papa, Papa" jubelt, stützt er den Kopf, der ihm zu schwer geworden scheint.
Nicht nur unter den Pilgern und Touristen vor dem Petersdom, auch im Sperrbezirk hinter den vatikanischen Mauern ist in diesen Tagen der desolate Gesundheitszustand des Papstes das zentrale Thema. Bekommt er Sauerstoffdosen, kann er noch ohne Hilfe essen? Und: Kann er sich bei seinen Schmerzen überhaupt noch konzentrieren?
Längst ist im Kirchenstaat die Diskussion um die Nachfolge des siechen Pontifex entbrannt. Nicht zum ersten Mal, aber erstmals vermischt mit kritischen Tönen. Die katholische Kirche sei "in einer dramatischen Lage", klagt ein Priester in vertraulicher Runde, und "all die Reisen und die Events" des Papstes hätten daran "nichts geändert". Im Gegenteil: "Den Papst bewundere ich", höre man überall auf der Welt Menschen sagen, "aber die Kirche kann mir gestohlen bleiben."
Glaubenskonflikte und Unterdrückung in vielen Teilen der Dritten Welt stünden einer religiösen Leere in den westlichen Konsumgesellschaften gegenüber, die, so die Kritiker, dort von den Kirchen nur kaschiert würde.
In Deutschland, Italien, Frankreich oder in den USA, zürnt ein Vatikan-Theologe, "bekennen Katholiken jeden Sonntag in der Kirche lauter Sachen, die sie gar nicht glauben". Und Johannes Paul II., was tue der? Er halte sich am Rosenkranz fest.
Sein Nachfolger, so der Tenor der verschwiegenen Gespräche, dürfe kein "neuer Mose" sein, wie Wojtyla, sondern einer, der sich weniger um die Welt und mehr um die Kirche kümmere.
Es ist ein konservativer Wind, der da weht. Hardliner, denen selbst der gestrenge Pole Wojtyla nicht streng genug ist, wo es um die Glaubensfundamente geht, geben den Ton an. Einer ihrer Wortführer ist der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger, der jetzt zum ersten Mal auch in italienischen Zirkeln als "papabile", als Papst-Anwärter, eingestuft wird. Tatsächlich hat er wohl nur geringe Chancen. Denn die 135 wahlberechtigten Kardinäle - jene, die der Papst kommende Woche offiziell ernennt, schon mitgerechnet - müssen sich mit Zweidrittelmehrheit auf einen aus ihrer Mitte einigen. Da gewinnt selten der Purist, eher jener, der bei vielen Strömungen und Blöcken Zustimmung findet.
Das trauen die Auguren zum Beispiel dem Mailänder Erzbischof Dionigi Tettamanzi zu. Der 69-jährige Moraltheologe mit freundlich-bäuerlichem Aussehen und gewitztem Verstand ist nicht nur einer der Favoriten der eher liberalen Kirchenfürsten, etwa des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann. Auch bei den Apparatschiks der römischen Kurie und beim konservativen Block um Ratzinger hat er einen guten Ruf. Der Mailänder führe, sagen Vatikan-Insider halb spöttisch, halb achtungsvoll, "einen exzellenten Wahlkampf".
Zudem ist der 24 Kardinäle starke italienische Block entschlossen, bei der nächsten Wahl wieder einen Landsmann in das katholische Spitzenamt zu hieven, wie es jahrhundertelang Brauch war, bis der Pole kam. Schließlich ist der Papst zugleich Bischof von Rom. Wenn es für Tettamanzi nicht reicht, stehen der Patriarch von Venedig, Angelo Scola, 62, der mächtige Präfekt der Bischofskongregation, Giovanni Battista Re, 69, sowie Camillo Ruini, 72, Vertreter Johannes Pauls II. als Bischof von Rom, ganz vorn auf der Italo-Liste.
Aber die einstige Macht der Italiener ist in der Amtszeit Johannes Pauls II. geschrumpft. Waren 1978 noch 24 Prozent der Papst-Wahlmänner Italiener, sind es jetzt nur noch 17 Prozent (siehe Grafik Seite 122).
Kräftig gewachsen ist derweil das Gewicht der spanisch-portugiesischen Sprachgruppe. Lateinamerika, dort lebt beinahe die Hälfte aller Katholiken, stellt 24 Papst-Wähler, dazu kommen 6 spanische und 2 portugiesische. Das macht ein Stimmgewicht von 24 Prozent für den Ibero-Latino-Block. Und nicht wenige Kirchenvertreter Asiens und Afrikas votierten, wenn die eigenen Leute keine Chancen hätten, so heißt es, lieber für einen Südamerikaner als für einen Europäer oder gar einen US-Kandidaten.
So tauchen im "Papa-Toto", wie italienische Spötter die Papst-Spekulationen tauften, gleich mehrere Kandidaten aus Lateinamerika auf: vergleichsweise junge Erzbischöfe wie Juan Luis Cipriani Thorne, 59, aus Peru, Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga, 60, aus Honduras und Norberto Rivera Carrera, 61, aus Mexiko. Aber auch der 74-jährige Kolumbianer Darío Castrillón Hoyos, der etliche Sprachen spricht, auch Deutsch, und viele Freunde unter den konservativen Europäern hat.
Die gemäßigt liberalen Katholiken-Fürsten sähen dagegen lieber den Mann aus Honduras, Rodríguez Maradiaga, auf dem Petrus-Thron. Auch dem Erzbischof von São Paulo, Cláudio Hummes, und dem Kolumbianer Alfonso López Trujillo, 67, stockkonservativer Chef des "Päpstlichen Rates für die Familie", werden Außenseiterchancen eingeräumt.
"Das Problem der Latinos", so ein Vatikan-Experte, könne freilich sein, dass sie zu viele "papabili" hätten und es am Ende ausgehe wie 1978. Damals hätten sich die Anhänger der zwei favorisierten Italiener, der Kardinäle Siri und Benelli, gegenseitig blockiert. Im achten Wahlgang habe dann plötzlich der Pole Wojtyla 98 von 111 Stimmen bekommen.
In solchen Patt-Situationen ist alles möglich. Dann könnte die Mehrheit sogar den ersten Papst mit schwarzer Haut küren. "Wir haben wirklich große Figuren", warb kürzlich der nigerianische Kardinal Francis Arinze öffentlich für die Wahl eines Afrikaners. Tatsächlich käme für den Fall wohl vor allem einer in Frage: Arinze selbst.
Der Mann aus einer traditionellen Ibo-Familie, bei irischen Missionaren eingeschult, mit 32 der weltweit jüngste Bischof, ist meist fröhlich und im Ton konziliant - aber in der Sache so orthodox wie die Ratzinger-Truppe. So war es gewiss nicht nur dahergeplappert, als der Kardinal sich vor geraumer Weile öffentlich über einen Afrikaner als nächsten Papst Gedanken machte: Das wäre doch "ein schönes Zeichen für die gesamte Christenheit".
Tatsächlich scheinen die Chancen Arinzes genauso marginal zu sein wie die für einen Kandidaten aus der eher liberalen Seilschaft. Die Kardinäle aus Mitteleuropa und
den USA, der Kern dieser Gruppe, vertreten Kirchen, die in den Augen vieler Drittwelt-Katholiken weitgehend zum Hort sinnentleerter Attitüden verkümmert sind. Den "Konfliktkirchen" - unterdrückt wie in China, bekämpft wie in Indonesien - und den "Armutskirchen" Lateinamerikas und Afrikas haben die Liberalen wenig anzubieten. Allenfalls der Klerus Osteuropas - mit der Erfahrung eines halben Jahrhunderts als verfemte Minderheit - hat bei ihnen Glaubwürdigkeit. Deshalb ruhen die Hoffnungen der gemäßigten und moderneren Kirchenleute heute vielleicht weniger auf dem Wiener Erzbischof Christoph Schönborn, 58, als etwa auf dem Tschechen Miloslav Vlk, 71.
Wenn diese Woche alle Kardinäle dieser Welt, die nicht gerade bettlägrig sind, sich in Rom einfinden, um das Dienstjubiläum ihres Chefs mit Symposien, Gottesdiensten und einem Konzert zu feiern, dann geht, bei aller Pietät, der Wahlkampf kräftig los. Das Konsistorium, die Vollversammlung der Purpurträger zur Aufnahme ihrer neu ernannten Kollegen in der nächsten Woche, werde dann schon ein "Konklave zur Probe", witzelt ein Kirchenbediensteter.
Auch der Mann, um dessen Nachfolge es geht, arbeitet schon für den Tag danach. Er hat das Kardinalskollegium aufgefüllt, wichtige Ämter im Vatikan neu besetzt.
Enge Freunde sind versorgt, wie sein Privatsekretär Stanislaw Dziwisz, der Erzbischof in Polen wird. Ende der Woche wird er Mutter Teresa selig sprechen, dann hat er seiner Kirche fast 1800 neue Selige und Heilige beschert, mehr als alle seine Vorgänger insgesamt.
Als robuster Sportler hatte Wojtyla 1978 das Amt übernommen - Skifahrer, Bergwanderer, Schwimmer -, er hat in 130 Nationen die Erde geküsst, hat die Großen der Weltpolitik empfangen, mit Bob Dylan gesungen, schwülstige Mariengedichte geschrieben. Was bleibt ihm jetzt?
Noch einmal, ein letztes Mal, nach Polen. Das wäre sein Traum, offenbarte er dem Warschauer Regierungschef Leszek Miller, "so Gott will". Es wäre eine Dramaturgie nach Maß, eine, die so recht zu ihm passte: eine mythische Symbiose von Anfang und Ende.
Doch es ist ungewiss, ob sein fragiler Körper das noch zulässt. Die Jubiläumsfeiern fordern ihm in dieser, für ihn wohl strapaziösesten Woche des Jahres, Zusätzliches ab. Vielleicht war die Zwei-Stunden-Visite per Hubschrauber nach Pompeji vorigen Dienstag schon die letzte Fahrt.
Nur mit einem eigens konstruierten Mini-Fahrstuhl konnte er den Helikopterein- und -ausstieg bewältigen. "Betet hier für mich", flüsterte er ins Mikrofon, "jetzt und immer."
Und seine Fans sind zugleich auf eine seltsame, verworrene Art gnadenlos: Ganz locker sprechen sie über die Zeit nach seinem Tod, während sie zusehen, wie er sich leidend müht. "Für mich", sagt eine junge Italienerin auf dem Petersplatz in Rom mit Glanz in den Augen, "ist er schon heilig." Sein Tod werde nur "eine zweite Geburt sein, der Eintritt ins Paradies".
Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu dem stillen Seufzer eines Vatikan-Angestellten: "Wenn der Papst stirbt", so wolle es der Brauch im Kirchenstaat, "bekommen wir ein doppeltes Gehalt." Die Sitte wurde schon vor langer, langer Zeit eingeführt, damit die Kirchenbediensteten nicht die Gemächer ihres Dienstherrn plünderten, kaum dass der verschieden war. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Am 2. Februar 1986 in Kalkutta.
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 42/2003
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