18.08.1954

SPANIEN / INTERNATIONALESSchamlose Geschäfte

El Gibraltar economico ha sido tomado!" (Das Gibraltar der Wirtschaft ist gefallen), frohlocken Spaniens Nachrichtenkommentatoren seit Ende Juli in immer neuen Variationen.
Spätestens im Oktober nämlich soll der letzte große - private - britische Besitz auf der Iberischen Halbinsel in spanische Hände übergehen: die gewaltigen Erzvorkommen des Rio-Tinto-Gebietes in der südwestspanischen Provinz Huelva, wo vor Jahrtausenden schon Phönizier und Römer Kupfer schmolzen und wo in den letzten 80 Jahren englische Hocharistokraten enorme Gewinne erzielten.
Für ein Ei und ein Butterbrot, so werfen spanische Nationalisten den Briten seit Jahrzehnten vor, hätten smarte englische Lords dieses "wirtschaftliche Gibraltar" einst an sich gebracht, unter schamloser
geschäftlicher Ausnützung innerspanischer Wirren und Nöte: Zur Zeit der "ersten spanischen Republik" im Jahre 1873 brauchten die "revolucionarios" (Umstürzler) Geld.
Zwar wurde der kurzatmigen Republik schon im Jahre darauf durch einen Staatsstreich der "Alfonsinos" - der Anhänger des Bourbonen-Erben Alfons XII. - das Lebenslicht wieder ausgeblasen, und die monarchistische Regierung leitete eine Untersuchung über die Minenverkäufe ein. Aber Großbritanniens Regierungschef Disraeli*) drohte mit Sanktionen und sicherte den Tories die ungestörte Entwicklung und Ausbeutung ihrer ertragreichen spanischen Pfründe.
Die "Rio Tinto Company Ltd.", wie sich die Gesellschaft der Aktienbesitzer nannte, wurde zum größten Pyrit-Produzenten**) der Welt und förderte außerdem Kupfer und Zink. Bis 1944 erreichten die ausgeschütteten Dividenden - durchschnittlich 30 Prozent im Jahre - den 34fachen Wert des investierten Kapitals.
In den zwei Weltkriegen entglitt britischen Händen, was aus dem Mittelmeerraum einst an der Londoner Börse, der ehemaligen Finanzmetropole der Welt, als britisch gehandelt worden war. Nur die Gesellschaft am Rio Tinto, dem von Eisenoxyden "farbigen Fluß", überlebte als letzter mächtiger Zeuge einstiger britischer Finanzherrlichkeit.
Aber seit Spaniens "zweite Republik vom 14. April 1931 durch den Sieg Francos im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) beseitigt war, nagte die Flut der Nationalisierungen auch an den Grundmauern der - nach spanischer Bezeichnung - "Compañía de Río Tinto Limitada".
Systematischer als es sein ideologischer Wegbereiter, der später hingerichtete Falange - Gründer José Antonio Primo de Rivera, in den dreißiger Jahren schon versucht hatte, und mit größerem Erfolg, als er ihm in seinem Kampf um das Gibraltar der britischen Krone beschieden war, unterminierte Francisco Franco das Gibraltar der 38 britischen Finanzlords.
Jedes "legale" Mittel war ihm dabei recht:
* Verbot der Ausfuhr von Kupfer und Schwefel,
* Festsetzung niedrigster Preise für die Abgabe an den innerspanischen Markt,
* Zwang zur Ablieferung von Ausfuhrdevisen unter Berechnung eines Peseta-Kurses, der fast dem Doppelten des Tageskurses entsprach,
* erzwungene Lohnerhöhungen für rund 7200 Beschäftigte bei gleichbleibend niedrigen Verkaufspreisen,
* unverhältnismäßig hohe Versicherungsverpflichtungen "wegen besonders schädlicher Dünste bei der Pyritförderung",
* strenge Strafen für britische Funktionäre und hohe Geldbußen bei angeblichen Verstößen gegen die Arbeitergesetzgebung.
Auf einer Generalversammlung der "Rio Tinto" im Londoner Winchester House klagte am 11. Mai 1948 der Vorsitzende, Earl of Bessborough: "Die Ausgaben für Löhne und Sozialversicherungen übersteigen jedes normale Verhältnis zu den erzielten Preisen." Und am 22. Juni 1951 bedauerte er, daß die Gesellschaft "für jedes nach Spanien zu remittierende Pfund Sterling nur 49 Peseten erhält", dagegen 90 und sogar 110 Peseten für das Pfund beim Transfer in umgekehrter Richtung zahlen müsse.
Selbst im Madrider Büro, also weit weg von den "schädlichen Dünsten der Pyritförderung", mußte die "Rio Tinto" zum Monatsgehalt eines Angestellten in Höhe von 6500 Peseten noch 8300 Peseten Versicherungsprämien an den Staat abführen, und das, obwohl der spanische Staat Sozialversicherungen und sonstige Errungenschaften des modernen Wohlfahrtsstaates kaum kennt. Dafür, daß ein Arbeiter von einem Kran fiel und sich einen Finger brach, wurde die Gesellschaft "wegen Fahrlässigkeit"
zu einer Geldstrafe von 270 000 Peseten (rund 29 000 Mark) verurteilt.
Durch ein solches lückenloses System von Behinderungen und Schikanen wurde den britischen Rio-Tinto-Magnaten die Freude an ihrem spanischen Besitz gründlich verleidet. Während die Gesellschaft durch Beteiligungen in anderen Ländern - vor allem an nordrhodesischen Kupfergruben - gut verdiente, arbeitete sie in Spanien bald mit Verlust. Er betrug 1946 14 Millionen und 1951 67 Millionen Peseten.
Im Jahre 1952 zeigte sich am verdüsterten Horizont britischer Rio-Tinto-Hoffnungen allerdings noch einmal ein Silberstreifen. Francos geschickter Handelsminister Manuel Arburúa de la Miyar zweigte aus dem amerikanischen Dollar-Kredit an Spanien 1,2 Millionen für die Modernisierung der Rio-Tinto-Betriebe ab und sagte sogar den Transfer erheblicher Summen nach Großbritannien zu (Bessborough: "Mehr als genug, um 1953 die Kosten der Krönung zu bezahlen"). Lord Bessborough wurde von Franco empfangen und war "von den staatsmännischen Fähigkeiten des Caudillo beeindruckt".
Aber die Dollarhilfe erwies sich als ein trojanisches Pferd. Die spanische Regierung ließ sich dafür Vorzugsaktien eintragen, und der Verlust der Gesellschaft im vergangenen Jahre kletterte auf volle 108 Millionen Peseten.
Das machte das Rio-Tinto-Gibraltar sturmreif. In geheimen Verhandlungen zwischen Bevollmächtigten der "Rio Tinto" und Vertretern spanischer Großbanken sowie des industriellen Staatskartells (Instituto Nacional de Industría) wurden die Übergabe-Modalitäten festgelegt:
* Spätestens Ende Oktober wird das Eigentumsrecht einer neu zu bildenden spanischen Gesellschaft übertragen.
* Der Kaufpreis für zwei Drittel der Aktien im Nennwert von zwei Millionen Pfund beträgt 7,2 Millionen Pfund. (Der tatsächliche Wert der Anlagen wird dagegen auf rund 26 Millionen Pfund geschätzt.)
* Eine Anzahlung von 2,5 Millionen wird bei der Eigentumsübertragung geleistet, der restliche Kaufpreis in mehreren Jahresraten abbezahlt.
* Ein Drittel des Aktienkapitals der neuen Gesellschaft soll in britischen Händen verbleiben.
Durch ihre Aktienminorität sollen die bisherigen britischen Rio-Tinto-Besitzer (mit für englische Ohren so klangvollen Namen wie Marlborough, Westminster, Norfolk und Eden) "auch künftig am Gewinn der Werke teilhaben". Aber nach allen trüben Erfahrungen befürchten die Briten, daß es den Spaniern lediglich darum geht, sich die britischen Erfahrungen und Geschäftsverbindungen zu sichern. Im übrigen aber werde es für die skrupellosen "staatsmännischen Fähigkeiten des Caudillo" sicher genügend Mittel und Wege geben, Großbritanniens letzte große Dividenden-Quelle in Südwesteuropa für immer zu verstopfen.

DIE ZEITEN DER RITTER
würden bald wiederkehren, sagte unlängst der britische Feldmarschall Montgomery. Denn wie sich im Mittelalter immer weniger Krieger die teuren Rüstungen leisten konnten, so würden künftig nur wenige Staaten die Kosten für Ausrüstung (Bild) und Ausbildung einiger Hundert Düsen-Piloten aufbringen können. 13 870 Mark kostete 1929 die Ausbildung eines britischen Bomber-Piloten. 1936 waren es 24 700 Mark, 1945 schon 117 600, und jetzt sind es 294 000. In den USA kletterten die Ausbildungskosten für einen Bomber-Piloten von 71 000 Mark im Jahre 1939 über 159 600 (1945) auf heute 344 400. Einen Jäger-Piloten auszubilden kostete 1930 in den USA 26 460 gegen 222 600 Mark heute. Die vom Amt Blank einkalkulierten Budgetsummen für eine westdeutsche Luftwaffe von 1500 Maschinen sind, soweit sie das Personal betreffen, nach den Berechnungen westlicher Experten um wenigstens 120 bis 150 Prozent zu niedrig angesetzt.
*) Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield, 1804 bis 1881, ein konservativer Staatsmann und Schriftsteller, der als zeitweiliger Regierungschef eine bewußt imperialistische Politik trieb. Er wird als "Vater des englischen Imperialismus" bezeichnet.
**) Pyrit (chemische Formel: FeS,) ist ein kristallines Mineral, das aus Eisen und Schwefel besteht und ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Schwefelsäure ist.

DER SPIEGEL 34/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPANIEN / INTERNATIONALES:
Schamlose Geschäfte

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock