25.08.1954

GANGSTERTerror im Hafen

Hollywood hatte es seit der Uraufführung des ersten dreidimensionalen Films ("Bwana, der Teufel") nicht mehr erlebt: Häuserblocklange Schlangen vor den Kinokassen. Die Filmtheater schoben Sondervorstellungen ein und spielten fast ohne Pause vierundzwanzig Stunden hindurch. In der Filmstadt verabredete man sich nicht mehr zur 7-Uhr- oder 9-Uhr-Vorstellung (Karten dafür waren Tage vorher ausverkauft), sondern zu einer Vorstellung, die um 2 oder 4 Uhr morgens begann.
Das Objekt des Trubels war der Film "On the Waterfront" des amerikanischen Regie-Stars Elia Kazan ("Endstation Sehnsucht")
über die berüchtigte "Wasserfront" - den Hafen der Acht-Millionen-Stadt New York. Im nächsten Monat soll der Film unter dem Titel "Die Faust im Nacken" in Deutschland anlaufen.
Zum erstenmal hat es ein Filmproduzent gewagt. in das schauerliche Dickicht des gewerkschaftlich organisierten Gangstertums auf den New-Yorker Docks hineinzuleuchten. Und zum erstenmal gelang einem Filmregisseur ein realistisches und darum brutales Bild von den Praktiken der Hafenarbeiter-Gewerkschaft, deren Mitglieder ihre eigene Versklavung konservieren, indem sie Bestechung und Korruption, Terror und Schikane als normale Arbeitsbedingungen hinnehmen.
"On the Waterfront" zeigt die Methode des sogenannten "Shape up", eines Heuer- und Musterungsvorgangs, der nur unterwürfigen Anhängern des Dock-Tyrannen die Chance gibt, einen Tageslohn zu verdienen.
Das System des "Shape up" war der Schlüssel zu der absoluten Macht, mit der die New-Yorker Gangster den Hafen beherrschten. Obwohl das Verfahren in Europa seit mehr als einem Jahrhundert verboten ist, war es im Hafen von New York noch zu Beginn dieses Jahres zugelassen. Zweimal täglich, um 7.55 und 12.55 Uhr, ertönte ein Pfeifsignal. Die Hafenarbeiter versammelten sich auf einer bestimmten Pier, und dann begannen die Gewerkschafts-Bosse und ihre Unterlinge,
willkürlich aus der Masse von Männern diejenigen herauszusuchen, die an jenem Tag arbeiten und verdienen durften. Wer dem Muster-Boß den höchsten Prozentsatz des zu erwartenden Tageslohns versprach, hatte die größte Aussicht, zur Arbeit zugelassen zu werden. Wer dem Boß (der einen großen Teil der eingenommenen Gelder wieder an Hintermänner abführte) nicht zu Gesicht stand, konnte verhungern. Auflehnung gegen "das System" war gleichbedeutend mit Selbstmord.
Der Film vermeidet die üblichen Vereinfachungen und verabreicht am Ende nicht einmal die obligate Dosis Vergeltung für die vorausgegangenen Übeltaten. Er überzeugt auf subtilere Weise davon, daß Glaube und Anständigkeit mitunter Armut und Unwissenheit überwinden können.
Der absolute Monarch der Docks ist der ruchlose Arbeiter-Boß Johnny Friendly. Er erpreßt seine eigenen Männer ebenso wie die Reeder und Werftbesitzer. Er läßt sich seine Prozente aus der Lohntüte jedes einzelnen Arbeiters holen, leiht ihnen zu Wucherzinsen ihr eigenes Geld zurück und läßt durch seine bis an die Zähne bewaffneten Rowdies jeden umlegen, der unklug genug ist, mit dem staatlichen Ausschuß zur Untersuchung der Mißstände zusammenzuarbeiten.
Der Ausgangspunkt der Filmhandlung ist - natürlich - ein Mord. Ein Führer der Opposition gegen den brutalen Gewerkschafts-Boß wird kaltgemacht, ehe er vor dem staatlichen Untersuchungsausschuß gegen den Diktator der Docks aussagen kann. Der Held (Marlon Brando, der stiernackige, primitiv-vitale Kowalski aus "Endstation Sehnsucht") ist ein Ex-Boxer, der sich - nicht ganz unwissentlich - als Köder für die Mordfalle benutzen ließ. Die Schwester des Ermordeten (Eva Marie Saint) und der Hafen-Priester (Karl Malden) führen ihn zu Reue und Erlösung aus dem Sumpf heraus.
Der Autor des Films, der Schriftsteller Budd Schulberg ("Der Entzauberte"), schöpfte den Stoff für sein Drehbuch aus drei verschiedenen Quellen. Da waren erstens die Aussagen des Jesuitenpriesters John M. Corridan, der als stellvertretender Leiter der Xavier-Arbeitsschule mit seinen Bemühungen um die Hafenarbeiter Ruf und Anerkennung gewann.
Die zweite Quelle: Ein kleiner, drahtiger Hafenarbeiter namens Arthur J. Brown, seit mehr als 30 Jahren in den Kneipen des Hafenviertels als "Brownie" bekannt und berüchtigt. (Regisseur Kazan beschäftigte ihn später inoffiziell als technischen Berater. Seinen Hinweisen ist die äußerliche Wirklichkeitsnähe des Films bis zum letzten, greulichen Detail zu verdanken.)
Die dritte Quelle war eine Serie von 24 Zeitungsartikeln über "Verbrechen im New-Yorker Hafen". An einem kalten, nebligen Dezembertag des Jahres 1947 war der Heuer-Boß Tom Collentine - so wie unzählige andere Heuer-Bosse vor ihm - mit drei sauberen Löchern im Kopf in einer Pfütze des New-Yorker Hafens aufgefunden worden. Es war kein Mord für Schlagzeilen auf Seite eins - es war ein einfacher Routine-Mord. Doch der Redakteur der "New York Sun", Edmond P. Bartnett, setzte seinen Star-Reporter Malcolm Johnson an: "Sieh dir mal diese Hafen-Sache an ..., könnte 'ne Geschichte für uns drin sein." Nach zweiwöchigem Herumhorchen merkte Johnson, daß hinter der Tat eine phantastische Geschichte steckte.
Aber er konnte nicht an sie herankommen. Niemand wollte reden.
Erst als ihn ein befreundeter Kriminalbeamter mit einem berufsmäßigen Informanten zusammenbrachte, kam er weiter. Er verfolgte jeden Tip des Spitzels, und immer wieder stellte sich heraus, daß selbst das Unglaublichste tatsächlich zutraf. Sieben Monate vergingen, bevor Malcolm Johnson den ersten seiner Berichte explodieren ließ. Aber die mühevolle Arbeit hatte sich gelohnt: Die Artikelserie löste eine erste Untersuchung der Zustände am Hafen durch eine Kommission des Staates New York aus. Kurz darauf bekam Johnson den begehrten Pulitzer-Preis für hervorragende Berichterstattung.
Alle Angaben der Artikelserie wurden später vor der Staatlichen Untersuchungskommission unter Eid bestätigt, und ein Priester benutzte Johnsons Berichte als Grundlage für eine aufsehenerregende Broschüre. So lernte der Reporter den Pater Corridan kennen. "Bis dahin hatte ich einfach sachlich Bericht erstattet", erzählt Johnson. "aber nach dem Gespräch mit Pater Corridan war ich nicht mehr einfach ein kaltschnäuziger Zeitungsmann auf der Suche nach einer Story. Ich berichtete nicht mehr nur über das Los der Hafenarbeiter. Ich begann zu hoffen, daß irgend etwas geschehen würde, um diese Unglücklichen aus den Klauen ihrer Gangster-Bosse zu befreien. Corridan übte denselben Einfluß auch auf Budd Schulberg aus. Er spannte uns beide ein. Wir sollten ihm helfen, sein Ziel zu erreichen ... Ordnung in die Docks von New York zu bringen."
Der Plan zu einem Film über den Dock-Dschungel aber wurde durch einen sehr nebensächlichen Umstand verwirklicht: Ein Mann konnte im Hotel nicht schlafen, weil nebenan ununterbrochen eine Schreibmaschine klapperte. Der Mann, der um seine Nachtruhe kam, war der Produzent Sam Spiegel, der als S. P. Eagle 1927 von Wien nach Amerika übergesiedelt war. Eine Woche lang ließ sich S.P. geduldig das allnächtliche Klappern gefallen. Doch dann donnerte er an die Tür des Nachbarn.
Heraus kam, nur mit einem Morgenrock bekleidet, Budd Schulberg und begann unverzüglich über sein Projekt zu sprechen: Einen realistischen Film über die Zustände im New-Yorker Hafen. Trotz Protestes machte er sich sogleich daran, sein hundertseitiges Manuskript vorzulesen. Schulbergs Stimme war schon heiser, als sich um 3 Uhr morgens der Regisseur Elia Kazan, der in demselben Hotel, aber auf einer anderen Etage wohnte, der ungewöhnlichen Zusammenkunft anschloß.
Kazan hatte schon lange mit der Idee gespielt, die Zustände an der New-Yorker Wasserkante in einem dokumentarähnlichen Film zu behandeln. Er hatte auch schon mit Schulberg darüber gesprochen. Bisher hatten sie jedoch nur sich selbst von der Notwendigkeit und von der Erfolgsaussicht eines solchen Films überzeugen können. Keiner der großen Hollywood-Produzenten schien einen Film drehen zu wollen, der sehr leicht dazu führen konnte, daß er eines Morgens mit einem Zementklotz am Hals aus dem schlammigen Wasser des New-Yorker Hafens gefischt würde.
Um 5 Uhr morgens war S. P. Eagle-Spiegel, einer der sogenannten unabhängigen kleinen Produzenten, endlich für das Vorhaben gewonnen. Aber er ist nicht ein Mann, der fertige Manuskripte übernimmt. Man würde noch einmal von vorne anfangen
müssen. Genau eine Woche später unterzeichneten die drei ein Abkommen. wonach Eagle-Spiegel die Produktion, Schulberg das Drehbuchschreiben und Kazan die Regie übernahm. Bei Meinungsverschiedenheiten sollte ein Mehrheitsbeschluß entscheiden.
Von da an arbeiteten die drei Filmleute jede Nacht hinter verschlossenen Hotelzimmertüren. Wenn einer von ihnen zwischendurch geschäftlich verreisen mußte, fuhren die beiden anderen einfach mit, so daß die Arbeiten am Drehbuch keinen Tag stockten. Am 15. November war es fertig, und schon am 17. November begannen auf den Dächern der Hafengebäude von New York und Hoboken die Kameras zu schnurren.
Gedreht wurde in den schäbigen Hinterhöfen, den verrußten Kneipen, den schmutzstarrenden Gassen in dem Dreieck Hudson Street, 14. Street und Garden Street. In Hoboken bekam der Produzent Spiegel eine erste Probe der örtlichen Gewohnheiten: Er mietete eine schäbige Kneipe zu 150 Dollar pro Nacht für nächtliche Aufnahmen. Nachdem er eine Nacht gedreht hatte, erhöhte der Inhaber plötzlich die Gebühr auf 1000 Dollar. Spiegel, der sich durch die vorhergehenden Aufnahmen bereits auf diese Kulisse festgelegt hatte, mußte zahlen. Sofort sprach sich herum, daß der Produzent ein wandelnder Münzautomat sei, und Dutzende von kleinen Erpressern und korrupten Hafenbeamten erschienen, um abzukassieren. Diese unvorhergesehenen "Neben-Geschäfte" erhöhten das Film-Budget um 30 000 Dollar.
Ungewöhnliche Wetterverhältnisse während der Drehzeit (17. November 1953 bis 26. Januar 1954): die längste Kältewelle seit fünf Jahren und der heftigste Schneesturm seit drei Jahren, schwere Regenfälle und dicker Nebel ermöglichten es, eine fast
überrealistische Hafen-Atmosphäre einzufangen. Obwohl Schauspieler und Kameraleute in ihren dicken Wolljacken und Sweatern wahrnehmbar schnatterten, zeigten sie sich doch widerstandsfähiger als einige der angeheuerten Hafenarbeiter. An einem bitterkalten Tag, an dem 500 echte Schauerleute angemustert worden waren, um sich selber in dem Film darzustellen, ließen sich acht von ihnen bereits nach drei Stunden ihr Geld auszahlen: Es sei zu kalt.
Aber gerade die in feuchtem Matsch vor Kälte klappernden Hafenarbeiter und Schauspieler auf den dreckigen, schlüpfrigen Docks entlockten dem gleichermaßen unterkühlten Regisseur Kazan die freudige Feststellung: "Niemals hätten wir diese Szenen in einem zentralgeheizten Studio so hingekriegt."
Woanders hätte Kazan auch kaum so authentische Komparsen gefunden. Für eine Schlüsselrolle holte er sich aus einer Gruppe neugieriger Zuschauer den 14jährigen Tommy Hanley. Sein Vater, der Hafenarbeiter Raymond Hanley, war bei den Gewerkschafts-Bossen in Ungnade gefallen. Er verließ eines Morgens, als Tommy gerade zwei Wochen alt war, seine ärmliche Wohnung, um sich zur Musterung aufzustellen. Danach wurde er nie wieder gesehen. Die Polizei von Hoboken kannte den Vorgang: Eines Tages würde man ihn, in einen Block Zement eingelassen, aus dem Hafen fischen.
Als "On the Waterfront" im vergangenen Monat anlief, fand selbst der fast immer unzufriedene Star-Kritiker der "New York Times", Bosley Crowther, daß der Film "großartige Kinokunst" verkörpere. Sam Spiegel war schon nach Venedig abgereist. Er will den Film auf der in dieser Woche beginnenden Biennale zeigen. Die meisten amerikanischen Kritiker sind überzeugt, daß ihm ein Preis sicher ist.

DER SPIEGEL 35/1954
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