18.08.1954

HONORARE / SCHRIFTSTELLERBlick in den blauen Dunst

Der Mensch ist von Natur aus ein unvernünftiges Wesen", hat der Schriftsteller Kasimir Edschmid ("Der Zauberfaden", "Europäisches Reisebuch") erkannt. "Wie soll er ohne besondere Hinweise vernünftig rauchen können?"
Edschmid ("Ich bin ein starker Raucher") verfaßte darum zum Besten seiner unvernünftigen Mitmenschen eine feuilletonistische Betrachtung über das Rauchen: "Eine gute Sache". Sie beginnt mit jenem erhellenden Hinweis auf die natürliche Unvernunft des Menschen und endet mit dem alles erklärenden Satz: "Deshalb halte ich die Filterzigarette für eine gute Sache."
Auf welche spezielle Zigarettensorte Edschmid mit seiner vielgewandten Feder hinpieken wollte, blieb nicht unbekannt. In mehreren großen Illustrierten erschien sein Porträt-geschmücktes Schreibwerk als Anzeigentext der Zigarettenmarke Lord, worin dem Schriftsteller Edschmid mit diesem Vorspruch das werbende Wort erteilt wurde:
"Rauchen mit Verstand - dieses Thema bewegt heute Millionen. Und so dürfte es auch von hohem Interesse sein, zu erfahren, wie unsere 'Dichter und Denker' dazu stehen. Denn niemand ist berufener als sie, den unausgesprochenen Gefühlen und Gedanken, die in jedem von uns lebendig sind, gültigen Ausdruck zu verleihen."
Danach folgt dann das werbende Feuilleton Kasimir Edschmids, eines Mannes, der Vize-Präsident der "Akademie für Sprache und Dichtung" in Darmstadt ist. Diese Institution, die nach den Statuten Sprachpflege treiben und der daniederliegenden den deutschen Literatur ein wenig auf die Beine helfen sollte, hat allerdings in den wenigen Jahren ihres Darmstädter Bestehens statt dessen mehr durch mannigfache Meinungsverschiedenheiten an der Spitze von sich reden gemacht, durch darauf erfolgte ostentative Ein- und Austritte und im übrigen durch periodisch wiederkehrende Beteuerungen der jeweiligen Präsidenten, daß die Darmstädter Dichter-Akademie nun endlich mit der Arbeit anfangen werde.
Sekretär der Darmstädter Akademie war und ist der (zur Zeit noch die Geschäfte führende) Schriftsteller Karl Friedrich Borée. Auch er mischt sich unter die von der Marke "Lord" geworbenen "Dichter und Denker". "Um über die Zigarette zu schreiben, zünde ich mir eine an", beginnt sein geschriebener Zaunpfahlwink ("Mit dem Blick in den blauen Dunst"), dessen Richtung am Ende ganz klar wird: "Gegen die Gefahren, die hinter jedem Genuß lauern, schützt mich bei meiner Zigarette der Filter, dem ich treu geblieben bin."
Noch mehr Männer der Schreibfeder zählt, oder vielmehr zählte - da der Mitgliederbestand häufigen Schwankungen unterworfen ist - die Darmstädter Dichter-Akademie zu den ihren, die wissen,
was sich aus einer Zigarette alles herausholen läßt, trotz oder gerade wegen des Filters. Kasimir Edschmid, seit 1951 Vize-Präsident der Darmstädter, hatte für seine erste Amtsperiode in gleicher Eigenschaft neben sich den Schriftsteller Frank Thieß ("Das Reich der Dämonen", "Tsushima"). In der Zigaretten-Reklame war Thieß den potentiellen "Lord"-Rauchern schon einige Wochen vor der Edschmid-Anzeige ungeprüft als "in der vordersten Reihe der deutschen Dichter" stehend vorgestellt worden.
Der - gleich dem Kollegen Edschmid - als wirklich passionierter Raucher hervortretende Thieß ("Ich hätte stundenlange Sitzungen nie so konzentriert und mühelos durchhalten können ohne die Zigarette") lief zu hoher hymnischer Form auf, als es galt, der "Magie des Rauchens" dichterisch "gültigen Ausdruck zu verleihen": "Eine geheimnisreiche Droge, aus der Flamme geboren, eingehend durch das Lebenswunder des Atmens in die Blutbahn, auf bestimmte Teile des Hirns einwirkend, das Nervenbündel Mensch beruhigend."
Etwa auf halber Höhe seiner Werbe-Artikel-Distanz kommt auch Frank Thieß - nicht anders als Vize-Präsident Edschmid in seinem Schriftsatz - auf den Kernpunkt der "guten Sache" zu sprechen: auf die "Zigaretten der Zukunft... solche mit Filtern".
Thießens und Edschmids ehemaliger Akademie-Genosse, der Schriftsteller und Dramatiker Bernt von Heiseler ("Die Unverständigen", "Cäsar") sah sich genötigt, unter Hinweis auf den "eindeutigen Charakter der Texte" und auf die Tatsache, daß "die Leitung der Akademie hierauf nicht reagiert hat", öffentlich zu erklären, daß er einer Akademie ferner nicht angehören könne, die ein solches Verhalten mit der Mitgliedschaft in ihrem Kreise für vereinbar halte.
"Ich weiß wohl, die Zeit ist teuer und Geld in jedermanns Beutel willkommen. Ich finde aber, daß ein Schriftsteller gewisse Beschränkungen in der Weise des Geldverdienens auf sich nehmen muß, weil er für einen Bereich im Leben des Volkes steht, wo einige von den nicht käuflichen Werten verwaltet werden."
Dadurch fühlte sich nun wiederum der Schriftsteller Martin Beheim-Schwarzbach ("Die Geschichten der Bibel"; SPIEGEL 33/1952) angesprochen. In der "Welt" machte er sich mit Ironie für die Angegriffenen stark. "Es ist wahr", schrieb er, "diese Autoren haben da für eine Seite Reklametext mehr bekommen, als mancher Roman, der zwei Jahre Arbeit kostet, an Honorar einbringt. Das ist natürlich schlimm. Ich meine: schlimm, daß eine gewaltige Anstrengung oft so gut wie überhaupt nicht direkt belohnt wird..."
Dem reinen Schriftsteller Beheim-Schwarzbach (der sich allerdings gleichfalls von den Zigarettenleuten unter die deutschen "Dichter und Denker" rechnen läßt) steht die Meinung frei, daß Kunst in allen Fällen nach Brot gehe. Den Darmstädter Tugendwächtern der Sprache und Dichtung freilich kann solche Auffassung offiziell nur schwer eingehen.
Schrieb der Schriftsteller Horst Wolfram Geissler in seinem gleichfalls für den Filter werbenden Zigaretten-Feuilleton: "Der Weg zur Tugend ist oft sonderbar."

DER SPIEGEL 34/1954
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