18.08.1954

John

Ein ehemaliger Beamter des Reichssicherheitshauptamtes hat vertraulich mitgeteilt, daß Otto John etwa im September 1943 - zu einer Zeit, als er schon für den britischen Nachrichtendienst arbeitete - das Amt VI (Auslandsnachrichtendienst) in Himmlers Reichssicherheitshauptamt
aufgesucht und sich freiwillig und unaufgefordert zur Mitarbeit im Ausland angeboten habe. Johns Kontakt zum Amt VI habe von einer Jugendfreundschaft mit einem Angehörigen dieses Amtes hergerührt, der dem gleichen Wiesbadener Sportverein angehört hatte wie John selbst. Die Mitarbeit Johns sei allerdings vom Amt VI abgelehnt worden. *
Amerikanische Diplomaten in Paris erklären, sie hielten es für nicht unwahrscheinlich, daß der verlorene John als
britischer Agent im Einverständnis mit denselben englischen Kreisen nach Ostberlin entwichen sei, denen jedes Mittel zur Störung der EVG-Pläne und der deutsch-amerikanischen Allianz recht sei und die zu demselben Zweck schon die Nau-Nau-Aktion inszeniert hätten. *
Der stellvertretende Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Oberst a. D. Radtke, ermittelt gegenwärtig, auf welche Weise John während seiner Amtszeit in den Besitz sowjetzonaler Originaldokumente gekommen ist. Der ehemalige Abwehrchef des Amtes Blank, Friedrich Wilhelm Heinz, hat nämlich vor Beamten des Bundeskriminalamtes ausgesagt, der Oberbundesanwalt habe ihm während seiner Auseinandersetzung mit John einen Fragebogen vorgehalten, den Frau Heinz 1945 im sowjetzonalen Pieskow ausgefüllt hatte. Dieses Originaldokument sei von John persönlich nach Karlsruhe geschickt worden. *
Nach dem Plan des Zentralkomitees der SED wird John etwa zwei bis drei Monate lang propagandistisch herausgestellt werden können. Danach werde das Interesse und damit die Wirkung im Westen nachlassen. John soll später Westkontakte herstellen und ehemalige Bekannte und Mitarbeiter persönlich beeinflussen. Der "Ausschuß für deutsche Einheit", der John lenkt und seine Pressekonferenz arrangierte, untersteht personell und taktisch der Westkommission des Zentralkomitees der SED, die wiederum dem West-Operativ des Staatssicherheitsdienstes (SSD) parallelgeschaltet ist. Eine konspirative Rolle ist John offensichtlich nicht zugedacht.

In diesem Heft
Otto John: Bonner Innenministerium fürchtet, daß Staatssekretär Globke und CDU-Abgeordneter Lenz unter General Gehlens Assistenz die Bildung eines Staatsschutz-Ministeriums vorbereiten ("Alle Griffe erlaubt") ... Seite 5
Streiktaktik: Hamburger Senat kapitulierte vor dem X-Plan der Streikleitung, die Gasversorgung lahmzulegen und nicht brennbares Füllgas in die Leitungen zu drücken - Bürgermeister der Hansestadt setzte falsche Hoffnungen in seinen Schulfreund, den zum Schiedskammer-Obmann berufenen Oberlandesgerichts-Präsidenten Dr. Ruscheweyh ("Aktion Plombenzange") ... Seite 6
Attentat: Früherer Reichsbahn-Generaldirektor erklärt, von Kommunisten beschossen worden zu sein, und erstattet dann Selbstanzeige gegen sich wegen falscher Angaben über das Attentat - Westberliner Polizei untersucht Geschoßeinschläge und hält Mordanschlag für unwahrscheinlich ("Geschoß und Hülse fehlen") ... Seite 9
Mendès-France: Bidault beschuldigt Mendès-France, einen Satz aus dem Genfer Waffenstillstands-Übereinkommen unterschlagen zu haben - Mendès-France entschuldigt sich mit einem Irrtum ("Der verschwundene Satz") ... Seite 16
Spanien: Ende Oktober gehen die spanischen Schwefel- und Kupfergruben der britischen "Rio Tinto Company" in spanischen Besitz über - Die Spanier hatten die Gesellschaft so lange schikaniert, bis sie zur Übergabe bereit war ("Schamlose Geschäfte") ... Seite 19
Expedition: Französische Forscher entdecken im Amazonas-Dschungel prähistorische menschenfressende Indianer - Mozarts Musik bahnt der Expedition den Weg durch die "Grüne Hölle" ("Kannibalen im Dschungel") ... Seite 29
Honorare: Schriftsteller verläßt Darmstädter "Akademie für Sprache und Dichtung" aus Protest gegen Reklamehymnen, die Akademie-Mitglieder und -Vizepräsidenten für deutsche Filterzigaretten schreiben ("Blick in den blauen Dunst") ... Seite 32

DER SPIEGEL 34/1954
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