18.08.1954

Hohlspiegel

DAS WORT "FRIEDEN" wurde auf den verschiedenen Tribünen der Uno in den Jahren 1945 bis 1953 insgesamt 300 000mal ausgesprochen, errechneten die Statistiker der "Vereinten Nationen". Bei den Konferenzen über den koreanischen Waffenstillstand sind 18 Millionen Wörter gewechselt worden. An der Spitze aller Diskussionsthemen liegt mit 43 Millionen Wörtern in 1080 Zusammenkünften die Deutschland-Frage.
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DIE POLIZEI in Baton Rouge (USA) stellte zwei unter Einbruchverdacht festgenommene Männer vor die Kamera eines Fernsehsenders. Erfolg: mehrere Fernseher riefen an und erklärten, die beiden Männer in der Nähe des Tatortes gesehen zu haben, worauf die Festgenommenen ein Geständnis ablegten.
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MIT FLUGVERBOT wurde der 27jährige Züricher Pilot Rudi Hunziker von der Zivil-Flugbehörde der britischen Oberkommission bestraft, weil er eine Parade zu Ehren Prinzessin Margarets im Düsseldorfer Rheinstadion verunziert hatte. Statt der erwarteten Düsenjäger-Einheit war über den versammelten Honoratioren Hunziker mit der Reklameschrift einer Seifenfabrik erschienen. Im Gegensatz zu Prinzessin Margaret hatten die Generale den Vorfall mit großem Ernst aufgenommen.
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ZU 25 PFUND (294 Mark) Geldstrafe wurde der Schotte Thomas Grierson verurteilt, weil er die Sicherheit von 32 Flugpassagieren auf der Strecke London - Paisley gefährdet hatte. Als die Maschine zur Landung ansetzte, hatte Grierson sich einem mitreisenden amerikanischen Arzt drohend mit dem Ausruf genähert: "Sie sind jetzt in Schottland. Reden Sie nicht so viel." Der folgende Zweikampf zwischen dem Amerikaner und dem Schotten hätte nach Aussage des Piloten zu einer Gewichtsverlagerung durch ausweichende Fluggäste und zu einer Bruchlandung führen können.
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AUF DER ERSTEN Tagung der neugebildeten anglo-amerikanischen Studiengruppe, deren Aufgabe es ist, die Freundschaftsbande zwischen den beiden englischsprechenden Völkern zu stärken, schlug der Labour-Abgeordnete Mayhew zur Vermeidung folgenreicher Mißverständnisse vor, die in Amerika reisenden Engländer sollten ein Schild mit der Aufschrift tragen: "Ich schweige nicht deshalb, weil ich euch nicht leiden kann, sondern weil ich Engländer bin." Amerikanern in England empfahl Mayhew den Text: "Ich spreche, weil ich Amerikaner bin."
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ZWANZIG LADENBESITZER in Glen Cove (New York) nehmen russischen Sprachunterricht, um die in der Nachbarschaft wohnende sowjetische Uno-Delegation reibungsloser bedienen zu können.
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"WIR WOLLEN Menschen retten", verkündeten einige Männer, die in Rukasing während der bayerischen Überschwemmung einem VW-Bus mit der Aufschrift "Deutsche Lebens - Rettungs - Gesellschaft Berlin im Katastropheneinsatz Bayern-Österreich" entstiegen. Mangels unmittelbar bedrohter Menschenleben trugen sie am Tag nach ihrer Ankunft ein paar Sandsäcke und verschwanden sogleich, nachdem sie sich bei ihrer Aktion hatten photographieren lassen. Dem Bürgermeister der Gemeinde Altenmarkt diktierten die Lebensretter ein Telegramm an Berlins Regierenden Bürgermeister Dr. Schreiber, in dem der Dank Niederbayerns für die Hilfe aus Berlin zum Ausdruck gebracht werden sollte.
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DER KUPPELEI - Paragraph sei vor mehr als achtzig Jahren entstanden und treffe auf die veränderten Moral-Anschauungen unserer Zeit nicht mehr zu - so begründete der Vorsitzende der Dritten Strafkammer in Berlin-Moabit seinen Freispruch für ein Ehepaar, dessen 33jährige Tochter häufig wechselnden Männerbesuch empfangen hatte. In erster Instanz waren die Eheleute wegen schwerer Kuppelei zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden.
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IN GENUA heischten Polizeibeamte Eintritt ins österreichische Konsulat, um einen Wolfshund zu untersuchen, der ein Mädchen gebissen hatte. Sie mußten sich zurückziehen, da für den Hund die diplomatische Exterritorialität beansprucht wurde.

DER SPIEGEL 34/1954
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