18.08.1954

MARATHONGrauen im Stadion

Roger Bannister hatte das 35 000 köpfige kanadische Familien-Publikum im Stadion von Vancouver durch seinen Spurtsieg über Australiens Weltrekordmann John Landy enthusiasmiert. Trotz höllischer Mittagshitze animiert und gut gelaunt, erwarteten die Zuschauer den Schlußakt der Empire-Spiele, die alle vier Jahre das britische Commonwealth irgendwo in der Welt, wo noch der Union Jack weht, zu gemeinsamen Leibesübungen vereinen: Sie erwarteten die Rückkehr der Marathonläufer von ihrem 42 Kilometer langen, abendländisch-traditionsbewußten Überlandlauf.
Am offenen Stadiontor erschien der 35jährige englische Marathon-Asket James Peters und stieß in den nächsten zehn Minuten die Britannier in starres Entsetzen. In der Loge des Herzogs von Edinburgh wurde die Frau des englischen Team-Managers Duncan besinnungslos. Sportgestählte Männer hielten sich Hüte vor die Augen, Kinder greinten angstvoll. Sanitäter keuchten mit Tragbahren, um die Ohnmächtigen fortzuschaffer
Jäh wurden beim Auftritt des Jim Peters selbst die Reporter auf der Tribüne von der Gefühlsmacht antiker Tragödien durchflutet. Der mannhafte Korrespondent der "Daily Mail" kommunizierte es später so: "Peters sah aus wie eine Erscheinung von einer anderen Welt... Die Erinnerung an seinen taumelnden Weg vom Eingang zur Aschenbahn wird mich mein ganzes Leben lang verfolgen." Und den "Daily Mirror"-Sportredakteur Peter Wilson schüttelte es vor der "erschreckenden Karikatur eines Mannes, den ich hundertmal Jim genannt habe"
Mit verglasten Augen torkelt Peters auf die Aschenbahn, bricht zusammen, erhebt sich wieder, schleppt sich halb von Sinnen im Kreis herum, schlägt wieder dumpf auf die Bahn, ein um das andere Mal, bewegt sich auf Händen und Knien weiter. Der schottische Mannschafts-Arzt Dr. Douglas will Peters zu Hilfe eilen, doch man hält ihn zurück, eingedenk der sporthistorischen Disqualifikation des italienischen Marathonläufers Dorando, der 1908 bei den Londoner Olympischen Spielen wenige Meter vor dem Ziel zusammengesunken und von Kampfrichtern gestützt worden war. Am Rande der Bahn kauert Kugelstoßer Savidge und schreit das zuckende Bündel an, weiterzulaufen und den Sieg für Merry Old England nicht schwächlich zu vertun. Nach den Streckenmeldungen hat Peters 15 Minuten Vorsprung.
Die Reporter würgen an immer neuen Greuelbildern. Peters "scharrte die Erde mit langsamen, weichgliedrigen Bewegungen, wie eine Kreatur aus Belsen", empfindet Frank Rostron stilsicher für den "Daily Express". Vor der Ehrenloge knallt Peters so schwer auf die Bahn, daß man ihn aufgibt. Er legt wie ein Schlafender den Kopf auf den Arm. Dann erhebt er sich wieder, während die 35 000 in Friedhofsstille verharren.
Schließlich schleppt sich Peters, 200 Meter vor dem regulären Marathon- Ziel, über die weiße Startlinie und fällt in der wohltätigen Täuschung, gesiegt zu haben, dem Masseur Mick Mayes in die Arme. Schaum steht vor seinem Mund. Von der Tragbahre aus, auf die man den Fiebernden bettet, greift das Delirium sachte auf die Hirne der Pressemänner über, und der
Londoner Redakteur Peter Wilson sieht nur noch Schlachthof:
"Woran erinnert er (Peters) dich - an einen Fisch auf dem Trockenen mit aufgespießten Kiemen, der nach Wasser lechzt und in der Sonne stirbt, an einen gefangenen, blutenden Fuchs, der sich das eigene Bein abgefressen hat..."
Peters wird in die Umkleidekabinen geschafft. Dort bemühen sich zwei Ärzte und vier Krankenschwestern um den Bewußtlosen, propfen ihm ein Atemgerät auf die Nase und traktieren ihn zehn Minuten lang mit Sauerstoff. Aber erst nach einer halben Stunde bewegt Peters sich wieder und murmelt: "Mir ist so heiß." Als er leise fragt, ob er das Rennen gewonnen habe, antwortet eine Schwester: "Du hast dich gut geschlagen." Mildtätig verschweigt sie, daß der rothaarige schottische Schullehrer McGhee, der 15 Minuten nach Peters das Stadion erreichte, inzwischen als Sieger geehrt worden ist. McGhee war nur draußen auf der Strecke einmal kurz zusammengebrochen.
Am Ende wird der schmächtige, zitternde Körper des Läufers Peters in eine Wolldecke gewickelt. Das kugelstoßende Rauhbein Savidge hebt ihn mühelos auf und trägt ihn ins benachbarte Shaughnessy-Krankenhaus. Peters fällt in einen totenähnlichen Erschöpfungs-Schlaf. Am nächsten Morgen hat er das Schlimmste überstanden, richtet sich im Bett auf und entschuldigt sich bei seinen Besuchern: "Es tut mir leid, daß ich euch enttäuscht habe."
Im Mutterland des Sports aber weste die Peters-Passion als moderne Gruselgeschichte auf den Titelseiten der Fleet-Street-Presse weiter. "Ich hoffe, nie wieder etwas so Tragisches und Entsetzliches zu sehen", heulte es in der "Daily Mail", die an die verschütteten Gefühle aller aufrechten Briten mit der Überschrift appellierte: "Er trieb die Tapferkeit für England zu weit." Der "Daily Express"-Referent griff in seinen einschlägigen Erfahrungsschatz und rekapitulierte: "Ich habe einige ekelhaft blutige Verletzungen im Boxring gesehen und auch persönlich mitbekommen ... Aber an etwas so Erschrekkendes kann ich mich nicht erinnern." Und im "Daily Mirror" stocherte Peter Wilson im Wurzelgrund moderner Sportauswüchse herum und meditierte:
"Sport kann Heroismus oder mechanische Pflichterfüllung sein. Er ist manchmal überwältigend und gelegentlich schäbig... Aber er sollte dich niemals... zwingen, deine Augen zu schließen und dich schmutzig und beschämt zu fühlen, als hättest du einen Schwarzmarktpreis bezahlt, um... einer öffentlichen Hinrichtung beizuwohnen. So fühlte ich mich gestern, als wir den Everest (Bannister) und den Hades (Peters) des Sports erlebten."
Nur Frau Peters störte den allgemeinen Trauergesang mit der zornigen Versicherung: "Ich kenne Jim. Hätte man ihn in Ruhe gelassen, so wäre er die letzten zweihundert Meter gekrochen und hätte gewonnen."
James Peters, Inhaber des inoffiziellen Marathon-Weltrekords, wird nicht mehr bei den Leichtathletik-Europameisterschaften auf seinen Traum-Gegner Zatopek treffen. Sein Name wurde aus. der englischen Mannschaft für Bern gestrichen. Ärzte erklärten, Peters, der im Jahr mehr als 6000 Kilometer trainingshalber zurücklegte, sei ausgebrannt. Jim selbst telephonierte vom kanadischen Krankenbett aus mit seiner Frau und sagte, er glaube nicht, daß er jemals wieder laufen möge.
Damit das "Heldentum nicht unbelohnt bleibe", rief das Massenblatt "Daily Express" seine Leser auf, eine Jim-Peters-Medaille zu entwerfen, die dem Läufer als Ersatz für den verpaßten Siegespreis überreicht werden soll.

DER SPIEGEL 34/1954
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