07.04.1954

JUD SÜSSHarlan in der Grube

Es war ein schlichter Akt. Im Beisein eines Notars verbrannte Regisseur Veit Harlan vergangene Woche - "um nicht als Aushängeschild für einen neuen Antisemitismus mißbraucht zu werden" - demonstrativ eines der beiden noch vorhandenen Negative seines Films "Jud Süß", der ihm in seinen eigenen Worten "neun Jahre meines Lebens" gekostet hat. Als Film-Krematorium diente eine Kiesgrube bei Zürich.
Die Vernichtung des einzigen greifbaren Negativs - das andere befindet sich seit 1945 bei der Auslandsvermögensverwaltung des Washingtoner Justizministeriums - bedeutete zugleich das Ende einiger kommerzieller Hoffnungen, die geriebene Filmverkäufer mit Richtstrahlern nach Nah-Ost gehegt hatten.
Daß Harlans Filmverbrennung nicht eine leere opportune Geste in der noch stark Harlan-kritischen Schweiz war, bewiesen die vielseitigen Verhandlungen, die Theo Torriani, ein bei Filmgeschäften bisher nicht hervorgetretener Züricher Kaufmann, als letzter Besitzer des Negativs in den vergangenen Monaten geführt hat. Das auf mysteriöse Weise in seinen Besitz gelangte Negativ - es handelte sich um das sogenannte Versicherungsnegativ*) - trug den Datumsstempel vom 22. Februar 1951.
Seit Kriegsende jagten vornehmlich arabische Einkäufer dem "Jud Süß" in Ost- und Westeuropa nach. Es gelang ihnen zwar, etwa ein Dutzend Kopien zu Phantasiepreisen aus dem deutschen Filmchaos zu fischen. Da aber alle diese Kopien schon gespielt worden waren, konnten die Einkäufer sie nicht dazu benutzen, ein neues Negativ anfertigen zu lassen. Ihre Auswertungsmöglichkeiten blieben also immer auf die vorhandene Kopienzahl beschränkt.
Als neutraler Geschäftsschweizer verhandelte Theo Torriani über seinen Negativschatz zunächst mit der Jewish Agency in Tel Aviv und New York. Während er noch mit einem Herrn Auerbach korrespondierte, tauchten schon verschiedene arabische Interessenten auf. Die höchste Offerte kam aus Ägypten. Eine Kairoer Handelsgesellschaft bot für das Negativ durch ihren Züricher Agenten, einen Letten, 150 000 Schweizer Franken.
Um die aufrichtigen Absichten seiner Hintermänner zu dokumentieren, wies der Lette dem Filmkaufmann Torriani und dessen Begleiter während einer Unterredung in der Züricher "Elite"-Bar Briefe aus Kairo vor, aus denen hervorging, daß "Jud Süß" in einer arabischen Großaktion in den verschiedenen Landessprachen synchronisiert gestartet werden sollte.
Der Agent hatte insofern Pech, als sich Torrianis Begleiter als Dr. Georg Guggenheim entpuppte. Guggenheim ist Vorsitzender des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Torriani hatte ihn nur mitgebracht, um der jüdischen (Verhandlungs-)Seite die Ernsthaftigkeit der antijüdischen Bemühungen um "Jud Süß" zu demonstrieren.
Mittlerweile hatte Torriani über seinen deutschen Mittelsmann Verbindung mit Veit Harlan aufgenommen. Der Regisseur war bereit, sich die Vernichtung des für ihn peinlichen Negativs ein kleines Vermögen kosten zu lassen. Er bot 75 000 Mark.
Via Deutschland kam Torriani eine vierte Offerte ins Haus. Die Dia-Osthandelsgesellschaft in der Ostberliner Mauerstraße gab in einem vom 6. Oktober 1953 datierten Brief an einen westdeutschen Zwischenträger den Auftrag, 30 Kopien des als "J. S. Oppenheimer" nur ungenügend getarnten Films zu besorgen, zum Preis von 5000 DM-West pro Kopie.
Die Dia hatte vorgeschlagen, man möge ihr das "Jud-Süß"-Negativ doch auf ein paar Tage überlassen, damit sie im Köpenicker Kopierwerk die 30 Kopien ziehen könne. Auf diesen plumpen Trick hin brach Torriani die Verhandlungen ab und machte das Geschäft mit Harlan.
Weder die östlichen noch die arabischen Filmeinkäufer ließen sich durch den Harlanschen Negativ-Mord entmutigen. Sie jagen jetzt auf dem Schweizer Markt dem zweiten antisemitischen Goebbels - Filmprodukt nach: den "Rothschilds".
*) Bei jedem Schwarz-Weiß-Film verlangt die Versicherung, daß unmittelbar nach Abdrehen vom Originalnegativ im Umkehrverfahren ein sogenanntes Versicherungsnegativ gezogen und an einem sicheren Ort deponiert wird.

DER SPIEGEL 15/1954
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