18.08.1954

ATTENTATGeschoß und Hülse fehlen

Zum erstenmal ging bei der Westberliner Staatsanwaltschaft dieser Tage eine Strafanzeige ein, in der sich jemand formell selber bezichtigte, falsche Angaben über ein kommunistisches Attentat gemacht zu haben. Selbstanzeiger war Willi Besener, 60, der vom Januar 1946 bis zum Januar 1949 als Generaldirektor der Reichsbahn*) der Sowjetzone zu den Nachkriegsgrößen Berlins zählte, dann allerdings vom Sowjet-Transportgeneral Kwaschnin in Ungnade entlassen wurde.
Mit seiner Selbstanzeige will Besener ein Ermittlungsverfahren in Gang bringen, in dem er dann Zweifel an seiner Darstellung eines Attentats auf ihn selbst mit dem Beweis entkräften möchte, daß er doch die Wahrheit gesagt hat.
Die zweifelhafte Geschichte begann vor zwei Wochen mit einem Schuß mittleren Kalibers.
Wie allabendlich will der Ex-Eisenbahner am letzten Juli-Samstag vor sein Haus im Berliner Westsektor getreten sein, um vor dem Zubettgehen noch einmal frische Luft zu schöpfen. Da es ein trüber Abend war, knipste er die Lampe an, die über seiner Haustüre eine kleine zum Garten hinunterführende
Treppe beleuchtet. Sekunden später schon kroch Besener diese Treppe auf allen vieren eiligst wieder hinauf, verschloß mit einem Knall seine Haustüre und rief seiner in der Kellerküche erschreckt auffahrenden Frau zu: "Es ist nichts passiert, die Schweine sind hier." Dann rannte er zum Telephon, um über 110 das Überfallkommando zu rufen.
Den Besatzungen von drei anfahrenden Funkstreifenwagen zeigte Besener an der Hauswand zum Garten einen flachen Geschoßeinschlag in Kopfhöhe. Das Geschoß sei genau an seiner Nase vorbeigezwitschert, er habe es gehört. Außen an der Gartenmauer lehnte eine ausgehakte Zauntür. Darüber waren auf der Mauerkrone die einzementierten Glasscherben in Mannsbreite abgeschlagen.
Hinter dieser Mauer lag im Dunkeln ein zehn Meter breiter Streifen Wüstenei - in Beseners Glanzzeit des Generaldirektors Privatbahnsteig, an dessen Rampenkante nach einem verrosteten Stacheldraht das Gebiet des Reichsbahn-Betriebsbahnhofes Grunewald beginnt. Es gehört, wie jedes Bahngelände in Westberlin, verkehrstechnisch zur Sowjetzone.
Wegen der Grenzlage von Beseners verlorenem Herrschaftsgebiet, in das hinein ein Polizeihund prompt eine Spur aufnahm, schlugen Westberlins Gazetten auf der Grundlage eines Polizeiberichts denn auch Alarm: Der SSD kam über Gleis 37 - Roter Mordanschlag auf Karlshorsts Ex-Generaldirektor.
Diese Lesart stach allerdings nicht nur der Ostberliner SED-Presse ins Auge, die nach zwei Tagen die agitatorische Sprachregelung erhielt, den Fall Besener als Provokation zu einem neuen Machtkampf um die Berliner S-Bahn aufzublasen. Auch
Westberliner Ostexperten wollte es nicht in den Sinn, daß der längst isolierte und von westlichen Nachrichtendiensten seit Jahren leergesaugte Besener nun noch vom SSD so hart aufs Korn genommen worden sein sollte, zumal direkte Mordanschläge seit Jahren nicht mehr zu den konspirativen Praktiken Ostberlins zählen.
Eine ausgesprochen peinliche Wendung sowohl für den sich beschossen wähnenden Besener als auch für die Westberliner Kripo mit ihrer ersten Attentatsmeldung nahm die Affäre eine Woche nach den ersten Alarmrufen. Die kriminaltechnische Untersuchungsstelle unterbreitete der Kriminalpolizei das Ergebnis von Untersuchungen ihrer Schießsachverständigen. Sie hatten an der angenommenen Tatstelle Schießversuche mit Waffen verschiedenen Kalibers angestellt.
Beim Vergleich von acht Einschlägen in Beseners Hauswand zeigte es sich nun, daß der fragliche Schuß in der Samstagabendstunde nur aus einer kleinkalibrigen Waffe von unter 6,65 Millimeter abgefeuert sein konnte. Die Verwendung einer so zielunsicheren Waffe mit entsprechend wirkungsschwacher Munition bei einem politischen Attentat hielt die Abteilung 5 der Kripo mit ihrer Erfahrung in politischen Straftaten für ungeeignet und unwahrscheinlich*).
Von Beseners alten Feinden unter Berlins antikommunistischen Gewerkschaftlern*) genährt, machten darum bald versteckte Andeutungen über ein fingiertes Attentat die Runde durch die Spalten derselben Zeitungen, die sich wenige Tage vorher mit Schlagzeilen über den ruchlosen roten Mordanschlag entrüstet hatten.
Selbst ein so seriöses Blatt wie der "Kurier" widerrief die anfangs bereitwillig nachgedruckten Angaben Beseners über seinen Widerstand gegen den General Kwaschnin und sprach von Besener jetzt geringschätzig als von dem "ehemaligen Lokomotivführer".
Sogar der neue (kommissarische) Chef des Bundesverfassungsschutzamtes, Otto Johns Nachfolger Dr. Jess, wurde in die Selbst-Attentats-Kombinationen eingebaut. Der Dr. Jess war nämlich unter Besener von 1945 bis 1948 als gelernter Jurist Präsident der Reichsbahn-Direktion Schwerin gewesen, ehe er nach Westdeutschland flüchtete. Besener rühmt sich noch heute seines damals loyalen Verhaltens gegenüber einem "seiner besten" Direktions-Präsidenten. Er, Besener, habe dem Dr. Jess zur Flucht verholfen und vorher sogar dreimal eine Maßregelung Kwaschnins einstecken müssen, weil er sich weigerte, Jess wegen Zugehörigkeit zur CDU ohne jeden dienstlichen Anlaß zurückzusetzen.
Diese Beziehungen Beseners zu Jess waren es im besonderen, die interessante Kombinationen über ein fingiertes Attentat auslösten: Der nicht sehr beachtet dahinlebende Schmalspur-Ingenieur Besener habe sich durch den inszenierten Schuß politisch interessant machen wollen, um von Dr. Jess einen Posten im Verfassungsschutzamt zu erhalten.
Für Besener, der es in seiner ersten Eisenbahner-Zeit von 1918 bis 1933**) nicht weiter als bis zum Ingenieur-Anwärter gebracht hatte, ist seine Generaldirektors-Zeit von Kwaschnins Gnaden und Ungnaden - mit Sondertriebwagen vor der Dienstwohnungs-Gartentür, Dienstautos und Pajoks - offensichtlich noch immer der berufliche Gipfelpunkt seines Lebens. Die von den Attentatsmeldungen ausgelöste Publizitätswelle genießt er in vollen Zügen. Aber den Verdacht, das nach Polizei-Ansicht recht ungefährliche Kleinkaliber - Geschoß als Propaganda-Knalleffekt - etwa auch zugunsten einer Anerkennung von Pensionsansprüchen durch die Bundesbahn - selbst ausgelöst zu haben, weist er entrüstet von sich.
Den unbekannten Heckenschützen aus Beseners Garten wird indes auch der zur Rettung von Beseners Attentats-Ehre bemühte Staatsanwalt nur schwerlich ausfindig machen können. Denn er schoß so raffiniert, daß weder das Geschoß noch die Hülse bisher gefunden wurden***).

IM NICHTSCHWIMMER-BASSIN
einer Westberliner Badeanstalt empfingen "Zeugen Jehovas" aus der Sowjetzone dieser Tage ihre Taufe. In Erwartung des tausendjährigen Messias-Reiches auf Erden verweigern sie konsequent jede eidliche Verpflichtung auf Staat und Waffendienst. So kommt es, daß dieselben "Ernsten Bibelforscher" - wie die "Zeugen" sich auch nennen - , die von Hitler als Pazifisten ins KZ gesteckt wurden, heute in der Sowjetzone als Terroristen eingesperrt werden. Um unangenehmen Weiterungen ihres Glaubensdienstes im Badeanzug nach Rückkehr in den Osten zu entgehen, kehrten die Täuflinge der Kamera ihre breiten Rücken zu.
*) Während im Bundesgebiet auf Weisung der Westmächte der Name der staatseigenen Eisenbahnen wie der Name der anderen großen staatlichen Regie-Betriebe politisch entschärft wurde, wurde in der Sowjetzone die Bezeichnung "Deutsche Reichsbahn" beibehalten, die "Reichspost" dagegen in "Deutsche Post" umgetauft.
*) Im Gegensatz zu den Erklärungen der Westberliner Schießfachleute wird im Taschenkalender 1954 der sowjetzonalen Wehrsport-Organisation "Gesellschaft für Sport und Technik" allerdings eine Kleinkaliber-Pistole "Sportmodell 53" beschrieben, deren Leistungen bei einem Kaliber von 5,42 Millimeter so angegeben werden: Größte Schußweite 1000 Meter; günstigste Schußentfernung 50 Meter. Die 22 Millimeter lange Randfeuerpatrone mit Kaliber 5,6 Millimeter durchschlägt bei 50 Meter Entfernung 6 Zentimeter starkes Fichtenholz.
*) Besener, früher SPD-Mann, ist nach seiner Entlassung durch die Russen nicht wieder in die SPD aufgenommen worden. Auch der DGB lehnte ihn ab, weil er sich bei dem Streit um eine nichtkommunistische Berliner Gewerkschaftsopposition zu seinen Amtszeiten negativ verhalten hatte. Er suchte in letzter Zeit Anschluß bei der DP. Seine Existenz bestreitet er als Inhaber mehrerer Patente aus den Einkünften einer eigenen kleinen Firma, die Spezial-Verpackungs-Maschinen herstellt.
**) Besener wurde erstmals 1933 aus Bahndiensten entlassen, wegen politischer Tätigkeit für SPD und Gewerkschaften.
***) Die Sowjetzonen-Pistole "Sportmodell 53" hat keine Mehrladeeinrichtung und wirft die Hülse nach dem Schuß nicht automatisch aus. Aus Kleinkaliberwaffen werden normalerweise keine Stahlmantelgeschosse verschossen, Bleikugeln dagegen zerspritzen bei Aufschlag auf harte Ziegel. Auch die Polizei konnte nur eine von ihren acht verschossenen Probekugeln finden.

DER SPIEGEL 34/1954
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