12.05.1954

WILLI FORSDer Walzer-Komplex

Als Willi Forst, der Wiener "Bel Ami" des großdeutschen Films, nach der Währungsreform in die deutschen Filmateliers zurückkehrte, proklamierte er sich selbst zum Retter der damals arg daniederliegenden deutschen Filmindustrie. Seine Rettungsaktionen beschränkten sich in den letzten fünf Jahren auf vier Filme: "Die Sünderin", "Es geschehen noch Wunder". "Das weiße Rößl" und - jüngsten Datums - "Kabarett".
Jetzt sieht es so aus, als sei der Retter aus Wien selbst im höchsten Maße rettungsbedürftig geworden. Der Forst-Film "Kabarett" lief kaum vierzehn Tage in einigen westdeutschen Spitzenkinos, da alarmierten die unerwartet niedrigen Einspielergebnisse die Verantwortlichen des Münchener Neuen Filmverleihs, der "Kabarett" in einer hundertprozentig bundesverbürgten Staffel (zusammen mit den Filmen "Meines Vaters Pferde", "Die süßesten Früchte", "Die Sonne von St. Moritz", "Unsterblicher Lump" und "Der letzte Walzer") vertreibt.
In solchen Bürgschaftsstaffeln sind normalerweise acht Filme vereinigt, die mit ihrem Gewinn und Verlust im Ausgleich untereinander haften. Bei dem Neuen Filmverleih sind es nur sieben, weil Kostenüberschreitungen bei den erfolgreich galoppierenden "Vaters Pferden" und bei dem Forst-Film die für den achten veranschlagte Gesamtsumme bereits aufgefressen hatten.
Unter diesen sieben NF-Filmen, für deren Verluste letzten Endes der Steuerzahler einstehen müßte, galt Willi Forsts
Projekt zunächst als "Lokomotive", das heißt: als Zugstück.
Der Film wurde Anfang dieses Jahres in den Geiselgasteiger Ateliers mit einem Kostenaufwand von über 1,3 Millionen Mark gedreht (wobei der vorgesehene Etat um 280 000 Mark überschritten wurde).
Schon die Star-Paarung, die sich der Regisseur ausgesucht hatte, ließ die Fachwelt verwundert aufmerken: Paul Henreid - Eva Kerbler.
Forst hatte sich den ehemaligen Wiener Henreid aus Hollywood kommen lassen, wo er meist in Seeräuber-Filmen als älterer, nobler Herr das dramaturgisch unentbehrliche Element des Guten verkörperte. Gegenüber der noch blond-fülligjugendlichen Eva Kerbler wirkte Henreid eher als väterlicher Freund denn als feuriger Liebhaber.
Eva Kerbler schließlich, eine jugendliche Naive vom Wiener Theater an der Josefstadt, mit Talent, aber ohne den schwer zu definierenden Leinwandreiz, wurde von Forst zur Eigenentdeckung deklariert und in der Pressepropaganda entsprechend herausgestellt. Forst baute dabei offensichtlich auf die westdeutsche Unwissenheit in östlichen Filmdingen. Wer nämlich die ostösterreichische Filmproduktion der letzten Jahre kannte, mußte sich an Eva Kerbler erinnern. Sie hatte in dem Ost-Film "Seesterne" die weibliche Hauptrolle gespielt und war in einer Randrolle auch in dem (west-österreichischen) Hannerl-Matz-Film "Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein" zu sehen. Das alles aber hinderte Forst nicht, sich und die 21jährige Eva unter dem Motto "Der Meister und seine Entdeckung" feiern zu lassen.
Die durch eine intensive, mit Vorschußlorbeeren geschmückte Pressekampagne hochgeschraubten Erwartungen mußten von dem mäßigen Produkt enttäuscht werden. "Kabarett" - davon hatten Kritiker und Publikum etwas anderes erwartet als eine makkaroni-artig gedehnte Zwei-Personen-Geschichte von einem Wiener Piano-Komponisten und seiner blonden Interpretin.
"Manche waren so vermessen", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "so etwas wie einen kulturhistorischen Abriß zu erwarten, mit Ausschnitten aus der Tätigkeit der Wolzogen, Roda Roda und Otto Reutter. Sie wurden enttäuscht, denn sie hatten den 'Symbolisten' Forst unterschätzt, der zwar in einem verheißungsvollen Beginn die alten Namen des literarischen Kabaretts bemüht, dann aber hoffnungslos in die Gefilde der sogenannten leichten Muse abrutscht ... Es wäre an der Zeit, daß Forst von seinem Rüschen-, Federboa- und Walzerkomplex freikommt."
Das jahrelang währende Glück des Film-Ehepaares Henreid-Kerbler wird - wenige Stunden vor Sarajewo - durch das bei Henreids Alter nicht mehr appetitlich wirkende Interesse des Komponisten für neuen Nachwuchs empfindlich gestört.
Die Tingel-Tangel-Ehe zerbricht. Er geht an die Front, sie kehrt zu ihrem Jugendfreund zurück. Aber die erste Front-Nachricht von ihm mobilisiert sie zum Fronttheater. Nach einem kurzen Wiedersehen verhindern ein Feuerüberfall und eine einstürzende Decke das Happy-End. Die Chansonette stirbt, der Komponist überlebt, um nach dem Krieg als Klavierspieler in einem sechstklassigen Vorstadt-Kintopp zu landen. Erst auf den letzten Metern, nach einer Viertelstunde schrecklicher Langeweile, besinnt er sich auf seine alten, eingerosteten Nachwuchs-Entdeckungstalente. Und wieder setzt, wie bei allen Schlüsselszenen des Films, ein symbolisch nasser, "tränenschwerer" Schneefall ein.
Das letzte Viertel des Films, die eisenhaltige Frontluft, wurde für den Regisseur und Film zur Todeszone. In München zum Beispiel flackerten aus dünnbesetzten Parkettreihen an den tragisch gedachten Stellen häßliche Lacher gegen die Leinwand hoch.
Dabei hatte Forst nach dem Durchfall seines zweiten Nachkriegsfilms ("Es geschehen noch Wunder") programmatisch erklärt, für ihn sei die Zeit der Experimente vorbei und er kehre in jenen Wiener Schmarr'n- und Charme-Bereich zurück, dem er entstamme und in dem er seine großen Erfolge errungen habe. "Kabarett"
sollte die Rückkehr markieren, nachdem Forst "Das weiße Rößl" erst als dritter Regisseur (nach Karl Hartl und Helmut Käutner) übernommen hatte und nach den Weisungen des "Rößl"-Monopolisten Erik Charell den alten, aber tantiementrächtigen Bühnengaul zum zweiten Male für die Leinwand satteln mußte.
Böse Rechner stellten sofort einige, für Forst wenig schmeichelhafte Überlegungen an. Unter seinen vier Nachkriegsfilmen befinde sich kein echter Forst-Erfolg:
* "Die Sünderin", von Forst als künstlerische Aussage gedacht (SPIEGEL 3/1951), von der Kritik belächelt, von der Kirche bekämpft, wurde dank des von Pressechef Fred Ritter geschickt ausgewerteten Skandals ein Millionengeschäft, aber keine Visitenkarte.
* "Es geschehen noch Wunder", worin Forst zwei gigantische Fehlbesetzungen gelangen - er selbst spielte einen Liebhaber, Hildegard Knef ein süßes Mädel - , rangiert in jener traurigen Filmklasse, deren Erzeugnisse laut Branchenjargon "in der Blindenanstalt laufen". Dabei war es ein Film mit einigem Witz, Einfall und Charme.
* "Das weiße Rößl" lief zwar in der Eliteklasse der Drei-Millionen-Mark-Bringer mit, war aber nach übereinstimmender Meinung der Experten ein matter Aufguß eines nicht umzubringenden Erfolges.
Und jetzt noch "Kabarett". Im Münchener Neuen Filmverleih stellte man trübe Betrachtungen über die mageren Geschäftsaussichten an. Bürgschafts-Chef Liebig von der Frankfurter Treuhandgesellschaft, die für alle Bundesbürgschaften zuständig ist, kam selbst zu den Konferenzen, auf denen als der Weisheit letzter Schluß entschieden wurde, die letzten paar hundert Meter einfach herauszuschneiden, den Film mit dem Front-Happy-End enden zu lassen und ihm den gefälligeren Titel "Mein Lied bleibt bei Dir" zu verpassen.
Derartige Schönheitsoperationen nach der Premiere sind im Filmgeschäft stets die sichersten Anzeichen für den ausbleibenden Erfolg. Sie helfen nur selten.

DER SPIEGEL 20/1954
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