18.08.1954

BESATZUNGS-BEHÖRDENBesondere Vorschriften

Die drei Söhne der 56jährigen Heilpraktikers-Witwe Gerda Krauth verdienten bei den Amerikanern gutes Geld:
* Rüdiger, 27, seit acht Jahren als Portier, Ansager und Artisten-Betreuer in Wiesbadens Besatzungs-Hotels,
* Karl-Heinz, 25, seit fünf Jahren als Angestellter des amerikanischen Arbeitsamtes in Wiesbaden und
* Horst, 22, seit vier Jahren als Wagenpfleger im beschlagnahmten Wiesbadener Opel-Haus.
So hätte Mutter Krauth sich auch weiterhin nicht um ihren und ihrer drei Kinder Unterhalt zu sorgen brauchen, wenn
nicht am Morgen des 25. Mai die Söhne Rüdiger und Karl-Heinz - der eine im Palast Hotel, der andere im US-Arbeitsamt - plötzlich zu ihren Chefs gerufen worden wären.
"Benachrichtigung über Personalveränderung" stand auf dem Stück Papier, das man den beiden gab. Und: "Art der Veränderung: Entlassung, im Interesse der US-Regierung." Schließlich: "Diese Maßnahme wird wegen besonderer Vorschriften der US-Behörden ergriffen und stellt keine Minderung Ihrer Eignung für Beschäftigung außerhalb der US-Streitkräfte dar."
Nun erinnerte sich Rüdiger Krauth zwar, in der Hitler-Jugend als Kameradschaftsführer den Arm gehoben zu haben, aber sonst kramten beide vergeblich in ihrem Gedächtnis herum: Sie waren weder mit der Ost-West-Politik noch mit der Kriminalpolizei in irgendeiner Form überkreuz geraten.
So marschierten sie denn den Beschwerdeweg: über den Chef des US-Arbeitsamtes zum Leiter des Einstellungsbüros, von dort zum örtlichen US-Zivil-Offizier, dann zum Adjutanten des Kommandierenden Generals der US-Luftstreitkräfte in Europa, schließlich zum Intelligence-Dienst, zum Personaloffizier des Luftwaffenstabes und zu guter Letzt zum Verbindungsbeamten für deutsche Angelegenheiten im europäischen Hauptquartier der US-Air-Force, dem früheren stellvertretenden Landeskommissar für Hessen, Mr. Sheehan.
Von niemand erfuhren sie, warum ihre Arbeit dem Interesse der amerikanischen Regierung zuwiderlaufe. "Die Bestimmungen verbieten nähere Auskünfte", hieß es stets, oder: "Wir wissen auch nichts", schließlich: "Sie bekommen schriftliche Nachricht."
Nur zwei Zeugnisse konnten sie bei ihren Chefs noch loseisen. Für Rüdiger: "Herr Krauth versah seine Arbeit zur vollsten Zufriedenheit und erwies sich als ein zuverlässiger, vertrauenswürdiger und einfügsamer Angestellter." Für Karl-Heinz: "Herr Krauth war ein zuverlässiger Angestellter,
dessen Fleiß, Zusammenarbeit, Verläßlichkeit und Pünktlichkeit hoch zu bewerten sind."
Nach sechswöchigem vergeblichem Herumlaufen faßten Rüdiger und Karl-Heinz den Entschluß, an die Zeitung zu schreiben. Mit dem Erfolg, daß die Wiesbadener am Morgen des 16. Juli die kuriose Geschichte der beiden Krauths in Form eines fett aufgemachten Dreispalters im "Wiesbadener Tageblatt" auf dem Frühstückstisch fanden.
Am 19. Juli teilte Mr. Sheehan den beiden mit, daß ihnen in den nächsten Tagen ein Schreiben zugehen werde. Bis zur 1. August-Woche wußten Rüdiger und Karl-Heinz allerdings immer noch nicht, ob Sheehan damit das Schreiben gemeint hatte, das der amerikanische Garagen-Chef im Opel-Haus noch am Morgen des 19. Juli, drei Tage nach der "Tagblatt"-Veröffentlichung, ihrem 22jährigen Bruder Horst in die Hand drückte: "Benachrichtigung über Personalveränderung. Art der Veränderung: Entlassung, im Interesse der US-Regierung."
Zwanzigmal hintereinander las Mutter Krauth das Schriftstück, mit dem Sohn Horst über die Mitteilung hinweggetröstet werden sollte, daß sein Wagenpfleger-Job nun auch den Interessen der amerikanischen Regierung zuwiderlaufe. Es war eine Bescheinigung von Horstens Personalchef: "Sein Ausscheiden erfolgte auf Grund einer Sonderbestimmung der US-Militärbehörde. Von unserer Seite liegt nichts gegen ihn vor."
Rüdiger wollte schon hilfeheischend zu Hochkommissar Conant nach Mehlem reisen. Aber letzte Woche sollte das Geheimnis der Entlassungen plötzlich gelüftet werden. Am 10. August wurden Rüdiger, Karl-Heinz und Horst nämlich auf das Büro des Wiesbadener Inspector General, des höchsten Standort-Polizeioffiziers, in die Wiesbadener Lindsay-Kaserne zur Aufklärung bestellt.
"Ich will es Ihnen sagen", verriet ihnen dort ein Oberst und guckte dabei Rüdiger an. "Nach uns vorliegenden Unterlagen waren Sie, Rüdiger Krauth, in den Jahren 1947, 1951, 1952 und 1953 Mitglied der FDJ."
Rüdiger sperrte den Mund auf und fragte nach einiger Zeit des Verschnaufens, ob er denn nicht auch in den Jahren dazwischen, von 1948 bis 1950, Kommunist gewesen sei. Der Oberst zuckte die Achsel: "Darüber liegen keine Meldungen vor."
Jetzt wollte Rüdiger schwören, daß er in den Portiers-Logen seiner US-Hotels noch niemals an die FDJ oder eine ähnliche Organisation überhaupt nur gedacht habe. Wer denn die Informanten seien, wollte er wissen, und ob er denn nicht gegen sie klagen könne.
Der Oberst bedauerte: "Wenn Deutschland eines Tages die Souveränität übertragen sein wird, werden Sie vielleicht vor einem deutschen Arbeitsgericht klagen können. Jetzt ist an allem nichts zu ändern."
Schließlich hörten sich Karl-Heinz und Horst noch die offenherzige Mitteilung des amerikanischen Colonels an, man habe sie lediglich deshalb entlassen, weil sie nun einmal Rüdigers Brüder seien. Rüdiger selbst aber vernahm noch mehr: "Und wenn Sie Freunde haben, die in US-Dienststellen arbeiten, und wir erhalten davon Kenntnis, dann müssen wir auch die entlassen."
Gerda Krauths drei Söhne waren mit ihrem Amerikanisch zu Ende. Jetzt wollen sie bei der deutschen Staatsanwaltschaft eine Verleumdungsanzeige gegen Unbekannt erstatten.

DER SPIEGEL 34/1954
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