20.10.2003

LOKALPRESSE„Nur noch Billigjournalismus“

Journalisten werden entlassen, Außenstellen geschlossen: Mit rigorosen Sparmethoden kämpfen Regionalblätter wie die Koblenzer „Rhein-Zeitung“ gegen die Finanzkrise - auf Kosten der Qualität: Die kritische Berichterstattung droht zu verschwinden. Von Bruno Schrep
Nebenan, in der Anzeigenaufnahme, wartet ungeduldig eine alte Frau, die unbedingt den Herrn Redakteur persönlich sprechen möchte. Wegen eines Kaktus der Spezies "Königin der Nacht". Sie wedelt mit einem Foto.
"Gleich, gleich", murmelt Lokaljournalist Elmar Hering, "keine Zeit." Auf dem Schreibtisch des 40-Jährigen stapeln sich Papierberge: Die Wanderfreunde "Hoher Westerwald" waren auf Tour im Altmühltal. Naturschützer der "Ortsgruppe Kroppacher Schweiz" laden ein zur Zugvogelbeobachtung. Der Schützenverein rüstet sich für ein Wettschießen mit Vorderladern.
"Muss alles noch umgeschrieben werden und auf die eine Seite", seufzt Redakteur Hering, schimpft bei Durchsicht der E-Mails auf einen freien Mitarbeiter. Wo, zum Teufel, bleibt dessen Bericht über das Jubiläum vom Stammtisch des Bundesliga-Fanclubs?
Und mit welchem Thema soll er aufmachen? Noch mal mit den Hornissen vom Weiher-Rundweg, die schon wieder einen Jogger angefallen haben? Mit der Vorschau auf die Stadtratssitzung in Bad Marienberg? Oder mit einem großen Foto vom Fest der Kirchengemeinde Dreifelden, wo bei einer Versteigerung alter Orgelpfeifen viel Geld für eine neue Orgel zusammengekommen ist?
Telefon und Handy klingeln gleichzeitig, der Computer spielt verrückt, es klopft. Die alte Frau mit dem Foto vom Kaktus will immer noch unbedingt zum Redakteur. Sie weint jetzt, denn der Kaktus, über den sie reden will, hat ihr einst ihr inzwischen verstorbener Sohn geschenkt.
"Keine Zeit", wehrt der Journalist gequält ab, "es dauert noch." Er muss schleunigst zum Zieleinlauf des Radrennens. Und eigentlich wollte er auch noch einen Kommentar über die Genehmigung einer Neonazi-Demonstration in Dreisbach schreiben.
Ein normaler Donnerstag bei der "Westerwälder Zeitung", Außenstelle Hachenburg: ungeduldige Besucher, Hektik, Termindruck.
Schon bald jedoch wird Büroleiter Elmar Hering viel mehr Zeit haben, als er möchte. Sein Arbeitgeber, der Koblenzer Mittelrhein-Verlag, hat ihm zum 31. Dezember gekündigt, betriebsbedingt, aus wirtschaftlichen Gründen.
Ein Schlag für den verheirateten Vater zweier kleiner Kinder. Ob der studierte Politologe wieder einen Redakteursjob bekommt, ist ungewiss: Mehr als 10 000 Journalisten sind derzeit in Deutschland arbeitslos, freie Stellen sind fast so selten wie ein Lottogewinn.
Ein Schlag auch für den Journalismus in der Region. Ob in Hachenburg, einer malerischen Kleinstadt mit restauriertem Schloss und historischer Altstadt, überhaupt eine Redaktionsvertretung bleibt, ist offen. Gleich nebenan ist die Demontage bereits vollzogen: Das Büro in der Nachbarstadt Westerburg ist seit Juli geschlossen. Schluss, aus, Ende.
Überall in der Republik ist der Prozess zu beobachten: Lokalteile werden ausgedünnt, Redaktionen geschlossen oder mit anderen zusammengelegt, Journalisten entlassen.
Die Krise der 350 Regionalzeitungen, ausgelöst durch den massiven Anzeigenschwund, gefährdet mittlerweile einen lieb gewonnenen Besitzstand deutscher Zeitungsleser: die Annehmlichkeit, bis in den kleinsten Winkel der Republik per Abonnement mit Nachrichten aus der großen, vor allem aber aus der eigenen kleinen Welt versorgt zu werden.
Der Spielbericht vom Dorfverein, die Glückwünsche zu Omas 80. Geburtstag, die ausführliche Würdigung der Gemeinderatssitzung, die Hintergründe einer Bürgermeister-Entscheidung - alles nicht mehr selbstverständlich.
Gefährdet ist auch ein Stück demokratischer Kultur. Der Journalist vor Ort, der seit Jahren die Verhältnisse kennt, der genau weiß, welche Bauvorhaben strittig sind, wer schon mal mit wem gekungelt hat, weshalb das neue Schwimmbad nun doch nicht rechtzeitig fertig wird - dieser Typus Journalist ist vom Aussterben bedroht.
Ersetzt wird er zunehmend durch Info-Zentren, zentral gesteuerte Schwerpunktredaktionen, in denen viele für vieles zuständig sind. Dort scheitern persönliche Kontakte oft schon am Zeitmangel, es wird mehr Wert auf Service und Unterhaltung gelegt als auf Recherche.
"Da geht ein Stück Lokaljournalismus unwiederbringlich verloren", prophezeit ein Redakteur der "Westerwälder Zeitung" in Montabaur. Künftig werde "weniger hinterfragt", "weniger zum Telefon gegriffen", "weniger gebissen".
Selbst Politiker beklagen die Entwicklung, obwohl sie oft genug zu den Gebissenen gehörten. "So manches Mal hab ich mich über Kommentare geärgert", gesteht Hachenburgs Bürgermeister Peter Klöckner. Was ihm früher lästig war, hat er inzwischen als wertvoll erkannt. Jetzt, da Journalist Elmar Hering gefeuert ist, kämpft der SPD-Mann um den Erhalt der Heimatredaktion.
Der Kommunalpolitiker appellierte an die Verantwortlichen der Zeitungszentrale, die Redaktion in Hachenburg keinesfalls aufzugeben. In Koblenz, dem Sitz des Mittelrhein-Verlags, sind in den vergangenen Wochen und Monaten viele Appelle eingegangen: aus Westerburg und aus Andernach, aus Montabaur und aus Kirn.
Die Sorge gilt dem Flaggschiff des Verlags, der "Rhein-Zeitung", einem der größten Regionalblätter Deutschlands: 235 000 Auflage, fast 900 Mitarbeiter, davon rund 140 Journalisten.
Ein überregionaler Teil, der in der Koblenzer Zentrale produziert wird, 19 Unterausgaben, die in Städten wie Mainz und Bad Kreuznach erscheinen, aber auch tief in der Provinz, im Hunsrück, im Westerwald, an der Mosel.
Das Heimatblatt, vom erzkatholischen Chefredakteur Martin Lohmann auf konservativen Kurs getrimmt, kämpft - wie so viele Regionalzeitungen - mit den Folgen des elektronischen Strukturwandels: Weil immer mehr Deutsche ihre Autos und Wohnungen im Internet suchen und anbieten und der Stellenmarkt weitgehend zusammengebrochen ist, sind die Anzeigen, mit denen sich die Zeitung zu 70 Prozent finanziert, dramatisch geschrumpft.
Verleger Walterpeter Twer, der die Führung des Familienunternehmens von seinem Vater übernommen hat und auch Publikationen wie "Wild und Hund", "Fisch & Fang", "Der Raubfisch" und den "Großen Visier Waffenkalender" herausgibt, reagiert mit rigorosem Personalabbau. Das Credo des begeisterten Hobby-Jägers: "Es wird ein klarer Schnitt gemacht."
Beim ersten Schnitt, von dem rund 120 Mitarbeiter betroffen waren, blieben die Redakteure noch verschont. Beim zweiten traf es dann auch 35 fest angestellte Journalisten - kein Wunder.
Der gelernte Druckingenieur Twer hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er Journalisten für eine Gattung hält, die viel zu viel Geld kostet. Tarifverträge seien "ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können".
Twers Alternative: Umwandlung der teuren Lokalredaktionen in eigenständige Tochtergesellschaften. Deren Mitarbeiter bekommen kein Tarifgehalt, sondern einen Bruttolohn von höchstens 2800 Euro, Weihnachts- und Urlaubsgeld entfallen ebenso wie die sonst berufsübliche zusätzliche Altersversorgung.
Beispiel Koblenz: Ausgerechnet am Stammsitz des Verlags wird zum 31. Oktober die Lokalredaktion aufgelöst. Nur 2 von 16 Redakteuren kommen in die neu gegründete rz-Rhein-Eifel GmbH, die anderen werden entweder versetzt oder demnächst - nach einer Übergangszeit - in vorzeitigen Ruhestand oder Altersteilzeit geschickt.
Die Journalisten der neuen Gesellschaft sind vorwiegend jung und vor allem billig. Ehemalige Volontäre sind darunter, aber auch Redakteure, denen betriebsbedingt gekündigt wurde und die jetzt - zu neuen Bedingungen - wieder angeheuert worden sind.
Zweimal habe die Umwandlung von Redaktionen schon prima funktioniert, frohlockt Verleger Twer. In Neuwied, dem Sitz der rz-Rhein-Wied GmbH, und in Bad Ems, dem Sitz der rz-Westerwald-Taunus GmbH, würden "junge, dynamische Redakteure" überwiegend "hervorragende Arbeit leisten". Der Preis: Die Redaktionsbüros in Linz, Lahnstein und Diez wurden geschlossen, mehrere Journalisten, die sich in der Region bestens auskannten, auf andere Posten abgeschoben.
"Jahrelange Erfahrung, Hunderte von Kontakten zählen nichts mehr", glaubt Joachim Rehbein, bis vor kurzem Redakteur beim "Oeffentlichen Anzeiger" in Bad Kreuznach. Auch bei der ältesten Zeitung des Mittelrhein-Verlags, gegründet 1848, wird die Redaktion 2004 in eine GmbH umgewandelt und neu besetzt. Die Außenbüros Bad Sobernheim und Meisenheim wurden bereits dichtgemacht.
Journalist Rehbein kündigte selbst, kam trotz seiner 52 Jahre in seinem alten Beruf als Lehrer unter. "Ich konnte mir doch ausrechnen, wann sie auch mich feuern", begründet er seinen Schritt.
Dabei war der gebürtige Kreuznacher ein begeisterter Lokalredakteur, Kenner der Stadtgeschichte, wochentags und an den Wochenenden als Reporter unterwegs, immer auf der Suche nach neuen Geschichten, neuem Stoff.
Doch als mit dem Sparzwang sein journalistischer Spielraum ständig enger wurde, verlor er den Spaß am Beruf: Es blieb immer weniger Zeit, Termine wahrzunehmen, mit Informanten zu reden, Hintergründe zu erforschen. Täglich stundenlang am Bildschirm zu sitzen und fremde Texte umzuschreiben, hielt er nicht mehr aus: "Redigieren statt recherchieren, das ist nicht mein Ding."
Hinzu kam die Endzeitstimmung in der Redaktion. Von Entlassung und Versetzung bedrohte Kollegen diskutierten nicht mehr über neue Projekte, sondern über ihre Existenzängste. "Einige legten sich wie wild ins Zeug, um sich abzulenken", erinnert sich Rehbein, "andere wirkten wie gelähmt."
Er selbst habe sich nur noch als "lästigen Kostenfaktor" empfunden, als rote Zahl im Haushaltsplan. Wie stark ihm dieses Gefühl zusetzte, spürte er bei einer Reportage über Arbeitslose. Statt sich beim Schreiben auf das Schicksal der Leute zu konzentrieren, ertappte er sich bei der Frage: Und was wird aus mir?
Dass ihm vor seinem Abschied noch ein kleiner Scoop gelang, macht den ehemaligen Lokalredakteur stolz bis heute: Mit mehreren Artikel verhinderte er, dass eine Sporthalle nach einem Basketballfunktionär mit nationalsozialistischer Vergangenheit benannt wurde. "Es hat einfach Spaß gemacht, etwas zu bewegen."
Ob künftig vom "Oeffentlichen Anzeiger" noch viel aufgedeckt wird, bezweifelt Carsten Pörksen, Bad Kreuznacher Landtagsabgeordneter. Die geplante "Ausdünnung der Redaktion", schrieb er an Verleger Twer, werde die Zeitung "wesentlich verändern, und zwar zu ihrem Nachteil". Schon jetzt würden "Aushilfs- und Honorarkräfte die journalistische Qualität nicht bringen, ja nicht bringen können".
Der Verleger ließ seine Sekretärin zurückschreiben: "Herr Twer ist nicht in der Lage, die Fülle von ,gesteuerten'' Briefen zu beantworten." Doch die Proteste, die aus allen Ecken des Verbreitungsgebiets in Koblenz eintreffen, sind nicht zu überhören.
Zum Beispiel aus Andernach. Die Garnisonsstadt am Rhein, in der Konrad Adenauer am 20. Januar 1956 die ersten Rekruten der neu gegründeten Bundeswehr begrüßte, bietet ihren über 30 000 Einwohnern viel: Es gibt an die 90 Kneipen, rund 80 niedergelassene Ärzte, 13 Schulen, 18 Kirchen und 3 Krankenhäuser. Nur die Geschäftsstelle und die Redaktion der "Rhein-Zeitung" am Marktplatz, die gibt es künftig nicht mehr. Ein Rückzug aus Kostengründen.
"Ein schlimmer Imageverlust", bedauert Barbara Vogt, die Verwaltungschefin. "Eine Stadt wie unsere und keine Zeitungsredaktion, ein Unding." Vergebens habe die Stadt gegen die Schließung protestiert, dem Blatt sogar städtische Räumlichkeiten angeboten, zum Vorzugsmietpreis, ohne Erfolg.
Andernachs Oberbürgermeister Achim Hütten sorgt sich indessen um die Qualität der Berichterstattung. "Kennen Sie einen Lokaljournalisten, der die Feinheiten des kommunalen Finanzausgleichs wirklich kapiert?", fragt er. "Der einen Haushaltsplan richtig lesen kann?" Die Antwort gibt Hütten selbst: "Der Rudi Bell, das war so einer."
Ach ja, der Rudi Bell. Obwohl er weg ist, reden in der Stadt noch viele von ihm. Wie gut er die Mentalität der Andernacher kannte. Wie kompetent er gewesen sei. Und wie umtriebig.
Mit Schließung der Redaktion ist er versetzt worden, der 56-jährige Rudi Bell. Den jungen neuen Mann von der rz-Rhein- Eifel GmbH, der künftig von zu Hause aus recherchieren soll, den kennt noch kaum jemand.
Rudi Bell dagegen kannten fast alle: Vereinsbosse, Kommunalpolitiker, Geschäftsleute. Wenn er durch die Fußgängerzone ging, meist eiligen Schritts, wurde er fast an jeder Ecke am Ärmel gezupft, mit Neuigkeiten gefüttert: "He, Rudi, hast du schon gehört?"
"So einer fehlt jetzt in Andernach", kritisiert Leser Martin Fuchs, Inhaber eines Zoogeschäfts. Einer, der in der Stadt nach
Themen suche, nicht auf Zusendung elend langweiliger Vereinsnachrichten warte. Damit sei der Lokalteil jetzt zugestopft, "eine Nichtachtung der Abonnenten". Schließlich beziehe er das Blatt nur wegen der Lokalnachrichten. "Wenn mich was in der Politik interessiert, lese ich sowieso die ''FAZ''."
Stinksauer auf die Zeitung ist auch Abonnent Rainer Schmelz. "Ich gucke nur noch rein, um zu sehen, wer gestorben ist", sagt der Optikermeister, auch Vorsitzender des Karnevalvereins "Stadtsoldaten". Seit Bells Versetzung sei die Berichterstattung "dünn und oberflächlich". Zu Veranstaltungen tauchten immer neue Gesichter auf, "meist freie Mitarbeiter".
Dennis Jäger ist so ein freier Mitarbeiter, eine Art Gegenmodell zu Rudi Bell: erst 26 Jahre alt, nicht an einen Ort gebunden, vielseitigst einsetzbar, relativ billig. Ohne ungelernte Journalisten wie ihn könnte die "Rhein-Zeitung" nicht in ihrem jetzigen Umfang erscheinen.
Mit seinem Ford-Fiesta hetzt er im Westerwald von Termin zu Termin, werktags und erst recht am Wochenende. Für 23 Cent pro Zeile schreibt er mal über die Gewerbeschau in Hof ("8000 bis 10 000 Besucher strömten an zwei Tagen"), mal über die Berufsinformationsbörse in Bad Marienberg ("Viel zum Sehen und Anfassen"), mal über ein neues Jugendhaus in Kroppach ("Eigenleistung heißt das Zauberwort"). Fotos werden extra honoriert.
Freundlich und gut gelaunt ist er dabei, der Umgang mit Leuten macht ihm Spaß, Journalismus ist sein Traumberuf. Etwa 700 Euro erschreibt er monatlich unter seinem Kürzel djg. Um auf 1400 Euro netto zu kommen, fährt er vormittags für einen privaten Expressdienst die Eilbriefe aus. "Dabei schalte ich einfach den Kopf ab."
Ein Studium der Umwelttechnik hat er wegen des Pressejobs geschmissen, eine Ausbildung zum Redakteur, Voraussetzung für eine feste Anstellung, bislang nicht angestrebt. Von der Zeitung, die für ihn keinerlei Abgaben zahlt, keine Krankenkassenbeiträge, keine Rentenversicherung, ist er völlig abhängig. Eine pflegeleichte Arbeitskraft.
"Billigjournalismus, nur noch Billigjournalismus", schimpft die ehemalige Korrespondentin der "Kirner Zeitung", 36 Jahre alt, allein stehend, arbeitslos. Sie gehört zur Gruppe der kürzlich Gefeuerten, wie Elmar Hering in Hachenburg, wie Journalisten in Montabaur und in Bad Kreuznach, in Koblenz und in Mainz.
Demonstrativ schwenkt sie eine neue Ausgabe ihrer alten Zeitung, deutet auf einen von ihr angestrichenen Bericht auf der fünften Lokalseite. "Der erste Artikel von einem Redakteur", erklärt sie, "alles andere haben freie Mitarbeiter geschrieben."
Manches sei "gnadenlos schlecht", getextet von ehrenamtlichen Vereinspressesprechern. Das Angebot, doch selbst weiterzuschreiben, so nebenbei, für Zeilenhonorar, lehnte sie ab.
Die Redakteurin ist verbittert. Da hat sie nun, ach, Politik, Geschichte und Publizistik studiert, ist Magister der Geisteswissenschaften. Hat bei der "Rhein-Zeitung" volontiert, in den Redaktionen von Bad Ems, Montabaur und Kirn über alles geschrieben, von der Kommunalpolitik bis zum Konzert, hat Sonderseiten verfasst über Hexenverbrennungen und Psychosekten. Und jetzt?
"Es nagt an mir", sagt sie, "mein Selbstbewusstsein ist angeknackst." Dabei wurde ihr nicht wegen schlechter Leistungen gekündigt. Weil sie kinderlos und relativ jung ist, dem Mittelrhein-Verlag auch noch nicht lange genug angehörte, stand sie bei der Sozialauswahl ganz oben auf der Liste.
Dutzende Bewerbungen hat sie seitdem verschickt, vergebens. Oft bekam sie nicht einmal eine Antwort. Die Abfindung ist bald aufgebraucht, ihre Wohnung kann sie sich bei Arbeitslosigkeit nicht mehr lange leisten.
Rund 3900 Euro brutto verdiente die Lokaljournalistin zuletzt laut Tarif, bei 14 Monatsgehältern. Wie viele ihrer Kollegen war sie zu Abstrichen bereit. Den Vorschlag der Redakteure, bei Arbeitsplatzgarantie auf rund 20 Prozent ihrer Einkünfte zu verzichten, lehnte Verleger Walterpeter Twer jedoch ab. Er weigerte sich, über das Angebot zu verhandeln.
Rund 60 Redakteure streikten daraufhin fast zwei Wochen lang - ein Novum in der jüngeren deutschen Pressegeschichte. Mit Rasseln, Pfeifen und Transparenten ("Wir halten zusammen") zogen sie vor die Koblenzer Konzernzentrale, sammelten an mehreren Orten über 2000 Unterschriften gegen Twers Sparkonzept.
Die Abonnenten im Hunsrück und im Westerwald bekamen vom Journalistenaufstand nichts mit: In den Blättern der "Rhein-Zeitung" erschien darüber keine Zeile.
* Mitarbeiter vor der Koblenzer Verlagszentrale im Mai.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 43/2003
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