18.08.1954

ISLAM / INTERNATIONALESEin Brandherd ging aus

Michael A. Susslow, ehemals einer der Privatsekretäre des Wissarionowitsch Stalin und jetzt Mitglied im Zentralsekretariat der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union, erfreut sich unter den Moskauer Korrespondenten des Westens wegen seines stets betont peniblen Anzuges einer gewissen Beliebtheit. Letzte Woche aber berichtete einer dieser Korrespondenten von einer schief am Halse Susslows sitzenden, nachlässig gebundenen Fliege. Der Korrespondent strapazierte seine Beobachtung mit der Schlußfolgerung, daß die islamische Politik der Sowjet-Union in Schwierigkeiten geraten sei.
Der lang aufgeschossene und etwas schmalbrüstige Susslow ist nämlich der Chefplaner der kommunistischen Propaganda im islamischen Siedlungsgebiet. In den letzten Wochen aber hat der Kreml zwischen Tunis und Abadan ein paar ärgerliche Rückschläge erlitten. Am Mittelmeer und am Persischen Golf ging eine Reihe von Brandherden aus, um deren nationalistische Hitzegrade sich bislang Susslows agitatorische Blasebalgtreter hatten verdient machen können.
In den letzten Tagen des Monats Juli verlöschte in Kairo der seit 72 Jahren abwechselnd schwelende und hell aufflammende englisch-ägyptische Konflikt. Vier
Tage später - nämlich am 31. Juli - riß Ministerpräsident Pierre Mendès-France die brennende Lunte aus dem Pulverfaß Tunis. Er versprach dem Bey innere Autonomie, und die seit Wochen immer bedrohlicher anschwellende Terrorwoge ebbte ab.
Es vergingen fünf Tage, bis in Susslows Kreml-Büro die Botschaft eintraf, daß der iranische Finanzminister Dr. Ali Amini, Englands Botschafter Sir Roger Stevens und der Vizepräsident der amerikanischen Standard Oil Company, Howard Page, in Teheran zwei Übereinkommen unterzeichnet hatten, die den vor rund drei Jahren von Dr. Mohammed Mossadegh entzündeten Konflikt um das Öl von Abadan endlich erstickten.
Die eindrucksvolle Reihe dieser Ereignisse - von Washington zum großen Teil und nicht zu Unrecht als Erfolge der amerikanischen Außenpolitik in Anspruch genommen - setzte sich in nicht minder bedeutsamen Vorgängen fort: Am Montag der letzten Woche besiegelten in Marschall Titos Sommerresidenz Bled die balkanischen Staaten Jugoslawien, Griechenland und die Türkei den Entschluß, einander im Falle einer sowjetischen Aggression zur Hilfe zu kommen. Das militärische und politische Rückgrat des Nahen Ostens - die Türkei - ist damit stärker geworden.
Knapp eine Woche vorher war in Bagdad, der Hauptstadt des Irak, ein alter Freund Englands als Ministerpräsident in den Regierungspalast zurückgekehrt. Nuri es-Said befürwortet den Beitritt seines Landes zu dem am 2. April geschlossenen türkisch-pakistanischen Freundschaftsvertrag. Dieser Vertrag ist von seinem amerikanischen Initiator John Foster Dulles unzweifelhaft als der Vorläufer einer regionalen antisowjetischen Verteidigungsorganisation gedacht, als deren Mitglieder neben der Türkei und Pakistan der Iran und Irak ausersehen sind.
Noch im Mai hatte Susslows amerikanischer Gegenspieler auf dem orientalischen Schachbrett, der Leiter der Nahost-Abteilung im Washingtoner Außenministerium, Henry A. Byroade, angesichts der wachsenden kommunistischen Agitation in Ägypten, dem Irak, Libyen, Tunis und Marokko davor gewarnt, sich durch die fernöstlichen und europäischen Probleme von der Beobachtung des Orients ablenken zu lassen. Neuerdings versicherte er amerikanischen Korrespondenten vergnügt, daß im Nahen Osten "new spirit" - ein neuer Geist - festzustellen sei. Und im Kasino des State Department reizten seine jungen Mitarbeiter ihre Kollegen von der Fernost-Abteilung mit dem Hinweis, daß ihrem Chef Henry Byroade gelungen sei, was die amerikanische Außenpolitik in Indochina offenbar nicht fertiggebracht habe: den europäischen Kolonialismus so rechtzeitig zurückzudrängen, daß die Voraussetzungen für einen eigenständigen asiatischen Widerstand gegen den Kommunismus erhalten bleiben.
Eben dies - "die Evolution Asiens vom Kolonialismus zu nationaler Unabhängigkeit" - hatte John Foster Dulles nach der Beendigung der Genfer Konferenz als das wichtigste Anliegen der amerikanischen Außenpolitik in Asien bezeichnet. Nur so könne die Loyalität der asiatischen Völker im Kampfe gegen den Kommunismus gewonnen werden.
Amerikas Nahost-Optimismus ("New York Times": "Vor einem Jahr sah alles noch so schlimm aus") wird allerdings im Westen nicht überall geteilt. In London trauert man um die am Suez-Kanal ramponierte Empire-Glorie, in Paris sorgt man sich um das zukünftige Schicksal der Franzosen in Tunis, und auch sonst liegt am Ufer des Mittelmeeres noch eine Menge
Kleinholz als Material für neuerliche politische Brände:
* Die Marokkaner möchten den von den Franzosen im vorigen Jahr abgesetzten Sultan Mohammed V. aus seinem Exil auf der Insel Madagaskar heim ins Scherifenreich holen,
* alte Streitigkeiten zwischen England, Griechenland und der Türkei um die unter britischer Hoheit stehende Insel Cypern drohen wieder aufzuleben, und
* der bedrohlichste Riß in der nahöstlichen Einheit - und damit der wichtigste Ansatzpunkt von Michael Susslows Kss-Kss-Machern im Orient - ist geblieben: der israelisch-arabische Konflikt.
Der Konflikt hat sich sogar eher noch vertieft. In Neu-Jerusalem, dem israelischen Teil der zwei-geteilten Stadt, fürchtet man, daß der Bereinigung der Suez-Frage nach einiger Zeit amerikanische Waffenlieferungen für Ägypten folgen werden, und tatsächlich machte Ägyptens Ministerpräsident Abd el-Nasser eine vorsichtige Andeutung in dieser Richtung: "Eine Politik der Neutralität ist nur für eine starke Nation durchführbar, Ägypten aber ist schwach." Israels Ministerpräsident Mosche Scharett schickte seinen jungen, "wie Hannibal" einäugigen Generalstabschef Mosche Dajan nach Europa, um im Nato-Hauptquartier in Paris klarzumachen, daß die Bewaffnung der Araber ohne vorherige Bereinigung des israelisch-arabischen Konfliktes zu unabsehbaren Folgen führen könne.
Gleichwohl aber wird man sich nunmehr im Kreml überlegen müssen, ob sich die noch von Stalin eingeleitete Politik, den antiisraelischen Haß der Araber auszubeuten, auf die Dauer für die Sowjet-Union auszahlt. Der Ausgang des Streits um das persische Öl und um die Suezkanal-Zone hat gezeigt, daß die gerissenen arabischen Politiker zwar gern bereit sind, den Kommunismus als Bubu-Mann für ihre Zwecke einzuspannen, letzten Endes aber doch vorziehen, in der Reichweite amerikanischer Dollars und Fernbomber zu bleiben.
*) Der Status der beiden anderen indochinesischen Staaten Laos und Kambodscha ist unklar. Die Genfer Vereinbarung verbietet ihnen Militärbündnisse, die den Grundsätzen der Uno widersprechen - wobei neben einer Reihe anderer Wenn und Aber die Frage übrigbleibt, welche Art von Militärbündnissen "mit den Grundsätzen der Uno unvereinbar" sind.

DER SPIEGEL 34/1954
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