17.02.1954

EXPEDITIONEN / HÖHLENHimalaya vor der Haustür

Kraxlern war es aufgefallen, daß die "Döllöcher", einige gefährliche Steilwände in der Hochries zwischen Inn und Chiemsee, auch im Winter schneefrei blieben. Sie stiegen dem Geheimnis nach und fanden heraus, daß es sich um Eingänge zu einem weitverzweigten Höhlensystem handeln mußte, denen unablässig warme Luft entströmte.
Im Januar ist nun eine Seilschaft von sechs Mann in die "Döllöcher" hineingeklettert. Mit Karbid- und Elektrolampen ausgerüstet, stieß sie 800 Meter weit in die Unterwelt vor, mußte aber schließlich vor einem gewaltigen, 50 Meter hohen "Felssaal" kehrtmachen, weil sie auf einen mehrtägigen Ausflug nicht eingerichtet war. Doch im nächsten Sommer wollen die Amateur-Forscher mit großer Marschausrüstung eine ausgedehnte Entdeckungsreise ins Erdinnere antreten.
Im letzten Sommer rumpelte zur gleichen Stunde, als Nanga-Parbat-Bezwinger Hermann Buhl am 4. Juli 1953 "entsetzlich erschöpft" und "von unerträglichem Durst gequält" dem Lager V zuwankte, auf der Straße von Wien nach Annaberg ein grauer Lastwagen und bog hinter Erlaufklause in einen Waldweg ein. Er trug das Zeichen des Landesgendarmerie-Kommandos und war mit rund zwei Dutzend aufgekratzten jungen Männern und allerlei merkwürdigem Gerät beladen.
Einige Tage später schrien die Schlagzeilen der Presse den Sieg über den Nanga Parbat in die Welt. Nur ein paar Wiener Blätter berichteten dagegen, daß eine Gruppe von zwanzig jungen Wissenschaftlern der Wiener Universität in die benachbarten "Ötscher-Höhlen" eingestiegen sei und sich in das berüchtigte "Geldloch" gewagt habe.
So lachhaft sich Fahrten in die Döllöcher und in die Ötscher-Höhlen gegen den wochenlangen Gewaltmarsch der Herrligkoffer-Expedition auf den Nanga Parbat ausnehmen, so tückisch und unberechenbar waren die Gefahren, mit denen die Wiener sich fast vor der eigenen Haustür herumschlugen. Statt von Lawinen sind die Höhlenforscher von donnernden Wasserfällen bedroht. Ein Wolkenbruch kann die unterirdischen Bäche in reißende Gischt, ein Blitzschlag die Drahtseile in Starkstromleitungen verwandeln, und aus düsterem Himmel prasselnde Steinschläge liefern eine makabre, lang nachhallende Begleitmusik.
Sieben Tage lang schlotterten die Studenten in den eisigen Schlünden des Ötschers, fünf Nächte biwakierten sie unter der Erde, allein 72 Stunden hockten sie auf einem schmalen Felsvorsprung über dem "Geldloch". Eisiges Gebirgswasser rieselte durch Ärmel und Hosenbeine ihrer Overalls. Mühsam zwängten sie ihre Zelte in die senkrechten Felswände, ohne zu ahnen, ob über dem Stephansdom just die Sonne schien oder der Mond. Sie leisteten verwegenen Pionierdienst für einen Sport, der sich, angetan mit der Weihe der Wissenschaft, in verwunschene Höhlenfinsternis, neuerdings wohl auch ins Scheinwerferlicht der Publizistik getastet hat.
Unter den besessenen Alpinisten hatte Ratlosigkeit um sich gegriffen, seit die europäische Gebirgswelt erforscht war und durch Seilbahnen und Sessellifts mehr und mehr in eine Kurpromenade verwandelt
wurde. Die kostspieligen Strapazen einer Himalaya-Expedition sind alljährlich nur wenigen Auserwählten vergönnt. In dieser Krisis fand der Alpinismus den Ausweg ins Erdinnere und eine Aufgabe, an der sich Abenteuerlust, Forschergeist und sportlicher Ehrgeiz gleichermaßen entzündeten. Nicht selten liegen die romantischen Ziele der Expeditionen inmitten eines vom Fremdenverkehr seit langem abgegrasten Territoriums.
In dem Marktflecken Schellenberg bei Berchtesgaden lassen sich regelmäßig wißbegierige Feriengäste aus aller Welt mit wohltemperiertem Schaudern in die größte deutsche Eishöhle führen, um die "Fuggerhalle" und den fünfzehn Meter hohen "Mörkdom" zu bestaunen und einen Blick in den "Demigang" zu werfen, der sich offenbar tief in den Untersberg hinein fortsetzt. Einheimische Ammenmär raunt von einem wildromantischen "Zauberreich des Kaisers Karl" im Innern des Berges.
Hier will der ortsansässige "Verein für Eishöhlenkunde" ansetzen. Über die sperrigen Eis- und Schneebarrieren hinweg wird er im Sommer eine Expedition starten, die vor allem einmal das Rätsel des sogenannten "Dohlenfriedhofs" lösen soll, eines mit Federn und Knochen übersäten Felsganges von bisher unbekannter Länge. Die Wissenschaft vermutet, daß sich die Bergdohlen seit Jahrhunderten dorthin zurückziehen, wenn sie ihr Ende fühlen, und rechnet mit einem Pendant der mysteriösen Elefantenfriedhöfe Afrikas.
Während in Deutschland die Höhlenkletterei noch in den Kinderstiefeln steckt,
ist sie in Frankreich bereits zu einer Art nationaler Passion hochgezüchtet worden, deren kurze Geschichte voll dramatischer Kolportage-Effekte ist.
Im vergangenen Spätsommer ließ sich eine Handvoll Höhlenforscher arglos in die nahe Avignon sich öffnende "Hölle" hinab. Über 250 Meter klommen sie Schritt für Schritt in den schwarzen Schacht, der endlos ins Erdinnere zu führen schien. Endlich fanden sie sich in einer riesigen Halle wieder, und sekundenlang stockte ihnen das Forscherblut in den Adern. Denn hier kauerte, wie zu einer Konferenz im Halbkreise beieinander sitzend, ein halbes Dutzend gut erhaltener Skelette, an deren knöchernen Fingern goldene Ringe im Schein der Lampen aufblitzten und um deren Totenschädel aufgeschreckte Fledermäuse flatterten. Spätere Untersuchungen ergaben, daß es sich um Hugenotten handeln mußte, die in die Höhlen geflüchtet waren und nicht mehr herausgefunden hatten.
Den bisherigen Weltrekord im "umgekehrten Alpinismus" stellten die Franzosen Dr. Mairey, Robert Levi und Norbert Casteret auf, als sie am 18. August 1953 in der Pyrenäenhöhle von St. Pierre Martin 730 Meter tief unter die Erdoberfläche vorstießen. Eine Geröll-Lawine schnitt sie von der Außenwelt ab, und sie wurden, dem Erstickungstod nahe, erst nach tagelanger gefahrvoller Rettungsarbeit geborgen.
Es war die gleiche Höhle, die ein Jahr vorher durch den Todessturz des Marcel Loubens zu schauriger Berühmtheit kam. Praktischer Zweck der damaligen Expedition war es gewesen, durch färbende Chemikalien den Verlauf und das Zutagetreten eines unterirdischen Flusses zu bestimmen.
Als die Mannschaft einen Tag nach Erfüllung ihrer Aufgabe weiter in den Hades vordrang, wurde Loubens, ein wohlhabender Pariser Industrieller, der sich in jedem Sommerurlaub einer Expedition anschloß, in den düsteren Grotten von Depressionen befallen und trat den Aufstieg an, um sich von einem Kameraden ablösen zu lassen. Das Seil riß, und Loubens stürzte, von Fels zu Fels prallend, 40 Meter in die Tiefe. Er starb zwei Tage später. Expeditionsarzt Dr. Mairey hatte festgestellt, daß dem Abgestürzten Rückgrat, Schädel, Unterarm und Kiefer gebrochen waren.
Jener Dr. André Mairey, ein fanatischer Höhlenmensch vom Sturzhelm bis zum Bergstiefel, war selbst schon 1950 mit genauer Not einer Katastrophe entronnen. Mit sechs anderen Wissenschaftlern war er in die Grotten von La Creuze bei Le Doubs eingestiegen, als der unterirdische Strom unversehens anschwoll und den Männern den Rückweg abschnitt. Als in dem engen Felsgefängnis das Wasser immer mehr stieg, ertrank einer nach dem anderen in der gurgelnden Flut. Nur Mairey klammerte sich an den glitschigen Felsen, reckte den Kopf mühsam über den Wasserspiegel und sang aus vollem Halse, um sich wachzuhalten. Nach 24 Stunden endlich ging das Wasser zurück.
Im Café "Höllgrotten" bei Luzern lauschten die Gäste an einem Augustsonntag 1952 einem Rundfunkbericht über die hoffnungslose Lage der seit zehn Tagen im sogenannten "Höllenloch" eingeschlossenen Forscher, als vier verdreckte Männer hereinstolperten und verdutzt zuhörten. Erst etwas später erkannte man in ihnen die Vermißten, nämlich den Professor Bögli und drei seiner Schüler
Auch das Schweizer Trüppli war durch Regengüsse eingeschlossen worden. Nach dem erfolglosen Vorstoß eines mit Soldaten besetzten Gummifloßes wollten die Rettungsmannschaften bereits zum Einsatz
von "Froschmännern" schreiten, als sich Bögli auf eigene Faust den Rückweg erkämpfte. Das unvorhergesehene letzte Hindernis war ein zum Schutz gegen Neugierige errichtetes Eisengitter. Bögli jagte es mit einer Dynamitpatrone in die Luft.
Mit ihren Schutzanzügen, Steinschlag-Helmen und auf die Stirn montierten Scheinwerfern gleichen die Alpinisten der Tiefe eher einem militärischen Himmelfahrtskommando als friedlichen Forschern. Von Winden an Drahtseilen hinuntergelassen, stehen sie mit der Außenwelt durch Funk oder Telephon in Verbindung, können also jede Gefahr augenblicklich melden. Aber alle technischen Hilfsmittel haben im Ernstfall bisher nur wenige Male wirklich etwas nützen können.
Über den wissenschaftlichen Nutzeffekt haben sich auf der letzten internationalen
Höhlenforscher-Tagung in Paris die 170 Delegierten aus 22 Staaten die Köpfe heißdebattiert. Die Skeptiker verwies man auf
* das Interesse trockener Gebietsteile an unterirdischen Wasserläufen;
* unterirdische Guano- und Phosphatlager;
* mögliche Fundgruben für Archäologen, Botaniker, Geologen, Meteorologen und andere Wissenschaftler - schon gibt es eine "Speläologie" als Wissenschaft von den Höhlen und den darin vorkommenden Lebewesen;
* die Chancen des Fremdenverkehrs;
* die im Kriegsfall willkommene Atombomben-Sicherheit in der Unterwelt.

DER SPIEGEL 8/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EXPEDITIONEN / HÖHLEN:
Himalaya vor der Haustür

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt