13.10.2003

DICHTER„Das habe ich ihm reingeschoben“

Wolf Biermann über seine sehr freie Übersetzung eines langen Gedichts von Bob Dylan, seine Begeisterung für die Songs des Amerikaners und die Chance auf ein Treffen der beiden Liedermacher während Dylans Deutschland-Gastspiel in dieser Woche
SPIEGEL: Herr Biermann, Sie haben Bob Dylans frühes Poem "Eleven Outlined Epitaphs" aus dem Jahr 1964 auf sehr eigenwillige Weise ins Deutsche übertragen. Hat Sie je der Gedanke gestreift, dass Sie mit Ihren "Elf Entwürfen für meinen Grabspruch" viele der deutschen Dylan-Kenner auf die Palme bringen könnten*?
Biermann: Zum Glück nicht, sonst hätte ich es ja nicht gemacht: aus lauter Angst. Dabei behaupte ich gar nicht, dass ich ein Dylan-Kenner bin, und ich trete auch nicht zu einem Wettkampf an. Denn eines unterscheidet mich von all diesen Leuten: dass ich Deutsch kann.
SPIEGEL: Geht''s nicht erst mal darum, dass man Englisch kann?
Biermann: Nein, und das wissen Sie natürlich. Mein Englisch ist sehr schwach, geradezu lächerlich. Trotzdem habe ich auch schon Shakespeare-Sonette übersetzt. Denn jeder Laie ahnt doch: Der Junge kann sich helfen lassen - von Leuten, die in beiden Sprachen zu Hause und ausreichend gebildet sind. Ich sage es jetzt etwas überscharf:
Es ist vollkommen egal, ob man die Sprache, aus der man übersetzt, versteht oder nicht. Ob ich übersetzen kann, hängt ausschließlich davon ab, ob ich in meiner eigenen Sprache ein Gedicht schreiben kann.
SPIEGEL: Das tun Sie hier mit großem Überschwang. Aber wieso dichten Sie Dylan zu Biermann um und erfinden ganze Zeilen wie "Und sein will ich nichts. Ich will werden ...", die es im Original gar nicht gibt?
Biermann: Das soll mir erlaubt sein, anderen nicht. Dafür hat Dylan das Glück, dass ich es gemacht habe. Er hat ja auch was davon.
SPIEGEL: Aus "He''s a crazy man" wird schon mal "Der is mit Selbstbegeisterung bekotzt". Hat Sie da nicht auch Selbstbegeisterung hinweggeschwemmt?
Biermann: Ich habe meinen Text kürzlich Freunden vorgelesen, und ich musste selbstkritisch zugeben: Er ist nicht schlecht. Also: immer noch lebendig, frech, aufreizend; verstörend im allerbesten Sinne.
SPIEGEL: Trotzdem noch mal: Wie kommen Sie dazu, dem Dichter Dylan viele Zeilen hinzuzufügen und ihm Worte unterzuschieben wie "Apokalypse", "Panik", "Menschheit", "Weltgeschichte", die allesamt im Original nicht vorkommen?
Biermann: Das habe ich ihm reingeschoben, wie man einem alten Mütterchen vor der Grenze ein Pfund Kaffee in den Korb schiebt und ihn nach der Grenze wieder zurückklaut.
SPIEGEL: Hätten Sie sich solche Frechheiten auch mit Shakespeare erlaubt?
Biermann: Nein.
SPIEGEL: Warum dann bei Dylan, den Sie doch so hoch schätzen, dass Sie sogar den Literatur-Nobelpreis für ihn fordern?
Biermann: Weil es sich bei diesem Text um ein Frühwerk handelt. Das hat Dylan, ohne Übertreibung, rausgerotzt. Es ist die Antrittsrede eines Dichters, mit der ganzen Unverschämtheit des Anfängers. Sehr amerikanisch, das heißt intelligent und unverfroren, schnappt sich ein junger Mann frech den Tod - und dichtet, am Anfang seines Lebens, seinen Grabspruch. Und die Pointe dieses etwas langen Spruchs: Er kulminiert in dem besten Zitat, das man aus dem alten Europa beziehen kann - in den Zeilen des großen Engländers John Donne aus dem 17. Jahrhundert, wo sich die berühmten Worte finden: "Kein Mensch ist eine Insel für sich selbst ..."
SPIEGEL: Und sogar Bertolt Brecht kommt bei Dylan vor - ohne Ihre Nachhilfe.
Biermann: Stimmt, den habe ich ihm nicht reinschreiben müssen. Auch das freut mich. Und dass er sich selbst Bob Dylan nennt, der Junge aus Minnesota, der als Robert Zimmerman zur Welt kam! Nach dem Dichter Dylan Thomas!
SPIEGEL: Und Sie freuen sich an dieser Namenswahl, die man, falls die Story überhaupt stimmt, auch ein bisschen großspurig finden kann?
Biermann: Da ist einer, der der Welt ganz zu Beginn seiner Karriere gleich klar machte: So ist die Welt, so wird gedichtet, so müssen Menschen aussehen, die ich liebe, und so sind Leute, die ich zum Kotzen finde.
SPIEGEL: Die Pose ist Ihnen nicht ganz unvertraut.
Biermann: Ja. Ich erinnere mich an die gleiche Haltung bei einem Mann, der ich mal war. Das ist der Reiz für mich - dass ich mich in diesem Poem mit kaltem Auge und mit ironischer Distanz sehe: Ach, kleiner Biermann, das kenne ich ja! Geschützt durch brachiale Unwissenheit, Mangel an Lebenserfahrung und eine große Fresse. Die musst du auch haben. Wenn Verstand und Talent dahinter stehen, geht es - sonst wird es penetrant.
SPIEGEL: Ist es Zufall, dass Ihr Buch zu einem Zeitpunkt erscheint, an dem Dylan zu Auftritten nach Deutschland kommt und seine Plattenfirma eine digital aufpolierte Werkausgabe seiner CDs herausbringt?
Biermann: Dass das Buch jetzt erscheint, ist reiner Zufall. Ich habe das Poem schon vor zwei Jahren übersetzt und dachte, es würde noch 20 Jahre dauern, bis der Verlag die Rechte für eine Buchausgabe bekommt. Trotzdem hoffe ich, dass Ihr Presse-Kanaillen Recht behaltet: Vielleicht hatte mein Verlag wirklich den richtigen Riecher und macht nun ein tolles Geschäft.
SPIEGEL: Hoffen Sie, dass Dylan bei Ihnen vorspricht, wenn er Ende dieser Woche zwei Konzerte in Hamburg gibt?
Biermann: Wenn mein Verleger es schafft, ihm die englische Übersetzung meines Nachwort-Essays in die Finger zu spielen, dann würde es mich nicht wundern, wenn er hier an der Tür klingelt. Seine eigenen Gedichte muss man ihm ja nicht noch mal zurückübersetzen.
SPIEGEL: Doch! Das wäre sicher sehr überraschend für ihn.
Biermann: (lacht) Ich glaube allen Ernstes, der hätte daran großes Vergnügen. Ich jedenfalls hätte großes Vergnügen daran, wenn er mit meinen Gedichten so umspringen würde.
SPIEGEL: Wann haben Sie die Songs von Bob Dylan zum ersten Mal gehört?
Biermann: Das weiß ich nicht. Natürlich damals, als er berühmt wurde in den Sechzigern, die Songs hörte man schon auch in der DDR. Man hat sich das auf Tonband aufgenommen, auf Konserve. Ich kannte das, was jeder kennt - seine berühmten Lieder, "Don''t Think Twice, It''s Alright" und "Mr. Tambourine Man". Auf Band, mit all dem Rauschen, hatte das eine ganz besondere Aura. Walter Benjamin hatte ja nicht Recht, als er dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit jede Aura absprach!
SPIEGEL: Warum haben Sie Ihr erstes Dylan-Konzert erst 1997 erlebt, obwohl Sie bereits bei seinem ersten Deutschland-Auftritt im Jahr 1978 im Westen lebten?
Biermann: Keine Ahnung. Aus Scheu? Aus Hochmut? Man irrt sich über niemanden so grotesk wie über sich selbst. Mich hat es jedenfalls angestachelt, als ich ihn da gesehen habe. Ich habe ihn noch tiefer beneidet um sein Versteckspiel, das ich mir auf der Bühne nicht leisten kann.
SPIEGEL: Weil er anders als Sie das Publikums-Umarmen und dauernde Sich-selbst-Erklären nicht nötig hat.
Biermann: Ja. Das ist auch - nicht bloß - eine Charakterfrage. Aber davon versteh ich zu wenig. Ich will darüber nicht reden. Ich bin ja nicht mein eigener Psychoanalytiker. Aber es sind auch die Unterschiede zweier Gesellschaftsformen.
SPIEGEL: Heißt das, Sie durften nie so rätselhaft wie Dylan sein, weil Sie unter den Kommunisten dichteten?
Biermann: Aber ja! Das habe ich im Nachwort beschrieben: Sein Vorteil war Ort und Stunde seiner Geburt, mitten hinein in die bürgerliche Demokratie. Da kann man solche Spiele machen. In einem totalitären Regime ist man dazu verurteilt, langweilig immer die Wahrheit zu sagen über sich. Wenn Sie in einer Gesellschaft leben, wo allmächtige Parteibonzen und deren Spitzel es darauf anlegen, Sie im Kern zu zerstören, Ihnen die Identität zu rauben, dann halten Sie fast reflexhaft dagegen - und dann können Sie sich solche Eskapaden wie Dylan nicht leisten. Das ist der Unterschied. Und dass ich das jetzt so klar formulieren kann, verdanke ich Bob Dylan.
SPIEGEL: Also haben Sie mit Ihrer Übersetzungsarbeit vor allem sich selbst erkundet?
Biermann: Ich habe das gemacht, weil ich das Gedicht so kostbar finde. Ich bin ja keine Heilsarmee für Poesie und verplempere nicht meine Zeit. Wir alle wollen doch bei einem guten Gedicht vor allem uns selbst genießen. Wir wollen von einem Dichter nicht wissen, wie die Welt ist. Das wissen wir in der Regel besser. Wir wollen vom Dichter wissen, wie die Welt auf sein Gemüt wirkt - um uns selbst mit ihm vergleichen zu können. Deswegen muss der Dichter "ich" sagen im Gedicht. Nur darum, nicht aus Eitelkeit.
SPIEGEL: Ihr Buch wird vom Verlag als "Sensation" angekündigt, das Poem liege "nun zum ersten Mal in Deutsch" vor. Ist das nicht peinlich, wo es schon seit vielen Jahren eine Übersetzung von Carl Weissner in einer Dylan-Textausgabe des Verlags Zweitausendeins gibt?
Biermann: Das weiß ich doch! Das ist Blödsinn! Der Text ist vor fast 30 Jahren bei Zweitausendeins erschienen! Das weiß jeder, der auch nur ein bisschen über Dylan weiß! So eine Dusseligkeit! Dummes Zeug! Ich habe nicht den Hauch eines Interesses daran, mich da mit falschen Federn zu schmücken. Aber sophistisch könnte man sagen: Erst der Biermann hat''s ins Deutsche geholt, so wie Luther trotz der damals schon vorliegenden Übersetzungen die Bibel als Erster übersetzt hat. Die frühe Dylan-Übersetzung ist etwas für Leute, die so schlecht Englisch verstehen wie ich. Die neue jetzt ist für Leute, die so gut Deutsch können wie hoffentlich Sie.
SPIEGEL: Wem predigen Sie, Herr Biermann - etwa lauter bereits Bekehrten? Rennen Sie nicht offene Türen ein, wenn Sie nun Dylan als "Poeten dieser Zeit" preisen?
Biermann: Ich habe mehr Umgang mit Typen, die bis heute nur Walther von der Vogelweide kennen - und denen muss man Bob Dylan und sein Werk erklären.
INTERVIEW: VOLKER HAGE, WOLFGANG HÖBEL
Bob Dylan
ist nach eigenen Angaben ohne festen Wohnsitz und bereist seit Jahren in einer "endlosen Tournee" die Welt. Von Ende dieser Woche an gibt er auch wieder acht Konzerte in Deutschland. Der legendäre amerikanische Sänger (Foto von 1962), als Robert Zimmerman und Sohn jüdischer Eltern 1941 in Duluth (Minnesota) geboren, macht derzeit mit vielen Projekten von sich reden: In dem in den USA bereits angelaufenen Film "Masked and Anonymous", einer Art Science-Fiction-Western, spielt er neben Stars wie Penélope Cruz und Mickey Rourke und wirkte an Drehbuch und Musik mit. Während die mehrfach verschobene Veröffentlichung von Dylans Autobiografie nun wohl im nächsten Jahr erfolgen soll, plant Martin Scorsese eine Dokumentation über Dylans frühe Jahre, der exzentrische Regisseur Todd Haynes will eine fiktive Biografie drehen. Und Dylans Musik? 15 Album-Klassiker wie "Blood on the Tracks" und "Blonde on Blonde" hat der Plattenkonzern Sony gerade technisch aufgemöbelt als so genannte SACDs neu auf den Markt gebracht.
* Bob Dylan/Wolf Biermann: "Eleven Outlined Epitaphs/Elf Entwürfe für meinen Grabspruch". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 Seiten; 16,90 Euro.
Von Volker Hage und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 42/2003
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