24.03.1954

CHEMOTHERAPIE / FORSCHUNGLeckerbissen für Viren

Die große Zeit der Bazillenjäger ist vorbei. Die Bilder von gefeierten Bakterien- und Spirochätenvernichtern werden zwar in dem von Bundespräsident Heuss letzte Woche eröffneten Behring-Ehrlich-Jahr an vielen Wänden hängen, aber dieser Typ Forscher ist schon historische Erinnerung geworden. Die Chemotherapie ist heute Handelsware, und es ist nicht viel schwerer, Bazillen zu töten als Stubenfliegen zu erschlagen.
Aber schon sind neue Feinde von Leben und Gesundheit aufgetaucht: die Viren. Als Behring und Ehrlich Medizin studierten, machte man zwischen Viren und Bakterien noch keinen Unterschied. Heute weiß man, daß Viren nicht nur hundertbis tausendmal kleiner sind als Bakterien, sondern auch an der Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur stehen. So sind zum Beispiel die Erreger der gefürchteten Kinderlähmung, die Polio-Viren, nichts als große Eiweißmoleküle, die unter bestimmten Umständen einige "Lebensäußerungen" geben können. Diesen nur unter Elektronenmikroskopen (in 77 000-facher Vergrößerung) erkennbaren Vagabunden des Mikrokosmos gilt heute der Kampf der Mediziner.
Paul Ehrlichs großer Wunschtraum war es, eine magische Kugel zu erfinden, mit der er seine kleinen Feinde erschießen könnte. Was er 1909 entdeckte, war eher mit einem vergifteten Pfeil zu vergleichen, den er gegen die Spirochäten der Syphilis abschoß. Es war das Salvarsan, das erste chemisch erzeugte Gift gegen Krankheitserreger.
Gift gegen die kleinsten Feinde der Menschen - das war das Programm der Chemotherapie seit Ehrlichs Fund. Als Bakteriengifte wurden auch später Sulfonamide und Antibiotika (wie Penicillin. Streptomycin, Terramycin) im Kampf gegen die Mikroben verwandt. Aber sie vernichteten alle nur Bazillen und andere Erreger ähnlicher Größe. Gegen die winzigen Viren, die Schnupfen, Grippe, Pokken und Kinderlähmung erregen, blieben sie mit wenigen Ausnahmen wirkungslos.
Die alten Kämpen der Bakteriologie ermunterten die jüngeren Forscher, weiterzusuchen, bis ein wirksames Gift gefunden sei. Doch das wurde eine freudlose Jagd. Ihre Erfolge sind kaum nennenswert. Nur einige sehr große Viren ließen sich auf die gleiche Weise wie Bazillen angreifen.
Jetzt soll diese Suche abgebrochen werden. In der vergangenen Woche, als tausend Wissenschaftler aus allen Erdteilen zur Ehrung von Behring und Ehrlich in Hoechst am Main zusammenkamen, gab der Forschungsdirektor der National Drug Company in Philadelphia, Gustav J. Martin, die Losungen für eine neue Offensive gegen die Viren aus.
Ein Faktum hat sich schon ergeben: Die Viren sind als Zielscheibe für die bis jetzt verschossene Munition viel zu klein. Bazillen kann man vergiften, indem man sie mit Sulfonamiden füttert*). Die meisten Viren nehmen aber keine unzubereitete "Nahrung" auf. Sie werden im menschlichen Körper von der Zelle, in der sie sich niedergelassen haben, wie ein Brustkind gesäugt. Deshalb können sie von außen her nicht vergiftet werden.
Die Schüsse der Mediziner müßten also, wenn sie die kleinen Viren treffen sollen, auf die Wirtszelle gerichtet sein. Unter normalen Umständen hieße das: Der Kranke muß vergiftet werden, damit auch die Viren in ihm sterben. Diese fatale Folgerung brauchte Gustav J. Martin aber nicht zu ziehen. Den Chemotherapeuten kommt jetzt zu Hilfe, was den Biologen viel Kummer bereitet hat: die bis zum Selbstopfer reichende Fürsorge der Zelle für die in ihr schmarotzenden Viren.
"Die Wirtszelle muß ihre Viren füttern, aber sie soll sie zu Tode füttern", postulierten die zwei Dutzend amerikanischen Forscher, die jetzt in der vordersten Front gegen die kleinsten Krankheitserreger
stehen. Die Auswahl der Leckerbissen für Viren ist allerdings viel kleiner als das Assortiment für Bakterien. Viren enthalten praktisch nur Eiweiß und Nukleinsäuren*), und sie nehmen auch keine anderen "Lockspeisen" an.
Mit raffinierten Tricks und ausgeklügelten Methoden haben die Forscher in den letzten drei Jahren den Stoffwechsel der kleinsten Viren ausgekundschaftet. Es wurde ermittelt, welche Eiweißbestandteile die Viren bevorzugen.
So liegen heute schon Details von der "Speisekarte" der Polio-Viren, den Erregern der Kinderlähmung, vor. Der häufigste und gefährlichste dieser Virusstämme, der von den Wissenschaftlern auf den Namen Brünhild getauft wurde, braucht vor allem Methionin, Isoleucin und Valin. Das sind drei der 29 Aminosäuren, aus denen sich alle Eiweißarten zusammensetzen. Der seltener vorkommende sogenannte Lansing-Stamm des Kinderlähmungsvirus scheint sich mit dem Methionin zu begnügen.
Die Forschung in den Kliniken soll bei der nächsten Epidemie ergeben, ob die Kinderlähmung allein durch eine Eiweiß-Diät ausgeheilt werden kann. Zwei Behandlungsarten sind vorgesehen:
* Die Patienten bekommen eine Kost, die an Stelle von Methionin, Isoleucin und Valin andere, für die Viren unbrauchbare Aminosäuren enthält. Die Viren würden dann "mit vollem Bauch verhungern".
* Oder eine strenge Aminosäuren-Mangeldiät soll die Viren schwächen.
Neu und überraschend an diesen Vorschlägen der amerikanischen Experten ist, daß dem Körper bei Infektionskrankheiten wichtige Nährstoffe entzogen werden sollen: Die Körperzellen sollen auf sie verzichten, damit sie den Viren nicht nützen können.
Im künftigen Programm der Virus-Chemotherapeuten steht sogar eine Drosselung
der Vitaminzufuhr für die Patienten. Damit würde die Grundregel für die Abwehr von Bakterien auf den Kopf gestellt: Während man die Gefahr bakterieller Infektionen durch Zufuhr von Vitaminen verhindert, will man Virusinfektionen durch künstlich erzeugten Vitamin- Mangel bekämpfen.
"Man kann erwarten, daß ein solcher Vitamin-Mangel den Stoffwechsel der Wirtszelle so ändert, daß auch die Vermehrung des Virus davon betroffen wird", sagte Professor Martin in Hoechst. Diese Erkenntnisse zwingen die Forscher, bei dem jetzt beginnenden Generalangriff auf die Viren viele vertraute Ansichten der Medizin zu überprüfen.
Die Folgerungen daraus müssen erst noch gezogen werden. Die Mediziner sind im Kampf gegen das Virus erst ebensoweit wie Emil von Behring 1893 im Kampf gegen den Bazillus. Damals hatte er das Serum gegen die Diphtherie gefunden. Aber erst 16 Jahre später (1909) schuf sein Kollege und Mitarbeiter Paul Ehrlich die ersten chemischen Waffen gegen Bakterien. So lange werden die Ärzte heute auf die Anfänge einer Chemotherapie der Viren kaum zu warten brauchen.
*) Nach Forschungen des Heidelberger Nobelpreisträgers Richard Kuhn nehmen Bakterien Sulfonamide begierig auf, weil sie in ihrem Bau dem Vitamin H ähneln, das sie für ihr Wachstum brauchen. Die Viren lassen sich also mit einem Ersatz betrügen und sterben dann an Vitamin-Mangel.
*) Nukleinsäuren sind Substanzen, die im Kern lebender Zellen vorkommen. Sie scheinen der wichtigste chemische Stoff zu sein, der für das Leben erforderlich ist.

DER SPIEGEL 13/1954
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