29.09.1954

HAND- UND SPANNDIENSTEHabe keine Schippe

Die Ehefrau des Malers und Anstreichers Heinrich Siebert aus dem abgelegenen Weserdorf Nordhemmern wartete, bis ihr Mann - wie jeden Morgen - auf seinem Motorrad in die elf Kilometer entfernte Kreisstadt Minden zur Arbeit gefahren war. Dann tat sie hinter seinem Rücken das, was er ihr ausdrücklich untersagt hatte: Sie löste gegen Einzahlung von neun Mark zwanzig an die Amtskasse Hartum das in der Wohnküche gepfändete
Ölgemälde "Herbsttag im Walde" aus, auf dessen Rückseite der Steuervollziehungsbeamte Pohlmann vor Monaten den Kuckuck geklebt hatte.
"Diese Leute haben keine Ahnung, was so ein Ölbild kostet", rechtfertigt sich die praktisch denkende Hausfrau, "allein der Rahmen ist schon zwanzig Mark wert."
Obwohl sich Heinrich Siebert der Logik dieses Arguments nicht verschließen konnte, hätte er es lieber - als eine Art passiven Widerstandes gegen die Obrigkeit - auf die Versteigerung seines Kunstgegenstandes ankommen lassen. Denn man hatte ihn nicht etwa wegen rückständiger Steuern gepfändet; Siebert zahlt dem Finanzamt sein Steuersoll schon deshalb pünktlich und regelmäßig, weil es ihm auf seiner Arbeitsstelle in Minden vom Lohn abgezogen wird. Im Rückstand war er vielmehr mit einer anderen Leistungspflicht gegen den Staat, die heute nur noch in ländlichen Gebieten der Bundesrepublik als sogenannter "Hand- und Spanndienst" obligatorisch ist.
Als Großstädter, der mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern gegen Kriegsende aus Gelsenkirchen in das Dorf Nordhemmern, evakuiert worden war, hatte Heinrich Siebert von "derartigen, mittelalterlich anmutenden Naturaldiensten" noch nie etwas gehört. So las er denn die erste vorgedruckte Aufforderung des Bürgermeisters, "sich am Sonnabend um 13.30 Uhr, ausgerüstet mit einer Schippe, zu Handarbeiten im Hartumer Felde" einzufinden, mit ungläubigem Interesse.
Ohne sich mit dem Inhalt weiter auseinanderzusetzen, steckte Siebert das amtliche Schreiben in eine Lade seines Küchenbüfetts. Im Laufe der Jahre begrub er dort eine Vielzahl solcher "Hand- und Spanndienst"-Formulare mitsamt den regelmäßig nachfolgenden Mahnungen, die ihm der
Gemeindediener gegen "Behändigungsschein" ins Haus trug.
Auf alle mündlichen und schriftlichen Vorhaltungen der Gemeinde, warum er nicht zum Handdienst komme, antwortete Siebert: "Ich bin kein Bauer, ich bin Maler und habe keine Schippe." Außerdem gab er zu bedenken, daß man ihn ungeschickterweise meistens dann auf die Äcker zitiere, wenn er seine tägliche Arbeit in der Stadt zu verrichten habe.
Es blieb dann aber doch nicht aus, daß Heinrich Siebert sich allmählich intensiver mit der ihm bis dahin fremden Materie der Naturaldienste befaßte. Er holte sich Rat bei Juristen und erfuhr, daß die "Hand- und Spanndienste" noch auf dem alten preußischen Kommunalabgabengesetz vom 14. Juli 1893 basieren, also zu einer Zeit beschlossen und verkündet wurden, als es evakuierte Städter auf dem Lande noch nicht gab.
"Hand- und Spanndienste", heißt es in den Kommentaren der Gesetze, "stellen Naturaldienste dar, durch die die baren Gemeindeabgaben vermindert werden sollen." Das bedeutete praktisch für die Bauern, die sich seit jeher von barem Geld nur ungern trennen, daß sie einen Teil ihrer Steuern in den Sparstrumpf stecken konnten, wenn sie dafür gewisse Gemeindeaufgaben - hauptsächlich die Instandhaltung der Wirtschaftswege - selbst übernahmen.
Über Arbeitsgeräte, Fahrzeuge und Zugtiere verfügten sie ohnehin, und ihre Pflichtstunden arbeiteten sie außerhalb der landwirtschaftlichen Saison zwischen Saat und Ernte oder im Winter ab, wenn sie ihre Pferde bewegen wollten.
In ihren Grundzügen hat sich die Naturaldienstordnung von damals bis heute kaum verändert. Ein Tag Handdienst im Jahr "mit Spaten - Schaufeln - Hacken", wie es in den Vordrucken heißt, ist für alle steuerpflichtigen Gemeindemitglieder Vorschrift. Sie müssen Sand und Steine abladen, Steine zerkleinern, Fahrstraßen aufschütten, Feldwege aufwerfen, Gräben ziehen und reinigen, Schnee schaufeln. Zu Spanndiensten - Fuhren von Sand, Holz, Wasser oder Steinen, Planieren von Straßen und Wegen - werden Bauern mit Grundbesitz und Gewerbetreibende herangezogen, wobei die Zahl der Zugtiere, die sie stellen müssen, nach Größe und Wirtschaftlichkeit ihres Betriebes berechnet wird.
Nach der Deutschen Gemeindeordnung können nun die Gemeinden selbst darüber entscheiden, ob sie von den Naturaldiensten des alten preußischen Kommunalabgabengesetzes Gebrauch machen wollen oder nicht. Mit der zunehmenden Industrialisierung, mit dem Anwachsen der Städte, dem Einzug der Maschine in die Landwirtschaft haben im Laufe der letzten dreißig Jahre immer mehr Gemeinden auf das Recht verzichtet, die Gemeindesteuer-Pflichtigen ihre Steuerlast teilweise mit Hacke und Spaten abarbeiten zu lassen.
Begüterte Gemeinden mit Waldbesitz und ertragreichen Gewerbebetrieben sind ohnehin nicht auf derartige Sparmaßnahmen angewiesen. Nur in der Wesergegend gibt es noch Amtsbezirke, deren Gemeinden sämtlich - wie vor zwei, drei Generationen - "bollwerken" oder "burgfesten" (so ist die altertümliche Bezeichnung für die "Wegebefestigung").
Das Dorf Nordhemmern, das der Familie des Malers und Anstreichers Heinrich Siebert gegen Kriegsende in einer notdürftigen Anderthalbzimmerwohnung Zuflucht vor den Bomben gewährte, zählt mit seinen 1300 Einwohnern und einem unbedeutenden Steueraufkommen zu den kleineren Gemeinden des Amtes Hartum (Kreis Minden), die fast ausschließlich von der Landwirtschaft
leben und deshalb die Unterhaltung des weitverzweigten Straßen- und Grabennetzes - das Land hat kein natürliches Gefälle und muß künstlich bewässert werden - im "Bollwerk" durchführen.
Jedes Jahr im April setzt sich der Bauer Fritze Röthemeier in seiner Eigenschaft als Bürgermeister eine Nickelbrille auf die Nase und notiert unter mehrfacher Zuhilfenahme des Radiergummis auf einer umfangreichen Liste, wieviel die einzelnen Gemeindemitglieder an Hand- und Spanndiensten im laufenden Rechnungsjahr zu leisten haben. Die Höhe der Dienstleistungen richtet sich danach, wieweit es Röthemeier gelungen ist, den - wie er es nennt - "Haushalt auszubalancieren".
In diesem Sommer trommelte Bürgermeister Röthemeier seine Männer kurz vor der Heuernte zusammen und ließ mit dreihundert Handdienst- und fünfunddreißig Gespanndiensteinheiten binnen vier Wochen zwei Kilometer Fahrstraße herrichten.
Amtsdirektor Hansmann aus dem benachbarten Hartum hat aus statistischen Unterlagen errechnet, daß eine Gemeinde mit 2000 Einwohnern pro Jahr sechstausend bis achttausend Mark an Arbeitsleistungen im "Bollwerk" aufbringt. "Würde die Gemeinde ihre Arbeiten außer Haus geben, so müßte sie nicht nur den auswärtigen Unternehmer bezahlen, sondern ihre gesamten Steuermeßbeträge würden in einem Prozentsatz klettern, der in keinem Verhältnis zu dem tatsächlichen Arbeitswert stände."
Laut Hansmann spart eine Gemeinde beim chausseemäßigen Ausbau von einem Kilometer Straße im Hand- und Spanndienst rund zweitausend Mark.
Dem Städter wird diese Art von kommunaler Selbsthilfe nur aus dem eng verzahnten soziologischen Gefüge einer kleinen geschlossenen Dorfgemeinschaft verständlich, in der auch heute noch die Nachbarschaftshilfe ungeschriebenes Gesetz ist.
Bei Hochzeiten, Kindtaufen und Beerdigungen ist es noch heute selbstverständlich, daß die Frauen der "Nachbarschaft" - das heißt der umliegenden sechs bis acht Häuser - das Haus des Betroffenen vom Keller bis zum Dachboden putzen und schrubben, die Möbel umräumen, Kuchen backen, Kaffee kochen und auf den entlegenen Dörfern Gäste einladen.
Als der Gastwirt Pöhler in Nordhemmern, in dessen Hinterzimmer die Poststelle etabliert ist, sein Hotel aufbaute, halfen ihm täglich zehn bis zwanzig Nachbarn beim Ausschachten, Sand- und Steinefahren. Dafür half Pöhler beim Trümmerschutträumen, als der benachbarte Hof des Bauern Frederking abgebrannt war.
Dem zugezogenen Städter Heinrich Siebert ist diese Mentalität indessen ziemlich fremd. Für ihn, der sein Brot in der Stadt verdient, scheint es denn auch nicht unmittelbar lebensnotwendig, daß im Bollwerk beispielsweise die Bewässerung der Wiesen geregelt wird oder daß die Felder im Frühjahr gegen den Kartoffelkäfer gespritzt werden.
"Ich fahre mit meinem Sohn jeden Tag bei Wind und Wetter 24 Kilometer über die Landstraße zur Arbeit nach Minden und habe keine Lust, anschließend noch unbezahlte 'Ehrendienste' auf dem Land zu machen." Für ihn ist der Hand- und Spanndienst "eine unschöne Profitwirtschaft, bei welcher der gesunde autofahrende Bauer hinter seinem Kaminfeuer sitzt und sich einen unbelohnten Wegbereiter schafft".
Aber Siebert und seine Familie benutzen ja schließlich auch die Straßen und Wege des Dorfes, gibt Amtsdirektor Hansmann aus Hartum zu bedenken. Pariert Siebert: "Als deutscher Staatsbürger kann ich mich überall bewegen, dafür zahle ich ja Steuern." Im übrigen könne wohl von einer Abnutzung der Straßen nicht die Rede sein, wenn er morgens in die Stadt fahre und abends wieder zurückkomme. "Sollen die bezahlen, die sie mit ihren Traktoren kaputtfahren."
Zwar hätte Siebert wie jeder Hand- und Spanndienstpflichtige die Möglichkeit, sich der praktischen Arbeit durch Zahlung eines entsprechenden Geldbetrages zu entledigen. Aber Kompromisse liegen ihm nicht. Lieber will er in seinem passiven Widerstand gegen den Hand- und Spanndienst seinen "Herbsttag im Walde" ein zweites Mal pfänden lassen.
Auf der Kreisverwaltung in Minden bezweifelt man schon, ob sich die Naturaldienste noch lange halten werden. Von den fünfundsiebzig Gemeinden "bollwerken" höchstens noch fünfundzwanzig - rein ländliche - Dorfgemeinschaften.
Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen will nun das alte preußische Kommunalabgabengesetz vom 14. Juli 1893 in Kürze überarbeiten, "weil die Bestimmungen überholt und veraltet sind und unseren heutigen Verhältnissen nicht mehr entsprechen".
Überholungsbedürftig erscheint die Leistungsberechnung im Spanndienst, da manche Gemeinden mit dem schwer zu definierenden Begriff von "einem viertel Zugtier" operieren. Auch läßt das alte Gesetz Hinweise auf die wesentlichen technischen Neuerungen vermissen, die die Landwirtschaft seit 1900 bereichert haben. Einstweilen helfen sich die Gemeinden, indem sie beispielsweise einen Dreitonner-Lastkraftwagen mit dem Wert von "zwei Zugtieren" messen.
Änderungsbedürftig erscheint auch die Liste derer, die nach den alten Bestimmungen vom Handdienst befreit sind: "Beamte, Lehrer, Polizeibeamte, Geistliche und untere Kirchendiener."

DER SPIEGEL 40/1954
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