20.10.1954

JOSCHIDA-BESUCHWeihnachtsmann der Welt

Das Frackhemd des Kanzlers lag schon bereit, der Kaviar stand in der "Redoute" schon auf Eis, als die japanische Botschaft am Donnerstag vergangener Woche zwei Stunden vor Beginn eines Diners zu Ehren des japanischen Premierministers Schigeru Joschida die geladenen Gäste wissen ließ, das Essen in dem internationalen Diplomatenklub in Bad Godesberg falle aus. Seine Exzellenz, der japanische Ministerpräsident, sei an einer leichten Grippe erkrankt.
Den diplomatischen Gepflogenheiten der Alten Welt hätte es bei einer so kurzfristigen Erkrankung des Ehrengastes entsprochen, das elegante Diner nicht in letzter Minute abzusagen, aber der Respekt vor dem ehrwürdigen alten Herrn auf dem Krankenbett verbot dem japanischen Botschafter
einen frivolen Schmaus ohne ihn. Ein paar Mitglieder der japanischen Botschaft mußten sogar in der "Redoute" im Frack auf Wache ziehen, um Gäste, die von der Absage nicht mehr erreicht worden waren, hinauszukomplimentieren.
So lernte das Diplomatische Korps der kleinen Residenz am Rhein ostasiatische Zucht und Ordnung kennen. Die Bonner Dolmetscher hatten sie schon in den voraufgegangenen zwei Tagen zu spüren bekommen. Im Gegensatz zu internationalem Brauch wagte es der japanische Übersetzer nie, sich bei einer Unterhaltung zwischen dem japanischen Premier und dem Bundespräsidenten*) oder dem Kanzler einen halben Schritt hinter die beiden zu setzen. Er stand die ganze Zeit hindurch; in der Hüfte höflich eingeknickt.
Seit die Maschine mit dem Gast aus Nippon auf dem Düsseldorfer Flugplatz aufgesetzt hatte, war ein Mißgeschick dem anderen gefolgt.
Als Begrüßungsartikel strichen die japanischen Pressereferenten und das Bonner Protokoll an jenem Dienstagmorgen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Aufsatz der Ostasien-Expertin Lily Abegg rot an. Sie hatte festgestellt, daß der japanische Premier, der "tagtäglich von allen Seiten zum Rücktritt aufgefordert wird ..., die öffentliche Meinung seines Landes nicht hinter sich" hat.
Lily Abegg: "Er regiert mehr oder weniger autoritär, indem er die japanische Demokratie geschickt manipuliert. Er kümmert sich möglichst wenig um den Reichstag, setzt sich über amtliche Bestimmungen hinweg und zwingt seiner Gefolgschaft, die den irreführenden Namen ''Liberale Partei'' führt (denn sie ist eine konservative), ungeniert seinen Willen auf. Abgeordnete hat er schon ''bakajaro'' (Schafskopf oder Idiot) genannt, und Journalisten, die ihn vor der Abreise über die innenpolitische Krise in Japan befragen wollten, rief er zu: ''Das interessiert mich nicht!''"
Das waren nun Vorwürfe, die auf Konrad Adenauer keinen schlechten Eindruck machen konnten. Dennoch bemühte sich das regierungsamtliche "Bulletin" am nächsten Tag, die Abeggschen Impressionen abzuschwächen. In einem emphatischen Artikel "Deutschland und Japan" sprach es von den "tieferliegenden geistigen Bindungen, die beiden Völkern gemeinsam sind", und von den "alten Banden der deutsch-japanischen Freundschaft". Das Wort "Achse" vermied der Kommentator taktvoll.
Zu guter Letzt deutete der Artikel im "Bulletin" aber auch den eigentlichen Zweck des japanischen Besuches an: "Zweifellos hat die wirtschaftlich schwierige Lage seines Landes die Weltreise von Ministerpräsident Joschida stark mitveranlaßt. Er kann sicher sein, in der Bundesrepublik für ein lebenswichtiges Anliegen seines Volkes Verständnis zu finden."
Ob dieses Verständnis auch bei der Rhein-Ruhr-Industrie zu finden sein wird, ließen Äußerungen von Bankier Robert Pferdmenges im Bundeshaus zweifelhaft erscheinen, und sogar AA-Beamte seufzten unter Anspielung auf den Türken-Besuch in der Woche davor und die bevorstehende Visite des Negus von Abessinien, daß die Bundesrepublik offenbar noch immer als "Weihnachtsmann der ganzen Welt" angesehen werde.
Tatsächlich hielt sich Japans Premierminister nicht nur in Bonn, sondern auch in
Düsseldorf auf, wo er von Ministerpräsident Arnold, dem Chef des reichsten deutschen Landes, unter die Fittiche genommen wurde. In einem Telephongespräch, in dem Arnold den Kanzler im Palais Schaumburg über die getroffenen Bewirtungs-Vorbereitungen in Düsseldorf unterrichtete, alberte Konrad Adenauer vergnügt: "Verjessen Se die Stäbchen nicht, Herr Arnold."
Das Bemühen der Japaner, zu erfahren, wer wohl als erster deutscher Botschafter am Hofe des Tenno akkreditiert werden würde, blieb vergeblich. Sie erhielten zwar die Zusicherung, daß die Entsendung eines Botschafters nach Tokio mit Vorrang betrieben werden solle, aber Namen wurden nicht genannt.
Denn der deutsche Botschafter in der Türkei, Wilhelm Haas, hatte anläßlich des Besuches des türkischen Ministerpräsidenten in Bonn endgültig abgelehnt, sich von Ankara nach Tokio versetzen zu lassen, was ursprünglich vorgesehen war, und der deutsche Gesandte in Irland, Geheimrat Hermann Katzenberger, hat auf ein entsprechendes Angebot überhaupt noch nicht reagiert*).
Besondere Mühe hat der japanische Besuch dem Kanzler bereitet. Einen Tag bevor Joschida eintraf, stürzte Konrad Adenauer in seinem 54 Treppenstufen hoch gelegenen Rhöndorfer Rosengarten so unglücklich, daß er sich einen Bluterguß im rechten Knie zuzog, der ihn zwingt, am Stock zu gehen. Alle Bonner Kombinationen über die Ursache des Sturzes schnitt er selbst bissig ab. Von dem gesamtdeutschen Minister Jakob Kaiser darauf angesprochen, antwortete Konrad Adenauer anzüglich: "Ich darf doch wohl auch einmal umfallen, Herr Kaiser." Und setzte dann nach einer Kunstpause hinzu: "Im Garten."
Dennoch ärgerte den Kanzler sein Krückstock so, daß er ihn trotz ärztlichen Verbots schon am Mittwoch in seinem Mercedes 300 liegen ließ, als er seinen japanischen Kollegen im Palais des Bundespräsidenten, der Villa Hammerschmidt, begrüßte. Mit schmerzendem Knie und schlummernder Grippe stellten sich die beiden Staatsmänner lächelnd und scheinbar taufrisch den Kameras, der eine lang und ledern, der andere klein und faltig, zusammen über 150 Jahre alt.
*) Der Bundespräsident zeigte seinem japanischen Gast eine in seinem Besitz befindliche japanische Übersetzung des Buches seines Schwiegervaters Professor Knapp: "Staatliche Theorie des Geldes."

DER SPIEGEL 43/1954
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