27.01.1954

SCHOLZKämpfer des Jahres

Wenn Deutschlands neuestes Boxtalent Gustav Scholz am 15. Februar seinen Trip über den Atlantik antritt, so wird er eine nicht geringe Fracht von Vorschußlorbeeren mit in die USA schleppen. Die Enttäuschungen, die Hein ten Hoff und Heinz Neuhaus im internationalen Schlagwechsel den deutschen Boxfans bereitet haben, soll der 23jährige Berliner jetzt wettmachen.
Seit Max Schmeling sich als bisher einziger Deutscher die Weltmeisterschafts-Krone aufstülpte, hat sich in den germanischen Gemütern eine Vorliebe für die schwergewichtigen Ringhelden festgesetzt. Der Mittelgewichtler Scholz scheint berufen, endlich mit der Verhätschelung der Muskel-Kolosse aufzuräumen. Andererseits wird von ihm erwartet, daß er den deutschen Faustkämpfern auch jenseits des großen Teiches wieder Kredit verschafft.
Mit der Stetigkeit eines Preßluftbohrers fraß sich "Bubi", der niemals Amateur gewesen ist, durch das brave Aufgebot seiner deutschen und europäischen Gegnerschaft hindurch, ohne auch nur einmal geschlagen zu werden. Von 50 Kämpfen gewann er 25 durch Knockout und 23 nach Punkten. Die beiden einzigen Gegner, die ihm ein Unentschieden abzwangen, der Magdeburger Pregla und der zähe Kopenhagener Christensen, mußten ihre Renitenz mit entscheidenden Niederlagen im Revanchekampf büßen.
Offiziell beglaubigt wurde Bubis junger Boxerruhm zum Jahreswechsel 1953/54 gleich dreimal, als
* die Leser des Berliner "Sport-Kuriers" ihn zu Berlins Sportsmann Nr. 1 wählten,
* der Ringexperte Joe Biewer, Chefredakteur des deutschen Fachblattes "Box-Sport", nicht Hecht, Stretz, Neuhaus oder ten Hoff, sondern Scholz zum "Fighter des Jahres 1953" ernannte,
* Amerikas Boxpapst Nat Fleischer in der Weltrangliste seiner Zeitschrift "The Ring" den Deutschen auf den zehnten Platz setzte.
Scholz wäre wahrscheinlich nicht so schnell zu dem Glorienschein eines neuen Box-Idols gekommen, wenn man nicht von allerhöchster Seite etwas nachgeholfen hätte. Das schwarze Boxphantom "Sugar" Ray Robinson erklärte, wie Englands Schwergewichts-Exmeister Tommy Farr im November 1953 im Londoner "Sunday Pictorial" zu berichten wußte, den deutschen Youngster kategorisch zum kommenden Weltmeister im Mittelgewicht.
Ray Robinson, einer der größten Kämpfer und Techniker, die jemals die braunen Handschuhe geschwungen haben, hat den jungen Berliner 1950 in Paris kennengelernt. Damals gingen "Sugar" und "Bubi" einträchtig ins Claridge zum Souper und plauschten über das Boxgeschäft. Den Boxer Scholz kennt Robinson von einem gemeinsamen Frankfurter Kampftag am 25. Dezember 1950, als Robinson den Erlanger Hans Stretz in der sechsten Runde kunstgerecht auf die Bretter legte und der zwanzigjährige Scholz den Franzosen Gilbert Stock nach Punkten abfertigte. Erinnerung an diese gemeinsamen Großtaten ist ein Robinson-Photo mit der Widmung
"To my best Friend Bubbie Scholz", das Scholz sich als Ansporn über sein Bett nagelte.
Die Gunstbeweise des abgetretenen schwarzen Weltmeisters*) wiegen viel. Sie würden noch mehr wiegen, wenn nicht Robinsons Manager George Gainford dahinterstünde, der den hoffnungsvollen Deutschen brennend gern als "Sugar"-Ersatz für seinen Zirkus der "größten Boxattraktionen der Welt" einspannen würde.
Scholz-Manager und Boxväterchen Fritz Gretzschel aber ist frei von überflüssigen Freundschafts-Sentiments und neigt mehr zu den handfesten Angeboten des US-Promoters Hymie Wallman, für dessen Finanzkraft der siebenstellige Dollarbetrag zu bürgen scheint, den der Wollkönig Wallman nach Gretzschels privaten Informationen auf der Bank liegen hat. "Aber", sagt Gretzschel, "wir werden uns drüben an keine Veranstaltergruppe auf längere Zeit binden. Dafür verdienen wir viel zuviel Geld."
Notwendig wurde der Sprung über den Ozean durch die nachgerade chronische Verstopfung des deutschen Boxmarktes. Französischen und englischen Veranstaltern ist es einfach zu riskant, die deutschen Asse einzuladen, weil ihre Nationalmatadoren durch Niederlagen allzusehr entwertet werden könnten. Der Pariser Promoter Gilbert Benaim erklärte unverblümt, es könne ihm nicht zugemutet werden, seine besten Leute von Scholz zusammenschlagen zu lassen.
Umgekehrt konnte man die westeuropäischen Gladiatoren aber auch nicht in die Höhle des Löwen locken. Sie forderten entweder
von vornherein unerschwinglich hohe Börsen, oder sie sagten vereinbarte Kämpfe in letzter Minute ab. So der belgische Mittelgewichtsmeister Emile Delmine, der sich eine knappe Woche vor seiner geplanten Hamburger Begegnung mit Scholz hinter einer Grippe verschanzte und lieber bei seiner reichen Ehefrau blieb, als daß er sich von dem deutschen enfant terrible das Kinn polieren ließ. Fritz Gretzschel: "Wenn wir ans große Geld kommen wollen, müssen wir raus, nach Amerika."
In den deutschen Boxmetropolen sind Börsen von 10 000 Mark bereits Spitzengagen. Mehr Geld hätte Bubi Scholz allenfalls verdienen können, wenn man ihn gegen den Mann gestellt hätte, der ihm den Weg zum deutschen Mittelgewichts-Thron bisher verbaut hat: den zähen und technisch versierten Titelträger Hans Stretz aus Erlangen.
Aber Stretz ließ sich ebenfalls von Fritz Gretzschel managen, und da der § 22 der sportlichen Regeln des Bundes Deutscher Berufsboxer einen Kampf zwischen Stallgefährten grundsätzlich verbietet, blieb die Frage nach dem besten deutschen Mittelgewichtler für die Öffentlichkeit vorerst unbeantwortet.
Bubis größere Popularität jedoch und die Tatsache, daß Scholz als Zugnummer teilweise höhere Börsen einstrich, nährten in dem wortkargen Erlanger eine verständliche Eifersucht auf den sonnigen und gutaussehenden Rivalen. So kam es, daß die beiden sich im Sparring manchmal blutig bekriegten. Dabei brachte Stretz seinen prominenten Sparringspartner, dessen Schliche er am besten kennt, einige Male unsanft ins Schwimmen.
Die Hauptmerkmale seines Kampfstils hat Bubi Scholz den "schwarzen Diamanten" Lloyd Marshall und Ken Stribling abgeluchst, die der jetzige ten-Hoff-Manager Fred Kirsch nach dem Kriege zur Belebung des Boxgeschäftes nach Deutschland importierte. Von ihnen lernte der Berliner die amerikanische Technik des Nahkampfes, die er heute als einziger Deutscher perfekt beherrscht.
Hinzu kommen
* ein außergewöhnliches Reaktionsvermögen,
* ein wuchtiger linker Haken, der so kurz geschlagen wird, daß die Zuschauer in den hinteren Sitzreihen ihn oft nicht mitbekommen,
* die Fähigkeit, kleinste Blößen seiner Gegner in einen Knockout umzumünzen.
Keiler haben gegen Bubi wenig Chancen. Selbst der bullige Bremer Franz Szüzina, der kurz zuvor den geriebenen Neger Jimmy King schwer k.o. geschlagen hatte, mußte von Scholz eine Boxlektion hinnehmen und die letzte Runde des Berliner Kampfes im Ringstaub verbringen.
Als gutes Omen wertet Manager Gretzschel die konstitutionelle Ähnlichkeit seines Lieblings mit "Sugar" Robinson: "Auch Robinson hat Hände wie ein Geiger." Tatsächlich kommt in der Eleganz der kämpferischen Bewegung kein lebender Mittelgewichtler dem schwarzen Boxgenie näher als Scholz. Auch nicht in der weisen Einteilung der Kräfte, die Scholz befähigt, seine Kontrahenten noch in der achten oder zehnten Runde entscheidend zu schlagen.
Ökonomie und Pfiffigkeit verrät Scholz auch außerhalb der Ringseile, wenn er jede Mark seiner Kampfbörsen auf die Bank trägt und die englische Sprache büffelt, um sich von amerikanischen Managern nicht übers Ohr hauen zu lassen. Eigentlich aus Ökonomie ist Bubi überhaupt zum rauhen Boxhandwerk gekommen:
Als vor der Währungsreform ein Bekannter ihm eine 200-Mark-Schuld nicht zurückzahlen konnte, deponierte der als Pfand ein Paar zerschlissene Boxhandschuhe und entschwand. Bubi aber, der eine angeborene Abneigung gegen jegliches tote Kapital hegte, erlernte das Boxen.
Im April 1947 wurde der zarte Jüngling noch abgeblitzt, als er bei der Prüfungskommission der Berufsboxer wegen einer Lizenz vorsprach. Man empfahl ihm, in vier Monaten wiederzukommen und sich inzwischen körperlich zu ertüchtigen. Dann aber klappte es, und der Leichtgewichtler Scholz bewies in seinem ersten kampf
seine körperliche Ertüchtigung so nachdrücklich, daß der verbleute Gegner seine Hochzeit verschieben mußte.
Vorher absolvierte Bubi eine Koch-Lehrzeit bei Aschinger, nachdem er sich im Kriege in der Feinmechanik, dem Beruf seines Vaters, umgetan hatte. Papa Scholz, der mit Frau und schulpflichtiger Tochter Heidi im Ostsektor wohnt, arbeitet heute als Zeitungsfahrer für den nationaldemokratischen "Verlag der Nation". Scholz-Schwester Nr. 1, Hilde, ist in einem Westberliner Modesalon angestellt.
Ebenfalls in Westberlin wohnt Bubis Braut, Helga Druck, die am Kurfürstendamm im Friseursalon ihrer Mutter hilft und im trauten Duett mit ihrem jazzmusikalisch talentierten Boxer-Bräutigam ganze Magnetophonbänder mit US-Schlagern zu besingen pflegt.
Neben Scholzens Vorliebe für amerikanischen Hot könnten seine ungewöhnlich strapazierfähigen Nerven dazu beitragen, daß er sich auch unter Wolkenkratzern schnell akklimatisiert. Seine europäischen Kämpfe ließen ihn jedenfalls so ungerührt, daß er einmal den Beginn einer Boxveranstaltung verschlief und Manager Gretzschel herbeieilen mußte, um Bubi vom Bett ins Taxi zu zerren.
Nachteilig auswirken könnte sich außer dem überhitzten Presserummel, der in den letzten Wochen von Berliner und bundesrepublikanischen Blättern um Scholz entfacht wurde, zweierlei:
* seine körperliche Verletzbarkeit - bisher beschädigte er sich bei den verschiedensten Gelegenheiten eine Hand, den Unterkiefer, beide Knie und ein Fußgelenk - ,
* seine Linkshändigkeit.
Als Linkshänder gehört Scholz zu den relativ wenigen Boxern, die in Rechtsauslage, das heißt mit vorgeschobener rechter Körperseite, kämpfen. Die Umstellung auf einen Gegner dieses Genres ist für jeden Boxer unbequem. In den Yankees aber ist die Abneigung gegen einen solchen "Southpaw" noch viel tiefer verwurzelt als in ihren europäischen Kollegen. Auf New-Yorker Terrain beispielsweise sind die Aussichten auf einen Kampfvertrag für einen "Southpaw" recht gering.
*) Robinson stellte seinen Titel im Dezember 1952 zur Verfügung. Neuer Weltmeister wurde Carl ("Bobo") Olson am 21. Oktober 1953 durch Sieg über Turpin.

DER SPIEGEL 5/1954
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