06.10.1954

UFA-NEUORDNUNGSammlung über die Aktie

Noch rechtzeitig für die zum 8. Oktober nach Düsseldorf einberufene Konferenz der Vermögensliquidatoren von Ufa, Afifa und Bavaria erreichte einige Sitzungsteilnehmer ein "Warnruf in letzter Stunde".
Verfaßt wurde der zehn Schreibmaschinenseiten lange Appell von dem im Filmgeschäft ergrauten Wirtschaftsprüfer Dr. Willibald Dorow, 57, in Westberlin. Seine so dramatisch überschriebene Mahnung soll der Erneuerung der alten Ufa-Struktur dienen: dem "Vertikalen" im Film.
Gemeint ist damit die rationelle Zusammenfassung von Produktion, Filmvertrieb und Theatern in einer Hand. Dorow will die in Nachkriegsdeutschland eingefahrene Geschäftspraxis wieder umkehren, die eine solche Verflechtung nicht mehr kennt. Das Erbe des von den Alliierten stillgelegten Reichsfilmkonzerns Ufi - der Dachorganisation von Ufa, Bavaria und Afifa - traten die vielen kleinen Produzenten und Verleiher an, die den deutschen Film bis heute nur mit Millionenzuschüssen von Bund und Ländern mehr schlecht als gut am Leben erhalten konnten.
Dorow geht davon aus, daß dieser seit Jahren permanente Mißerfolg nur ein Ergebnis des fehlorganisierten Geldflusses im deutschen Filmgeschäft ist. 600 Millionen Mark werden jährlich in die westdeutschen Kinokassen getragen. An den knapp 50 Prozent, die der Steuerfiskus davon übrigläßt, verdienen aber nur die Theater und ein paar Großverleiher, die sich in den Vertrieb der rund 350 jährlich in der Bundesrepublik laufenden ausländischen
Filme einschalten konnten. Die Produktion deutscher Filme ist auf reichlich 60 Hersteller verzettelt.
Willibald Dorows Ruf nach Neuerweckung der vertikalen Organisation kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Wiedergeburt der Ufa, Afifa und Bavaria unmittelbar bevorsteht. Auf Grund des Bundesgesetzes vom 5. Juni 1953 müssen nämlich die drei Gesellschaften bis zum Sommer 1955 an private Interessenten verkauft werden. Seitdem wird die Filmwirtschaft von der Frage bewegt, wie das geschehen soll.
Auch die Hochkommission der drei Besatzungsmächte in Bonn bewies lebhafte Anteilnahme, besonders am Schicksal des einst international renommierten Markenzeichens Ufa. Vorletzte Woche legte sie bei der Bundesregierung Protest dagegen ein, daß Bundeswirtschaftsminister Erhard den drei Gesellschaften schon jetzt, vor der Privatisierung, die Erlaubnis zur Herstellung von Filmen erteilte.
In Bonn quittierte man den Protest als "rechtlich unhaltbaren, vorgestrigen Querschuß" und ließ auch durchblicken, was man für den Hintergrund des allierten Einspruchs hält: Bei dem US-Hochkommissar seien amerikanische Filmgesellschaften vorstellig geworden.
Über die Hintergründe der Intervention hieß es in der in New York erscheinenden Wochenzeitung "Aufbau" (herausgegeben vom New World Club, dem hauptsächlich ehemals im NS-Staat rassisch Verfolgte angehören) sehr deutlich: "In drei Monaten kann die Produktion der Ufa losgehen. Das ist natürlich eine sehr ernste Konkurrenz Hollywoods auf den Film-Weltmärkten. Die amerikanische Filmindustrie bezieht 40 Prozent ihres Einkommens aus dem Auslande, und Westdeutschland steht mit an der Spitze des Exportmarktes für amerikanische Filme. Die Aufführung amerikanischer Filme in Westdeutschland erbrachte im vergangenen Jahre 15 Millionen Dollar."
Der konservative Verfechter der alten Ufa-Struktur, Willibald Dorow (er diente der Ufa von 1927 bis 1945 als Wirtschaftsprüfer), konzentrierte seinen Warnruf an die Liquidatoren gar nicht so sehr auf den alten Firmennamen. Am meisten interessieren ihn die Theater des beisammengebliebenen Ufa-Kinoparks.
Dorow will sie zur Geldquelle für die zu privatisierenden Produktionsgesellschaften in München (Bavaria) und Berlin-Wiesbaden (Ufa, Afifa) machen. Deshalb schrieb er in seinem Exposé für die Sitzung am 8. Oktober: "Das Stammkapital der Theatergesellschaft (die als GmbH. gedacht ist) müßte je zur Hälfte den beiden Produktionsgesellschaften als Beteiligung übertragen werden. Es braucht dann nur zwischen den beiden Exponenten ein Verleihunternehmen eingeschaltet zu werden, um sowohl in München als auch in Berlin die ideale Lösung, nämlich die Zusammenfassung von Produktion, Verleih und Theater
in einer wirtschaftlichen Einheit herbeizuführen."
Dann komplettiert Dorow seine Konstruktion: Man solle zweckmäßigerweise auch gleich die bestehenden Nachkriegs-Atelierbetriebe in Göttingen und in Hamburg mit auf den Ufatheater-Park aufstocken, als dritte am Kapital beteiligte Produktionsgesellschaft.
Mit dem Zweck dieser Verflechtung hält Dorow nicht hinter dem Berg: "Die Theater sollen zum finanziellen Rückhalt der Produktion werden."
Aber Dr. Willibald Dorow vergaß, mit seinem intimsten Feind, dem Geschäftsführer der Ufatheater-Gesellschaft, Arno Hauke, zu sprechen, bevor er seinen "Warnruf in letzter Stunde" abschickte. Der energiegeladene Hauke erhob sich zur Länge von 1,90 Meter hinter seinem Schreibtisch im Düsseldorfer Ufa-Büro, als er zum erstenmal von Dorows Plänen hörte.
Mit einer bulligen Armbewegung wischte er den Gedanken fort, "meine Theater zur Milchkuh der Produktion zu machen". Hauke geht davon aus, daß die Theater die Kunden von Verleih und Produktion sind und daß allein der Kunde bestimmt, wem und für was er sein Geld hergeben will.
Hauke versteht das Vertikale im Film so: "Klar, daß die Ufa-Theater*) den Produzenten das Leben möglich machen müssen. Bei uns kommt das Geld ein. Wir wollen uns die Produzenten aussuchen. Wir wissen am besten, wer sich aufs Filmen versteht.
"Man gründe drei Aktiengesellschaften, Produktion, Ateliers und Kopieranstalten in Berlin-Wiesbaden und in München, die Theatergesellschaft in Düsseldorf. Wer werden die Aktionäre sein? Einige Banken, ein paar wohlhabende Verleiher und viele kleine Kapitalsparer!"
Hauke glaubt, daß es der rentabel arbeitenden Theatergesellschaft sehr bald gelingen würde, Aktienpakete der weniger einträglichen Produktionsgesellschaften aufzukaufen. Die in der Wirtschaft sehr häufige AG-Verflechtung würde dann auch unter den neuen Filmgesellschaften wirksam werden. Dadurch würde mittlerweile eine Konzentration der Filmwirtschaft in den Bankdepots der Ufa-Theatergesellschaft erreicht, deren Dominanz sich die Produktionsgesellschaften unterordnen sollten. Hauke: "Die vertikale Organisation vollzieht sich dann über den Aktienbesitz."
Daß Haukes Vorschlag, den Filmbesitz der Ufi in drei Aktiengesellschaften zu privatisieren, stärker ziehen wird, dafür spricht die jüngste Entwicklung um den Verkauf der "Bavaria-Filmkunst GmbH." in München-Geiselgasteig. Für dieses erste Zwanzig-Millionen-Objekt des insgesamt etwa hundert Millionen Mark starken Ufi-Komplexes soll eine Käufergruppe aus Banken und Verleihern demnächst die Offerte abgeben. Wird die Bavaria getrennt als Aktiengesellschaft reprivatisiert, dann ist Dorows Gesamtkonstruktion hinfällig.
Zu den potentiellen Interessenten gehört eine Bankgruppe um das Vorstandsmitglied der Süddeutschen Bank Hermann Josef Abs. Von ihm sagte Bundeskanzler Konrad Adenauer, als er auf dem Kölner CDU-Parteitag gefragt wurde, warum er Abs seit einiger Zeit so sichtbar in seine Nähe hole: "Ich brauche doch auch einen katholischen Pferdmenges."
Dieser Bewertung des nun filminteressierten Bankiers durch den Bundeskanzler mag neben den Plänen von Dorow und Hauke bei der Organisation der Filmwirtschaft auch einige Bedeutung zukommen.

EIN WANDBILD VON ZWÖLFJÄHRIGEN
brachte den Schulleiter Köbele der Münchener Randgemeinden-Schule Stockdorf und seinen Zeichenlehrer Brunner in eine kritische Situation. Die beiden Lehrer gehen seit langem eigenwillige pädagogische Wege. So wird zum Beispiel das Einmaleins gesungen, weil Pestalozzi-Freund Brunner "das Menschliche im Menschen durch das Göttliche" entfalten möchte. Es lag nahe, daß die Stockdorfer Erzieher, als die Gemeinderäte ihnen nicht nur ein neues Schulhaus (oben), sondern auch dessen moderne architektonische Gestaltung bewilligt hatten, ihre Schüler an der Ausgestaltung der neuen Räume selbst arbeiten lassen wollten. Der Zeichenunterricht der Stockdorfer Hosenmätze zeitigte überraschende Ergebnisse. So kamen die Kinder bei den Entwürfen für die Vorhangstoffe auf neuartige, inzwischen ausgeführte Einfälle. Die Gemeinde stimmte diesem modernen Treiben großzügig zu, bis das in
Form und Farbe modernistische, eine Fisch-Gruppe zeigende Wandbild in der Eingangshalle des neuen Gebäudes unter den Händen von 12jährigen entstand. Dieses Bild soll immer wieder durch neue Schülerarbeiten ersetzt werden. Da war es einigen braven Bürgern, denen die Mal-Experimente ihrer schulpflichtigen Söhne und Töchter ohnehin mehr und mehr verdächtig wurden, endgültig zuviel. Die Besorgten befürchten, daß die Kinder mit diesen Versuchen von ihren Lehrern "zu ausgewachsenen Schwabingern mißbraucht" werden. Sie fühlen sich durch die "üblen Farbkonglomerate eines überspannten Jugendlichen" attackiert, und Schulpflegschaftsvorsitzender Krabinger wittert allen Ernstes die Gefahr, daß bei solchen Erziehungsmethoden die Schulentlassenen ohne das notwendige Rüstzeug für den Beruf eines Handwerkers oder Gewerbetreibenden ins Leben treten müssen.
*) Die Theatergesellschaft betreibt rund 60 Ufa-Kinos. Mit den Überschüssen der unzerstört gebliebenen Filmtheater wurde der Bau neuer Ufa-Paläste finanziert.

DER SPIEGEL 41/1954
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