18.08.1954

WETTERFÜHLIGKEIT / MEDIZINKostüm gegen Strahlen

In seiner Privatklinik Romenthal am Ammersee steckte Dr. Jacob Ulrich eine 42jährige Frau in ein Kostüm, das mit Füßlingen, Handschuhen, Kapuze und Drahtnetz-Visier den Vermummungen der Stratosphärenflieger glich. Zwölf Tage später, so berichtet Dr. Ulrich, war aus der Patientin, die an chronischer Müdigkeit, Appetitlosigkeit und schweren Depressionszuständen litt, eine "lebensfreudige" und "zuversichtliche Frau" geworden, "die sich seit Jahren nicht mehr so wohl gefühlt hat".
Der aus Herrenwäschestoff geschneiderte "Klima-Anzug" ist mit dünnen Drähten aus zwei verschiedenen Metallen ausgerüstet. Sie sind in dichtem Abstand so eingewebt, daß sie - wie Kette und Schuß am Webstuhl - ein Geflecht bilden.
Nach Dr. Ulrich wirkt der "Klima-Anzug" wie der sogenannte "Faradaysche Käfig"*),
der gegen die luftelektrischen Strahlungen der Atmosphäre abschirmt. Er soll alle störenden Einflüsse ausschalten, die nach Auffassung der Bioklimatologie*) das Wetter auf den menschlichen Organismus ausübt ("Wetterfühligkeit").
Dr. Ulrich gehört zu der Gruppe von Ärzten, die alle in den letzten Jahren gesammelten Erkenntnisse der Bioklimatologie in die medizinische Praxis umzusetzen suchen. Offensichtlich herrscht am Ammersee ein besonders günstiges Klima für derartige Experimente. Im benachbarten Riederau wirkte Manfred Curry, der durch seine Einteilung der Menschen in Warmluft- und Kaltluft-Typen (W- und K-Typen) bekannt wurde (SPIEGEL 21/1953), und den Leitspruch aufstellte: "Krank werden kann nur jemand, bei dem das Gleichgewicht der elektrischen Ladungen im Gehirn gestört ist."
Nach einer Umfrage des EMNID-Institutes für Meinungsforschung in Bielefeld vom März 1954 ("Spüren Sie gelegentlich Wetterauswirkungen auf Ihr Befinden?") bezeichnete sich jeder fünfte Deutsche als "stärker wetterfühlig". Annähernd ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung gab an, "etwas wetterfühlig" zu sein. Als häufigste Erscheinungsform der Wetterfühligkeit wurden Müdigkeit, Nervosität und Depressionen genannt (11 Prozent), es folgten rheumatische Beschwerden (10 Prozent), Atem-, Herz- und andere Beschwerden (8 Prozent).
Aber noch wissen die Meteorologen nicht einmal, ob ein "biotroper Faktor", ein besonderes Wetter-Element, allein den Organismus beeinflußt oder ob alle Wetter-Elemente gemeinsam auf den menschlichen Körper einwirken. Ziemlich sicher ist dagegen, daß nicht nur die augenfälligen großen Wetterereignisse (Kaltluft- und Warmluft-Fronten), sondern daß daneben eine ganze Anzahl anderer Wetter-Situationen krank machen kann.
Die Ärzte stimmen darin überein, daß das vegetative Nervensystem**) die Rolle des Vermittlers - zwischen atmosphärischen Reizen und dem Organismus - spielt. Die Mediziner knüpfen hier besonders an die Arbeiten des sowjetischen Physiologen Speransky an, der in seiner "Neuralpathologie" behauptet, daß alle Reize über das Zentralnervensystem Veränderungen am Körper bewirken.
Eine große Anzahl verschiedenartiger Erkrankungen, wie Blutdrucksteigerung, Basedow, Magengeschwüre, Rheuma, Nierenentzündungen, Allergien, werden nach Ansicht der Speransky-Anhänger durch Zwischenhirn-Reize verursacht. Es steht fest, daß das Zwischenhirn eine der wichtigsten Schaltstellen im menschlichen Organismus ist.
Wodurch aber wird das vegetative Nervensystem gestört? Durch ganz verschiedenartige Einflüsse, sagen die Bioklimatologen. Sowohl durch seelische Konflikte, durch Angst, Kummer, Arbeitsüberlastung, als auch durch rein äußere physikalische Reize.
Der deutsche Medizinprofessor Ferdinand Hoff warf die Frage auf, "ob nicht etwa die zur Erkrankung führenden vegetativen Umschaltungen auch von der Peripherie aus ausgelöst sein können". Hoff setzt dabei "Peripherie" gleich Haut. Mit anderen Worten: Sind es nicht klimatische, kosmische oder elektrische Wellen, die beim Aufprallen auf die Haut - über das Schaltwerk Zwischenhirn - Kreislaufstörungen, krankhafte
Drüsenfunktionen oder Magengeschwüre verursachen?
Vier Jahre experimentierte Dr. Ulrich, bis er glaubte, den Beweis für Professor Hoffs Vermutung erbringen zu können. Die luftelektrischen Wetterfaktoren beeinflussen nach seinen Versuchsergebnissen tatsächlich das vegetative Nervensystem.
Dr. Ulrich überlegte: Wenn physikalische Einwirkungen auf die Haut die Steuerung durch das vegetative Nervensystem verändert, so muß sich durch eine geeignete physikalische Anordnung, die den elektrischen Zustand der Haut wieder normalisiert, die Fehlregulierung rückgängig machen lassen.
Im Verlauf vieler Versuche entstand sein "Klima-Anzug". Was dieses Kostüm - angeblich - vermag, faßt Dr. Ulrich so zusammen: "Das luftelektrische Feld mit all seinen Störungen wird vom Körper ferngehalten. Ein Teil der Wetterfühligkeit gegenüber aufziehenden Gewittern ist damit ausgeschaltet."
Dr. Jacob Ulrich hat inzwischen mehrere hundert Patienten in den "Klima-Anzug" gesteckt (Normalgröße: 148 Mark), um - ohne andere therapeutische Hilfsmittel - ihre Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Depressionszustände, Schweißausbrüche und rheumatischen Gelenkschwellungen zu kurieren.
Was aber geschieht, wenn die Patienten den Anzug wieder ausziehen? Wenn sich das vegetative Nervensystem, versichert Dr. Ulrich, durch die Behandlung erst einmal beruhigt habe, blieben die meisten Patienten gesund. Über 70 Prozent seiner Patienten hätten - meist schon nach wenigen Tagen - "elektrisch entstört" die Klinik verlassen.
*) Der englische Physiker Michael Faraday entdeckte, daß in eine geschlossene Drahthülle kein elektrisches Feld eindringen kann. Technisch wird diese physikalische Eigenschaft eingesetzt, um empfindliche elektrische Apparate abzuschirmen. Auch dort, wo elektrische Ströme im menschlichen Körper gemessen werden - Herzströme (EKG), Gehirnströme (EEG), Muskelaktionsströme - wird der Käfig verwendet.
*) Lehre von den klimatischen Bedingungen und ihren Beziehungen zu den Lebewesen und deren Lebensvorgängen.
**) Das vegetative Nervensystem, das System der Lebensnerven, sorgt für automatisches Funktionieren der dem Willen entzogenen inneren Organe. Auch alle Ausdrucksvorgänge, wie Erröten, Erblassen, Schwitzen, Lachen, Weinen, werden durch das vegetative Nervensystem gesteuert.

DER SPIEGEL 34/1954
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