14.07.1954

KERSTEN-AUSSCHUSSWo liegt der Kaukasus?

Im Mai dieses Jahres genehmigte das amerikanische Repräsentantenhaus die Ausgabe von 150 000 Dollar. Diese Steuergelder wurden einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß angewiesen, der die lobenswerte, wenn auch späte Aufgabe hat, die sowjetische Aggression gegen die Satellitenstaaten der UdSSR zu erforschen. Vorsitzender des Ausschusses ist der republikanische Abgeordnete Charles J. Kersten für Wisconsin, die Heimat McCarthys.
Charles J. Kersten hat denn auch diesem neunköpfigen Ausschuß, der sich am 27. Juli 1953 als "Baltisches Komitee" konstituierte und später in "Ausschuß zur Untersuchung kommunistischer Aggression" umgetauft wurde, den endgültig verbindlichen Namen gegeben.
Dieser Kersten-Ausschuß des amerikanischen Kongresses war nun kürzlich über London nach München gekommen, wo er zwei Wochen lang im wirkungsvollen Rahmen des großen Saals des amerikanischen Generalkonsulats öffentlich tagte. Am Montag letzter Woche reisten die neun Abgeordneten dann weiter nach Berlin.
Seinem Forschungsauftrag gemäß, hatte der Ausschuß in London den Exkönig Michael von Rumänien und die polnischen Exil-Generale Anders und Bor-Komorowski ausgefragt. In München standen dem Ausschuß zur Verfügung: der frühere estnische Außenminister Karl Selter, der Chef der estnischen Exilregierung in Stockholm, Karl Rei, tschechische Emigranten,
ungarische und slowakische Priester und ein desertierter NKWD-Oberstleutnant.
Grigori Stepanowitsch Burlitzki, 36, Ural-Kosak, war vor einem Jahr nach Westdeutschland geflohen. Die amerikanische CIC hatte ihn in Schutzhaft genommen. Jetzt, vor dem Kersten-Ausschuß, kam sein großer Auftritt: "Burlitzki ist der erste russische Überläufer, der aktiv an Massendeportationen und Völkermord teilgenommen hat." So kündigte das Kommuniqué des Kersten-Ausschusses den NKWD-Oberstleutnant als Zeugen an.
Burlitzki schilderte ohne Umschweife die Geschichte der Zwangs-Umsiedlung von 500 000 Tschetschenen und Inguschen aus dem Kaukasus nach Sibirien. "Wer sich wehrt, wird sofort erschossen." Burlitzki erinnerte sich: "Wir tranken, weil die Aktion so gut verlaufen war." Er fügte hinzu: "Aber wir tranken auch, um unser Gewissen zu betäuben." Resümierte Vorsitzender Kersten: "Das war eine sehr, sehr wichtige Aussage."
Auch dem grauhaarigen US-Abgeordneten Fred E. Busbey aus Chicago, einem Mitglied des Kersten-Ausschusses, erschien die Aussage des NKWD-Oberstleutnants Burlitzki äußerst wichtig, aber bei weitem nicht präzise genug. Busbey gab ein Exempel dafür, mit welcher Akkuratesse die amerikanischen Propaganda-Experten ans Werk gehen. Er fragte Burlitzki: "Wo haben die Tschetschenen und Inguschen gelebt? - Burlitzki: "Ich sagte schon, daß Grozny ihre Hauptstadt war." Mit dieser Antwort jedoch war dem unentwegten Frager nicht gedient: "Wo liegt Grozny?" - Burlitzki: "Im Kaukasus."
Ob nun der Abgeordnete Fred E. Busbey aus Chicago nur während der Vernehmung des Burlitzki oder auch schon Jahrzehnte früher auf dem College geschlummert hatte, der Rußland-Experte Busbey, der ausgezogen war, den Sowjets auf die Schliche zu kommen, fragte weiter: "Können Sie uns das (den Kaukasus) in Beziehung zu Moskau erklären?" - Burlitzki geduldig: "Der Kaukasus liegt südöstlich von Moskau." Darauf Vorsitzender Kersten: "Wie viele Kilometer südöstlich von Moskau liegt der Kaukasus?" Das war selbst für den folgsamen Burlitzki zuviel: "Das können Sie am besten auf der Karte nachsehen."
Aber Fred E. Busbey wollte noch mehr wissen. Er stellte dem Burlitzki eine Frage, die Englisch schreibende Journalisten offenbar überhört haben. Nur so ist es zu erklären, daß diese Frage in den englischen Blättern nicht einen Entrüstungssturm entfachte. Busbey: "Haben Sie 'Voice of America' oder 'Free Europe' gehört?" - Burlitzki: "Ja, ich habe die 'Stimme Amerikas' und BBC (Britische Rundfunkgesellschaft) gehört." - Busbey: "Glauben Sie, daß die Sendungen von BBC wirklich antikommunistisch sind?" Den abgehärteten NKWD-Spezialisten Burlitzki konnten solcherlei Fangfragen nicht verwirren: "Ich habe den Eindruck gehabt, daß BBC über die Verhältnisse im Osten und Westen immer die Wahrheit sagte."
Resignierte ein anderer Zeuge vor dem Kersten-Ausschuß: "Soviel ich Ihnen auch erzähle, Sie werden nie begreifen, was ein kommunistisches Regime bedeutet."

DER SPIEGEL 29/1954
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