18.08.1954

VERBRECHENMord in Phenix City

Am späten Nachmittag rückten Kolonnen dunkelgrüner Lastwagen von allen Seiten gleichzeitig in die Stadt ein. Schwerbewaffnete Männer in Armee-Uniformen sprangen ab, umzingelten das Rathaus, das Gericht und die Dienststellen der Polizei, drangen mit grimmigen Gesichtern in die Amtsräume ein und zwangen die verstörten Zivilbeamten und Polizisten zur Übergabe aller Waffen, Gummiknüppel und Schlagringe nicht ausgenommen.
Die 23 000 Bürger von Phenix City im Staate Alabama (USA) sind Aufregungen gewöhnt. Auseinandersetzungen mit der Schußwaffe, Gaunereien, Bestechungen, Glücksspiel- und Prostitutionsaffären haben hier eine bald 150jährige Tradition. Schon bevor Alabama Anno 1819 ein Bundesstaat der USA wurde, wechselten ausgebrochene Zuchthäusler, Falschspieler und Schmuggler aus dem benachbarten Staat Georgia über den verschlammten Grenzfluß Chattahoochee, um in dem bereits damals übelbeleumdeten Phenix City Zuflucht vor dem Gesetz zu suchen.
Auch heute noch werden dort politische Händel mit dem sehr locker im Gürtel sitzenden Colt ausgetragen, und geschäftliche Konkurrenz schafft man sich dort seit je vom Halse, indem man ihre Häuser in die Luft sprengt. Die Behörden schätzen, daß sich die jährlichen Gewinne aus organisierten Verbrechen und Vergehen in Phenix City auf etwa 20 Millionen Dollar belaufen.
So meinten auch diesmal die biederen und die sonstigen Bürger von Phenix City, daß sich eine Bande einen raffinierten Trick ausgedacht habe, um irgendwelche Händel mit der Stadtbehörde auf dem ortsüblichen Wege zu bereinigen.
Doch die Soldaten der Nationalgarde waren so echt wie ihre Waffen. Ihr Kommandant hatte seinen Auftrag, die Stadt zu besetzen, den Ausnahmezustand zu erklären und sofort selber alle Funktionen der öffentlichen Gewalt zu übernehmen, von dem legitimen Vertreter des Rechts und der Ordnung, dem Gouverneur des Staates Alabama, erhalten, "um dem Zustand der Gesetzlosigkeit, des Terrors, des Tumults und der Furcht, der diesen Bezirk befallen hat, ein Ende zu bereiten".
Innerhalb einer Stunde hatte die Nationalgarde den Stadtpolizisten und einigen Mitgliedern der Unterwelt über 40 Handfeuerwaffen und ein Maschinengewehr abgenommen. Alle Waffenscheine wurden für ungültig erklärt, und die ordentlichen Bürger von Phenix City beeilten sich, ihre Waffen, die sie zum Schutz gegen Rowdys und Gangster hatten tragen müssen, innerhalb der gegebenen Frist freiwillig abzuliefern. Nach einer jahrelangen Schreckensherrschaft der Unterwelt stehen sie nun zum erstenmal wieder unter dem Schutz der gesetzmäßigen Obrigkeit.
Die militärische Aktion des Gouverneurs von Alabama ist die unmittelbare Folge eines Mordes, der über die Grenzen des Staates hinaus in den ganzen Vereinigten Staaten Aufsehen erregt hatte.
Rechtsanwalt Albert L. Patterson hatte für das Amt des Generalstaatsanwaltes von Alabama kandidiert und dabei seinen Wählern gelobt, "mit eisernem Besen aufzuräumen". Beginnen wollte er mit der Aktion in seiner eigenen Heimatstadt Phenix City, deren Beiname "das Höllenloch" das einzige war, was sie sich nach seiner Meinung ehrlich verdient hatte.
Als Patterson die Kandidatur für die demokratische Partei und damit zugleich das Amt gewonnen hatte (ein republikanischer Gegenkandidat hat in Alabama keine Chance), sagte er: "Ich verspreche feierlich, einen unbarmherzigen Kreuzzug gegen die verbrecherischen Elemente zu unternehmen, die unseren Staat terrorisieren. Aber ich weiß auch, daß meine Chance, das Amt des Generalstaatsanwaltes tatsächlich anzutreten, nicht besser ist als eins zu hundert."
24 Stunden später fand man Patterson in seinem Wagen - erschossen. Der Kreuzzug gegen Gangstertum und Verbrechen schien beendet zu sein, bevor er noch begonnen hatte. Niemand war zu finden, der Pattersons Amt übernehmen wollte, um die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Furcht vor Vergeltung lähmte jeden Versuch, die Schuldigen ausfindig zu machen. Bis dann John Patterson, der Sohn des Ermordeten, Kandidatur und Gelöbnis seines Vaters übernahm.
John Patterson schlug dem Gouverneur Gordon Persons vor, die Spielhöllen und Freudenhäuser von Phenix City zu schließen, einen unabhängigen Untersuchungsrichter in die vom Terror befallene Stadt zu entsenden, das alte Schwurgericht aufzulösen und neue Schöffen zu ernennen.
Gouverneur Persons entschloß sich, das Gangsternest durch eine militärische Aktion auszuheben, um klare Verhältnisse zu schaffen.
Die erste Angelegenheit, die das neue Schwurgericht aufklären wollte, war der Fall des 41jährigen Silas Garrett. Der war Vorgänger Pattersons auf dem Posten des Generalstaatsanwalts gewesen.
Nach zehneinhalbstündigem Kreuzverhör wurde festgestellt, daß der ermordete Patterson senior bei seiner Wahl zum Generalstaatsanwalt um Stimmen betrogen worden war. Garrett wurde des Wahlbetrugs überführt, in sein eigenes Gefängnis eingeliefert, aber gegen Zahlung einer Kaution wieder entlassen.
Sein Vater, Amtsrichter Garrett senior, machte daraufhin seinen Mitbürgern die beruhigende Mitteilung, daß sein Sohn geistesgestört sei. Garrett junior dementierte die Aussagen seines vorsichtigen
Vaters und bezeichnete sich als in jeder Hinsicht völlig normal.
Zwei Tage später überschlug sich sein Auto bei einer Fahrt im Staate Mississippi. Dabei wurde ihm ein Halswirbel gebrochen, sein Ellenbogengelenk zersplittert und ein Ohr beinahe abgerissen.
Doch die Ärzte versichern, daß der ehemalige Generalstaatsanwalt am Leben bleiben und vernehmungsfähig sein wird, wenn die große Untersuchung über die Zustände in Phenix City beginnt.
Inzwischen ging die Säuberungsaktion weiter. Die Spielkasinos und Freudenhäuser erstrahlen zwar noch immer allnächtlich in grellem Neon-Licht, aber die Kunden bleiben aus. Am 30. Juli ordnete der Gouverneur von Alabama sogar die Einstellung des Alkoholausschanks an. Die Rekruten aus dem nahegelegenen Fort Bennington können jetzt in den Bars, Billardsälen und Spielkasinos nicht einmal mehr ein Glas Bier bestellen.
Dagegen war es notwendig, die durchführenden Organe der Säuberungsaktion unter den Schutz besonderer Leibwachen zu stellen, da sich geheimnisvolle Drohungen der Unterwelt häuften. Das Auto des Direktors für Öffentliche Sicherheit, L. B. Sullivan, wurde in klassischem Gangsterstil von einer mysteriösen schwarzen Limousine von der Landstraße gedrängt, als Sullivan von Phenix City nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zurückkehren wollte, um Gouverneur Persons Bericht zu erstatten.
Auch gegen die 17jährige Tochter des Gouverneurs wurden anonyme Drohungen vorgebracht: "Wir werden Dich schon kriegen!" Wenn Fräulein Elizabeth Persons jetzt zur Kirche geht, wird sie von zwei riesigen Polizisten bewacht.
Völlig überrascht von den Affären gab sich der Bürgermeister von Phenix City, Elmer Reese. Er findet Gouverneur Persons drastisches Eingreifen in die Angelegenheiten seiner Stadt "im höchsten Grade empörend". Reese beklagte sich: "Ich sehe absolut keinen Grund dafür. Unsere Stadt ist eine der ruhigsten und friedlichsten im Staate Alabama."

DER SPIEGEL 34/1954
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