03.03.1954

MÖBEL / MESSEDer blaue Dynosaurier

Seit 5000 Jahren sitzt der Mensch verkehrt." Der schwedische Arzt Dr. Bengt Akerblom demonstrierte vergangene Woche auf der Kölner Möbelmesse 1954 vor Einkäufern und Fabrikanten, daß der Stuhl, auf dem der Mensch heute sitzt, im Grunde noch genau so ungeschickt konstruiert sei wie etwa ein Thronsessel aus dem alten Ägypten: "Der Körper wird in eine anatomisch falsche Haltung gezwängt, der Rücken ist steif, und die Oberschenkel liegen so fest auf, daß die Beine einschlafen müssen."
Elf Jahre ließ Dr. Akerblom Hunderte von Versuchspersonen auf verschiedenen Stühlen Platz nehmen, machte Messungen und studierte an Hand von Röntgenaufnahmen die Lage der Knochen und Muskeln. Dann entwickelte er seine ideale neue Linie mit dem "Akerblom-Knick", die jetzt auch den deutschen Stuhl anatomisch revolutionieren soll.
Die ersten leichten Stahlrohrsessel und Polsterstühle aus der neuen Produktion, die den Kölner Messebesuchern von einer Gruppe deutscher Fabrikanten mit Akerblom-Lizenz vorgeführt wurden, haben drei charakteristische Merkmale:
* Die Stuhlbeine, gewöhnlich 45 cm hoch, sind um 5 cm verkürzt, der Unterschenkel "hängt" nicht mehr, sondern kann sich müheloser bewegen.
* Die Sitzfläche, nach hinten etwas abgeschrägt, entlastet den Oberschenkel, verlagert das Körpergewicht und ermöglicht so eine günstigere Sitzhaltung.
* Der schwache Knick in der Rückenlehne entspannt die Rückenmuskulatur und stützt den Körper in der Nierengegend.
Leicht federnd in ihren Stahlrohrsesseln, ließen sich die deutschen Möbeleinkäufer von den Erzählungen Akerbloms über seine Erfolge an schwedischen Universitäten beeindrucken. Auf Akerblom-Stühlen, so berichtete der schwedische Arzt, seien die Studenten den Vorlesungen stundenlang "geistig frisch und mit großem Vergnügen gefolgt", während ihre Kommilitonen auf gewöhnlichen Hörsaal-Bänken unruhig auf das Klingelzeichen gewartet hätten. In Deutschland schickte schon ein Lizenz-Fabrikant seinen Vertreter mit dem wirkungsvollen Akerblom-Slogan in eine Konfektionsfirma: "Eine müde Näherin ist teurer als ein neuer Stuhl."
Aber auch in den Sitzgelegenheiten, die ohne typischen Akerblom-Knick nach dem Motto "Niedriger sitzen, bequemer leben" konstruiert waren, fühlten sich die strapazierten Messebesucher nach ihren Tagesmärschen durch die weitläufigen Hallen wohl. Hingestreckt in weiche Kissen, waren sie eine Bestätigung für die Behauptung der Aussteller, daß "auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse Bequemlichkeitsgrade erreicht wurden, die bislang bei Polstermöbeln praktisch nicht möglich schienen".
Auffallend viele Möbel-Entwerfer haben den behäbigen Ohrenklappen-Stuhl als Standardmodell für behagliches Sitzen aus ihrem Programm gestrichen und entwickelten eine Folge neuer Sessel-Typen aus der Grundform der Sitzbadewanne. Ihre avantgardistischen "Sitzkuhlen" oder "Sitzschalen" bestehen nicht mehr aus einzelnen Kissenpolstern mit Sitzfläche, Arm- und Rückenlehnen. Auf schlanken Stahlrohren oder dünnen Streichholz-Beinen ähneln die homogenen Gebilde aus Schaumgummi, Korbgeflecht oder Plastik-Gewebe eher den eigenwilligen Skulpturen abstrakter Bildhauer.
In ihren Umrissen scheint die Sitzkuhle den Abdrücken nachgeformt zu sein, die ein ruhender menschlicher Körper im weichen Sand hinterläßt.
Tatsächlich ermitteln die modernen Möbel-Gestalter erst die jeweils zwangloseste Körperhaltung des Menschen auf dem Stuhl, im Sessel oder auf der Couch, bevor sie ihre neuen Modelle entwerfen. Die Beobachtung, daß sich der Gast auf dem Sofa gern einige Kissen in den Rücken stopft, um bequem zu sitzen, brachte die Möbel-Konstrukteure auf den Gedanken, Schaumgummi-Kissen gleich in die Rückenlehnen der Sessel und Sofas mit einzubauen. Da die neuartigen "Nieren-Kissen" oft mit andersfarbigen, grellen Möbelstoffen bezogen sind, schaffen sie auch bei den konservativen Sitzgruppen kontrastierende "Picasso-Effekte".
Aus der Erkenntnis, daß manche Menschen eine Abneigung gegen "ordentliches" Sitzen haben, schufen die Fabrikanten den "Zebra-Sessel" mit nur einer Armlehne. Aber so gelöst sich der Besitzer auch in seine neue "Sitzschale" bettet, einen Nachteil empfindet er nach einer gewissen Zeit doch: Die anatomischen Möbelformen halten ihn in einer bestimmten Stellung fest.
Nach Akerblom gibt es jedoch keine ideale Lage, die auf die Dauer nicht unbequem würde. So bleibt abzuwarten, wie lange man es auf der asymmetrisch geformten "Liege-Wanne" aushalten wird, die unter dem Spitznamen "Der blaue Dynosaurier" die Attraktion der Kölner Möbelmesse wurde, oder auf dem Fernseh-Sessel "Münchhausen", auf dem der Fernseh-Zuschauer sein Abendprogramm in Zukunft liegend genießen kann. Das extravagante blaue Liegebett wurde bereits
an verschiedene Möbelimporteure aus den USA verkauft, während die Einkäufer aus Belgien, Holland und Luxemburg ihr Interesse mehr den konservativen, "gediegenen" und "soliden" Formen zuwandten.
Mißtrauisch gegenüber allzu gewagten Linien hielt sich das Gros der 460 Aussteller "bewußt an Stilmöbel, um der Vermassung und Entseelung der Zeit im Möbel entgegenzutreten". Herrenzimmer Marke "Prominent" mit schweren Bücherschränken und breit ausladenden Diplomatenschreibtischen sind trotz beschränkter Wohnraumverhältnisse noch immer gefragt. Besonders im Ruhrgebiet verlangt der Käufer mit zäher Beharrlichkeit denjenigen Möbeltyp, der von den Fachleuten als "Gelsenkirchener Barock" oder "Schippendalles" bezeichnet wird.
Die Bevorzugung längst überholter Formen erklärt sich Alfred Ordnung, Vorsitzender des Möbel-Fachverbandes in der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels, aus dem "Repräsentationsbedürfnis der Bergleute, die ihre durch Bomben vernichteten Möbel genau so vollständig und in denselben Maßen wiederhaben wollen, wie sie sie vor dreißig Jahren gekauft haben".
Der Hang, sich "bürgerlich einzurichten", verleite den Bergmann dazu, auch heute noch das alte große Küchenbüfett mit Aufbauten und Scheibengardinen zu kaufen. Obwohl es längst wohldurchdachte raumsparende "Arbeitsküchen" gibt, die den Wohnraum nur mit 6 Quadratmeter belasten, wurden in den letzten Jahren im Ruhrgebiet, aber auch in Baden und in der Pfalz fünfmal soviel "Wohnküchen" gekauft, für deren deftig geschwungenen architektonischen Stil Alfred Ordnung den Begriff "Boogie-Woogie-Stil" geprägt hat.
Nach der Kölner Möbelmesse zu urteilen, haben die Vertikos mit Scheibengardinen indessen keine lange Lebensdauer mehr. Auch die konservativeren Hausfrauen zeigten sich entzückt von den Bartischchen der modernen Anbauküchen, an denen man auf hohen Barhockern, wie sie in Amerika schon lange im Gebrauch sind, schnell eine Zwischenmahlzeit einnehmen kann.
Auf der vorletzten Kölner Möbelmesse galten die palettenförmigen Nieren-Tischchen noch als non plus ultra der modernen Form. In diesem Jahr gehören sie bereits zum konservativen Bestand moderner Wohnungseinrichtungen. Der dernier cri sind Kastentische mit Öffnungen, in die man Gläser, Weinflaschen und - das ist das Neueste - Töpfe mit Blattpflanzen einlassen kann. Bücherregale werden nicht mehr an die Wand gestellt, sondern ragen, von beiden Seiten zugänglich, im rechten Winkel in den Raum hinein.
Hatten sich die Fabrikanten auf der vorletzten Kölner Möbelmesse mit ihrem neuen sachlichen Möbelstil nur sehr zaghaft hervorgewagt, so zeigten überraschend viele Möbel-Gestalter in diesem Jahr erstmalig eine kompromißlos klare Linie. Drei Grundforderungen haben sie für ihre Programme aufgestellt:
* In den zumeist kleinen Wohnungen, wie sie etwa der soziale Wohnungsbau vorschreibt, müssen die Möbel hell und leicht sein, damit sie nicht nur räumlich, sondern auch durch optische Schwerelosigkeit die "Wohnung weiten".
* Die Möbel sollen wieder "mobile" in ihrer ursprünglichen Bedeutung sein, das heißt bewegliche Dinge, die man ohne fremde Hilfe von einer Seite zur anderen rücken kann, um dem Raum nach einer gewissen Zeit ein anderes Gesicht zu geben.
* Außerdem sollten die Möbel in einem Raum nicht mehr als drei verschiedene Höhen (die Standardmaße Stuhl - Tisch - Schrank) aufweisen.
Wer sich im Stil der Kölner Messe-Avantgardisten einrichten will, muß den Mut haben, die Konturen seiner dunklen Holzregale mit leuchtend heller Farbe nachzuziehen; er muß es wagen, seine Zimmerdecke rot und die Seitenwände schwarz und gelb anzustreichen, und seine Tische mit spiegelblanken "zigarettenfesten" Kunststoffplatten in heftigen Farben zu belegen. ("Durch Farbkontrast zum Raum-Akkord".)
Die funktionell anmutenden Möbel sind auf Kastenelementen aufgebaut, vermeiden jeglichen unnützen Zierrat - sogar die Knöpfe an den Schubladen - und geben als Ausgleich für die betont strengen Linien der Farbe wieder mehr Spielraum. In scheinbarer Umkehrung statischer Werte sitzen schwere schwarze Tisch- und Schrankkästen auf zerbrechlich wirkenden weißen Metallrohr-Gestellen - eine endgültige Absage an die soliden "Dackelbeine" der kurvenreichen konservativen "Dauerwellen"-Möbel.
Die Möbelhändler aber folgen den avantgardistischen Fabrikanten nur zögernd. Sie haben sich in Köln von den extremen Möbeln erst einmal ein Modellstück bestellt, das sie im Schaufenster zeigen wollen. "Um zu sehen, wie die Leute reagieren."

DER SPIEGEL 10/1954
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