01.09.1954

KREBS / MEDIZINOperation im Türkensattel

Behutsam hob Professor Herbert Olivecrona ein Stückchen Hirnschale vom Vorderhaupt des Patienten ab, drängte den Stirnlappen des Gehirns zurück, tastete sich mit einer Sonde auf der Unterseite der Hirnschale entlang, schob den rechten Sehnerv zur Seite und schnitt die Fasern der weichen Hirnhaut durch, unter der die Hirnanhangdrüse eingebettet liegt.
Nachdem sich der Chirurg so bis an das nur kirschkerngroße Organ herangetastet hatte, durchstach er die Gewebeplatte der harten Stirnhaut, die die Drüse in einer knöchernen Grube der Schädelbasis versiegelt. Mit einem löffelähnlichen Instrument und chirurgischen Zangen entfernte er dann Stück für Stück des winzigen chemischen Wunderlabors, von dem aus die meisten entscheidenden Lebensprozesse von der Geburt bis zum Tode gesteuert und überwacht werden.
Diese chirurgische Expedition in die Höhlen des menschlichen Gehirns fand vor drei Jahren im Stockholmer Serafimer-Lasarettet statt. Es war das erste Mal, daß es ein Chirurg wagte, die lebenswichtige Hirnanhangdrüse (Hypophyse) zu entfernen.
Die Operation - Hypophysektomie genannt - war zugleich einer der kühnsten Angriffe, der von einem Chirurgen im Kampf gegen den Krebs vorgetragen wurde. Denn der schwedische Mediziner ist überzeugt, daß zwischen der Hypophyse
und den wuchernden Krebszellen ursächliche Zusammenhänge bestehen.
Normalerweise arbeitet die Hypophyse als ein zuverlässiges Steuerungsorgan, das die vielen komplizierten Lebensfunktionen über die Hormone fein aufeinander abstimmt. Die Hormone, körpereigene Wirkstoffe, die von der Hypophyse oder von anderen Hormondrüsen im Körper unmittelbar in das Blut oder die Lymphe geschüttet werden, steuern die Vorgänge des Stoffwechsels, des Wachstums und der Fortpflanzung. Die selbst hormonherstellende Hypophyse lenkt aber nicht nur die anderen hormonproduzierenden Drüsen. Sie ist auch eng mit dem Zwischenhirn verbunden, das als zentrale Schaltstelle des gesamten vegetativen Nervensystems*) angesehen wird. Sie ist also die wichtige Brücke zwischen Hormon- und Nervensystem.
Die Endokrinologen, die Spezialisten der Hormonforschung, entdeckten bisher nicht weniger als neun verschiedene Hormone, die von der geschäftigen Hirnanhangdrüse produziert werden. Bei einer Schädigung oder Erkrankung der winzigen Zellen in der Hypophyse treten deswegen die seltsamsten Wirkungen auf. Eine Überproduktion des Wachstumshormons beispielsweise kann Zweieinhalbmeter-Riesen erzeugen und eine Unterproduktion Zwerge. Störungen im Haushalt der Keimdrüsen-Hormone können einen Mann mit weiblichen Formen beschweren oder 400pfündiges Fettpolster wachsen lassen.
Je mehr die Mediziner den weitreichenden Einfluß der Hypophyse studierten, um so zwingender drängte sich ihnen die Frage auf: Besteht nicht etwa ein Zusammenhang zwischen der Hypophyse und dem Krebs?
In den dreißiger Jahren experimentierte der Pathologe Dr. Leo Loeb an der Washington-Universität in St. Louis mit Versuchstieren, an denen er durch Überdosen von Hypophysenhormon künstlich Brustkrebs hervorrief. Weitere Versuche anderer Forscher bewiesen, daß man bei Tieren den Krebs steigern oder hemmen kann, wenn man die Zufuhr von Hypophysenhormon verstärkt oder abschwächt.
Krebs ist wucherndes Wachstum von Körperzellen: Plötzlich werden einige Körperzellen wild, teilen sich ohne Gesetz und brechen aus der sinnvollen Ordnung des Organismus aus. Sie vernichten das umliegende Gewebe, säen sich über das Blut- und Lymph-System weiter aus und bilden neue Rebellen-Kolonien von bösartigen kannibalischen Zellen.
Bis heute weiß niemand, wie gesunde Zellen zu Krebszellen werden. Aber viele Forscher glauben, daß eine chemische Unordnung innerhalb der Zellen das fein ausgewogene Gleichgewicht zerstört. Prof. Olivecrona und sein Mitarbeiter Dr. Luft überlegten: Da die Hypophyse der wichtigste Regulator des chemischen Haushaltes im Organismus ist, wäre es nur logisch,
anzunehmen, daß sie in den Krebsentstehungsprozeß mit verwickelt ist.
Neueste Forschungen widerlegten außerdem die Annahme, daß die Krebszellen völlig autonome Gebilde im Körper seien. Um wuchern zu können, benötigen sie gewisse Chemikalien und Hormone, die ihnen durch den Blutstrom zugeführt werden. Man muß also die rebellierenden Krebszellen aushungern können, sagten sich die beiden Schweden, wenn man die Hypophyse entfernt und ihnen dadurch die Hormonnahrung sperrt.
Dieser theoretischen Erwägung stand ein schwieriges Problem entgegen: Wie sollte man den Patienten am Leben halten, während der Krebs ausgehungert wird? Sektionen an Versuchstieren und Toten bewiesen, daß eine Zerstörung der Hypophyse zum Kollaps und zu Degenerationserscheinungen an Körperorganen führt.
Nun wußte Dr. Luft: Der Ausfall der Keimdrüsen nach Entfernung der Hypophyse ist ungefährlich. Das fehlende Schilddrüsenhormon kann durch Schilddrüsenextrakt ersetzt werden. Nur eins blieb problematisch. Ohne Hypophyse konnte die Nebennierenrinde ihr lebenswichtiges Hormon nicht produzieren. Einen Ersatz für dieses Hormon gab es aber noch nicht.
Das Dilemma wurde erst im Frühjahr 1949 gelöst. Damals meldete die Mayo-Klinik in Rochester (USA), daß es gelungen
sei, eines der wichtigsten Nebennierenrinden-Hormone (das Cortison) synthetisch herzustellen.
Die Entdeckung ermutigte Dr. Luft und Dr. Olivecrona Anfang 1951, die Operation zur Entfernung der Hypophyse zu wagen. Dr. Olivecrona war zwar ein international anerkannter Gehirn-Chirurg, und Eingriffe an der Hypophyse waren ihm nicht neu. Sein Skalpell hatte schon oft krankhaft wuchernde Teile der Drüse weggeschnitten. Die Hirnanhangdrüse selbst ist jedoch in einer Knochenhöhle, dem sogenannten "Türkensattel", vor Zugriffen weitgehend geschützt. Außerdem verbindet ein dünner Strang von 50 000 Nervenfasern die Drüse mit dem Gehirn. Um diesen Strang trennen zu können, muß sich der Chirurg durch ein Gewirr von wichtigen Nerven- und Blutgefäßen hindurcharbeiten. Er muß Millimeterarbeit leisten, um nicht versehentlich den Sehnerv durchzuschneiden (was Blindheit verursachen würde) oder eine Hauptader zu durchstechen (wobei das Operationsfeld von Blut überflutet würde).
Enorm schwierig ist die letzte Etappe, der Vorstoß in den "Türkensattel". Ohne Sicht muß der Chirurg auch die letzten Spuren der Drüse von den Wänden ihres schützenden Käfigs beseitigen. Selbst wenn nur wenige Fetzen des aktiven Hypophysengewebes zurückblieben, wäre der Erfolg der Operation in Frage gestellt.
Bis heute haben die beiden schwedischen
Mediziner 43 schwer krebskranken Männern und Frauen die Hirnanhangdrüse herausoperiert. Achtzehn ihrer hypophysenlosen Patienten sind noch am Leben.
Eine der Patientinnen, eine Bauersfrau Mitte der Vierziger, litt an einer bösartigen Geschwulst, die als rohe Wunde ihre ganze Brust vom Hals bis zum Nabel bedeckte. Knapp 72 Stunden nach der Hypophysektomie waren die Schmerzen fast verschwunden. Binnen eines Monats, so berichtet Dr. Olivecrona, bildeten sich kleine Inseln gesunden Hautgewebes auf dem zerstörten Bereich, und sichere Anzeichen deuteten darauf hin, daß dem Krebs Einhalt geboten war.
Daraufhin wagten sich auch in New York, Baltimore, Paris und Havanna Gehirnchirurgen an die operative Entfernung der Hirnanhangdrüse heran. Jeder Eingriff schien aufs neue zu beweisen, daß sie tatsächlich beim Krebswachstum eine Rolle spielt. Aber auf welche Weise sie dabei tätig ist, blieb noch immer ein Rätsel. Unter dringendem Verdacht stand allerdings das Somatotropin, das Wachstumhormon der Hypophyse.
Daraufhin experimentierte man an der Stanford Universität und an der Universität von Kalifornien mit reinem Wachstumhormon. Ergebnisse der Tierversuche: Große Dosen reinen Wachstumhormons, wie sie eine überaktive Hypophyse produziert, riefen bei Ratten zahlreiche bösartige Geschwülste hervor.
Damit war man zwar einen Schritt weiter, aber man hatte noch immer nicht ermittelt, ob allein dem Somatotropin der Hypophyse das Krebswachstum zuzuschreiben ist, oder ob auch die anderen Hormondrüsen, die ja in einem ständigen Wechselspiel mit ihr stehen, beteiligt sind.
Diese Frage konnte nur durch Operation von Krebsopfern beantwortet werden, denen schon früher Nebennierenrinde und Keimdrüsen entfernt worden waren.
Kürzlich wurden nun im New-Yorker Sloan-Kettering-Institut für Krebsforschung acht Patienten, die keine Keimdrüsen und Nebennieren mehr besaßen, die Hypophysen wegoperiert. Bei einer Endvierzigerin, deren Brustkrebs auf die Wirbelsäule übergesprungen war, hatten die Ärzte alles versucht, um dem Krebs Einhalt zu gebieten: Röntgenbestrahlung, Hormonbehandlung, Abnahme der Brust, Entfernung der Keimdrüsen und der Nebenniere. Alle Maßnahmen brachten aber nur vorübergehende Besserung. Im vergangenen August lag die Frau zusammengekrümmt in Agonie, unfähig, sich vom Bett zu erheben. Sie verlor schnell an Gewicht, ihr Blut war von krebszerfressenem Knochenmark durchsetzt.
Dann wurde die Hypophysektomie durchgeführt. Die Patientin nahm in kürzester Zeit 22 Pfund zu, die Schmerzen hörten fast völlig auf, die Blutanämie verschwand.
Damit scheinen die Ärzte des Sloan-Kettering-Instituts den Beweis dafür erbracht zu haben, daß die Hypophyse über ihr Wachstumhormon einen direkten Einfluß auf den Krebs ausübt. Die deutschen Ärzte wollen die neuen Forschungsergebnisse in dieser Woche auf dem Therapiekongreß in Karlsruhe diskutieren.
Bisher ist allerdings noch unbekannt, warum das kleine kirschkerngroße Organ nur bestimmte Krebsarten - wie Krebs an Brust, Prostata, Uterus - beeinflußt, andere Krebsgewebe dagegen nicht. Ungeklärt sind auch noch die chemischen Zusammenhänge zwischen Wachstumhormon und dem Krebs.
Dr. Luft und Dr. Olivecrona warnen immer wieder vor einer Überschätzung der bisherigen Erfolge. Bis heute gebe es noch keinen Beweis dafür, daß die Entfernung der Hypophyse endgültige Heilung bringe.

EINEN LIEBEVOLLEN GRUSS
an die Bühnenkunst des 19. Jahrhunderts" nennt der amerikanische Dichter Thornton Wilder ("Unsere kleine Stadt"; "Die Brücke von San Luis Rey") seine Posse "The Matchmaker" ("Die Heiratsvermittlerin"), die am verregneten ersten Abend der diesjährigen Edinburgher Festspiele herauskam. Es war nur eine halbe Novität: Wilder hat lediglich seine ältere Komödie "Der Kaufmann von Yonkers" neu gefaßt. Von diesem Stück sagte einst der große Regisseur Max Reinhardt: "Es riecht nach Nestroy." Im Edinburgher Lyceum Theatre belustigten sich die Festspielgäste in der Tat an einer Situationskomik, die mehr als hundert Jahre zuvor schon die Wiener belacht hatten: anläßlich der ersten Aufführung von Johann Nestroys (1801-1862) "Einen Jux will er sich machen". Die Londoner Presse reagierte auf den starken Publikumserfolg der jüngsten Wilder-Premiere süßsauer. Schon vorher waren Bedenken laut geworden, eine Posse als dramatische Hauptattraktion in Edinburgh zu präsentieren. "The Matchmaker" darf seine umstrittene Festspielrolle gleich zweimal mimen: Berlin hat das halbneue Stück des berühmten Amerikaners, der in diesen Tagen eine Vortragsreise durch Deutschland beginnt, auf das Programm seiner September-Festwochen gesetzt.
*) Das vegetative Nervensystem, das System der Lebensnerven, sorgt für automatisches Funktionieren der dem Willen entzogenen inneren Organe. Auch alle Ausdrucksvorgänge, wie Erröten, Erblassen, Schwitzen, Lachen, Weinen, werden durch das vegetative Nervensystem gesteuert.

DER SPIEGEL 36/1954
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