10.11.1954

ARBEITERROMANEndstation Fleischwolf

Adam, Adam, wo bist du?" ruft das Arbeiterrudel zu Beginn des neuen Romans von Karl Bednarik "Omega Fleischwolf"*) nach seinem verschwundenen Kumpel Adamek. Erst 231 Seiten weiter antwortet Adam: "Hier bin ich", aber da gilt seine Antwort nicht mehr den ehemaligen Arbeitsgenossen und Saufkameraden. Da liegt er, von ihnen blutig geschlagen, in der Gosse, träumt alles wirr durcheinander, was ihm seit Anfang der Geschichte geschehen ist, und schreckt aus dem Traum mit den Worten: "Ich ergebe mich."
Dieses Erwachen des jungen Arbeiters Adamek aus dem Traum ist zugleich das Ende jener Welt der Kino-Illusionen und hoffnungslosen Leere, in der er bis dahin gelebt hat und aus deren ödem Gleichmaß er nur durch einen Unfall geworfen wurde.
Der neunzehnjährige Kranführer Adamek ist zunächst ein soziologisches Demonstrationsobjekt. Der Verfasser sagt im Nachwort, die Handlung seines Romans sei "unfrei erfunden". Er meint damit, daß er ein bestimmtes soziologisches Modell, nämlich die Arbeiterwelt einer modernen österreichischen Fabrik, in Romanform aufbauen wollte.
Die theoretische Skizze zu seinem Arbeiterroman lieferte der österreichische
Maler, Journalist, Schriftsteller, ehemalige Sozialist und Arbeiter Karl Bednarik schon vor über einem Jahr mit seinem Buch "Der junge Arbeiter von heute - ein neuer Typ"*) (SPIEGEL 31/1953). Der Ausdruck "neu" hatte dabei wenig von Zukunftsfreude an sich. Er besagte bei näherem Hinsehen nur, daß der von sozialen Kampfzielen und Klassenbewußtsein erfüllte Typ des Jungsozialisten der Jahre vor 1914 und zwischen den beiden Weltkriegen heute durch den "Schlurf" (Wiener Ausdruck für Swing-boy, Zazou, Stenz) ersetzt worden ist.
Der Schlurf hat nur Interesse etwa für Motoren, Kino, schicke Schals und Schwoof. Den Achtstundentag, die Altersversicherung, den Kündigungsschutz, alles, was die Vätergeneration einst unter Opfern erkämpft hat, nimmt er naturgemäß als selbstverständlich hin. Der Sozialismus ist ihm "eine Versicherungsgesellschaft für den Lebensstandard".
Das Vorteilstreben des jungen Arbeiters ist, nach Bednarik, rein instinktiv. Die Gesellschaft um ihn, ihre Verwaltung, ihre Gesetze und ihren wissenschaftlichen Fortschritt versteht er längst nicht mehr. Sie ist ihm unheimlich und fremd, ein Dschungel, aus dem er sich in die Traumwelt der Leinwand und in Kinophantasien rettet. Aber instinktsicher wie das Dschungeltier kennt der Schlurf die Schleichwege durch Gesetz und Gesellschaft, die ihm größtmöglichen Lebensstandard bei geringster Arbeitsleistung garantieren.
Diese Verhaltensweisen stellt Bednarik nun in "Omega Fleischwolf" plastisch dar. Im Roman steht Kranführer "Adam" für den jungen Arbeiter überhaupt. Satz um Satz einer Arbeiterstudie demonstriert Bednarik mit dem Zeigestock an Adam. Der ist arbeitsscheu und hört nicht mehr auf den alten Bechtold, den übriggebliebenen Vertreter des alten marxistischen Kampftyps. Alles, was ihn nicht ganz persönlich trifft, ist Adam egal. Er trägt, wie er glaubt, schöne Hemden. Er ist wildwestfilmsüchtig und spielt seinen Helden Glenn, eine Art Gary Cooper, heimlich dauernd nach.
Adam kennt nur eine einzige Form der Gemeinschaft: das Kumpanen-Rudel. Es zieht am Zahltage ziellos, rüpelhaft und rempelnd durch die Straßen, landet in verschiedenen Kneipen, betrinkt sich kollektiv. Aber die einzige große Unternehmung des Rudels ist, während der Arbeitszeit
über die Dächer der "Omega Fleischwolf"-Fabrik in halsbrecherischer Kletterei Schnaps zu besorgen.
Diese Fabrik ist nicht einfach irgendein Werk in privater Hand, sondern gehört zum Kollektiv Omega. Bednarik nennt das Modell für sein Kollektiv zwar nicht, es ist aber leicht auszumachen als die Usia-Organisation, eine Art HO des sowjetisch besetzten Österreich, die über Läden und Produktionsbetriebe verfügt.
"Omega Fleischwolf" erzeugt außer Fleischwölfen auch Staubsauger, Espressomaschinen, Turbinen und Kühlschränke. Herrscher im Werkgelände ist die BO, die Betriebsorganisation, eine "Arbeiterselbstverwaltung". Der "Direktor" erscheint nur einmal ganz kurz im Bild, als ein Arbeiter sich auf dem Weg zur BO verläuft und die falsche Tür öffnet. Da sitzt der Direktor hinter seinem Schreibtisch, hat einen Schuh ausgezogen und stopft seinen Strumpf. Der Arbeiter schließt lachend die Tür, und der Direktor erscheint nie mehr im Roman.
Die wirklichen Regenten des Betriebs sind ausnahmslos faule Funktionäre. Der alte Marxist Bechtold sagt von ihnen: "Sie sind die Ärgsten! Sie haben die Freiheit verraten! Sie haben unsere Sicherheit und unser Brot gegen ihre Macht eingetauscht." Deshalb läßt Bechtold eines Nachts die roten Fahnen von den Dächern herunterholen, denn sie gehören, wie er allerdings erst etwas später begreift, "ins Museum".
Zwischen den Funktionären, die an der kleinen Macht schmarotzen, und den jungen Arbeitern, die nichts mehr interessiert als Kofferradio, Motorrad, Kino und Verringerung der Arbeit, steht im Roman außer dem alten Bechtold auch der Angestellte Halbwachs. Beide haben kaum Kontakt mit den Jungen und werden von den Funktionären entweder respektvoll gefürchtet und abgedrängt oder belächelt.
Stehkragenprolet Halbwachs geht im Maschinensaal mit den ewigen Werten der Kultur hausieren. Niemand hört ihm im Lärm der Kräne und Schweißapparate zu. Den Bechtold aber glotzen die Jungen wie einen merkwürdigen Saurier an. Adam beobachtet ihn auf seinem Arbeitsplatz:
"In das herausdringende, schneidende, wirbelsturmartige Pfeifen und Brausen des Gebläses mischte sich ein Stöhnen und Heulen, das an Gesang erinnerte. Adam lauschte und spähte durchs Guckloch. Der scharfe, mit drei Atmosphären Druck aus der Düse gejagte Strahlsand raste fressend durch die Kabine und versprühte, in scharfen Winkeln auseinanderstrahlend, nach allen Seiten - fressend noch an den stählernen Wänden und an dem stählernen Fußboden, auf den er niederfiel ... In den umhergeschleuderten Staubwolken zuckten kleine heftige Blitze; der Mann stand dazwischen wie ein Riese im Inneren eines Gewitters. - Und er sang, er sang wirklich."
Kopfschüttelnd hören Adam und sein Kumpel Max den Gesang: "Ist er verrückt?" Max: "... genau versteh'' ich''s nicht, ich kenn'' das Lied nicht, so irgendwie: ''... flieg, du flammende, du rote Fahne, voran dem Wege, den wir ziehn''."
In solche Bilder bringt der Romancier Bednarik alles hinein, was der Soziologe abstrakt vorgerechnet hat. Trotz der zugkräftigen Handlung ist das Buch voll von Symbolbezügen dieser Art.
Der Angestellte Halbwachs verkörpert bei Bednarik die Bildungswelt. In einer großen Szene tritt er dem alten Bechtold gegenüber mit seiner These, daß die Arbeiter an ganz etwas anderem litten als an ihrer Not. Ihre Führer wüßten aber genau, daß die Leere der richtige Raum fürs Regieren sei, denn die Arbeiter, "diese entlassenen Sklaven", würden nie Kultur haben:
"Er machte eine hilflose Gebärde gegen eine Maschine, wies auf ein sich drehendes Schwungrad und dann nach oben ... Er mußte über die Geste lachen und dachte, daß der Lärm den menschlichen Ausdruck auf die Pantomime reduzierte. Nochmals schrie er: ''Kultur! Verstehen sie nicht - Kul ...'', dann überwältigte ihn seine Hilflosigkeit, und er sagte, das erstemal in seinem Leben, soweit er sich erinnern konnte: ''Scheiße!'' Bechtold grinste hämisch."
Trotz Bechtolds Grinsen sind beide am Ende. Die ewigen Werte der Kultur ziehen so wenig wie der Aufbruch mit der flammendroten Fahne. Was nun? Bednarik gibt verschiedene Antworten, alle gleich ungenügend. Halbwachs gaukelt sich weiter seine schwächlichen Illusionen vor. Bechtold resigniert zum einfachen Leben.
Adam schießt sich eine Kugel in den Kopf, nachdem er aufgewacht ist aus seiner Kinowelt. Die Illusionen sind futsch, und sie waren alles, was er hatte.
Der äußere Weg zum Selbstmord des selbstsüchtigen und mit Scheinwerten lebenden jungen Arbeiters Adam beginnt mit einem Unglück. Eine Ladung Eisenstangen stürzt von Adams Kran auf einen
Arbeiter herab. Adam wird der Sabotage verdächtigt und flüchtet. Wie ein Dschungeltier verkriecht er sich, nur an die Tränke muß er dann und wann, und sie heißt "City Palast". Dort lädt Adam sich mit den Wunschbildern seines Traumfilmhelden Glenn neu auf.
Vor dem Kino gerät der flüchtige Adam in eine demonstrative Schlägerei, die bei der Premiere des Rommel-Films entsteht. Er findet sich zwischen seinen alten Kumpels wieder, genießt für ein paar Stunden noch einmal die Herdenwärme des Rudels, wird nach einer Sauferei durchgeprügelt und endgültig ausgestoßen. Seine Rückkehr ins Bewußtsein ist zugleich Erwachen aus seinem Traum. "Hier ist Adam", ruft er und ergibt sich. Wem, das läßt Bednarik offen, nur die Konsequenz aus der Kapitulation Adams ist klar: Selbstmord.
Bednariks Adam soll nicht nur für den jungen Arbeiter von heute stehen, schon der Name "Adam" weist über diesen Typ weit hinaus. Auch der Titel des Romans scheint verschlüsselt, er faßt Bednariks Aussage in ein Signal. Omega ist der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Adams Fall heißt bei Bednarik "Endstation Fleischwolf".
*) Karl Bednarik: "Omega Fleischwolf", Verlag Kremeyr & Scheriau, Wien, 1954; 316 Seiten; 7,50 Mark.
*) Karl Bednarik: "Der junge Arbeiter von heute - ein neuer Typ"; Gustav Kilpper Verlag, Stuttgart; 159 Seiten; 4,50 Mark.

DER SPIEGEL 46/1954
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