19.05.1954

SCHMIERGELDERBranchenübliche Geschäfte

Von dem imposanten Kino-Kranz, der vor dem Kriege im Zeichen des Ufa-Rhombus die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und die Schlagader des feineren Berliner Amüsements - den Kurfürstendamm - umsäumte, hatte der Bombenkrieg so gut wie nichts übriggelassen.
Als aber in den Nachkriegsjahren der Kudamm zu einer (asthmatischen) Imitation seiner selbst hochgepäppelt wurde, konnte er schon bald wieder zwei stattliche Premieren-Kinos unter dem noch immer stolzen Ufa-Namen aufweisen: das "Marmorhaus" und die "Filmbühne Wien".
Die zuerst von den Alliierten eingesetzten und später von dem Ufa-Treuhänder für den britischen Sektor Berlins, Dr. Carl Brauns, bestätigten Direktoren der beiden Kinos, Karl Jacob und Kurt Tuntsch, gehörten zu den Spitzen der nach der Blockade noch ärger zusammengeschlossenen Westberliner Vergnügungsprominenz.
Tuntsch machte sich den Insulanern durch seine Freilichtveranstaltungen in der Berliner Waldbühne (mit Sonderpreisen für Ostzonenbewohner) beliebt. Jacob trat bei den allsommerlichen "Internationalen Filmfestspielen" als einer der Hausherren und prominentesten Berliner Filmrepräsentanten auf. Beide schätzten den Lebensstil der sogenannten großen Welt.
Vergangene Woche aber saßen sie als Hauptpersonen eines Skandals in Untersuchungshaft. Sie sind angeklagt, "mindestens eine viertel Million Mark" (Ufa-Liquidator Dr. Elmendorff) veruntreut und unterschlagen zu haben. Es handelt sich um Gelder, die der Ufa-Treuhandverwaltung zustehen.
In der Darstellung des von Bonn berufenen Ufa-Liquidators Elmendorff bestehen diese Veruntreuungen "in der Vortäuschung von nicht erfolgten Lieferungen und Leistungen und anderen Manipulationen".
Schlichter gesagt, haben die beiden Theaterdirektoren mindestens seit der Währungsreform mäßig, aber regelmäßig mit fingierten Rechnungen gearbeitet und Barzahlungen an Deckadressen abgebucht. Tuntsch erklärte die falschen Buchungen als "branchenübliche Geschäfte".
Liquidator Elmendorff: "Die Unterschlagungen wurden von beiden etwa in der gleichen Höhe vorgenommen. So wurde eine falsche, aber übereinstimmende Aufwandshöhe vorgetäuscht. Daher entstand zunächst kein Verdacht. Es ist nicht bekannt, ob sie eine Absprache darüber getroffen hatten."
Wer sich in den Berliner Verhältnissen auskannte, hätte allerdings frühzeitig auf die Idee kommen können, daß der von Jacob und Tuntsch gepflegte Lebensstil mit ihren durchaus maßvollen Angestellten-Gehältern allein kaum zu bewerkstelligen sei. In Berliner Filmverleiher-Kreisen war es lange ein offenes Geheimnis, daß in den beiden Theatern durch kleine finanzielle Gunstbezeugungen an ihre Leiter bessere Termine und längere Spielzeiten zu erzielen waren. So wurde denn von der Methode der Schmiergelder - "Termingelder" - im Falle "Marmorhaus" und "Filmbühne" reichlich Gebrauch gemacht. Für das treuhänderisch verwaltete Ufa-Vermögen entstand dadurch ein indirekter und schwer meßbarer, aber sicherlich beträchtlicher Schaden.
Obwohl Gerüchte über die Praktik der "Termingelder" in immer neuen Abarten
weiter gehechelt wurden, unternahm die Ufa-Zentralbuchhaltung unter Treuhänder Brauns nichts. Brauns blieb auch passiv, als das Moabiter Schöffengericht den "Waldbühnen-König" Tuntsch, der 1952 die Leitung der "Filmbühne Wien" niedergelegt hatte, da das Kino über Wiedergutmachungsparagraphen in private Hände
zurückkehrte, wegen Betruges im Zusammenhang mit seiner Waldbühnen-Tätigkeit zu sechs Monaten Gefängnis (mit Bewährungsfrist) verurteilte.
Im Oktober 1953 wurden alle Ufa-Kinos der unter Ufa-Treuhänder Arno Hauke zusammengefaßten westdeutschen Ufa-Theater-Verwaltung (42 Kinos) in Düsseldorf unterstellt. Als sich "Marmorhaus"-Jacob mit allen Mitteln gegen diese Maßnahme wehrte, kam den Düsseldorfern der erste schwache Verdacht.
Buchprüfungen bestätigten bald die schlimmsten Vermutungen. Ein handfester Skandal, den gerade die Liquidatoren unter allen Umständen vermeiden wollten, bahnte sich an. In Düsseldorf war man viel mehr an einer raschen und möglichst reibungslosen Abwicklung der Geschäfte interessiert - nach dem Gesetz muß die Ufa bis Anfang Juni 1955 reprivatisiert werden - als an einer "Affäre".
Die Düsseldorfer Ufa-Verwaltung machte den Berliner Sündern ein generöses Angebot: "Ersetzt den Schaden, und wir schweigen." Es kam jedoch zu keiner Einigung. Jacob und Tuntsch, der bereits eine "Differenz" von 40 000 Mark zugegeben hat, wurden inhaftiert.
Treuhänder Dr. Brauns wurde zunächst auf unbezahlten Urlaub geschickt, seine Ufa-Zentralbuchhaltung, ein Verwaltungswasserkopf mit 25 Leuten, aufgelöst. Sie soll in Düsseldorf, in Sicht- und Reichweite der Liquidatoren, neu aufgebaut werden.
Die Affäre Jacob-Tuntsch ist der erste Fall, der im Zuge der von Bonn und Düsseldorf gestarteten "Ordnungsvorgänge" ans Licht gekommen ist. Kenner der Filmwirtschaft halten jede Wette, daß er nicht der letzte sein wird.

DER SPIEGEL 21/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHMIERGELDER:
Branchenübliche Geschäfte

Video 01:35

Donald Trump über Greta Thunberg "Sie wirkt wie ein sehr fröhliches junges Mädchen"

  • Video "Greta Thunberg auf UN-Klimagipfel: Ihr habt meine Jugend gestohlen" Video 01:31
    Greta Thunberg auf UN-Klimagipfel: "Ihr habt meine Jugend gestohlen"
  • Video "Thomas Cook meldet Insolvenz an: Das war's dann mit Urlaub" Video 01:59
    Thomas Cook meldet Insolvenz an: "Das war's dann mit Urlaub"
  • Video "Waldbrände in Brasilien: Wer die Umwelt schützt, wird getötet" Video 02:51
    Waldbrände in Brasilien: Wer die Umwelt schützt, wird getötet
  • Video "Lügen über Sex: Ehrlich kommt am Seltensten" Video 43:23
    Lügen über Sex: Ehrlich kommt am Seltensten
  • Video "Rekord bei den Emmy-Awards: Zwölf Auszeichnungen für Game of Thrones" Video 01:14
    Rekord bei den Emmy-Awards: Zwölf Auszeichnungen für "Game of Thrones"
  • Video "Rock-Legende wird 70: Bruuuuuce" Video 08:02
    Rock-Legende wird 70: Bruuuuuce
  • Video "Trump und die Ukraine-Affäre: Das Gespräch war perfekt" Video 01:07
    Trump und die Ukraine-Affäre: "Das Gespräch war perfekt"
  • Video "Beherzte Rettungsaktion: Am Geweih gepackt" Video 00:49
    Beherzte Rettungsaktion: Am Geweih gepackt
  • Video "Doku über Neuseeland: Bootstour auf Neuseeländisch" Video 43:38
    Doku über Neuseeland: Bootstour auf Neuseeländisch
  • Video "Kia eNiro im Test: Zum Einschlafen gut" Video 07:17
    Kia eNiro im Test: Zum Einschlafen gut
  • Video "Leben mit Endometriose: Ich habe gefühlt immer Schmerzen" Video 05:20
    Leben mit Endometriose: "Ich habe gefühlt immer Schmerzen"
  • Video "Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet" Video 02:56
    Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • Video "Schmerzgriff-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten" Video 01:52
    "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Video "Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video" Video 02:47
    Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Video "Donald Trump über Greta Thunberg: Sie wirkt wie ein sehr fröhliches junges Mädchen" Video 01:35
    Donald Trump über Greta Thunberg: "Sie wirkt wie ein sehr fröhliches junges Mädchen"