13.10.2003

„Die Zeit des Hasses ist vorbei“

Schirin Ebadi über Demokratie und Menschenrechte im Islam
SPIEGEL: Frau Ebadi, was haben Sie bei der überraschenden Nachricht aus Oslo empfunden?
Ebadi: Als mich ein Mitglied des Nobelkomitees anrief, war ich regelrecht geschockt. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass mein Name auf der Liste der Anwärter stand. Ich bin bewegt, erschüttert und geehrt.
SPIEGEL: Wie wird diese Auszeichnung wohl in Iran aufgenommen werden?
Ebadi: Der Preis gehört nicht nur mir, sondern allen, die für Demokratie und Menschenrechte kämpfen, ganz besonders in Iran. Es gibt in meiner Heimat viele Gruppierungen, die sich für mehr Freiheit und die Rechte von Frauen und Kindern einsetzen. Sie alle dürfen sich jetzt ermutigt fühlen.
SPIEGEL: Aber wird das Regime der Mullahs die Preisverleihung an Sie nicht als Kritik an seiner Herrschaft empfinden?
Ebadi: Wir werden sehen. Jeder, der in Iran für die Menschenrechte kämpft, hat gelernt, mit der Furcht zu leben. Ich sehe in dieser Ehrung noch eine andere Botschaft: Alle Reformen in Iran sollten friedlich in Gang gesetzt werden. Die Zeit des Hasses, der Gewalt und des Kriegs ist vorbei - aber auch die der Repression. Ich fordere die iranische Regierung auf, die Menschenrechte zu respektieren.
SPIEGEL: Viele Iraner, die sich dafür eingesetzt haben, sitzen im Gefängnis.
Ebadi: Ja, und ich wünsche, dass sie so schnell wie möglich freigelassen werden. Ich führe diesen Kampf seit über 20 Jahren und bin selbst verurteilt worden. Trotzdem habe ich nie die Hoffnung aufgegeben, dass in Iran eine friedliche Evolution hin zu demokratischen Grundsätzen stattfindet. Der Friedensnobelpreis verleiht mir die Energie, entschlossen weiterzumachen. Ich bin ein sehr optimistischer Mensch und glaube, dass es jeden Tag ein bisschen besser wird.
SPIEGEL: Auch für Frauen, die in fast allen islamischen Ländern unterdrückt werden?
Ebadi: Es ist nicht einfach, eine Frau in Iran zu sein. Nach wie vor sind viele diskriminierende Gesetze in Kraft. Dass ich als erste muslimische Frau mit diesem Preis ausgezeichnet worden bin, sollte die Frauen in der ganzen islamischen Welt mit Stolz erfüllen. Die Ehrung ist ein Signal dafür, dass Islam und Menschenrechte nicht unvereinbar sind.
SPIEGEL: Sind die Menschenrechte ein universell gültiges Prinzip, oder halten Sie kulturelle Ausnahmen für zulässig?
Ebadi: Die Menschenrechte sind einzigartig und überall gleich, sie können nicht von Land zu Land unterschiedlich ausgelegt werden. Die Kulturen sind verschieden, aber das setzt die Geltung der Prinzipien nicht außer Kraft. Es gibt nur unterschiedliche Wege, sie durchzusetzen.
SPIEGEL: Gibt es ein Recht auf Einmischung im Namen der Menschenrechte und der Demokratie, wie es die USA jetzt im Irak für sich beanspruchen?
Ebadi: Nein, der Kampf muss im Innern eines Landes und einer Gesellschaft geführt werden. Jede fremde Einmischung erschwert dieses Ringen um die Freiheit nur. Kein Staat hat das Recht, einem anderen seinen Willen aufzuzwingen, und wäre es, um das Gute durchzusetzen. Meistens wird das Gegenteil dabei herauskommen.
SPIEGEL: Die Intervention im Irak wird letztlich erfolglos bleiben?
Ebadi: Sehen Sie sich doch die Lage im Irak oder in Afghanistan an. Werden die Menschenrechte jetzt dort respektiert? In keiner Weise! Die US-Präsenz ist verhängnisvoll. Solange die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nicht erfüllt werden, bleibt der Aufbau von Demokratie unmöglich. Jedes Volk muss das Recht haben, sich selbst zu befreien und seinen eigenen Weg zu finden, ohne Gewalt und Revolution. Dem widme ich als Frau, Muslimin und Anwältin mein Leben.
SPIEGEL: Was sagen Sie denn den Palästinensern, die ihren Kampf für einen eigenen Staat mit äußerster Gewalt führen?
Ebadi: In Palästina findet ein ungleicher Krieg statt. Ich verurteile die Gewalt der israelischen Armee. Aber ich bin auch schockiert über die Selbstmordattentate, vor allem, wenn sie im Namen des Islam verübt werden. Nach meinem Verständnis ist der Islam absolut vereinbar mit einer modernen Demokratie. Das sollten gute Muslime auch in ihrem berechtigten Streben nach Freiheit berücksichtigen.
SPIEGEL: Der Papst, selbst als Kandidat für den Friedensnobelpreis im Gespräch, hat Ihnen gratuliert. Halten Sie einen Dialog zwischen Islam und Christentum für möglich?
Ebadi: Ich fühle mich durch die Glückwünsche sehr geehrt. Papst Johannes Paul II. hat mir immer Respekt eingeflößt. Ich rechne es ihm hoch an, dass er sich deutlich gegen Amerikas Irak-Krieg ausgesprochen hat. Auf seine Weise führt er in mancher Hinsicht einen ähnlichen Kampf wie ich - für die Freiheit und die Würde des Menschen, für Frieden, Toleranz und Dialog. INTERVIEW: ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 42/2003
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