03.03.1954

INDUSTRIE / STRÜMPFEDer Hans fängt wieder an

Knapp sieben Jahre liegen zwischen diesen beiden Zeitungsberichten. Am 1. August 1947 schrieb die Stuttgarter "Wirtschaftszeitung": "Von ein paar verlagerten älteren Maschinen abgesehen, die in Bayern stehen, gibt es in allen drei Westzonen offenbar kaum Cotton-Stühle. (Auf Cotton-Maschinen werden Feinstrümpfe gewirkt. Der Engländer William Cotton hat die erste dieser Maschinen 1868 konstruiert.) Wird es eines Tages im Westen eine neue Strumpfindustrie geben und wird das, was in Sachsen verlorengegangen ist, nicht dort, sondern hier ersetzt werden?"
Am 22. Januar 1954 schrieb das Düsseldorfer "Handelsblatt": "Für die westdeutschen Flachstrumpfwirker war 1953 ein gutes Jahr. Trotz der Produktionsausweitung ... traten keine Schwierigkeiten im Absatz ein ..., zählt die westdeutsche Flachstrumpfwirkerei*) jetzt 12 000 Beschäftigte in 85 Betrieben."
Einer dieser Betriebe, die Arwa Feinstrumpfwirkerei G. m. b. H., ist mit zehn Millionen Paar an der Produktion zu rund zwanzig Prozent beteiligt. Er ist die größte deutsche Feinstrumpffabrik.
1947, als die "Wirtschaftszeitung" ihre resignierte Betrachtung anstellte, saß der Mann, der jetzt in jeder Minute des Jahres, Tag und Nacht, rund zwanzig Paar Arwa-Strümpfe auf den Markt bringt, mit seiner Frau Ursula noch in einer Hotelpension in der Bleibtreustraße in Berlin-Charlottenburg.
Sein Weg ist ein Beispiel für den Weg einer Reihe von Strumpf-Industriellen aus Sachsen, Böhmen und der Gegend von Lodz. Diese Leute haben ihre Strumpf-Fabriken jenseits des Eisernen Vorhangs verlassen müssen und sie lediglich in ihren Köpfen mit nach Westdeutschland gebracht. Aus ihren Köpfen ist in der Bundesrepublik eine Industrie entstanden - auch Einheimische stiegen in das große Geschäft - , die es hier nie gegeben hatte.
Der Mann, der 1947 in der Charlottenburger Bleibtreustraße saß, hieß Hans Thierfelder. Sein Großvater war August Robert Wieland aus Auerbach (die Initialen bilden den Firmennamen Arwa) im Erzgebirge gewesen, ein Großer im Reich der Strümpfe. Aber sein Werk hatte den 1945er Zusammenbruch und die Russen nicht überlebt.
Alles, was Wieland-Enkel Hans Thierfelder mit seiner Frau aus dem demontierten Auerbacher Strumpfkönigreich seines Großvaters nach Westberlin mitgebracht hatte, waren zwei Koffer. Zu dieser Zeit hatten auch des alten August Robert Wieland Kunden den Gipfel der Armut erreicht: Sie gingen barfuß. Aus dem einfachen Grunde, weil alle 6000 deutschen Cotton-Maschinen in Sachsen standen.
Daß dem so war, daran hatte auch Hans Thierfelder ein bißchen schuld. Während des Krieges waren Focke-Wulf-Leute nach Auerbach gekommen, um in August Robert Wielands Fabrikenkomplex statt Damenstrümpfen
Flugzeugrümpfe zu machen. Die Cotton-Maschinen wollten die Focke-Wulf-Leute in Ölpapier verpackt nach dem Bayerischen Wald auslagern. Hans Thierfelder erreichte, daß seine Cotton-Maschinen in Auerbach blieben. Mit dem fatalen Ergebnis, daß sie heute in Kiew stehen.
Herr über Sachsens Wirtschaft war 1947 Fritz Selbmann in Dresdens ehemaligem
Luftgaukommando IV (heute ist er Minister für Erzbergbau und Hüttenwesen der Sowjetzonenregierung). "Die Frauen in den Westzonen", sagte er, "werden solange barfuß gehen, bis ihre Männer uns Edelstahl und Hüttenkoks liefern." Die Russen auf Dresdens Weißem Hirsch haben damals ernstlich gedacht, mit Damenstrümpfen Politik machen zu können.
Sie wußten nur nicht, daß Ende 1947 ein etwa 70jähriger alter Herr endlich den lange gesuchten Hans Thierfelder in der Charlottenburger Bleibtreustraße gefunden hatte. Er war gar nicht einmal Sachse, sondern Schwabe. Dieser Dr. Robert Reiner kam aus Amerika und war der letzte Präsident der deutsch-amerikanischen Handelskammer in New York vor Kriegsausbruch*).
Er stammte aus Nürtingen und war als Textilingenieur zur Vomag nach Plauen gekommen. Später ging er nach Amerika, um dort sächsische Textilmaschinen zu vertreten. Der Import von Chemnitzer Cotton-Maschinen brachte ihm so viel ein, daß er nach dem ersten Weltkrieg die G.m.b.H.-Mehrheit seiner Hauptlieferantin, der Cotton-Maschinenfabrik Einsiedel bei Chemnitz, erwerben konnte. Obwohl dieser Dr. Robert Reiner längst US-Bürger war, hatten ihn die Russen 1945 in Sachsen ebenfalls enteignet.
Kunde bei der Cotton-Maschinenfabrik Einsiedel war immer der alte August Robert Wieland in Auerbach gewesen, und daher kannte Dr. Reiner den 1913 geborenen Wieland-Enkel Hans Thierfelder. Nun saß der von seinen sowjetischen Verbündeten enteignete US-Bürger Dr. Reiner beim ebenso enteigneten Hans Thierfelder in Charlottenburg, um einen dicken Strich durch Fritz Selbmanns Strumpfrechnung zu machen.
Damals liefen in der Trizone achtzehn Millionen Frauen ohne Strümpfe. Das war ein Markt, der seinesgleichen suchte. Es bedurfte aber keines Hinweises, daß Cotton-Maschinen auf der Welt nicht zum Verschenken da sind, sondern zum Verkaufen. Eine Cotton-Maschine kostet 30 000 Dollar, und die hatte Hans Thierfelder nicht. Jede Rechnung in Reichsmark war überflüssig, denn aus Sachsen kamen keine Cotton-Maschinen mehr.
In Westdeutschland aber verstand 1945 kein Mensch eine Cotton-Maschine zu bauen. Denn die fünf sächsischen Cotton-Maschinenfabriken hatten eine fast monopolartige Stellung auf dem Weltmarkt für Textilmaschinen. Etwa 85 Prozent der sächsischen Produktion an Cotton-Maschinen gingen in den Export. Bis zum Jahre 1939 hatte Europa keine amerikanische Cotton-Maschine.
Fritz Selbmanns Rechnung "Strümpfe nur gegen Stahl und Koks" wäre also aufgegangen, wenn es nicht die Cotton-Maschinenindustrie deutscher Auswanderer in den USA gegeben hätte. In der Charlottenburger Bleibtreustraße fiel 1947 in Gesprächen zwischen Dr. Robert Reiner und Hans Thierfelder oft genug der Name Karl Lieberknecht aus Oberlungwitz.
Nach Oberlungwitz zwischen Chemnitz und Zwickau konnte weder Dr. Reiner noch Hans Thierfelder fahren, wohl aber zu den 1911 von den Deutschen Thun und Hansen gegründeten Textile Machine Works in Reading, USA**), oder zu dem
ebenfalls ausgewanderten Deutschen Karl Lieberknecht. Der Name Lieberknecht war den Amerikanern viel zu lang, und so sind Karl und Richard Lieberknecht als die Messrs. Lee in die Familiengeschichte der Cotton-Maschinenfabrikanten eingegangen. Soweit diese Männer aus Sachsen stammten, waren sie alle Mitglieder des Erzgebirgsvereins von Philadelphia. Von diesem Erzgebirgsverein in den USA aber hatte wieder Fritz Selbmann keine Ahnung.
Ein Kaufmann kann abbrennen, ein Kaufmann kann Haus und Hof verlieren, und zehn Polit-Büros können ihn enteignen, wenn er nur eins behält: seine Kunden. Diese Kunden der Strumpf-Fabrik August Robert Wieland, ehemals Auerbach (Erzgebirge), gab es noch. Wenn zu diesen alten Kunden jetzt Wielands Enkel Hans Thierfelder kam und ihnen versprach, wieder Strümpfe zu machen, dann waren diese Kunden bereit, alles für Wielands Enkel zu tun.
Auf diesem Hintergrund rollte die größte Kollekte der neudeutschen Handelsgeschichte ab: wie des August Robert Wieland Strumpfkunden zwei Millionen Mark (inzwischen war die Währungsreform vorbei) für Hans Thierfelder aufbrachten, damit der Wieland-Enkel wieder zu einer Strumpf-Fabrik kam. Das Wort "goodwill" läßt sich nicht übersetzen. Aber das war "goodwill".
Die Fabrikengeschichte des Hauses August Robert Wieland schreibt Frau Ursula Thierfelder allein. Diese Geschichte existiert nur in einem Exemplar und wird eigentlich nicht geschrieben, sondern in einer altertümlichen Fraktur gemalt. Uschi Thierfelder kann das, weil sie Modezeichnerin war, als sie noch Ursula Thies, gebürtig aus Gumbinnen, hieß. Heute ist sie 29.
Sommer 1945 landete ihr Ostpreußen-Treck in Auerbach, und im Sommer darauf wurde Hans Thierfelder enteignet. Nun hatten sie wenigstens Zeit, Hochzeit zu machen. Und dann war es auch Zeit, zwei Koffer zu packen und mit dem Zug von
Chemnitz nach Berlin zu fahren. Die amerikanische Wirtschaftszeitschrift "Fortune" schrieb später: "Seine Industrie nahm er im Kopfe mit."
Nur Photos nehmen Männer nicht mit. Aber Frauen tun das. In irgendeiner Tasche schleppte Uschi Thierfelder Photos, Urkunden und vergilbte Familiendokumente mit sich herum. Sie hatte sogar das Testament ihres Schwiegervaters vom 3. August 1914 mit eingepackt. Das hatte Paul Thierfelder geschrieben, der August Robert Wielands Tochter Rosel geheiratet hatte. Beider Sohn ist Hans Thierfelder.
Weil Uschi Thierfelder auch ein Photo ihres Schwiegervaters mitnahm, enthält die Fabrikgeschichte auch einen bebilderten Abriß vom kurzen Leben Paul Thierfelders, der im ersten Weltkrieg fiel und der Erfinder des Strumpfes in einem Arbeitsgang ist. So kommt es, daß in der Fabrikgeschichte mehr vom alten Wieland die Rede ist; das Strümpfemachen hat Hans Thierfelder vom Großvater, der 1940 starb. Da war der Enkel schon 27.
Die traurigsten Zeilen fügte Uschi Thierfelder Weihnachten 1947 in der Bleibtreustraße ein: "... und wissen nicht, wohin uns unser Lebensschiff treiben wird", schließt jenes Kapitel der Fabrikgeschichte, in dem es gar keine Fabrik mehr gab.
Ein paar Seiten weiter hat Uschi Thierfelder in ihre Werkgeschichte einen Liefervertrag eingeklebt. Es ist der mit Hugo Ernsting Söhne in Rheine (Westfalen) abgeschlossene Originalvertrag, der sozusagen die Rechtsgrundlage jener einzelhändlerischen Kollekte zum Weststart Hans Thierfelders bildete.
Hans Thierfelder hatte seinen alten Auerbacher Kunden versprochen, zum Pfingstgeschäft 1949 die ersten Strümpfe zu liefern. Auf dieses Versprechen konnten die Kunden ordern, mußten aber zehn Prozent des Rechnungsbetrages vorauszahlen. Hier ist der entscheidende Abschnitt aus dem Vertrag mit Hugo Ernsting Söhne:
Die Höhe der zu liefernden Mengen ergibt sich aus der Höhe der geleisteten Vorauszahlung. Zum Beispiel: Bei einer Vorauszahlung von 3750, -
Mark verpflichtet sich Arwa insgesamt 375 Dutzend zu liefern. Hierbei wurde vorläufig ein Dutzendpreis von 96, - Mark zugrunde gelegt.
Sollte sich der Arwa - Listenpreis bei den jeweiligen Lieferterminen ermäßigen, so würde sich die zu liefernde Gesamtdutzendzahl selbstverständlich erhöhen. Sollte wider Erwarten eine Erhöhung der Listenpreise eintreten müssen, wird Arwa versuchen, trotzdem 375 Dutzend zu liefern.
Für dieses Beispiel ergeben sich folgende Liefertermine: Die erste Lieferung ist für das Pfingstgeschäft 1949 in einer Höhe von mindestens 25 Dutzend Paar vorgesehen. Anschließend sollen dann monatliche Lieferungen von zwanzig Dutzend erfolgen. Es ist für Arwa selbstverständlich, seine jeweiligen Vertragspartner auch nach Ablauf dieses Vertrages bevorzugt zu beliefern.
Heute, in Arwatal im Schwäbischen Wald (1500köpfige Belegschaft) oder in Bischofswiesen, hört sich das etwas anders an. Erzählt Hans Thierfelder: "Als ich dieses Versprechen gab, zu Pfingsten 1949 die ersten Strümpfe zu liefern, hatte ich keine Maschine, kein Gebäude, keine Meister, keine Färberei. Heute ist es selbstverständlich, daß Perlonstrümpfe in Cellophan verpackt sind. 1948 gab es noch kein Cellophan, und als es wieder welches gab, war kein Drucker da, der Cellophan bedrucken konnte."
Es erwies sich als kein allzu großes Kunststück, die immerhin enorme Summe von zwei Millionen Mark als Vorauszahlung zu bekommen. Ein viel größeres Kunststück war es, die zwei Millionen wieder auszugeben; genauer: die D-Mark in Dollar zu transferieren, um die Maschinen in den USA bezahlen zu können. Damals gab es noch keine Bundesrepublik mit Botschaften und Handelsattachés. 1948 lag der gesamte Im- und Export der Trizone noch bei der Jeia, die ihre Büros erst einmal hinter Bergen von Fragebogen verschanzt hatte.
Wer sich durch alle Bürolabyrinthe der Jeia endlich durchgekämpft hatte, konnte dennoch zu spät kommen: Inzwischen war die Laufzeit des Dollartransfers verstrichen. "Wenn ich in Frankfurt nicht eine Chemnitzerin getroffen hätte, die Sekretärin bei der Jeia war, vielleicht hätte ich die Dollar nie bekommen", bekennt Hans Thierfelder. "Sie verschwand und kam erst mit den Genehmigungen wieder zum Vorschein."
Nach Amerika ist Hans Thierfelder mit nicht mehr als einer Aktentasche geflogen. Nicht etwa von Tempelhof. Da landete alle drei Minuten eine C 54 im Luftbrückeneinsatz mit Kohle und Mehl. Nach Amerika flog Hans Thierfelder via Dänemark. Als der amerikanische Zollbeamte den Mann aus Berlin mit der Aktentasche ankommen sah, sagte er nur: "Lassen Sie man zu, da ist ja doch nichts drin."
Um Hans Thierfelder mit barem Geld erst mal flottzumachen, veranstaltete Philadelphias Erzgebirgsverein nun wahrhaftig eine Kollekte, und da in Amerikas Cotton-Maschinenfabriken heute noch deutsch gesprochen wird, war um so schneller aufzuspüren, wer wohl eine gebrauchte Maschine abgeben könnte. Die Altmaschinen kosteten ein Zehntel des Marktpreises.
So segelten 1948 größtenteils Maschinen wieder über den Atlantik zurück, die einst von Chemnitz und Oberlungwitz aus nach den USA exportiert worden waren, ehe die sächsischen Auswanderer drüben mit dem Cotton-Maschinenbau begonnen hatten.
Da das Pfingstversprechen drängte, war nicht einmal Zeit, die schweren Maschinen auseinanderzunehmen. Sie wurden unzerlegt verladen, worauf sie nicht durch die Tür gingen, als sie ankamen. Aber erst mal schwammen sie auf Bremerhaven zu. Ankunft: 26. Dezember 1948, zweiter Weihnachtstag. Höhe der Fracht: 35 000 Mark.
Erzählt heute Gustl Feldmeier vom Münchner Rathauseck: "Vor fünf Jahren läutet um Mitternacht bei mir das Telephon.
Ich werde aus London verlangt. Es meldet sich Hans Thierfelder. Ich sollte ihm 35 000 Mark borgen, um die Maschinenfracht zu bezahlen." Gustl Feldmeier tat''s.
So nobel wie Gustl Feldmeier waren 1948 die Besitzer von Fabrikraum nicht. Leere Gebäude hätte Hans Thierfelder damals genug haben können. Aber nur gegen fünfzig Prozent Beteiligung am lockenden Strumpfgeschäft. Schließlich war im schwäbischen Backnang das Gebäude der dortigen Spruchkammer zu haben. Sie machte es ohne fifty, fifty.
Nun fehlten noch die Wirkmeister. Sie besorgte Mutter Thierfelder, die in Uschi Thierfelders Fabrikgeschichte immer als Frau Peters auftritt. So hieß ihr zweiter Mann. Sie saß noch in Auerbach und verkündete nun den letzten Getreuen in den Erzgebirgsdörfern: "Der Hans fängt wieder an."
Auf dieses Stichwort verschwand einer nach dem anderen, bis die alte Mannschaft wieder in Backnang beisammen war. Und damit hatte Fritz Selbmann endgültig verloren; er hatte sich geirrt, als er glaubte, ein sächsischer Feinstrumpf behalte in alle Ewigkeit den Charakter einer Devise. Hans Thierfelder hielt sein Versprechen. Pfingsten 1949 lieferte er seine ersten Feinstrümpfe.
Hans Thierfelder ist nicht der einzige Strumpfwirker aus Auerbach im Erzgebirge, der im Westen wieder so groß ins Geschäft gekommen ist. Wie Thierfelder mit seinen Koffern sich in Berlin-Charlottenburg wiedergefunden hatte, so landete der Strumpf-Fabrikant Werner Uhlmann 1946 mit einem Rucksack in Bad Pyrmont, nachdem sein Auerbacher Betrieb total demontiert worden war. In einem Dorfgasthaussaal im Sauerland nähten Uhlmann und Frau Hildegard auf einer geliehenen Nähmaschine Schnittstrümpfe aus irgendwelchen Trikotagen zusammen. 1947 zogen Uhlmanns in ein ehemaliges Artilleriedepot in Lippstadt um.
Auch Werner Uhlmann flog dann in die Staaten, holte mit Hilfe alter Geschäftsfreunde gebrauchte Cotton-Maschinen aus Chemnitz wieder nach Deutschland zurück und baute sie im Lippstädter Artilleriedepot auf.
Anfang 1954 wußte Christian Dior aus Paris in ganz Europa keinen passenderen als Werner Uhlmann ("Uhli-Strümpfe"), dem er Devisen bereitstellte, damit dafür Cotton-Maschinen für einen superfeinen Strumpf "Dior 75" gekauft werden konnten. Und Dior-Konkurrent Jacques Fath läßt seine "Jacques Fath Opal"-Modelle in den Opal-Werken in Hamburg machen, zum Teil mit besonderer von Fath entworfener Zierferse und farblich abgestimmt auf die Kleiderfarben.
Mit den Pariser Modemachern, die nicht mehr allein Kleider unter ihrem Namen teuer verkaufen, sondern nun auch Strümpfe (Jaques Fath Opal-Modelle: 11 Mark), ist eine Entwicklung abgeschlossen, die etwa Ende des ersten Weltkrieges begann.
Um die Jahrhundertwende gehörten Damenstrümpfe - wollene oder baumwollene - zur Aussteuer der jungen Mädchen wie etwa die Tisch- oder Bettwäsche. Das alles waren Dinge, die keinem Modewechsel unterlagen, und der Verschleiß dieser stabilen Beinhüllen war auch nicht groß. Die Röcke gingen bis zur Erde, und so erfüllte auch ein gestopfter Strumpf noch seinen Zweck. Damenstrümpfe rangierten damals im Mengenumsatz ziemlich am Schluß der Bekleidungsgüter. Naturseidene Strümpfe waren eine ausgefallene Luxussache für reiche Leute.
Aber langsam wurde das Frauenbein sichtbar, war ein Drittel des weiblichen Körpers zum Ansatzpunkt eines neuen Schmuckbedürfnisses geworden. Damit war
vor der Kürzung des Rocks der Strumpf-Industrie eine neue Aufgabe gestellt.
Der Feinstrumpf war eine Voraussetzung des kürzeren Rocks, nicht umgekehrt, und darum ging es etappenweise:
* 1910: fußfrei,
* 1914: knöchelfrei,
* 1923: wadenfrei,
* 1927: kniefrei.
Bei einer plötzlichen Freigabe des Frauenbeins hätten die Frauen mit den durchbrochenen, farbig gestreiften und geringelten Strümpfen der Cancan-Zeit wie Zirkusreiterinnen ausgesehen.
Doch um den modernen Feinstrumpf zu schaffen, hätte alle Raupenseide der Welt nicht ausgereicht. Der Rohstoff dazu war die Kunstseide. Ihr Siegeszug ist weitgehend verursacht durch die ungeheure Bedarfsausweitung für Damenstrümpfe. Kunstseide ist nur eine halbsynthetische Faser. Sie wurzelt noch im naturgewachsenen Zellstoff.
Das jüngste Kapitel der Textilgeschichte wurde 1938 in den Labors von DuPont und IG Farben zugleich aufgeschlagen: mit der Entwicklung von Nylon und Perlon ganz aus der Retorte, also vollsynthetischen Fasern. Kurz darauf setzten sich die Chemiekönige der USA und des Deutschen Reiches an einen Tisch, tauschten ihre Patente aus und teilten die Welt in zwei Märkte. Die Amerikaner sollten alle Länder westlich der deutschen Grenzen beliefern und die Deutschen den Osten. In der Großplanung der IG war die Tageserzeugung von Perlon für 1946 mit 30 Tonnen angesetzt.
Diese Rechnung löschte der zweite Weltkrieg aus. 1946 gab es keine IG Farbenindustrie mehr. Das ist der Grund, warum zum Beispiel Hans Thierfelder Pfingsten 1949 noch einmal mit dem Rohstoff von gestern, der Kunstseide, beginnen mußte.
Alles Perlon war während des Krieges der Luftwaffenführung für Fallschirmseide vorbehalten. Nylon war jedoch noch vor
dem Kriegseintritt der USA auf den Markt gekommen und ist auch während des Krieges nie ganz vom Markt verschwunden. Unmittelbar nach Kriegsende eroberte sich der Nylon-Strumpf die Welt im Sturm. Nylon war nach 1945 keine Marke mehr, es war ein Nimbus. 1950 besaß der Nylon-Strumpf das Weltmonopol. Wenn in dieser Situation der deutsche Feinstrumpf noch je eine Rolle spielen wollte, mußte er über die Kunstseide hinaus ebenfalls eine vollsynthetische Faser einsetzen. Das war Perlon.
Um ein Drittel ihres Körpers zu schmücken, hatten inzwischen alle Frauen den Umgang mit einem ihnen bislang unbekannten Begriff der Feinstrumpf-Wirkerei gelernt: mit "denier". Sie beherrschten plötzlich die textile Fachskala von 60 über 30 bis 15 denier. Denier ist ein altes Seidenmaß und bedeutet:
* Ein 9000 Meter langer Perlonfaden von 60 Gramm Gewicht ergibt 60 denier, ein Faden von gleicher Länge und 45 Gramm Gewicht gleich 45 denier, usw. bis 10 Gramm gleich 10 denier.
* Zum Vergleich: ein schwarzes Frauenhaar entspricht 60 denier, ein blondes 30 - 40 denier, eine Spinnwebe gleich 0,5 denier.
Die Cotton-Maschinen jedoch, die allein formgerechte Feinstrümpfe wirken können, rechnen umgekehrt. Ihr Feinheitsmaß ist das "gauge" (sprich: gehtsch), das heißt die Anzahl der Nadeln, die auf 38 Millimeter (1½ englischen Zoll) laufen. Bei einer 51er gauge-Cotton-Maschine laufen auf je 38 Millimeter 51 Nadeln, bei einer 66er gauge-Maschine schon 66 Nadeln von zusammen zwei Gramm Gewicht, und dazwischen noch die Platinen. Diese Uhrwerke der Textilwerke bestehen aus 200 000 Einzelteilen und arbeiten mit 40 000 Nadeln und Platinen. Die Cotton-Maschinen, die Hans Thierfelder Weihnachten 1948 gebraucht aus den USA holte, waren wohl auch Uhrwerke, aber alte. Sie konnten einen
60-denier-Faden verarbeiten, aber niemals einen 10er.
Für hohe und höchste Feinheiten schaffte Thierfelder erst später neueste Maschinen an. Mit zunehmender Feinheit des Fadens kommt es aber zu einer gefährlichen Schere zwischen Feinheit und der "Ausbringungsfähigkeit" der Cotton-Maschine, also ihrer Produktivität: Wenn der Perlonfaden immer feiner wird, muß auch die Anzahl der Maschen ständig zunehmen.
Kam der ältere Perlonstrumpf noch mit einer Million Maschen aus, dann enthalten die jetzt zum Kampf um den Weltmarkt antretenden 10-denier-Strümpfe über drei Millionen Maschen*). Deswegen darf sich aber die Herstellungszeit eines 10-denier-Feinstrumpfes nicht etwa verdreifachen. Die Cotton-Maschinen müssen vielmehr ein steigendes Reihentempo trotz zunehmender Maschenzahl halten:
* Vor dem ersten Weltkrieg: etwa 60 Reihen je Minute; nach dem ersten Weltkrieg: etwa 80 Reihen je Minute; nach dem zweiten Weltkrieg: bis 100 Reihen je Minute.
So stößt in der Feinstrumpf-Technik einer den anderen vorwärts: Der Kampf mit dem Nylonstrumpf hat nur Sinn, wenn Westdeutschlands Großchemie für diesen Feldzug ausreichende Mengen Perlongarn bis zu 10 denier Feinheit liefern kann. Und die bundesdeutsche Textilmaschinen-Industrie muß ihre neuen Cotton-Maschinen derart hochzüchten, das die "gauge" auch die "denier" verarbeiten können, und zwar so schnell, daß der Reihenrekord von 100 in der Minute ihr nicht von den Erzgebirglern in USA wieder abgejagt wird.
Nylon und Perlon lieferten sich Oktober 1951 den ersten Schaukampf, als Deutschlands Beinkönigin Gonda Sureen aus Bremen vier Wochen lang von New York bis Los Angeles ihre Beine zeigte. Aber bis heute wissen nur Hans Thierfelder, sein Werbeberater und sein engerer Stab, warum wirklich eine "Beinkönigin" gewählt wurde. Dahinter steckte die größte bisher in Westdeutschland durchgeführte Marktanalyse.
Als Hans Thierfelder alle Frauen zur Teilnahme am Kampf um die Krone einer Beinkönigin aufrief, maßen 100 000 Frauen die Länge ihrer Beine, der Schenkel und der Waden. Dann maßen sie den Umfang ihrer Waden, ihrer Fesseln und die Länge ihrer Füße. So hatte Hans Thierfelder 100 000 Antworten durch die Hollerithmaschinen jagen können. Er besaß das vollendete Marktbild von einem Drittel des Frauenkörpers.
Was bisher nur Vermutung war, fand jetzt seine Bestätigung: Durch Kriegsarbeit an der Drehbank und auf dem Straßenbahnperron, durch Schlangestehen und Hamsterfahrten auf Trittbrettern waren die deutschen Frauenbeine kräftiger und die Waden stärker geworden. Mit dieser Marktanalyse war es möglich, dem Feinstrumpf gegenüber der Vorkriegszeit einen solchen Sitz zu geben, daß er kein Wasser mehr zieht. Das war das ganze Geheimnis von Gonda Sureen.
Allen weiteren Fehlerquellen geht Uschi Thierfelder selber nach. Wie Hans Thierfelder als Textilingenieur einen Feinstrumpf selber wirken kann, so lernte Uschi Thierfelder - zunächst inkognito - Strümpfe verkaufen. Und jene ebenso simple, aber entscheidende Frage, die alle Markenartikel-Hersteller bis in den Schlaf quält, nämlich warum gerade ihre Marke
gekauft wird und nicht die andere oder umgekehrt - in der Zigaretten-Industrie ist das ein bis heute trotz der Konsultierung von Tiefenpsychologen ungelöstes Rätsel - , drang Uschi Thierfelder selber in jenen unerforschten Dschungel ein, der sich "Einzelhandel" nennt.
Bis heute hat niemand die Frage beantworten können: Was macht eigentlich ein Verkäufer, wenn eine Marke verlangt wird, die am Lager vergriffen ist? Wie reagiert der Verkäufer in diesem Augenblick, und was preist er an? Eine qualitativ gleichwertige Marke oder eine neue Marke, für die ein erhöhter Einführungsrabatt gegeben wird, an der er also mehr verdient? Da es auf diese Fragen keine statistisch aufbereiteten Antwortreihen gibt, verkauft Uschi Thierfelder von Zeit zu Zeit ganz einfach Strümpfe.
Abends gehen ihre Erfahrungsberichte nach Bischofswiesen, und die Männer richten sich nach dem, was Uschi Thierfelder über das dünnste Kleidungsstück, das aber am längsten halten soll, nun mal nur als Frau erfährt:
Was für Strümpfe tragen Sie morgens, welche nachmittags und welche abends? Warum gehen Ihre Strümpfe so schnell entzwei? Wie soll die Strumpfnaht sein? Wollen Sie dicke oder dünne Strümpfe? Bevorzugen Sie Perlon oder Nylon? Welche Strumpffarbe gefällt Ihnen am besten?
So konnte in Hans Thierfelders Strumpfreich die Zahl der einlaufenden Reklamationen auf 400 je 1 000 000 Paar Strümpfe herabgesetzt werden. 0,4 Promille sind eine verschwindende Zahl.
Aus den Dschungelfahrten Uschi Thierfelders wurde eine Werbe-Idee, und das Flüchtlingsmädchen aus Gumbinnen rückte ins Scheinwerferlicht des Strumpfgeschäfts. Frau Thierfelder hält "Strumpfberatungstage" überall in Deutschland ab. Ihr Besuch wird jedesmal mit großer, meist halbseitiger Anzeige in den Tageszeitungen der betreffenden Stadt im voraus angekündigt.
Diese persönliche Meinungsbefragung halten die Arwa-Leute für viel anschaulicher, als wenn Interviewer fremde Menschen ansprechen und sie befragen. Hier steht die Frau eines Markenartikel-Fabrikanten dann jeweils einige Tage im Gespräch mit der Endverbraucherin und kann alle hieb- und stichfesten Antworten geben. Das Resultat daraus sind unter anderem auch haargenaue psychologische Unterlagen für die Arwa-Werbung.
Trotzdem liegen zur Stunde noch Meilen zwischen Westdeutschlands Perlon- und Nordamerikas Nylon - Strumpfverbrauch, Obwohl die Landkarte zur Wirtschaftsgeographie des Perlon-Strumpfes keine weißen Flecken mehr aufweist - er hat auch das letzte bundesdeutsche Dorf erobert - , verharrt der Feinstrumpf-Verbrauch in Westdeutschland je Frau und Jahr bei knapp fünf Paar. Das ist ein lächerlich geringer Schnitt, obgleich die Produktionskurve von neun Millionen Paar Cotton-Strümpfen 1950 auf 58 Millionen Paar 1953 steil angestiegen ist (s. Graphik S. 30).
Dazu kommen noch 15 Millionen Paar gestrickter Strümpfe plus legaler Osteinfuhr über den Interzonenhandel und ein kaum zu kontrollierender mehr oder weniger stark ergrauter Markt an Nylon-Strümpfen, so daß in der Spitze mit einem Jahresverbrauch von 80 Millionen Paar Damenstrümpfen in Westdeutschland gerechnet werden kann. (Der Marktanteil der Kunstseide, die einst den sächsischen Feinstrumpf zum Siege führte, beträgt nur noch drei bis vier Prozent.)
Diese Verbrauchsprognose stützt sich auf eine Käuferinnenschicht, die ungefähr identisch ist mit der Zahl der weiblichen Wahlberechtigten zum Bundestag gleich 18,2 Millionen Frauen. Da das Wahlalter mit 21 beginnt, müßte die unbekannte Zahl der feinbestrumpften Teen-agers dazu gerechnet werden, wenn nicht die Greisinnen auf Feinstrümpfe verzichteten. So pendelt die Strumpfwaage immer wieder bei rund 18 Millionen Käuferinnen ein.
Knapp fünf Paar je Frau und Jahr sind bedeutend weniger als jene sieben Paar Kunstseidenstrümpfe, die 1938 Deutschlands Frauen im Schnitt verbrauchten. Die größere Haltbarkeit des Perlonfadens gegenüber der Kunstseide scheint die landläufige Erklärung für dieses auffallende Absinken des Verbrauchs zu sein, sie reicht aber nicht aus, um den Unterschied zum USA-Verbrauch, der bei 43 Paar je Frau und Jahr liegt, auch nur annähernd zu erklären.
Das größte Hindernis für eine Marktausweitung des westdeutschen Feinstrumpf-Verbrauchs ist die Gewohnheit der deutschen Frau, ihre Strümpfe zu stopfen. "Kein Mann kommt auf die Idee, seine Krawatte zu stopfen", sagt Hans Thierfelder.
Da Perlonstrümpfe kaum zu stopfen sind, wurde das Maschenaufheben erfunden. Als Fessel des Feinstrumpfverbrauchs hat sich an jeder Straßenecke ein Laufmaschendienst aufgetan. Kleine Schaufensterbetriebe, die in der 12-Mark-Zeit des Perlonstrumpfs wie Pilze wucherten und bis heute blieben.
Diese Laufmaschendienste als Abwandlung des Strümpfestopfens kennen die USA nicht.
Damit ist die viel umstrittene Frage der Marktsättigung für Westdeutschland bereits zum Teil beantwortet. "Von Marktsättigung reden diejenigen, die nicht verstehen, Strümpfe zu verkaufen", behauptet Hans Thierfelder. Diese Zukurzgekommenen untermauern ihre Marktsättigungsthese mit der Überkapazität des in der Bundesrepublik seit 1948/49 installierten Cotton-Maschinenparks. Die Zahl dieser Flachwirkmaschinen wird gemeinhin mit über 600 angegeben.
Das ist eine zu ungenaue Zahl für eine exakte Produktionsanalyse. Denn neben ihrem in "gauge" ausgedrückten Feinheitsmaß rechnen die Cotton-Maschinen noch nach "Fonturen". Das sind die nebeneinanderlaufenden Arbeitsstellen: auf einer 24-fonturigen Cottonmaschine können zu gleicher Zeit 24 Strümpfe flach gewirkt werden, bei einer 32-fonturigen eben 32 Strümpfe. (Uhlmanns 10 denier feine Dior-Strümpfe werden auf einfonturigen Maschinen gemacht und kosten 20 Mark das Paar.)
Aber erst eine Addition aller in Westdeutschland vorhandenen Fonturen = Arbeitsstellen ergibt die genaue Kapazität der Feinstrumpfindustrie. Diese Zahl lautet: 26 000 Fonturen. Da durchschnittliche Fonturen in etwa 50 Minuten einen Feinstrumpf hinauswerfen, sind es in einer Achtstundenschicht, grob gerechnet, 10 S trümpfe. Mal 26 000 Fonturen = 260 000 Strümpfe oder 130 000 Paar am Tag.
Diese Summe mal 300 Arbeitstage ergibt lediglich 39 Millionen Paar Strümpfe, so daß schon der am Weltverbrauch gemessen geringe Produktionsausstoß von 58 Millionen Paar Feinstrümpfen je Jahr in der Bundesrepublik in Mehrschichten hergestellt werden muß. Wenn der niedrige Verbrauchsschnitt von fünf Paar je Frau und Jahr wirklich befriedigt werden soll, sind allein 90 Millionen Paar nötig.
Die Exportchancen eingerechnet, steht vor den 85 westdeutschen Feinstrumpf-Fabriken jetzt die wenigstens teilweise Rückeroberung des verlorenen Absatzterrains. 1900 versorgte Sachsen den Weltmarkt für Strümpfe zu 80 Prozent. Der erste Weltkrieg brachte das Aufkommen der USA-Konkurrenz; Sachsens Anteil an der Weltstrumpfversorgung sank auf 27 Prozent.
Der zweite Weltkrieg löschte Deutschlands Strumpfexport bis 1950 völlig aus.
Erst 1951 begann ein zaghaftes Tasten auf den verlorenen Strumpfmärkten. Ergebnis: ein Prozent der 1951 erzeugten 30 Millionen Paar Feinstrümpfe konnte exportiert werden. 1953 erreichte der Exportanteil der westdeutschen Feinstrumpfindustrie etwa fünf Prozent. Aber zu diesem Exportkampf gegen das Nylonmonopol der außerdeutschen Welt können nur die Stärksten antreten, die Perlon in der gleichen Feinheit des Fadens wie Nylon verarbeiten können, wozu die modernsten Cotton-Maschinen unumgängliche Voraussetzung sind.
Mit 10 000 000 Paar erzeugten Feinstrümpfen im Jahr, das sind rund 20 Prozent der westdeutschen Cotton-Strumpfproduktion, gehört Hans Thierfelder heute zu den Allerstärksten und zu den Größten in Westeuropa. Er übernahm die bisher nur in den USA praktizierte Idee der offenen Fabrik. Ohne Anmeldung und ohne Führung steht jedermann die Besichtigung seiner Modellfabrik in Bischofswiesen frei. Von jedem Maschinensaal ist ein gläserner Besuchergang abgeteilt, ein roter Faden an der Decke weist den Weg.
Hans Thierfelder wohnt mit Frau Uschi und Pudel Nicky in einer großzügigen Villa bei Berchtesgaden.
Er fährt mit seiner blauen Alfa-Romeo-Limousine (180 km/h) von Termin zu Termin. "Er ist an sich kerngesund, nur zu dick", sagen seine Freunde. "Er hat zu wenig Bewegung, und das Auto hindert ihn am Laufen."
Frau Uschi wollte für sich immer gern einen Porsche haben. Aber ihr Mann sagt: "Der ist zu schnell." So muß es denn für sie ein Volkswagen tun. Zusammen mit Pudel Nicky fährt sie darin zu ihren "Strumpfberatungstagen".
Aus den USA hat Hans Thierfelder sich auch einige Ideen mitgebracht, mit denen ein gesundes Betriebsklima und damit hohe Produktionsleistungen erzielt werden können. Seinen Arbeiterinnen und Arbeitern stehen kostenlos ein paar Volkswagen zur Verfügung, er duzt sich mit Dutzenden seiner Leute, und wer ein Anliegen hat, kann in die "Privatsprechstunde" des Chefs kommen und Hans Thierfelder sein Herz ausschütten.
Wo Hans Thierfelders Modellfabrik heute steht, stand 1944 ein Vortrupp des OKH, um einen Befehlsstand für den Wehrmachtführungsstab Süd zu erkunden. Die Wahl fiel auf einen verwunschenen Hochwald im Tal der Ache; Winkl sagen die Berchtesgadener dazu. Nicht sehr viel später saßen in diesem Stabsquartier des OKH die PoW''s der US-Army.
Um Schußfeld für die GI''s zu machen, mußten die Gefangenen die Bäume fällen. Als die Gefangenen sortiert oder entlassen waren, rückten 1800 vertriebene Sudetendeutsche in Winkl an. Damit hatte Berchtesgadens Landrat Theo Jacob insgesamt zehn Lager, sieben Altersheime und alle Fremdenbetten voll Flüchtlingen in einem Kreis, der nur von einer Industrie lebt: der Fremdenindustrie.
Jeder Fabrikschlot zwischen Watzmann und Obersalzberg hätte den Fremdenverkehr vollends erschlagen, abgesehen davon, daß alles Land um den Königssee unter Naturschutz steht. Und wenn man schon eine Industrie ohne Schornstein fand, dann durfte sie sich keine Arbeitskräfte mitbringen. Aber bleiben konnte es so auch nicht mit 35 Prozent Flüchtlingsbelegung im Berchtesgadener Land (bei 22 Prozent in ganz Bayern).
1951 bekam der zuständige Landrat Theo Jacob den Rat, doch einmal zu Hans Thierfelder nach Arwatal zu fahren: "Der baut doch dauernd." Leider werden aber Damenstrümpfe gefärbt. Von den Abwässern würde die himmelblaue Ache in allen Farben schillern. Doch es gab eine Schweizer Methode zum Entfärben von Gebirgsbächen. Das wird mit Eisenhydroxyd gemacht, und die Anlage kostete 100 000 Mark.
Fragte Hans Thierfelder: "Wieviel Fremdenverkehr ist dort?" Landrat Jacob rechnete: Salzburger Festspiele 300 000 Besucher, Königssee 800 000 Wallfahrer, Berchtesgadener Land 1,3 Millionen Übernachtungen plus Fremdenkapazität von Reichenhall - er kam schnell über zwei Millionen.
Damit war die Brücke von Fremdenverkehr zur Strumpfindustrie geschlagen: Während der Saison kommen 2000 Besucher täglich durch Hans Thierfelders offene Tür von Bischofswiesen.
Noch im Schneesturm kommen täglich 50, nur um zu sehen, wie man Strümpfe macht.
PERLON EROBERT DEN MARKT Produktion von Damen-Feinstrümpfen<
Bundesrepublik<
Millionen Paar<
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*) Auf den Cotton-Maschinen wird der Strumpf flach in einem Stück gewirkt, wobei die Maschine selbsttätig Maschen auf- und abnimmt. Eine Naht genügt, den Strumpf hinten zu schließen. - Andere Systeme: Rundgewirkte nahtlose Strümpfe mit verschieden dichtem Maschenbild, aus einem normal gewebten Stück ausgeschnittene und mit mehreren Nähten zusammengenähte Strümpfe.
*) Dr. Robert Reiner ist heute wieder Präsident der deutsch-amerikanischen Handelskammer in New York.
**) Sie sind die derzeit größte Cotton - Maschinenfabrik der Welt. Thun und Jansen fabrizierten zunächst Bandwebstühle, seit 1892 auch Cotton-Maschinen nach sächsischem Vorbild. Thun und Jansen, die sich anfänglich nur schwer durchsetzen konnten, gründeten später mit den von ihnen gebauten Maschinen die große Berkshire Strumpf-Fabrik
*) Die meisten Strümpfe in Westdeutschland werden in Feinheiten bis zu 51 gauge hergestellt. Da nur wenige 66-gauge-Maschinen in der Bundesrepublik laufen, ist der 10-denier-Strumpf hier noch eine modische Rarität, in den USA aber bereits eine Selbstverständlichkeit.
*) Links: Adolf Gondrell

DER SPIEGEL 10/1954
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