27.01.1954

KRAULAND-PROZESSAuspacken in Österreich

Die Österreicher mästen sich am deutschen Eigentum", schimpfte einst Dr. Thomas Dehler. Damals war er noch Bundesjustizminister.
Im "Grauen Haus", dem Sitz des Wiener Landgerichts, begann nun am Mittwoch der letzten Woche ein Prozeß, der, wenn nicht alles täuscht, eine Menge Beweismaterial für Dehlers undiplomatische Sonntags-Großsprecherei beibringen wird. Vor Gericht steht der ehemalige, langjährige Minister für Vermögenssicherung, Dr. Peter Krauland. Die Anklage macht ihm die Veruntreuung von Werten zum Vorwurf, die er zu verwalten hatte. Es waren zum größten Teil deutsche Werte.
Der Prozeß weckt unschöne Erinnerungen an vergangene Nachkriegsjahre, die man beiderseits der österreichisch-deutschen Grenze möglichst schnell vergessen möchte. Darüber hinaus aber hat das Verfahren gegen Krauland für Österreich noch eine nationale Bedeutung, und auch sie ist keine gute. Sie betrifft die österreichische Sozialstruktur, deren Kräfte, Mächte und Privilegien sorglich nach dem Schema verteilt sind: Die eine Hälfte für die katholische Österreichische Volkspartei (ÖVP) und die andere für die Sozialdemokraten. Man nennt das den schwarz-roten Partei-Proporz.
Nach diesem ungeschriebenen Grundgesetz werden die Posten in der Österreichischen Bundesbahn, in der staatlichen Tabakregie und auch in der Verwaltung beschlagnahmter Vermögen auf die Mitgliedskarteninhaber der beiden Parteien
aufgeteilt. Die Elite der ÖVP im täglichen Kleinkampf des Parteiproporzes um die Postenverteilung bildet der "Cartellverband der katholisch-österreichischen Studentenverbindungen" (ÖCV).
Der Verband, zu dessen Zielen vor 1938 auch die Schaffung Großdeutschlands gehörte, umfaßt nahezu alle farbentragenden, aber nichtschlagenden Verbindungen Österreichs. Nach dem Kriege wurde er zum bedeutendsten Lieferanten von akademischem Nachwuchs für die ÖVP.
Es hatte somit für österreichische Nachkriegsverhältnisse durchaus nichts Absonderliches an sich, daß Dr. Kraulands Zuständigkeitsbereich sich zu einer Pflanzschule des ÖCV entwickelte, zumal Krauland selbst ein alter ÖCVer war.
Er ist es nicht mehr, denn im Sommer 1951 hat das Oberste Ehrengericht des Verbandes den bis dato Alten Herrn Dr. Krauland "in perpetuo" (für immer) aus den Mitgliederlisten gestrichen - mit einer Begründung, die sich jetzt als höchst unvorteilhaft erweisen könnte. Ihm wurde vorgeworfen, daß er zu den gegen ihn wegen Korruption erhobenen Beschuldigungen geschwiegen habe.
Eben diesem Vorwurf des Schweigens will nun Dr. Krauland in dem bevorstehenden Prozeß entgegentreten. Er will reden und nennt das unheilverkündend "auspacken".
Einer der Anklagepunkte gegen Dr. Krauland betrifft die "Wiener Farbenfabrik" der deutschen Firma Kast und Ehinger. Die Fabrik, deren Aktiven 2,3 Mill. Schillinge (1 Schilling gleich 16 Pfennig) betragen, wurde gegen einen Kapitalnachweis von nur einer Million Schillingen verpachtet. Der Pachtzins wurde - obgleich die Jahresgewinne die Millionengrenze übersteigen - mit 51 000 Schillingen festgesetzt. Die Fabrik wurde an die schweizerische Firma Labitzke verpachtet - mit der Verpflichtung, die mittellose Wiener Firma Seemann als Viertelpächterin mit in den Vertrag aufzunehmen. Inhaber der Firma Seemann ist Dr. Krauland.
Aber nicht dieser Anklagepunkt ist es, der den ÖCV beunruhigt. Der Punkt, bei dem das von Dr. Krauland angedrohte "Auspacken" bedenklich werden könnte, handelt von den dunklen Machenschaften bei der Verwaltung der in der Steiermark gelegenen Guggenbacher Papier- und Zellstoffabrik des unter Vermögensverwaltung gestellten Dr. Adolf Sandner.
Im Jahre 1945 hatten Österreichs Parteien, zu deren renommierter Oberklasse damals auch noch die Kommunisten gezählt wurden, die bei den Beschlagnahmungen anfallenden Druckerei- und Papierbetriebe nach dem Parteiproporz untereinander aufgeteilt. Dr. Sandners Betrieb fiel dabei der ÖVP zu.
Der Pachtzins für die Fabrik hätte nach Ansicht von amtlichen Sachverständigengutachten 640 000 Schillinge betragen müssen. Sie wurde verpachtet für 300 000 Schillinge. Die Pachtfirma aber mußte für diesen ungewöhnlichen Vorteil 700 000 Schillinge an die ÖVP entrichten.
Wie es zu diesem strafwürdigen Vorgang gekommen ist und welche Hintergründe er hatte, ist zur Stunde noch nicht bekannt. Aber so viel weiß man bereits: In der Visierlinie von Dr. Kraulands Drohung, "auszupacken", steht der ehemalige Generalsekretär der ÖVP, Dr. Felix Hurdes.
Hurdes machte sich nach dem Kriege durch die Erfindung des "Hurdestanisch" einen Namen - einer amtlichen Abwandlung der damals als peinlich empfundenen deutschen Sprache ins "Österreichische". Er ist jetzt Präsident des österreichischen Nationalrats. Hurdes ist ÖCVer.
Aber selbst wenn es Dr. Krauland nicht gelingen sollte, den ehemaligen Cartell-Bruder Hurdes zu sich auf die Anklagebank
zu ziehen, bleiben die Dinge für den Cartellverband peinlich genug. Neben Krauland sitzen ohnehin zwei weitere ÖCVer, seine Ministerialbeamten Hintze und Robetschek. Nicht genug damit. Im Dezember wurden zwei namhafte ÖCVer in anderen Korruptionsprozessen zu insgesamt zehn Jahren Gefängnis verurteilt.
Der eine von ihnen - Dr. Maitz - dichtete dem ÖCV dessen Bundeslied:
Mögen andere wünschen, suchen.
Wir sind über Gut und Geld.
Meine Eichen, meine Buchen!
Heil CV, du meine Welt!
Dr. Maitz hat als Messedirektor von Graz rund 120 000 Schillinge unterschlagen.

DER SPIEGEL 5/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KRAULAND-PROZESS:
Auspacken in Österreich

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter