18.08.1954

PERSIEN-ÖL / INTERNATIONALESOhne goldenen Briten-Löwen

Es war ein und dieselbe Nachricht, die Präsident Eisenhower veranlaßte, ein Glückwunschtelegramm an den Schah von Persien zu schicken, die an der Londoner Börse Aktien der "Anglo-Iranian Oil Company" um zwanzig Prozent in die Höhe trieb und die in persischen Wüstenzelten Tausende ehemaliger Ölarbeiter zum Rückzug nach Abadan ermunterte. Die Nachricht: In Teheran ist über die iranischen Ölfelder Einigung erzielt.
In dem gepflegten Garten des Elahijeh-Palastes bei Teheran hatten der persische Finanzminister Dr. Ali Amini und der Vizepräsident der amerikanischen Standard Oil Company, Howard N. Page, ein Abkommen unterzeichnet, das nach dreijährigem Stilliegen der Ölfelder eine Wiederaufnahme der Produktion einleiten soll. Die Vereinbarung sieht eine Abfindung für die britische Anglo-Iranian vor, die von 1909 an Eigentümerin der Felder und Raffinerieanlagen gewesen war, bis der iranische Tränen-Premier Mossadegh das Unternehmen 1951 zugunsten des Staates enteignete.
Obwohl die Vorbereitungsarbeiten bereits begonnen haben, wird es noch einige Zeit dauern, bis der schwarze Ölstrom am Kai von Abadan wieder fließt. Das unterzeichnete Abkommen muß noch vom persischen Parlament gebilligt werden. Erst dann kann das aus acht internationalen Ölfirmen bestehende Konsortium mit seinen beiden neugegründeten Betriebsgesellschaften das Ölgeschäft in Persien wiederaufnehmen.
In dieser internationalen Gesellschaft wird die Anglo-Iranian nur noch einen Anteil von 40 Prozent besitzen. Weitere 40 Prozent gehen auf fünf amerikanische Gesellschaften über, die ihre Chance genutzt haben, um in Persien Fuß zu fassen. 14 Prozent der Anteile erhält die holländisch-britische Royal-Dutch-Shell-Gruppe, und die restlichen 6 Prozent gehen an eine französische Gesellschaft.
Das Abkommen legalisiert die von Persien vollzogene Verstaatlichung, überträgt aber dafür die Ausbeutungsrechte auf die neugebildete Gesellschaften-Gruppe. Im einzelnen ist vereinbart:
* Das Eigentum an den Ölfeldern und an der Raffinerie Abadan bleibt bei der Nationalen Iranischen Ölgesellschaft, also im Besitz des persischen Staates.
* Die neue internationale Gruppe erhält bis 1994 die Ausbeutungs- und Bearbeitungsrechte am iranischen Erdöl. Die künftigen Gewinne gehen je zur Hälfte an den persischen Staat und an die Gesellschaften-Gruppe.
* Als Entschädigung für die staatliche Enteignung erhält die Anglo-Iranian-Gesellschaft 25 Millionen Pfund Sterling (294 Millionen Mark), die in zehn Jahresraten gezahlt werden.
Persiens Unterhändler, Dr. Amini, hat damit erreicht, daß sein Land die auf fast vier Milliarden Mark geschätzten riesigen Anlagen und Ölleitungen praktisch gegen ein Trinkgeld in Besitz nehmen beziehungsweise behalten kann. Den weitaus größeren Teil der Entschädigung für die britischen Verluste in Persien zahlen - nach langen, zähen Verhandlungen - Englands Partner in dem neuen Geschäft: die sieben internationalen Ölgesellschaften. Der Betrag, den sie den Briten als Entgelt für die Beteiligung an der künftigen Ausbeute zugestanden haben, wird auf fast 2,5 Milliarden Mark veranschlagt.
Mit dieser Summe bezahlen die großen Ölfirmen nicht nur das Recht auf einen
Anteil am künftigen Persien-Gewinn. Sie erkaufen sich damit gleichzeitig die beruhigende Gewißheit, daß Persien nicht durch billige Öllieferungen den Weltmarktpreis verdirbt.
Umgekehrt sind auch die Perser sicher, daß sie mit dem Abkommen das Bestmögliche für sich herausgeholt haben. Nach der Ausweisung der englischen Techniker aus Abadan hatte die Stillegung der Ölbetriebe Persien weit härter getroffen als die Anglo-Iranian in London. Trotz der Stillegung konnte die britische Gesellschaft
auf Grund ihrer Förderung und Verarbeitung in anderen Ölgebieten auch für das Geschäftsjahr 1953 eine Dividende von 25 Prozent zahlen. Die persische Staatskasse dagegen bewahrten nur amerikanische Dollar-Zuschüsse vor dem Bankrott.
Persiens Verhandlungsposition verschlechterte sich in gleichem Maße, in dem die internationale Ölwelt den Ausfall am Persischen Golf durch Produktionssteigerungen in anderen Gebieten des Mittleren Ostens wettmachte. Allein in Kuweit war die Ausbeute in den letzten drei Jahren von
17 Millionen Tonnen auf 42 Millionen Tonnen gestiegen. Saudi-Arabien förderte statt 27 Millionen Tonnen 41 Millionen Tonnen, und die Rohölausbeute im Irak stieg von 6,5 auf 27 Millionen Tonnen. Die Welt-Ölerzeugung überspielte den persischen Ausfall mit Leichtigkeit.
* 1950 wurden 524 Millionen Tonnen gefördert,
* 1953 stieg die Weltproduktion auf 675 Millionen Tonnen.
Das Konsortium der acht internationalen Ölfirmen will nun während der nächsten drei Jahre in Etappen 72,5 Millionen Tonnen Erdöl (bei einer Kapazität von fast 100 Millionen Tonnen, auf die drei Jahre berechnet) fördern lassen. Die Etappen sind so bemessen, daß der Weltmarkt nicht beunruhigt wird.
Die persische Regierung erwartet dementsprechend steigende Einnahmen für die Staatskasse: 31 Millionen Pfund im ersten, 52 Millionen im zweiten und 67 Millionen Pfund im dritten Jahr. In dem Direktorium der neuen Betriebsgesellschaften werden persische Beamte über die Abführung des staatlichen Gewinnanteils wachen.
Auf ausdrücklichen Wunsch der persischen Regierung haben ihre Unterhändler in das Abkommen aufnehmen lassen, daß an den Toren aller nunmehr endgültig verstaatlichten Ölbetriebe ein Metallschild angebracht wird, das die Werke als persisches Nationaleigentum kennzeichnet. Alle Lastwagen der neuen internationalen Gesellschaften werden in den persischen Nationalfarben angestrichen. Die rotweiße Flagge der Anglo-Iranian Oil Company mit dem vergoldeten britischen Löwen soll nie wieder über dem Persischen Golf wehen.

DIE VERKLAMMERUNG VON SICHEL UND HALBMOND
ist für die Islam-Politik Moskaus eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits bietet die sowjetische Staatsangehörigkeit von 20 bis 25 Millionen Mohammedanern dem Kreml die Möglichkeit, die islamische Politik außerhalb der Grenzen der Sowjet-Union zu beeinflussen. Andererseits aber ist auch die islamische Politik nicht ohne Einfluß auf die Haltung der sowjetischen Staatsbürger mohammedanischer Glaubenszugehörigkeit. Im Siedlungsraum der sowjetischen Mohammedaner ist ein großer Teil der sowjetischen Rüstungsindustrie ansässig. Zwischen der Krim und der westlichen Provinz Chinas, Sinkiang, liegen Teile des Donezbeckens, die Ölgebiete des Kaukasus, die Baumwollfelder Turkestans, die Urangebiete und Atomlabors von Taschkent. Es ist daher wenig verwunderlich, daß die islamischen Turk-Völker der Sowjet-Union - Usbeken, Turkmenen, Tataren, Kasaken usw. - von den Spionage-Diensten der Türkei und der Vereinigten Staaten zur Erkundung der sowjetischen Rüstungsindustrie herangezogen werden. Die Beseitigung einer Reihe von Konfliktherden im außersowjetischen islamischen Raum (Abadan, Suez und Tunis) wird möglicherweise auch für die Einstellung der islamischen Turk-Völker gegenüber den Sowjets nicht ohne Einfluß bleiben.

DER SPIEGEL 34/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PERSIEN-ÖL / INTERNATIONALES:
Ohne goldenen Briten-Löwen

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock