20.10.2003

BOLIVIEN„Der Neoliberalismus ist tot“

Evo Morales, 43, Führer der Koka-Bauern und Chef der wichtigsten Oppositionspartei, über den Aufstand der Indio-Landbevölkerung gegen den am Freitagabend abgetretenen Gonzalo Sánchez de Lozada. Dem war Morales bei den letzten Wahlen in dem bitterarmen Land nur knapp unterlegen.
SPIEGEL: Nach wochenlangen Unruhen mit Toten und Verletzten ist Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada zurückgetreten. Sind Sie jetzt zufrieden?
Morales: Sánchez de Lozada musste zurücktreten, er ist ein Krimineller. Seit seinem Amtsantritt wurden 150 Menschen vom Regime ermordet. Allein in den vergangenen drei Wochen wurden 77 Regierungsgegner erschossen, über 200 wurden durch Kugeln verletzt.
SPIEGEL: Immerhin wurde der Präsident vor gerade mal einem Jahr demokratisch gewählt ...
Morales: ... aber nur mit der Mehrheit einer Allianz rechter Parteien vom Kongress zum Staatsoberhaupt ernannt. Wir haben für die Wiederherstellung der Demokratie gekämpft. Die war unter die Räder gekommen, als die Panzer rollten.
SPIEGEL: Der Regierungssitz La Paz war praktisch von der Außenwelt abgeschnitten ...
Morales: Sánchez de Lozada hatte darauf gebaut, dass das Volk ermüdet. Aber wir waren des politischen Systems und vor allem des Präsidenten müde.
SPIEGEL: Wie soll es jetzt weitergehen?
Morales: Für eine Übergangszeit kann der Vizepräsident die Amtsgeschäfte übernehmen und dann mit einer konstituierenden Vollversammlung Neuwahlen ausrufen. Politisch brauchen wir vor allem ein neues Wirtschaftssystem, das neoliberale Modell hat sich erschöpft. Wir sind gegen die Privatisierung unserer Naturschätze. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Gasvorkommen in ausländische Hände geraten. Auch die herrschende politische Klasse ist am Ende. Wir ertragen die Korruption nicht länger.
SPIEGEL: Bislang widersetzten Sie sich einer Vernichtung der Kokasträucher. Würden Sie Hilfsprogramme zum Anbau anderer Produkte akzeptieren?
Morales: Ja, aber bisher sind das alles leere Versprechungen. Solange es keine Einfuhrbeschränkungen gibt und Lebensmittel frei importiert werden können, sind solche Programme illusorisch. Eine Übergangsregierung muss deshalb zunächst die Zerstörung der Kokasträucher stoppen und den Anbau in kleinen Mengen erlauben. Es muss wieder einen legalen Markt für Koka geben.

DER SPIEGEL 43/2003
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