18.08.1954

GOAEs geht um das Prinzip

Um die 4000 Quadratkilometer auf indischem Boden, die von Portugals einst mächtigem indischem Kolonialreich*) übriggeblieben sind, sieht es seit einigen Wochen trübe aus. Indiens Premier Jawaharlal Nehru will die letzten "kolonialistischen Pickel auf Indiens Landkarte" - die portugiesischen und die französischen - ausbeizen.
Das Frankreich des Pierre Mendès-France leistet keinen Widerstand. Wahrscheinlich werden noch in diesem Jahr die französischen Besitzungen in Indien - Pondichéry und Karikal - geräumt werden. Das Portugal des sanften Tyrannen Salazar aber bleckt die Zähne. Es will um Goa kämpfen.
Jawaharlal Nehru fordert die Rückgabe Goas unter Berufung auf das geopolitische Recht der Einheit des subasiatischen Kontinents und auf das nationale Recht der Einheit der indischen Rassen- und Sprachgemeinschaft.
Portugal dagegen verteidigt Goa mit dem Recht der Geschichte und der Kultur. Die Hälfte aller Goanesen bekennt sich zum Katholizismus. Sie sind gleichberechtigte Bürger Portugals. Ihr Land ist keine Kolonie, sondern seit Ende des zweiten Weltkrieges eine Provinz des portugiesischen Reiches.
Die Räumung der 4000 Quadratkilometer in Indien würde man in Lissabon weder wirtschaftlich noch sonstwie spüren. Doch die Preisgabe rund 600 000 überwiegend loyaler, zum großen Teil "latinisierter" Staatsbürger würde an das Strukturprinzip der rund zwei Millionen Quadratkilometer umfassenden überseeischen Besitzungen Portugals rühren, deren größter Teil - Mosambik und Angola - in Afrika liegt.
Das ostafrikanische Mosambik und das westafrikanische Angola - in ihrer räumlichen Ausdehnung etwa 20mal so groß wie das portugiesische Mutterland - sind, genau wie Goa, portugiesische "Reichsteile" und keine Kolonien. Die auf religiöse und kulturelle Anhängerschaft gegründete Staatstreue der Inder wie der Neger ist der Fels, auf den Portugal seine überseeischen Besitzungen vor dem in Asien und Afrika anschwellenden "Anti-Kolonialismus" zu retten versucht.
Bei Portugals hartnäckigem, auf den ersten Blick quichottisch erscheinendem Widerstand gegen die indischen "Heim ins Reich"-Wünsche geht es nicht einmal so sehr um Goa selbst als vielmehr um rund 10 000 in Mosambik lebende Inder. Entläßt Portugal die Goanesen aus dem Reichsverband, kann es fortan auch nicht mehr mit Loyalität seiner Inder in Mosambik rechnen. Ist aber die Loyalität dieser afrikanischen Inder einmal erschüttert, so ist auch die Reichstreue der rund elf Millionen Neger in Mosambik und Angola gefährdet.
*) Goa wurde im Jahre 1510 von dem portugiesischen Entdecker Affonso d''Albuquerque erobert. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war Portugal die beherrschende Kolonialmacht in Indien und im Fernen Osten, dann aber wurde es durch England abgelöst. Im Jahre 1661 ging Bombay aus portugiesischem in britischen Besitz über.

DER SPIEGEL 34/1954
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