18.08.1954

STREIKTAKTIKAktion Plombenzange

Mit breitem Siegerlächeln quittierte Streikführer Adolph Kummernuß, 1. Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), am Ende der neuntägigen Hamburger Gewerkschaftsschlacht den Beifall seiner Funktionäre.
"Sie waren alle begeistert über den Erfolg", triumphierte sein ÖTV-Statthalter im Hamburger Gewerkschaftshaus, Nicolaisen. Den genau ausgetiftelten Feldzugsplan über die Fortführung des Streiks - für den Fall weiterer Erstarrung der Verhandlungsfronten - konnte er zu den Akten legen. Es hatte bereits genügt, mit diesem Schlachtplan zu drohen.
Die Strategen der Streikleitung hatten nämlich in mehreren Tag- und Nachtsitzungen den Plan gefaßt, ab Montag dieser Woche in Hamburg einen Zustand künstlich herbeizuführen, wie er etwa im Kriege die Bevölkerung nach schweren Bombenangriffen schreckte.
Zunächst sollten schlagartig die industriellen Gasverbraucher vom Gasversorgungsnetz abgeschaltet werden. Streikkommandos sollten die Haupthähne in den Betrieben verplomben. Das Haupt-Gaswerk sollte seinen Betrieb völlig einstellen. Um Explosionskatastrophen - durch Eindringen von Luft in das unterversorgte Leitungsnetz - zu vermeiden, sollte der von der Streikleitung zugelassene Notdienst Generatorgas in die Röhren drücken, das in Haushaltsgeräten kaum brennt.
Diese Aktion hätte den bis dahin milden Streik, der sich im wesentlichen nur auf die (stadteigenen) Verkehrsmittel - Straßenbahn, Hochbahn, Omnibusse, Alsterschiffe - auswirkte*), in einen scharfen Lohnkrieg verwandelt. Zahlreiche Betriebe, darunter Großwerften, Metallschmelzen, Emaillefabriken, die auch in den Streiktagen trotz des reduzierten Gasdrucks noch fast ausreichend mit Gas versorgt worden waren, hätten dann zu Kurzarbeit übergehen müssen. In manchen Betrieben bereitete man sogar Entlassungen vor.
Diese Drohung kam just zu dem Zeitpunkt, als auch der Hamburger Senat sein taktisches Konzept überprüfte. Dem Senat - als Arbeitgeber der 13 000 Streikenden - mußte daran gelegen sein, Zeit zu gewinnen. Denn synchron zu dem Paradestreik der ÖTV in Hamburg waren bereits die Verhandlungen des ÖTV-Hauptvorstandes mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder und der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände angelaufen.
Es war eine Frage der stärkeren Nerven und der geschickteren Verhandlungstaktik, ob die Gewerkschaften ihr Ziel erreichen würden, mit einem durchgreifenden Erfolg
in Hamburg die Festsetzung eines neuen Rahmentarifes für alle Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes in der Bundesrepublik zu präjudizieren.
Hatten sich die Spitzen des Hamburger Senats noch zu Beginn des Streiks damit gebrüstet, die stärkeren Nerven zu haben ("Vier Pfennig Zulage pro Stunde und keinen Pfennig mehr"), so zeigte sich in der neunten Streiknacht - nach einer stürmischen Bürgerschaftssitzung im Hamburger Rathaus - Nervosität und Zersplitterung beim Senat und in den Reihen der bürgerlichen Parlaments-Koalition "Hamburg-Block".
Streikführer Kummernuß und seine Stabsfunktionäre hatten mit dem festen Vorsatz Beobachtungsplätze im Parlamentssaal bezogen: "Wir bleiben hier, und wenn wir auf den Bänken schlafen müssen. "Sie vertrauten - wie sich herausstellte, mit Recht - auf die zermürbende Wirkung ihrer Drohung mit der Plombenzange.
Mit weichen Knien war der Fraktionsführer und Landesvorsitzende des Hamburg-Blocks, Großkaufmann Erik Blumenfeld, schließlich sogar bereit, den von den Gewerkschaften geforderten Schlichter Dr. Stenzel für die Abgabe eines definitiven Schiedsspruches anzuerkennen und sich bedingungslos diesem Spruch zu unterwerfen; allerdings unter der Voraussetzung, daß Stenzels Entscheidung keine Preiserhöhung für Gas, Wasser und öffentliche Verkehrsmittel nach sich ziehe. (Diese Bindungsklausel ging im Trubel der zermürbenden Nachtsitzung völlig unter.)
Bürgermeister Dr. Sieveking (CDU), der sein Hamburger Amt nach beschaulichen Gesandten-Jahren in Stockholm erst vor acht Monaten übernommen hat, drohte jedoch mit Rücktritt, wenn seine eigene Fraktion dem von der SPD-Fraktion und Streikführer Kummernuß vorgeschlagenen Schlichter Dr. Stenzel das Feld überlasse. Denn Stenzel hatte in den Vortagen durchblicken lassen, daß er mit Kummernuß nur klarkommen könne, wenn er der Gewerkschaftsforderung
nach sieben Pfennig Lohnerhöhung entspreche.
Schließlich einigten sich die Fraktionen mitten in der Nacht auf die Bildung einer neunköpfigen Schiedskammer unter Vorsitz des Oberlandesgerichtspräsidenten Professor Dr. Ruscheweyh. Der bürgerliche Bürgermeister Sieveking apostrophierte ihn als alten Schul- und Reiterkameraden: "Wir beide haben bei den Fünfzehner Husaren gedient." Oberlandesgerichtspräsident Dr. Ruscheweyh ist aber auch alter Sozialdemokrat. Kein Eingeweihter konnte zweifeln, daß es einer kampflosen Kapitulation gleichkam, als die Bürgerlichen den Richter Ruscheweyh zum Schiedsrichter bestellten und sich dem von ihm zu fällenden Spruch von vornherein unterwarfen*).
Während Sieveking mit dem Senatsgefolge gegen 1 Uhr nachts das Rathaus verließ, holten Polizeistreifen mit Peterwagen und Kuriere die im parlamentarischen Tauziehen zusätzlich für die Neun - Mann-Schiedskammer gewählten Beisitzer aus den Betten. Sie kamen verschlafen und unvorbereitet ins Rathaus. Ein Parlamentsreporter mußte aus der Küche der Bahnhofswirtschaft gemahlenen Bohnenkaffee besorgen, um die improvisierte Schiedskammer mit improvisiertem Mokka aufzumuntern. Als sich die Schiedsmänner dann an den Verhandlungstisch setzen wollten, stellten sie fest, daß die drei Exemplare des parlamentarischen Einigungsbeschlusses - die Basis der weiteren Verhandlungen - von den abgerückten Parlamentariern und Senatoren entführt worden waren. Der Beschluß mußte mühsam mit Hilfe der Stenogramme zweier Journalisten rekonstruiert werden.
Die überstürzte Nachtsitzung brachte dem in einer Ecke des Tribünenganges wachenden Streikführer Kummernuß den
vollen Erfolg, den er für seine weiteren Lohnkämpfe braucht:
* Sieben Pfennig Stundenlohn mehr für die Arbeiter und 4,5 Prozent mehr Gehalt für die Angestellten der bestreikten Betriebe.
Es war ein (geheimgehaltener) knapper Mehrheitsbeschluß: Fünf Ja-, vier Nein-Stimmen. In der paritätisch zusammengesetzten Schiedskammer (vier Bürgerblock-Delegierte, vier SPD-Anhänger) hatte Altsozialdemokrat Präsident Ruscheweyh schließlich den Ausschlag gegeben.
Die Auswirkung des Hamburger Schiedsspruches auf das übrige Bundesgebiet zeigte sich bereits zum Wochenende: Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder haben bei den Verhandlungen über die neue Tarifordnung für die Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes den gewerkschaftlichen Forderungen nachgegeben und eine Stundenlohnerhöhung um sechs Pfennig vorgeschlagen. (Gleichgültig wie die weiteren Verhandlungen auslaufen, bleibt der Hamburger Schiedsspruch mit der Sieben-Pfennig-Norm für den Hamburger Senat verbindlich.)
Kleinlaut auf den Ausgang seiner ersten Bewährungsprobe als Hamburger Politiker zurückblickend, maulte Sieveking: "Wenn wir es genau sehen, müßte der Senat jetzt zurücktreten, und die Gewerkschaft müßte die Regierung übernehmen."
Er hatte die Nervenschlacht verloren und mußte zulassen, daß die Gewerkschaft Regierungsfunktionen ausübte, indem sie eine Erhöhung der Fahrpreise und der Gas- und Wasserpreise notwendig machte. Sagt Sieveking: "Diese Preiserhöhung zu beschließen, ist auf dem Papier Sache der Bürgerschaft. Tatsächlich aber wurde sie von den Gewerkschaften durchgesetzt. Eine Preiserhöhung ist nun unausweichlich."
*) Da in Hamburg die bundesbahneigenen S-Bahnen auch während des Streiks verkehrten und Privatbusse in steigendem Maße den Linienverkehr der Straßenbahnen übernahmen, konnte der Hamburger Verkehr trotz des Ausfalls der städtischen Verkehrsmittel leidlich aufrechterhalten werden.
*) Präsident Ruscheweyh fragte sogar vor der Annahme des Amtes erst bei der SPD-Fraktion an, ob sie diese Berufung geschlossen gutheiße.

DER SPIEGEL 34/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STREIKTAKTIK:
Aktion Plombenzange

  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"