03.11.1954

KINOSEs zittern schon genug

Der erste schwache Verdacht kam den Ufa-Leuten im Oktober des vergangenen Jahres. Damals wurden die Berliner Ufa-Theater - nach schweren Machtkämpfen zwischen den Berliner und westdeutschen Ufa-Männern - der Ufa-Theaterverwaltung in Düsseldorf unterstellt. Der Düsseldorfer Ufa-Treuhänder, der junge (33), energische Diplomkaufmann Arno Hauke, gilt als "Aufdecker", und es wird ihm sogar nachgesagt, daß er über das Aufdecken seine Karriere gemacht habe.
Als sich der Direktor des Berliner Ufa-Premierenkinos "Marmorhaus", Karl Jacob, hartnäckig gegen die Eingliederung in Haukes Kinoreich sträubte, regte sich bei den Düsseldorfern der erste Argwohn. Eine gnadenlose Untersuchung bestätigte den Verdacht.
Einige Monate später saß Karl Jacob. 39, schluchzend vor der Fünften Großen Strafkammer in Berlin-Moabit. Unter dem Aktenzeichen 56 is 321/54 war er angeklagt, in den Jahren 1948 bis 1953 unter Mißbrauch seiner Befugnisse 142 526,94 Westmark und 327 567 Ostmark veruntreut zu haben.
Der Prozeß warf zum erstenmal Schlaglichter auf die Schattensektoren der Flimmerwelt, in denen mit Doppelrechnungen, Gefälligkeitsquittungen und Buchungsmanipulation gearbeitet wird. Jahrelang war in der Kinobranche von derartigen Praktiken gemunkelt worden - nun wurden sie zum erstenmal in einem Gerichtssaal in allen Einzelheiten dargelegt. Beobachter der siebentägigen Verhandlung lernten, wie man als Ufa-Theaterleiter den Lebensstil der sogenannten Großen Welt pflegen konnte ("In Berlin", sagte ein Zeuge, "umgab den Angeklagten, der sehr selbstherrlich und von sich eingenommen war, ein großer Nimbus: Herr Jacob war eben Herr Jacob."), und was man zu unternehmen hat, wenn man als Ufa-Treuhänder in den Besitz eines Ufa-Kinos kommen will*).
Der zweite Punkt wird sich allerdings nie mehr ganz klären lassen. Dr. Carl Brauns, als Ufa-Treuhänder für den britischen Sektor Berlins einstmals der Vorgesetzte Jacobs, ist verstorben. Trotzdem: Der Angeklagte behauptete, der Treuhänder habe nicht nur von den Manipulationen gewußt, sondern ihm, Jacob, zur Auflage gemacht, alles zu tun, um das "Marmorhaus" möglichst unrentabel erscheinen
zu lassen. Um so billiger könne man es dann erwerben.
Jacobs Verteidiger Dr. Paul Ronge über Falschbuchungen, die Jacob angeblich mit Genehmigung seines Treuhänders vorgenommen hatte: "Brauns wollte seine Mitbewerber aus dem Felde schlagen, und das wäre um so eher möglich, je höher der Aufwand eines Betriebes in den Kosten ist, die unvermeidlich erscheinen. Kosten, die eingeschränkt werden können, lassen das Objekt verlockender erscheinen. Daher die Verwandlung der Ausgaben."
Kurt Tuntsch, der ehemalige Leiter der Ufa-"Filmbühne Wien", der unter der gleichen Anklage wie Jacob steht, bezeugte, daß er in seinen Privatunternehmen, den Waldbühnen-Veranstaltungen und dem Kabarett "Nürnberger Trichter", mit seinem Vorgesetzten und Treuhänder Dr. Brauns Halbe-Halbe gemacht habe.
"Es haben turnusmäßige Sitzungen stattgefunden", erklärte Tuntsch vor Gericht, "dabei kamen Unregelmäßigkeiten in verschiedenen Theatern der Westzone zur Sprache. Ob in der gleichen Art und Weise (wie bei uns), weiß ich nicht. Bei einem Düsseldorfer Theater handelte es sich um 78 000 Mark, die ohne großes Aufsehen ''unter dem Tisch'' geregelt werden sollten. Ebenso sollte darüber auch keine Anzeige erstattet werden ... Ich habe Dr. Brauns gefragt, wie es wäre, wenn eine Prüfung vom Finanzamt durchgeführt würde. Darauf sagte er mir, das könnte gar nicht sein, weil die Theater einer alliierten Stelle unterstehen. Im übrigen führe er Buch und wisse schon, wie er es mache ... Brauns machte außerdem Rohfilm-Geschäfte."
Weiter drang das Gericht nicht in die Ufa-Hintergründe ein*). Um so gewissenhafter durchröntgte die Moabiter Strafkammer die Nebengeschäfte, die Jacob stets mit Genehmigung seines Treuhänderchefs durchgeführt haben will.
So wurde es gemacht: Mit der Berliner Anzeigenagentur Tetzlaff hatte Jacob eine Vereinbarung getroffen, wonach ihm Zweitrechnungen auf Premieren-Annoncen ausgestellt wurden, obwohl diese Inserate fast immer von den Verleihern voll bezahlt worden waren. Jacob buchte die Hälfte als Verleih-, die andere Hälfte als "Marmorhaus"-Ausgaben. Die Agentur führte doppelt Buch, einmal für die Verleiher, einmal für das "Marmorhaus". So blieb der Schwindel lange verborgen. Jacob unterschlug nach eigenem Geständnis bei diesen Manipulationen 80 000 Mark.
Bei der Dekorationsfirma Puck, die im "Marmorhaus" für die Außenreklame und die Innendekoration verantwortlich zeichnete, kassierte Jacob für jeden Premierenauftrag eine kleine Provision - nach Angaben des Strafkammer-Vorsitzenden insgesamt 38 239,60 Mark.
Alles in allem wurden dem "Marmorhaus"-Direktor Veruntreuungen in Höhe von 133 000 Mark nachgewiesen. Seine Verteidigung: "Persönlich habe ich davon nur 20 000 bis 30 000 Mark genommen." (Daneben hatte Jacobs sein reguläres Einkommen von monatlich 1100 Mark netto.) Den stattlichen Rest will er zum höheren Ruhm des "Marmorhauses", des Ku-Dammes und Westberlins verwandt haben. So zum Anstrahlen der Gedächtniskirche für eintausend Mark je Abend. "Das durfte offiziell nicht erscheinen."
Jacobs Partner bei den Puck-Provisionen, der Werbe-Architekt Fritz Woywood, wurde vom Gericht befragt, ob diese Art Vergütungen in der Filmindustrie branchenüblich seien. Woywood antwortete
diplomatisch: "Ab und zu hört man mal etwas davon, daß es gemacht wird."
Ab und zu verschlug es sogar dem Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Franke, die Sprache, so, als sich herausstellte, daß sich Jacob von der "Marmorhaus"-Kasse sechs Mille für eine Premierenfeier mit 30 Personen hatte geben lassen.
"Der Angeklagte bestreitet nicht, daß er sich bei den finanziellen Manipulationen die Hände gewärmt hat", resümierte der Verteidiger später. Am Mittwoch vergangener Woche verurteilte die Fünfte Große Strafkammer Karl Jacob wegen fortgesetzter Untreue zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und 16 000 Mark Geldstrafe.
Es scheint jedoch, als ob Jacob nicht der erste und letzte Fall dieser Art ist, der vor Gericht aufgerollt wird. Kennzeichnend für die Situation ist ein Dreiergespräch, das während des Verfahrens zwischen dem Vorsitzenden, dem Verteidiger und dem Angeklagten stattfand.
Vorsitzender: "Sie sagen selbst, daß es nicht richtig ist, was Sie gemacht haben. Wie sind Sie darauf gekommen? Haben Sie Beispiele gehabt, die das vorgemacht haben?"
Angeklagter: "Ich möchte diese Frage nicht beantworten."
Verteidiger Dr. Ronge: "Es zittern schon genug."
*) Von 1945 bis 1953 standen die ehemaligen Ufa-Theater unter alliierter Treuhänderschaft. Seit 1953 werden sie von der westdeutschen Ufa-Theaterverwaltung treuhänderisch verwaltet. Bis zum Sommer 1955 sollen sie in Privatbesitz übergeführt werden.
*) Die Witwe Brauns will jetzt eine Verleumdungsklage anstrengen, um das Andenken ihres Mannes zu verteidigen.

DER SPIEGEL 45/1954
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