18.08.1954

TAUNUSDas Motorclub-Regime

Am Abend des 5. Juli, zehn Tage vor dem Start zum trommelfellmordenden Training für das Motorradrennen rund um den Feldberg im Taunus, tagte der Gemeinderat des idyllischen Feldberg-Kurortes Oberreifenberg ausnahmsweise nur kurz unter dem Vorsitz seines Bürgermeisters Josef Mühlbach, 43. Beim Punkt 2 der Tagesordnung - "Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen den Bürgermeister" - räumte Josef Mühlbach, von Beruf Kleiderbügelhersteller, seinen Platz und ging nach Hause.
Unter Ausschluß von Presse und Publikum beschlossen die Gemeinderäte dann spätabends: Der Landrat in Höchst solle entscheiden, ob Bürgermeister Mühlbach Privat- und Gemeindegeschäfte miteinander verquickt und womöglich auch noch bei den Verhandlungen über die künftige Gestaltung des Feldbergrennens die Interessen seiner Gemeinde verraten habe.
Bis in die Büros des hessischen Kabinetts und des Wiesbadener Regierungspräsidenten führt die Spur der Auseinandersetzungen um Bürgermeister Mühlbach, nachdem in Oberreifenberg Gemeinde-, Motorsport- und Geschäftsinteressen aufeinandergeprallt sind. Als am 18. Juli die Motorrad-Matadore des In- und Auslandes auf ihrem Kurs über die 11,7 Kilometer lange Feldberg-Piste durch Oberreifenbergs Straßen jagten, fehlte der hessische SPD-Innenminister und Oberreifenberger Ehrenbürger Heinrich Zinnkann im Ehrenpräsidium der Veranstaltung.
Die Ursache seiner Verstimmung ist in dem Umstand zu suchen, daß im Rat des Ortes Oberreifenberg, dem Start- und Zielplatz des Feldbergrennens, eine ungewöhnlich unpolitische Fraktion die Herrschaft über alles kommunale Leben an sich gerissen hat, ohne daß sich noch jemand offen gegen sie aufzulehnen wagt. Es ist die Fraktion des Rennveranstalters, des "Motorsportclubs Feldberg e. V.".
Neben einem CDU-Mann, einem SPD-Vertreter und einem unabhängigen Flüchtling, die noch nicht dem Motorsport verfallen sind, sitzen in Oberreifenbergs Gemeindeparlament:
* Alois Brendel, parteilos, Kraftfahrzeughändler, 1. Vorsitzender des "MSC Feldberg",
* Ludwig Meister, parteilos, Schreinermeister, Vorstandsmitglied des "MSC Feldberg",
* Heribert Grambusch, parteilos, Haarklemmenfabrikant, Vorstandsmitglied des "MSC Feldberg",
* Willi Brendel, parteilos, Wäschereibesitzer, Mitglied des "MSC Feldberg",
* Peter Schneikert, SPD, Maurermeister, Mitglied des "MSC Feldberg".
Als neunter im Bunde gesellt sich der Kaufmann Josef Sauer dazu, partei- und vereinslos. In - wie seine Gegner meinen - heimlicher Hoffnung auf den Bürgermeisterposten stimmt er regelmäßig mit der fünfköpfigen Motorsport-Gruppe und macht so die Zweidrittelmehrheit der Motorsportler im Oberreifenberger Neun-Mann-Parlament komplett.
Aber das ist nicht alles. Auch in Bürgermeister Mühlbachs Gemeindehaus geistert der Motorsport durch die Amtsräume. Da sitzt Walter Berbott, Mitglied des "MSC Feldberg" und zugleich Gemeindeschreiber. Da sitzt außerdem Gemeinderechner Gregor Meister, der nicht nur die kommunalen Finanzen, sondern als MSCF-Vorstandsmitglied auch die Gelder des Motorsportclubs
verwaltet. "Ja, der Verräter ist da", sagte er kürzlich einem Besucher, der nach Bürgermeister Mühlbach fragte.
Das Wort "Verrat" ist bei Oberreifenbergs Motorsport-Aktiven in aller Munde, seit sie die feste Überzeugung gewonnen haben, daß allein Josef Mühlbach die Schuld trifft, wenn die Landesregierung einen schon quasi versprochenen Zuschuß zum Bau eines neuen Rennstrecken-Abschnittes bei Oberreifenberg in Höhe von bis zu 350 000 Mark heute nicht mehr herausrücken will und folglich das Feldbergrennen für die Zukunft überhaupt in Frage gestellt ist.
Dabei hatte der Renn-Enthusiasmus am Feldberg in den letzten Jahren mit ideeller und materieller Hilfe der Hessen-Regierung einen verheißungsvollen Aufschwung erlebt. Der Initiative des MSCF, zu dessen Vorstand einst auch Bürgermeister Mühlbach gehörte, war es zu verdanken, daß die Rennstrecke vor vier Jahren zu einem Kreis ausgebaut wurde, der mitten durch den Ort und die Gemarkung Oberreifenberg verläuft. Die insgesamt 400 000 Zuschauer, die nach den Angaben des Motorsportclubs von 1950 bis 1953 an den Rennsonntagen den finessenreichen Feldbergring besuchten, brachten Oberreifenbergs Gemeindesäckel denn auch allein 32 500 Mark Vergnügungssteuern ein.
Zwar überlegte sich Bürgermeister Mühlbach im vorigen Jahr, daß diese ihm vom MSCF überwiesenen Gelder höchstens das Vergnügungssteuer-Zehntel von rund 160 000 Eintrittskarten sein könnten und folglich rund 240 000 Besucher nicht gezahlt hätten - was ihn unwahrscheinlich dünken wollte. Doch auch Josef Mühlbach hatte damals am Start- und Zielplatz noch heiße Würstchen verkauft. Wie überhaupt das Feldbergrennen bislang nicht gerade mit Nachteilen für die Oberreifenberger verbunden gewesen ist:
Zwei MSCler wirkten am Neubau des Start- und Zielhauses mit, ein anderer übernahm alljährlich den Antransport der Zäune für das Fahrerlager. Der Erlös aus der Bewirtschaftung des Bierzeltes, in dem die Frauen des MSC-Vorstandes Coca-Flaschen öffneten und Zigaretten verkauften,
wurde am Schluß unter den Vorstandsmitgliedern aufgeteilt, und für die übrigen Mühen erhielten die Vorstandsmitglieder noch extra: 1950 nichts, 1951 nichts, 1952 je 1000 Mark, 1953 je 2000 Mark.
Auch die anderen Bürger Oberreifenbergs und der umliegenden Gemeinden brachten jedes Jahr vom Verkauf der Programme und Streckenkarten, durch Kassieren der Parkplatzgebühren und als Lonn für andere kleine Dienstleistungen ein paar Mark mit nach Hause. So hätte am Feldberg weiterhin eitel Freude geherrscht, wenn nicht Oberreifenbergs Motorsport-Aktivisten im vergangenen Herbst plötzlich auch noch wintersportliche Ambitionen entwickelt hätten.
Schon lange hatte der MSCF-Vorstand in seinem Gram über die winterliche Knatter- und Bierzeltpause mit der Idee geliebäugelt, in der Oberreifenberger Gemarkung eine Bobbahn zu errichten. Als nun der Ex-Bobmeister und Werbeleiter der Conti-Gummiwerke, Fritz Wiese, nach dem vorjährigen Feldbergrennen von einem Spaziergang durch die Feldberg-Wälder zurückkam, brachte er aus dem Wald die gute Nachricht mit, daß da schon mit einigen tausend Mark etwas zu machen sei.
MSCF-Vorsitzender Alois ("Schlagkeil") Brendel, 39, steckte sogleich seine Fühler nach Wiesbaden aus. Obwohl er von seinem ersten Nachkriegsjob als Fahrbereitschaftsleiter des dortigen Innenministeriums nicht gerade in Frieden geschieden war, pflegte er noch immer gute Beziehungen zu den Leuten um den Innenminister und Oberreifenberger Ehrenbürger Heinrich Zinnkann. So konnte Brendel, im Vertrauen auf die Anziehungskraft einer Handvoll wenig berühmter, doch vielversprechender Frankfurter Schlittenfahrer, seinen Freunden bald "5000 Mark aus Wiesbaden" für den Bau der Oberreifenberger Bobbahn avisieren.
Die Gemeindefinanzen würden durch das neue Projekt natürlich in keiner Weise in Anspruch genommen, hatte Brendel dem Bürgermeister Mühlbach vorher versichert.
Dieser Stand der Dinge wurde aber alsbald korrigiert. Zunächst drängte Oberreifenbergs sportlicher Gemeinderat seinen Bürgermeister, das Bobbahn-Projekt in gemeindeamtliche Regie zu nehmen.
Dafür gelang es den Frankfurter Bobverbands-Häuptern Griebel und Heimann, den Wiesbadener Stadtkommandanten, Colonel Brewster, mit einigen amerikanischen Bob-Fexen für die neue Idee zu gewinnen. Als die Adventszeit nahte, rollte eine amerikanische Pionierkolonne mit Räumpflügen und Räumgeräten an, um im friedlichen Oberreifenberger Wald die Welt nach dem Bild des MSCF umzugestalten.
Selbst die Schlachtfelder des Argonner Waldes, die er als Soldat des ersten Weltkrieges gesehen habe, hätten keinen so verheerenden Anblick geboten wie Oberreifenbergs planvoll verwüstete Waldungen, grollte der Oberreifenberger Kleineisenwaren-Fabrikant Josef Hartmann, als das Werk vollbracht war und die Amerikaner auch gleich noch hundert Meter der neben der Bobbahn verlaufenden neuen Oberreifenberger Skischneise mit abgeholzt hatten.
Nicht ganz so wirkungsvoll operierte indes der "Schlagkeil" Brendel. Statt der verheißenen 5000 Mark eiste er in Wiesbadens Innenministerium nur 2000 Mark los. Damit begann das Dilemma.
Die Kosten des Solenausbaues, den einheimische Arbeitskräfte unter einem sachkundigen Münchner Vorarbeiter in Angriff nahmen, waren nicht unter 6000 Mark zu drücken. Schnell wurden 3000 Mark, die die Firma Pepsi-Cola als Standgeld für ein Reklameschild an der Skischneise auf sechs Jahre vorgeschoben hatte, in den Bob-Finanzierungsplan eingebaut. Die restlichen
1000 Mark aber mußte Bürgermeister Mühlbach auf dem Schuldenkonto der Gemeinde verbuchen.
Komplett war die Enttäuschung jedoch erst, als wenige Wochen später ein plötzlicher Temperaturanstieg die gerade zum
ersten Bobstart hergerichtete Bahn in schmutzigen Matsch verwandelte und die letzte Hoffnung auf die Eintrittsgelder Frankfurter Besuchermassen in ein Nichts zerrinnen ließ.
Jetzt erinnerten sich die Oberreifenberger, daß Skiläufer bei ihnen in manchen Wintern nur an zwei Wochenenden leidliche Sportmöglichkeiten vorgefunden hatten. Doch als die Zweifel an der Rentabilität einer ortseigenen Bobbahn laut wurden, war es schon zu spät.
"Immer, wenn der Motorsportclub etwas anfängt, bleibt an der Gemeinde etwas hängen", sprach Bürgermeister Mühlbach, der sich langsam ernste Gedanken um die Gemeindefinanzen zu machen begann. Genau betrachtet, hatte sie in den vier Jahren des MSCF-Regiments eigentlich niemals richtig von der Sportbegeisterung profitiert.
Die Vergnügungssteuer hatte der Gemeinde zwar 32 500 Mark eingebracht, aber dieser Summe standen im gleichen Zeitraum 123 000 Mark Straßenbau-Ausgaben gegenüber, die zum überwiegenden Teil dem Ausbau der Rennstrecke gedient hatten. Mit 27 000 Mark stand die Gemeinde noch immer in der Kreide. Dabei packte Josef Mühlbach stets aufs neue das Grauen, wenn er sich einmal wieder das vor 106 Jahren erbaute und längst baufällige Schulhaus betrachtete.
Durch die Bobbahn-Pleite gewarnt, entfremdete sich Bürgermeister Mühlbach den MSClern endgültig, als sie allen Ernstes begannen, den Ausbau eines Feldweges mit einem Kostenaufwand von 700 000 bis 800 000 Mark zu planen. Der Bau war notwendig, weil gemäß innerministerieller Verordnung Straßenrennen in Hessen nicht mehr durch
Ortschaften führen sollten und der Feldbergkurs folglich aus Oberreifenberg herausgelegt werden mußte.
Rennleiter "Schlagkeil" Brendel, der wußte, daß die Regierung für den Ausbau einer einmal im Jahr benutzten Rennstrecke keinen Pfennig zuschießen würde, ließ das Projekt unter dem Titel laufen: "Ausbau der bestehenden Querverbindung als Parkstraße zur Behebung der Parkraumnot im Hochtaunusgebiet, unter gleichzeitiger Mitverwendung als Teilstück der Feldberg - Rennstrecke". 2000 Skisportler-Autos sollten im Winter auf dieser Straße parken können.
Hessens Landesregierung hielt das Projekt für begrüßenswert. Bald brachte Brendel aus Wiesbaden die Zusicherung mit, daß der Staat sich an den Kosten für den Bau der neuen Straße "mit 50 Prozent bis zu einer Höhe von 350 000 Mark" beteiligen werde.
Wahrscheinlich wäre dieses Geld inzwischen längst geflossen, wenn nicht am Abend des 30. März Oberreifenbergs fünf dem "Motorsportclub Feldberg" angehörende Gemeindevertreter zusammen mit dem Bürgermeister-Aspiranten Josef Sauer im Namen der Gemeinde den kuriosen Beschluß gefaßt hätten, "gemeinsam mit dem Motorsportclub Feldberg die Finanzierung der Restsumme der Parkstraße 'Start und Ziel - Rotes Kreuz' zu übernehmen". Wenn auch nur "in einer Höhe bis zu 40 000 Mark". Das übrige Geld sollte die Industrie stiften.
Die 40 000 Mark, die sich die Straßenbauer des MSCF damit selbst aus der Gemeindekasse herausgeschustert hatten, reichten aus, um die letzten rennsportlichen Interessen des zu Haus krank im Bett liegenden, von Schulhaussorgen und Schuldenangst geplagten Bürgermeister Mühlbach abzutöten.
Sobald er genesen war, reiste er nach Wiesbaden, um sich Rat zu holen, wie er bei den merkwürdigen parlamentarischen Kräfteverhältnissen in Oberreifenberg künftig die Interessen von Gemeinde und Motorsportclub miteinander vereinigen könne.
In Wiesbaden wartete bereits sein Kollege Bürgermeister Buch aus Niederreifenberg. Er wollte Niederreifenbergs Bedenken gegen die geplante Parkstraße darlegen: Die Straße drohe Niederreifenbergs schönste Skihänge zu durchschneiden.
Acht Tage später hatten beide ihren Willen. In einer Sitzung in Wiesbaden, zu der Innenminister Zinnkann außer etlichen Taunus-Bürgermeistern, Kreis- und Landtagsabgeordneten auch Wirtschaftsminister Heinrich Fischer geladen hatte, wurde beschlossen, das Feldbergrennen in diesem Jahr noch einmal durch Oberreifenberg laufen zu lassen und das Straßenbauprojekt zunächst zurückzustellen.
Am nächsten Morgen klebte an Oberreifenbergs Anschlagstafeln ein Mißtrauensantrag gegen Bürgermeister Mühlbach, unterzeichnet von der MSCF-Mehrheit des Gemeinderats. Die Erklärung umfaßte zehn Punkte, von der Mißachtung der Oberreifenberger Gemeindeinteressen bis zu den 1000 Mark, die Mühlbach sich einmal bei einem der Gemeinde gut gesonnenen Fabrikanten gepumpt, dann allerdings auf einem kleinen Umweg wieder zurückgegeben habe.
Zweimal brachte Brendels MSCF-Mannschaft diesen Mißtrauensantrag im Gemeindeparlament durch. Aber sie mußte sich schließlich vom Höchster Landratsamt belehren lassen: Ehrenamtliche Bürgermeister wie Josef Mühlbach könnten nur abgesetzt werden, wenn sie wirklich mit den Gesetzen in Konflikt geraten seien Das sei bei Bürgermeister Mühlbach bis jetzt nicht im geringsten bewiesen.
So mußten sich die MSCler zunächst darauf beschränken, den Josef Mühlbach demonstrativ aus ihrem Klub zu feuern, zusammen mit dem Kaffeehaus-Besitzer Alfons
Waldschmitt und dem Taxi-Unternehmer und Kreistagsabgeordneten Wilhelm Wagner. Die beiden hatten es gleichfalls gewagt, sich gegen den MSCF-Vorstand aufzulehnen. "Der Vorstand ist teurer, als wenn man ihn von Amerika kommen ließe", hatte Wagner gesagt.
Während in Frankfurt ein Versuch scheiterte, auf dem Umwege über ein vom Innenministerium genehmigtes Preisausschreiben doch noch einige zigtausend Mark für die Oberreifenberger Park-Rennstrecke locker zu machen, ist die Gebefreudigkeit der hessischen Landesregierung inzwischen auf dem Nullpunkt angelangt.
Nun wird sich die Industrie überlegen müssen, ob sie den neuen Rennkurs auf dem Feldberg bis zur nächsten Saison finanzieren will oder nicht.
In Oberreifenberg herrscht allerdings seit dem letzten Rennen am 18. Juli eine allgemeine Pleite-Stimmung. Infolge des Sturm- und Regenwetters waren nur 30 000 Zuschauer auf den Feldberg gekommen. Die Frankfurter "Feldbergring G.m.b.H." schätzt den Verlust aus dem Rennen auf 60 000 Mark.
Sagt Bürgermeister Josef Mühlbach: "Die können sich jetzt freuen, daß wir die Straße nicht gebaut haben."

DER SPIEGEL 34/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"