13.10.2003

NAHOSTVerheerende Versuchung

Der israelische Luftangriff auf ein angebliches Terroristenlager setzt Syriens Staatschef Assad unter Druck. Während Israels Premier Scharon mit weiteren Militärschlägen droht, ist die Kamarilla um Palästinenserführer Arafat zerstrittener denn je.
Vor der vermeintlichen Schaltzentrale des internationalen Terrorismus spielen ärmlich gekleidete Kinder Fußball. Einzig die Parole auf den vergilbten Postern an der Wand des dreistöckigen Gebäudes im Jarmuk-Viertel von Damaskus lässt erahnen, dass sich über dem Krämerladen mit der stets offenen Tür mehr verbirgt als nur irgendeine armselige Wohnung.
"Wir kehren zurück", lautet die Losung, die fett unter einer kämpferisch gereckten Faust steht. Daneben kleben verblichene Fotos meist jugendlicher Palästinenser, die im "heldenhaften Kampf" gegen Israel den Tod gefunden haben - willkommen im Hauptquartier des Islamischen Dschihad.
Doch gern gesehen sind Fremde im größten Flüchtlingslager Syriens nicht. "Wir müssen uns jetzt vor israelischen Spionen in Acht nehmen", entschuldigt der Zeitungsverkäufer Ali abweisende Mienen. Das Dschihad-Büro ist denn auch längst verlassen. "Die sind auf Urlaubsreise", sagt Ali über seine Nachbarn. Der besorgte Blick des jungen Mannes verdeutlicht, dass er tatsächlich von Flucht spricht - und am liebsten gleich mit das Weite gesucht hätte. Denn seit Israels Premier Ariel Scharon am vorvergangenen Sonntag als Vergeltung für ein Selbstmordattentat des Islamischen Dschihad in Haifa den Befehl zum Luftangriff auf ein Camp der Organisation etwas weiter nördlich gegeben hat, fürchtet nicht nur der Dschihad-Nachbar den nächsten Angriff.
Als wollten die israelischen Militärs demnächst Teile von Damaskus in Schutt und Asche legen, veröffentlichten sie nur zwei Tage nach dem Luftschlag auf das längst geräumte Lager eine Art Stadtplan der syrischen Hauptstadt mit Hinweisen auf die Wohnungen einflussreicher Extremisten-Funktionäre - sie gelten nun in Israel als "legitime Ziele".
So soll Syriens Staatschef Baschar al-Assad nach Informationen der israelischen Armee in Damaskus etwa die Hamas-Führer Chalid Maschal und Mussa Abu Marsuk beherbergen. Überdies den Chef der "Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando", Ahmed Dschibril, und Ramadan Schallah, Generalsekretär des Islamischen Dschihad. Dessen Selbstmordattentäterin Hanadi Dscharadat hatte in Haifa 19 Menschen mit in den Tod gerissen.
Weltweit wächst seitdem die Angst vor einer Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts zu einem neuen Nahost-Krieg. In Kairo berief die Arabische Liga eine Sondersitzung ein. In New York verlangte Syrien die Zusammenkunft des Uno-Sicherheitsrats und die Verurteilung der "israelischen Aggression" - trotz zäher Verhandlungen um den Resolutionsentwurf vergebens.
Wie sehr die israelische Attacke selbst Jerusalems Freunde irritierte, zeigte die Reaktion von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Den Berliner Regierungschef überraschte die Nachricht bei Ägyptens Staatschef Husni Mubarak in Kairo, der ersten Station seiner Nahost-Reise. Das Verhalten Scharons, bekundete ein sichtlich betroffener Kanzler, sei "nicht akzeptabel". Von seinen Beratern auf die vergleichsweise harsche Verurteilung des Militärschlags hingewiesen, blieb Schröder auch im kleinen Kreis bei seiner Kritik an der israelischen Gewaltpolitik: "Ich stehe dazu." Irritiert sprach Jerusalem darauf im Berliner Außenamt vor.
Ein politischer Schnellschuss war Scharons Angriff, die erste militärische Auseinandersetzung mit dem Nachbarland auf dessen Territorium seit fast 30 Jahren, womöglich nur auf den ersten Blick. In Jerusalemer Sicherheitskreisen wird behauptet, die Demonstration sollte eine peinliche Schlappe wettmachen, die Israels Geheimdienst Mossad hinnehmen musste.
Auch wenn die Attentäterin von Haifa aus Dschenin im Westjordanland stammte, glaubt die Regierung Scharon Beweise dafür zu haben, dass der Islamische Dschihad von Syrien aus Terrorattentate gegen israelische Zivilisten plant und Selbstmordattentäter aus dem Gaza-Streifen und Westjordanland losschickt. In Damaskus abgehörte Gespräche sollen belegen, dass sich Dschihad-Generalsekretär Schallah bei einem "Treffen des palästinensischen Widerstands" als Organisator des Bombenattentats von Megiddo feiern ließ. In dem nordisraelischen Ort waren bei einem Selbstmordanschlag auf einen Bus Anfang Juni vergangenen Jahres 17 Israelis umgekommen. Schallah soll damals weitere, noch schlimmere Blutbäder angekündigt haben.
Über diplomatische Kanäle verlangte Israel ultimativ die Ausweisung von Schallah und dessen Kampfgefährten. Syriens Staatschef aber hält Widerstand gegen die Besatzungsmacht Israel für legitim: "Wir werden sie nicht ausweisen, weil sie unsere Gesetze nicht verletzt haben und weil sie keine Terroristen sind", verteidigte der syrische Staatschef seine Gastfreundschaft.
Um Schallahs habhaft zu werden, soll deshalb die Entsendung einer Mossad-Spezialeinheit nach Syrien beschlossen worden sein. Der Trupp sei vorvergangene Woche aufgeflogen, so heißt es, ohne an den Terrorführer heranzukommen. Weder die Syrer noch die Israelis äußern sich offiziell zu dem Vorfall. Er wäre die jüngste Pleite in einer Reihe von Misserfolgen, die dem früher so erfolgreichen Mossad in letzter Zeit unterliefen. Nun sollen vier Agenten in syrischer Untersuchungshaft sitzen. Sie gelten als weiteres Faustpfand in der Hand der Syrer und der von ihnen geförderten libanesischen "Partei Gottes" ("Hisbollah"), die immer wieder palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freizupressen versucht.
Syrien weist Israels Terrorvorwürfe - natürlich - empört zurück. Aber auch westliche Diplomaten in Damaskus gehen davon aus, dass Präsident Assad in der Tat keine Ausbildungslager palästinensischer Extremisten duldet. Dafür könnte schon eher der schwer kontrollierbare Libanon dienen. Hier, im syrischen Einflussbereich, sammeln sich seit Jahrzehnten bewaffnete Gruppen, allen voran die auch von Iran mitfinanzierte Hisbollah. Die hat erneut Hunderte junger Kämpfer in unmittelbarer Grenznähe zu Israel postiert.
Assad junior soll Terrorismus als politisches Machtmittel ablehnen. Der in London ausgebildete Augenarzt weiß nur zu gut, dass sich sein wirtschaftlich angeschlagenes Land den Zorn Amerikas kaum leisten kann. Wie um Scharon beizuspringen, brachte der Auswärtige Ausschuss des Repräsentantenhauses in Washington vorige Woche einen "Syria Accountability Act" auf den Weg. Danach könnten unter anderem Konten des "Terrorunterstützerstaates" in den USA eingefroren werden.
Allerdings ist der junge Herrscher in Damaskus von einer greisen Garde eingemauert, die noch immer alten Feindbildern verhaftet ist und wohl weiterhin radikale Palästinensergruppen und islamische Fanatiker gegen das verhasste "zionistische Gebilde" Israel hetzen möchte. Schließlich versteht sich Syrien traditionell als Speerspitze der arabischen Nation.
Die von Israel erstellte Damaskus-Karte mit Wohnsitzen der Terrorchefs wird von Regimekennern gleichwohl belächelt. So ist auf dem Stadtplan etwa die Wohnung des Hamas-Führers Marsuk markiert. Der aber lebt seit über zwei Monaten in Katar, mit Wissen der Amerikaner.
Der Luftangriff gegen Syrien verschaffte Scharon, der sich neben der blutigen palästinensischen Intifada mit anhaltenden öffentlichen Streiks, schwerer Wirtschaftskrise, Koalitionskrach und einer Korruptionsaffäre herumschlagen muss, nur eine kurze Ablenkung von den Sorgen an der Heimatfront. Zwar erklärten 65 Prozent in einer Umfrage die Attacke für "gerechtfertigt". Syrien habe einen Denkzettel durchaus verdient. Aber nur wenige loben den Einsatz der Luftwaffe als gelungen oder gar effektiv. Der Vergeltungsangriff bringe "keine Lösung für das Terrorproblem", kritisierte etwa der General a. D. und Arbeitspartei-Abgeordnete Matan Vilnai. Das Massenblatt "Maariv" nannte Scharon "einen der schlechtesten Premiers".
Nach palästinensischer Lesart wählte Scharon aber auch deshalb Syrien als Ziel, weil ihm in den besetzten Gebieten langsam die Optionen ausgingen. "Was soll er hier noch tun? Wieder Betlehem besetzen oder nach Ramallah einrücken? Das hatten wir doch alles schon so oft", moniert der Politologe Zakaria al-Qaq.
Die Palästinenser, die dennoch eine neue große Militäroperation in ihren Städten fürchten, diskutieren bereits über das drohende Ende der palästinensischen Autonomiebehörde. Womöglich nur als Auftakt einer größeren Operation marschierten vorigen Freitag israelische Truppen in das Flüchtlingslager Rafah ein und lieferten sich heftige Gefechte mit palästinensischen Kämpfern. Israel behauptet, dass sich Extremisten durch Tunnel aus Ägypten Waffen verschaffen.
Hilflos steht der neue palästinensische Premier Ahmed Kurei dem innerpalästinensischen Chaos und dem anhaltenden Terror gegenüber. Der Versuch, zumindest ein Notstandskabinett zu bilden, scheiterte vergangenen Donnerstag sowohl an der Fatah als auch am Widerstand des palästinensischen Übergangsparlaments. Frustriert bot er Arafat seinen Rücktritt an. Kurei wirft dem Autonomiechef vor, ihn zu umgehen, um alle Macht zu behalten.
Doch Arafat kämpft nicht nur um sein politisches Überleben. Palästinensischen Angaben zufolge leidet der Präsident zwar nur an Grippe und Gastritis. Zum Wochenende aber gab es Hinweise auf Magenkrebs. Israelische Zeitungen wollten sogar erfahren haben, der "Raïs" spucke schon Blut.
Der israelische Publizist und Friedensaktivist Uri Avnery, der aus Solidarität in Arafats zerschossenem Hauptquartier, der Mukataa, campiert hatte, gibt dagegen Entwarnung: Arafat arbeite "schon wieder wie verrückt". DIETER BEDNARZ,
ANNETTE GROßBONGARDT, VOLKHARD WINDFUHR
* Mit einem Bild ihrer Tochter Hanadi.
Von Dieter Bednarz, Annette Großbongardt und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 42/2003
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