30.06.1954

GUATEMALA / INTERNATIONALESDer große Knüppel

Die kommunistischen Kräfte schreiten zu immer weiteren Aggressionshandlungen, weil die Einigung des Westens nicht perfekt ist. Nach Korea und Indochina ist jetzt Guatemala das Ziel der kommunistischen Angriffe.
(Bundeskanzler Adenauer vor der Evangelischen Akademie in Bad Boll.)
Es war ein Vormittag strahlender Gesichter in Washington, denn die freie Welt schien im Begriff, endlich einmal einen Sieg über die kommunistische Bedrohung zu erringen. "Rebellen marschieren in Guatemala ein", lauteten die Schlagzeilen der Morgenpresse, und im Außenministerium sagte der offizielle Sprecher: Was jetzt in Guatemala geschehen sei, bestätige eine Äußerung von Außenminister Dulles, wonach die Bevölkerung jenes Landes "sowohl den Wunsch als auch die Fähigkeit hat, ihr Haus zu säubern".
In ihrer Freude übersahen die Amerikaner völlig, daß die Rebellentruppe, die den kleinen Bananenstaat Guatemala (etwa so groß wie Bayern, 3,5 Millionen Einwohner) von seiner "kommunistischen" Regierung befreien wollte, im benachbarten Honduras aufgestellt und über die Grenze nach Guatemala eingefallen war.
Als das Außenministerium von Journalisten darauf hingewiesen wurde, beharrte es dennoch auf dem Standpunkt: "Das ist keine Invasion, sondern ein Bürgerkrieg." Der gleichen Ansicht war Cabot Lodge, der US-Chefdelegierte und augenblickliche Vorsitzende des Uno-Sicherheitsrates, als der guatemaltekische Uno-Delegierte Eduardo Castillo Arriola am Sonnabendnachmittag zu ihm kam, um die Invasion gegen sein Land zu melden und um auf die sofortige Einberufung des Sicherheitsrates der Uno zu drängen.
Bis zum späten Abend lehnte es Lodge ab, die Forderung Castillo Arriolas zu erfüllen. Schließlich erinnerte der Guatemalteke den Amerikaner an die Rede, die der gerade am Vortage im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gehalten hatte, als Thailands Bitte um Schutz vor einer eventuellen kommunistischen Invasion debattiert wurde. Da hatte der Schuh auf dem anderen Fuß gesessen.
Der sowjetische Delegierte Semjon Tsarapkin hatte erklärt, daß Thailands Furcht vor einer roten Invasion kein Anlaß zu dringlicher Diskussion sei. Lodge hatte ihm geantwortet: "Er fragt, weshalb das so eilig sei. Das ist eine seltsame Frage an eine kleine Nation, die Gefahr für das Leben ihrer Bürger fürchtet."
Mit dem Zitat seiner eigenen Worte konfrontiert, gab Lodge nach und berief den Sicherheitsrat zu seiner zweiten außerordentlichen Sonntagssitzung (die erste war bei Ausbruch des Korea-Krieges) ein, um - wie ein Beobachter erklärte - sein Gesicht zu wahren.
In der zweiten Sitzung des Sicherheitsrates über Guatemala am Freitag letzter Woche benutzte jedoch Lodge seine Stellung als Vorsitzender, um den Antrag der Regierung von Guatemala mit fünf (USA, Türkei, Brasilien, Kolumbien,
Nationalchina) gegen vier Stimmen (Sowjet-Union, Dänemark, Neuseeland, Libanon) bei zwei Enthaltungen (Großbritannien und Frankreich) ablehnen zu lassen.
Amerika, der unbezweifelbare Hort der Freiheit, fand es bei all diesem schwer, sein Gesicht zu wahren. Die dringende Gefahr besteht, daß die offene amerikanische Begünstigung der Aggression gegen Guatemala sich als der schwerste Fehltritt der US-Politik seit Kriegsende entpuppt.
Letzte Woche durchlief die lateinamerikanischen Länder eine Welle der Empörung. In Bolivien, Ekuador, Argentinien und Chile rotteten sich Studenten zu Kundgebungen gegen den "Dollar-Imperialismus" zusammen. In einigen Ländern Lateinamerikas entstanden Rekrutierungsbüros für Freiwillige, die sich an dem Kampf Guatemalas um "die Souveränität" beteiligen wollen. Selbst die konservative Presse Mexikos nannte die Vorgänge um Guatemala "einen amerikanischen Versuch, den McCarthyismus nach Mittelamerika zu exportieren".
Weder in Südamerika noch in der übrigen Welt will man glauben, daß das winzige Guatemala ein ernstzunehmender Brückenkopf des Weltkommunismus auf der westlichen Halbkugel sein könnte, nur weil die Guatemalteken (dem inzwischen schon historisch abgestandenen Beispiel Mexikos folgend) Land- und Sozialreformen durchführten und durch Enteignung amerikanischer Konzerne den Unwillen der Vereinigten Staaten herausforderten.
In den inneren Reformen der guatemaltekischen Regierung sehen selbst amerikafreundliche Südamerikaner viel weniger ein sozialrevolutionäres, kommunistisches Experiment, als vielmehr den Reflex eines in ganz Süd- und Mittelamerika seit langem wachsenden Dranges nach echter, allerdings riskanter Unabhängigkeit. Das an seiner Inferiorität gegenüber dem großen nordamerikanischen Bruder leidende Südamerika empfindet "Guatemala" als eine Ehrenkränkung und eine Verletzung seines Selbstrespekts. Der Konflikt um Guatemala ließ in Lateinamerika alte Narben wieder aufbrechen.
Die tieferen Ursprünge des Konflikts reichen weit zurück bis ins Jahr 1823. Damals zerbrach das ganz Mittelamerika umfassende mexikanische Kaiserreich, das sich soeben von den Spaniern befreit hatte, in das heutige Gebiet Mexikos und in die tropischen Provinzen des ehemals spanischen "Generalkapitanats Guatemala", dessen geographische Ausdehnung dem Gebiet der heutigen fünf Bananenstaaten Guatemala, El Salvador, Honduras, Nikaragua und Costa Rica entsprochen hatte. Die emanzipierten Provinzen schlossen sich hoffnungsvoll zum "Mittelamerikanischen Bund" zusammen, der sich eine nach nordamerikanischem Vorbild geformte Verfassung gab.
Im gleichen Jahr 1823 verkündete der amerikanische Präsident Monroe seine Doktrin. Sie richtete sich unter anderem gegen spanische Rückeroberungsgelüste und erzeugte Hochgefühle hemisphärischer Brüderlichkeit zwischen den Yankees, Simon Bolivars Freiheitskämpfern und Mittelamerikas Bündlern. Doch die Gefühle verblaßten schnell.
Denn die allseits gepriesene abwehrende Haltung der Nordamerikaner gegenüber Eingriffen europäischer Mächte zeigte auf
der Kehrseite bald ein energisches Hegemoniestreben gegenüber den Mitbewohnern des Kontinents südlich des Rio Grande, ein Streben, das hervorgelockt und begünstigt wurde durch die chaotische Unfähigkeit der Lateinamerikaner, mit der Freiheit etwas Vernünftiges anzufangen. 1838 löste sich der Mittelamerikanische Bund in einem Tumult auf. Das Produkt der politischen Selbstatomisierung waren die fünf Zwergrepubliken Mittelamerikas.
1848, als die USA dem innerlich zerrissenen Mexiko die Nordprovinzen Texas, Neu-Mexiko und Arizona abnahmen, begann die Serie nordamerikanischer Interventionen. Noch im gleichen Jahrhundert konnte der US-Außenminister Olney befriedigt erklären: "Auf diesem Kontinent sind die Vereinigten Staaten praktisch souverän." Das war lange vor der Amtszeit des souveränsten Beherrschers Ibero-Amerikas, des Präsidenten Theodore Roosevelt (1903 bis 1909). Der war der Ansicht, daß man die Südamerikaner mit einem "big stick" ("großen Knüppel") behandeln müsse, und schritt unverzüglich zur Tat.
Als das von Simon Bolivar gegründete Großkolumbien sich weigerte, ihm Land für den Bau des Panama-Kanals abzutreten, zettelte er einen Aufstand gegen die Regierung an, ließ Marinesoldaten landen und splitterte den Zwergstaat Panama von Kolumbien ab.
1908 wagte es der durch den Fall Panama empörte Präsident Nikaraguas, Zelaya, bei den Engländern - statt bei den auf Finanzkontrolle bestehenden Amerikanern - eine größere Anleihe aufzunehmen. Es landete wieder das US-Marinekorps, und Zelaya wurde kassiert. Bis 1925 blieb das Land von amerikanischen Soldaten besetzt.
Ein weiterer Fall: Die Besetzung der von Bürgerkriegen zerrauften freien Negerrepublik Haiti im Jahre 1915 erklärte die Regierung Woodrow Wilson mit der Gefahr einer deutschen Invasion.
1920 dagegen gab der Präsidentschaftskandidat Harding den amerikanischen Wählern ein offenherziges Versprechen: "Ich werde die Befugnisse der Exekutive nicht mißbrauchen, um unter dem Schleier des Geheimnisses die wiederholten Eingriffe in die inneren Angelegenheiten kleiner Republiken der westlichen Halbkugel zu decken."
Es war nicht ganz so grausig, wie Harding es in wahlkämpferischer Drastik malte. Denn die USA, selbst eine wirtschaftlich fundierte Nation, betätigten sich nur im Notfall als politische Interventionisten, dann nämlich, wenn ihr Hauptanliegen, die wirtschaftliche Erschließung der Nachbarn, auf Unverständnis stieß. Was den amerikanischen Geschäftssinn wirklich reizte, war der Riesenkontinent voller Bodenschätze und Aufbaumöglichkeiten, die vom Desinteresse und ökonomischen Unvermögen der Lateiner vernachlässigt wurden.
Südfrüchte erfreuten sich um die Jahrhundertwende in der zivilisierten Welt einer wachsenden Beliebtheit. Die unternehmungslustigen Yankees gründeten 1898 die "United Fruit Company", kauften Boden der mittelamerikanischen Republiken für Trinkgelder und schufen riesige Plantagen.
1906 drang die United Fruit (später gefolgt von der kleineren Standard Fruit Co.) in Guatemala ein. Sie florierte und ließ den Schlager "Ausgerechnet Bananen"
kreieren. 1950 war sie in Guatemala genau wie in Honduras und Nikaragua durch den Besitz von zehn Prozent des gesamten bebauten Bodens die größte Landherrin. Sie griff in andere Branchen über: Sie baute den Hafen Puerto Barrios, kommandiert die Handelsflotte des Landes, beherrscht mit Aktienmehrheit die einzige Eisenbahnlinie Mittelamerikas, die "International Railways of Central America". Elektrizitätsmonopol, Telephonverbindungen, wichtige Straßen und ein hoher Prozentsatz aller Häuser sind in amerikanischen Händen.
Die bramarbasierenden Diktatoren, die das Land in diesem Jahrhundert fast ausschließlich regierten, standen sich gut mit United Fruit. Sie sorgten mit ihrer jeweiligen Offiziersjunta nach Kräften für Ruhe und steckten dafür die amerikanischen Konzessionsgelder als persönliche Pfründe ein.
Der letzte von ihnen war in Guatemala General Jorge Ubico (1931 bis 1944). Er fühlte sich als eine Art Soldatenkönig, fuhr auf einem Motorrad im Lande umher, um faule Beamte zu erwischen, unterdrückte rücksichtslos jede Opposition, baute einige protzige Paläste und einen Miniatur-Eiffelturm in Guatemala City, zahlte sich eine Million Mark Gehalt ohne Spesen im Jahr und bewunderte Adolf Hitler. Er befreundete sich mit den zahlreichen wohlhabenden deutschen Kaffeepflanzern in seinem Land, und in den dreißiger Jahren war es nichts Ungewöhnliches, kleine braun-uniformierte Gruppen singend durch Guatemala City marschieren zu sehen.
Diesmal aber landeten keine US-Truppen. Sie blieben aus, nicht nur, weil Ubico trotz seiner faschistischen Allüren die amerikanischen Konzessionen unter günstigsten Bedingungen 1936 auf 45 Jahre verlängert hatte, sondern weil der zweite
Roosevelt im Weißen Haus allen Interventionen abgeschworen und die Epoche der "Guten Nachbarschaft" eingeläutet hatte.
Franklin Roosevelt, selbst ein Trustgegner, sah mitfühlend zu, wie Mexiko - der erste lateinamerikanische Staat, der auf die Unterstützung des Volkes baute - die amerikanischen und britischen Ölgesellschaften nationalisierte, nachdem es vorher schon den Großgrundbesitz zerschlagen und an landlose Bauern verteilt hatte.
1944 geschah in Guatemala etwas, das sich vorher nur in Mexiko vollzogen hatte: eine richtige Volkserhebung der bis dahin apathischen Indios und Mestizen erhob sich, geführt von Offizieren, die einiges dazugelernt zu haben schienen. Ubico mußte fliehen, und es wurden wirklich freie Wahlen veranstaltet. Ein Professor wurde gewählt, Juan José Arévalo.
Der Professor hatte begriffen, was von den Mexikanern demonstriert worden war: Er siegte durch ein klares Programm sozialer Besserung. Er schaffte das Steuerschuld-System ab, das die Indios zu Sklaven der Diktatoren gemacht hatte, weil es sie zur Dienstleistung für den Staat verpflichtete, bis die meist fiktiven und willkürlich festgesetzten Schulden abgearbeitet waren. Er gründete eine Gewerkschaft und einen Landarbeiterbund, schuf die ersten Ansätze einer Sozialversicherung. Die Rooseveltianer in Washington klatschten Beifall.
Arévalo und sein gewählter Kongreß begannen auch, Land zu enteignen - auf Washingtons Rat. Die Amerikaner forderten sie auf, die großen deutschen Kaffeeplantagen zu beschlagnahmen, "um den wirtschaftlichen und politischen Einfluß der Nazis zu brechen". Auf den Geschmack gekommen, ging Arévalo auch daran, den guatemaltekischen Großgrundbesitz zu enteignen, soweit er brach lag.
Sein Nachfolger wurde 1951 in offenen Wahlen einer der jungen Offiziere, die 1944 gegen Ubico rebelliert hatten: Oberst Jacobo Arbenz Guzmán. Sein Vater war aus der Schweiz eingewandert, seine Mutter mit Familien-Namen Guzmán im Lande geboren. Mit frischem Mut forcierte Arbenz die Landreform.
Die ersten amerikanischen Warnungen gegen die kommunistische Gefahr fielen zeitlich zusammen mit den ersten Enteignungen aus dem Landbesitz der United Fruit. Die Warnungen waren nicht völlig aus der Luft gegriffen. Kommunlsten gründeten die linksradikale "Arbeiterpartei". Aber sie kamen nicht aus Moskau, sondern aus Mexiko.
Nur vier Sitze (von insgesamt 56) gewann die Arbeiterpartei im guatemaltekischen Kongreß, der die Landreformgesetze
verabschiedete. Im Verhältnis viel größer ist ihr organisatorischer Anteil an der Verwirklichung dieser Gesetze. Eifrig - und zweifellos in der Absicht, das Land in ihre Gewalt zu bringen - wirkten sie beim Aufbau der Gewerkschaften und des Landarbeiterbundes mit.
Arbenz und seine Leute, die selbst von den Amerikanern nicht als Kommunisten bezeichnet werden, zeigten wenig Beunruhigung über ihre verdächtig emsigen Mitarbeiter. Sie hielten den Standpunkt hoch, daß die Reformen ihre Idee seien, daß sie es den Kommunisten nicht verwehren könnten, an der Verwirklichung teilzunehmen, und daß erst recht kein Grund vorhanden sei, die Reformen fallen zu lassen, nur weil sie auch von den Kommunisten begrüßt werden.
Deshalb ließ Arbenz sich von den amerikanischen Protesten zunächst auch nicht beirren, die immer lauter und drohender anschwollen, als Arbenz die amerikanischen Verkehrs- und Elektrizitätsgesellschaften zur Senkung ihrer hohen Tarife zwang, als er im Rahmen eines Fünfjahresplanes eine Straße bauen ließ (die das amerikanische Verkehrs-Monopol bedrohte), als er den Boykott-Plan zur Errichtung eines staatseigenen Elektrizitätswerkes bekanntgab. Schließlich setzte er die Entschädigungsansprüche der United Fruit für deren Plantagen und sonstigen guatemaltekischen Besitz auf 600 000 Dollar fest, während die Amerikaner 16 Millionen Dollar forderten.
Arbenz hatte dabei perfiderweise die Entschädigungssumme nicht nach dem wirklichen Wert der Besitzungen geschätzt, sondern nach dem Wert, für den die United Fruit Steuern abführte, und der betrug eben nur 600 000 Dollar.
Aber es waren nicht nur die verletzten Kapitalinteressen, die Washington gegen Guatemala aufbrachten, obwohl die Arbenz-Regierung behauptet, daß John Foster Dulles Aktionär der United Fruit sei. Was Amerikas Politiker an Guatemala fürchten, ist nicht das rebellische 3,5-Millionen-Volk, sondern das böse Beispiel, das es seinen Nachbarn gibt. Sie fürchten, daß - wenn sie das liliputanische Guatemala ungeschoren davonkommen lassen - der Einfluß der Vereinigten Staaten auch in den anderen Ländern betroffen wird
Tatsächlich stehen die USA in Südamerika vor der bitteren Erkenntnis, daß jede echte Volksbewegung nach Eigenständigkeit und gleichberechtigter Partnerschaft strebt, so wie sie Südamerikas Befreier Simon Bolivar schon 1827 wünschte Geben aber die USA diesem Streben Raum, so riskieren sie, daß die zwanzig lateinamerikanischen Republiken, deren Stimmen bisher ihr stärkster Rückhalt in der Uno waren, eigene Wege gehen. In Mittelamerika, im Fall Guatemala, haben die US-Amerikaner sich gegen dieses Risiko entschieden (und für die Diktatoren, die seit Jahrzehnten dollarhörig sind, wie in Honduras und Nikaragua, von wo die Invasion gestartet wurde).
Honduras ist noch ausschließlicher als einst Guatemala im Besitz der United
Fruit. Der hondurenische Präsident Gálvez stieg als Syndikus der United Fruit in seine jetzige Stellung auf. In Nikaragua besteht heute noch das Regime, das 1925 von den amerikanischen Marine-Besatzern zurückgelassen worden war.
An seiner Spitze sitzt seit 29 Jahren Anastasio ("Tacho") Somoza, ein jovialer Ausbeuter, der den ganzen Staat als seine höchst private Latifundie betrachtet und nach dem Motto waltet: "Was für Tacho gut ist, ist gut für Nikaragua." Er besitzt zehn Prozent der gesamten Bodenfläche des Landes, viele Zeitungen, Baumwollmühlen, Schnapsfabriken, Viehherden, Textilwerke und betreibt eine private Handelsflotte. Einer seiner Söhne ist Oberkommandierender der Armee. Sohn Luis soll sein Nachfolger werden. Und nur eins könnte ihm den Plan verderben: die "Sozialreformer" in Guatemala.
Ende Januar 1954 behauptete die guatemaltekische Regierung in einem Weißbuch, daß unter der Leitung von Tacho Somoza eine internationale Verschwörung gegen ihr Land vorbereitet werde. Von der United Fruit bezahlte "Saboteure, Mörder und Verbrecher" würden in einem abgelegenen Winkel von Nikaragua ausgebildet.
Das US-Außenministerium erwiderte schnaubend: "Die US-Regierung betrachtet die Herausgabe dieser falschen Anschuldigungen als einen kommunistischen Versuch, die Arbeit der bevorstehenden interamerikanischen Konferenz zu stören." Auf der Konferenz in Caracas im Frühling dieses Jahres prallten der guatemaltekische David (verkörpert durch den redegewandten Außenminister Guillermo Toriello) und der amerikanische Goliath John Foster Dulles zum erstenmal direkt aufeinander.
Dulles hatte nur ein Ziel: Kollektiv-Aktion gegen Länder, die er für kommunistisch hält. Jedes lateinamerikanische Land, meinte er, sei von einem moskowitischen Apparat durchsetzt. Aber Außenminister Toriello hatte sein rhetorisches Katapult gespannt: "Das US-Programm", legte er los, "ist nur ein Vorwand für die Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten."
Mit Mühe gelang es Dulles, eine verwässerte Resolution durchzupauken, wonach ein vom internationalen Kommunismus beherrschtes lateinamerikanisches Land eine Bedrohung der Hemisphäre darstelle und entsprechend behandelt werden solle. Guatemala stimmte dagegen. Zwei der stärksten und unabhängigsten Staaten, Mexiko und Argentinien, enthielten sich der Stimme.
Gegenüber der sich zusammenziehenden Verschwörung war Guatemala schlecht gewappnet. Seit 1949 hatten sich die USA, die auch das Waffenmonopol in Südamerika besitzen, geweigert, Kriegsmaterial an Guatemala zu liefern. Da kaufte die guatemaltekische Regierung für ihre schlechtbewaffnete 6000-Mann-Armee Ausrüstung in der Tschechoslowakei.
Washington schien darauf nur gewartet zu haben. John Foster Dulles warnte seine durch monatelange Propaganda aufgemöbelten Landsleute, Guatemala sei "nun in der Lage, das zentralamerikanische Gebiet militärisch zu beherrschen". In Guatemala sei ein "Schreckensregime" aufgerichtet worden.
Die USA errichteten eine Luftbrücke, die Waffen und Munition nach Nikaragua und Honduras brachte, "um das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen". Drei B-36-Superbomber dröhnten zu einem für Diktator Somoza ermutigenden Demonstrationszug nach Managua (Nikaragua).
Inzwischen räumte Präsident Arbenz mit den kompromittierenden kommunistischen Mitarbeitern auf. Nacheinander verschwanden
sie. Auch der Generalsekretär der roten Arbeiterpartei, José Fortuny, begab sich überraschend mit unbekanntem Ziel auf einen Krankheitsurlaub. Zugleich versuchte Außenminister Toriello, die drohenden Nachbarn seines Landes zu beschwichtigen. Er bot Honduras einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt an, aber Präsident Gálvez ließ sich nicht erweichen. Denn inzwischen war in Honduras der erste Generalstreik in der Geschichte des Landes ausgebrochen.
Der Aufstand klappte überraschend gut, obwohl in Honduras Gewerkschaften verboten sind. Bestürzt verschrie die hondurenische Regierung die Streikführer als "Kommunisten" und "guatemaltekische Agenten" und ließ ein halbes Dutzend von ihnen verhaften. Doch der Streik ging weiter. Denn er war nicht von außen her angezettelt, sondern entsprang ganz einfach der Tatsache, daß auch die Arbeiter in Honduras und Nikaragua die gleichen Rechte wollen, die ihre Kollegen in Guatemala seit Jahren besitzen. Es ist klar, daß auch ohne direkte Agitation Guatemalas der soziale Kampf dieses Landes sich fortpflanzt und die von United Fruit gestützten Regimes in Honduras und Nikaragua tödlich gefährdet. Die Lage der mittelamerikanischen Diktatoren drängte zu einer Entscheidung.
Die Invasionsvorbereitungen des Obersten Castillo Armas waren am Dienstag, dem 15. Juni, abgeschlossen. Er hatte in Honduras eine höchstens 4000 Mann starke Truppe zusammengezogen und bewaffnet. Angeführt wird sie von exilierten Guatemalteken, doch ihr Gros rekrutierte sich aus angeheuerten Landsknechten aus allen Ländern Zentralamerikas.
Armas hatte sein erstes Hauptquartier mit angeschlossener Radiostation in der hondurenischen Hauptstadt Tegucigalpa eingerichtet, während die Honduras-Regierung voll Sympathie zusah und zwischendurch ihre "traditionelle Neutralität" verkündete.
Am Donnerstag, dem 17. Juni, begann der Sender des Rebellenobersten Aufrufe nach Guatemala auszustrahlen. "Bald werde ich bei euch sein", rief Armas den "unterdrückten Landsleuten" jenseits der Grenzen zu, und am selben Tag berichteten amerikanische Korrespondenten aus Tegucigalpa in schöner Unbefangenheit, daß die Rebellen sämtliche hondurenischen Transportflugzeuge gechartert hätten und vom Flugplatz der Hauptstadt aus zur Grenze transportiert würden.
Alle Truppen waren schon feldmarschmäßig ausgerüstet. Als Erkennungszeichen trugen sie ein blaues Armband mit Schwert und Querbalken. Sie marschieren unter dem Motto "Gott und Ehre". Am Freitagmorgen um 5 Uhr gab der Rebellensender den "offiziellen" Beginn der Invasion bekannt. Schon ein paar Stunden später tönte er vom zügigen Vormarsch auf die Hauptstadt, von Hunderten von Guatemalteken, die ihren Befreiern entgegenströmten und den Kampf gegen die Arbenz-Regierung aufnähmen. Vom Hafen Puerto Barrios kündete Oberst Armas wechselweise die "Befreiung" und die "totale Vernichtung" an.
Zwei Tage später jedoch gaben die Rebellen kleinlaut zu, daß sie nur 40 Kilometer auf guatemaltekisches Gebiet vorgedrungen seien. Regengüsse und unwegsames Gelände dämpften das Draufgängertum des Obersten Armas.
Arbenz hat die Landarbeiter bewaffnet. Das hat in diesem Jahrhundert noch kein mittelamerikanischer Regierungschef gewagt, aus der verständlichen Furcht, die Gewehre könnten in falsche Richtung losgehen.

DER SPIEGEL 27/1954
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